Heft 4/2019 - Digital Unconscious


Mimetische Nervensysteme – aus Sicht des Anthropologen Michael Taussig


Michael Taussig, Anthropologe und Kulturwissenschaftler, befasst sich seit Langem mit den Grenzen und affektiven Verbindungen zwischen Körpern und Objekten. Eine wichtige Figur dabei ist, wie schon für Walter Benjamin, Enrico Rastelli (1896–1931), der berühmteste Jongleur seiner Zeit, der mit den Bällen umgehen konnte, als hätten sie ein Eigenleben. Die folgenden Passagen stammen aus einem Gespräch, das El Iblis Shah anlässlich von Taussigs Lecture „Rastelli, The Juggler, or What Are the Turks Doing in Walter Benjamin’s Theses on History and the Bodily Unconscious“1 mit dem Anthropologen führte.

Lebendige Objekte und belebte Dinge
Mich interessiert generell, auf welche Weise sich Veränderungen wie der Klimawandel auf das körperliche Unbewusste, besonders beim Menschen, aber auch in der sonstigen Natur auswirken. Solche Veränderungen erzeugen bzw. verstärken die hypertrophen Verbindungen zwischen unseren Körpern. Man kann unseren Leib „Ding“, aber auch „Körper“ nennen. Körper klingt „organischer“ und belebter – lebhafter, wenn man möchte. Diese Art der Belebung oder Beseelung ist ein entscheidender Aspekt, um die Veränderungen zu verstehen, die uns letztlich alle betreffen werden und die sich, wie die Erderwärmung, auf die unbewusste Intelligenz des Körpers auswirken, der ja von unzähligen Umweltveränderungen beeinflusst wird.
Wenn Rastelli mit seinem Ball jonglierte, dann wurde, wie Walter Benjamin beschrieben hat, dessen „Beseelung“ durch einen Trick bewirkt.2 Genau dieser Aspekt der Beseelung oder Belebung von Gegenständen interessiert mich. Es geht dabei um den Trick, einem ohnehin glauben wollenden Publikum, das man auch als Wählerschaft oder als kleine bzw. große Social-Media-Blase verstehen kann, etwas vorzumachen. Dieser Kniff bildet nicht nur den Kern der Beseelung, sondern auch der neuen gegenstandsorientierten Philosophie. Jedoch geht es nicht um das Objekt an sich. Während die objektorientierte Philosophie Menschen und Objekte entmenschlichen will, möchte ich instinktiv das Gegenteil. Ich will das Objekt vermenschlichen oder beleben – wie in den Märchen, in denen Gegenstände so wundersam lebendig werden. Diese Beseelung zu verstehen, erscheint mir äußerst wichtig, und zwar philosophisch wie politisch.

Logik des Glaubens und der Skepsis
Es scheint mir logisch, dass jeder Glaube Skepsis voraussetzt. Und was für die Logik gilt, muss wohl erst recht für die empirische Realität gelten. Wenn man Menschen zuhört, die inständig an einen Heiligen oder einen Schamanen oder etwas Übersinnliches glauben, dann erkennt man in ihrer Rede stets ein Pendeln zwischen Glauben und Unglauben. Immer wieder führt sie ihr Unglaube zum Glauben. So erkannte der Oxforder Anthropologe Edward E. Evans-Pritchard bereits 1937 ganz genau, dass Glaube und Skepsis Hand in Hand mit der Magie gehen.
Versucht man, das Reich des Glaubens zu verstehen, wozu ja nicht nur jede Ideologie gehört, sondern beispielsweise auch Foucaults „Diskurse“, „Gegendiskurse“ und so weiter, und betrachtet das Ganze zu eindimensional, dann übersieht man leicht diese Dynamik zwischen Glauben und Skepsis, die stets zusammengehören. Man verliert und verzichtet dann auf etwas, man gibt etwas auf, verliert seine Fähigkeit zum Angriff, zum Gegenangriff. Nur wenn man diese Dynamik anerkennt – etwa auch bei Trump und seinen AnhängerInnen –, erlangt man die Chance, mit seiner Gegenrede tatsächlich auch einen „Treffer“ zu landen. Ich denke, dass Trump – ob er nun schlau oder doof ist, will ich gar nicht beurteilen – diese Tatsache mehr oder weniger unbewusst erkennt und für sich zu nutzen versteht. Es handelt sich hier im Übrigen um ein gutes Beispiel für die „Beherrschung des Nicht-Beherrschens“ (mastery of non-mastery): Man nützt eine Gegenkraft, die von der Kraft verstärkt wird, gegen die sie sich wendet …

Mimetische Fähigkeit und metamorphe Sublimierung
Die Fähigkeit zur Mimesis oder Verstellung funktioniert im Prinzip wie eine Gabe, weswegen dazu mindestens zwei Parteien, die miteinander in Beziehung stehen, notwendig sind – ein Mensch und ein Tier, ein Mensch und ein Berg, ein Mensch und eine Zeichnung, ein Mensch und eine Idee. So könnte man die Theorie von Marcel Mauss über die Gabe auf die Fähigkeit zur Mimesis anwenden. Allerdings kenne ich niemanden, der das gemacht hat, auch Walter Benjamin hat die Gabe in seinen berühmten drei Seiten über die Fähigkeit zur Mimesis nicht erwähnt. Würde man es aber tun, dann würde man erkennen, dass die Beziehung der Gabe nichts Warenförmiges an sich hat. Man sollte begreifen, dass die Welt, wenn überhaupt, nur durch gegenseitige Zuneigung und Verständnis gerettet werden kann – für mich ist das ein sehr wichtiger Aspekt der Fähigkeit zur Mimesis, wodurch sie auch eine große, wenn nicht allumfassende Relevanz für politische Strategie und Taktik erlangt. Die Fähigkeit zur Mimesis meint nicht einfach das Kind, das sich beim Spielen vorstellt, eine Windmühle zu sein, sondern sie bedeutet, zwischen dem Aspekt der Windmühle und des Kinds hin und her wechseln zu können.
Diese Definition der Mimesis gilt, so meine ich, für den technischen Fortschritt und Wandel ebenso wie für die sozialen Medien, oder in der Politik für das, was ich den weltweiten Trend zum Trumpismus genannt habe, einschließlich der Politik der Familie, der Fabrik, des Nationalstaats und selbst der modernen Welt. Sie alle beruhen auf bzw. führen zur Mimesis. Und diese Mimesis ist so gigantisch und von so einer schrecklich fantastischen Kraft, dass sie etwas zur Folge hat, das ich metamorphe Sublimierung nenne. Diese metamorphe Sublimierung ist gefährlich und positiv zugleich, denn auch sie enthält, so nehme ich jedenfalls an, ein Element der Zuneigung und der Achtung, nämlich der Achtung vor der verpflichtenden Gegengabe.
Es gibt meiner Ansicht nach einen Ausweg aus der metamorphen Sublimierung, aus der mimetischen Berechnung, wie sie die Beherrschung der Natur nötig macht. Die Fähigkeit zur Mimesis kommt nämlich nicht von irgendwoher, sondern ich glaube, dass die Beherrschung der Natur seit jeher ihre eigene Art von Mimesis beinhaltet. Letztere könnte man, um es typisch binär auszudrücken, instrumentelle Mimesis nennen – Mimesis also, die der Herrschaft und dem Profitstreben dient. Ich berufe mich somit nicht auf die Mimesis als Gegenmittel zur Beherrschung der Natur, sondern auf die Mimesis, die in der Beherrschung der Natur selbst enthalten ist. Und genau hier kommt der Begriff des Zauberers ins Spiel.

Diskurs und Resonanz von Ideen
Ausgehend von Rastelli möchte ich die Bedeutung des Tricks für den sogenannten Schamanismus oder die Zauberei betonen – wobei „zaubern“ als Metapher zu verstehen ist, „Zauberer“ hingegen als jemand, der einer realen Praxis nachgeht. Für einen Schreiber wie mich ist das Schreiben ein Bereich, in dem ich Worte und Ideen nicht nur verwende, sondern mit ihnen wie ein Zauberer spiele. Manche nennen das einfach Kommunikation.
Dies hängt auch damit zusammen, wie man den politischen Diskurs versteht, das, was einst Ideologie hieß. Die meisten, die ich kenne, meinen, dass man politische Ideen auf ein paar Grundaussagen reduzieren kann. Ich halte das für unrichtig. Es geht immer um Atmosphäre, um Stimmung, den Ton, die Resonanzen, mit denen man diese Grundaussagen vertritt. Und das ist eine Kunst. Gute PolitikerInnen wissen das, Werbeleute wissen das, KünstlerInnen ebenfalls. Was ist denn Kunst? Kunst ist die Sensibilität für den Ton der Dinge in der Welt. Nur so lassen sich die Menschen zu anderen Abenteuern in ihrem Kopf hinreißen.

Signifikanten und Kartierung des Gebiets
„Die Karte ist das Gebiet.“ Das gilt meiner Meinung nach vorbehaltlos. Junge Lehrende der Sozial- und Sprachwissenschaften brüsten sich gegenüber den Studierenden häufig damit, dass jedes Zeichen willkürlich sei. Bei Ferdinand de Saussure, ja schon bei Platon heißt es, dass zwischen Wort und Bedeutung ein Abstand klafft. Schließlich ist das Wort „Katze“ keine Katze, und das Wort „Katze“ ist auch etwas anderes als „Ratte“ oder „Matte“ etc. Wie dem auch sei, ich finde trotzdem, dass die Art und Weise, wie die Menschen die Welt um sich verstehen und Sprache verwenden, diesen Abstand infrage stellen, und betone dies in meinem Schreiben. Näher an der Intuition der meisten ist, dass es eine konkrete organische Verbindung zwischen Sprache und Bedeutung gibt.
Mein letztes Buch Palma Africana widmet sich ausführlich der Idee, dass die Sprache nicht bloß das Bedeutete meint oder evoziert, sondern mit dem, was sie meint, nachgerade verschmilzt.3 Deswegen geht es in diesem Buch so oft um Tiere, denn durch die „Animalisierung“ werden, könnte man sagen, Worte zu Tieren und umgekehrt. Der Text wird zu dem, wovon er handelt. Ich behaupte, dass wir wirklich auf diese Art lesen und hören. Und ich behaupte weiter, dass mich diese Intuition beim Schreiben niemals verlässt – sie gehört zu meinem Unbewussten, ist aber selbst nicht völlig unbewusst. Jedenfalls ist es das, was Ideen und die Äußerungen von Menschen, aber auch ihre Reaktionen spannend macht. Ich sehe, wie merkwürdig manche reagieren, wenn man sie über die Beliebigkeit der Zeichen belehrt – also dass die Karte nicht das Gebiet ist usw. Meistens nicken sie dann zustimmend und sagen: „Klar, das kapier ich. Warum hab ich das nicht schon früher bemerkt?“ Doch nur eine Millisekunde später – Peng! – ist die Karte wieder das Gebiet.

 

Übersetzt von Thomas Raab

 

1 Der Vortrag fand am 29. Mai 2019 im Rahmen der Veranstaltung Nervous Digital Systems im Volkstheater Wien statt; https://world-information.net/video-nervous-digital-systems-29-05-2019-2/.
2 Vgl. Walter Benjamin, Rastelli erzählt …, in: Neue Zürcher Zeitung, 6. November 1935.
3 University of Chicago Press 2018.