Issue 1/2026


Data Materialities

Editorial


Die heutige Kunstpraxis steht an einer entscheidenden Schwelle: Daten, Algorithmen und Künstliche Intelligenz werden immer mehr zu Werkstoffen einer neuen Ära, in der auch das Verhältnis von Kunst, Technik und Gesellschaft grundlegend neu verhandelt wird. Eine damit zusammenhängende Frage lautet, wie Kunst sich inmitten datengetriebener Prozesse generell behaupten kann, oder noch trivialer gefragt, was konkret mit „Daten“ in diesem Kontext gemeint ist. Die Antwort darauf führt unweigerlich in ein Labyrinth aus Materialität, Macht und Aspekten der Formgebung. Dabei trägt das lateinische datum – das Gegebene, das, was unkritisch als Ausgangspunkt einer Argumentation oder von künstlerischer Produktion angenommen wird – seine eigene Kritik bereits in sich. Denn nichts ist einfach gegeben. Daten werden gemacht, extrahiert, kuratiert, klassifiziert und gepflegt. Und sie tragen Geschichten in sich: von Einschluss und Ausschluss, von Ausbeutung und Kontrolle, von industriellen Infrastrukturen, die längst unsichtbar geworden sind. Mit diesem Heft unternehmen wir den Versuch, Daten als das zu begreifen, was sie sind: als Material – physisch, greifbar, formbar und in einem elementaren Sinn politisch.
Die Ausgabe entstand in Kooperation mit dem Weibel Institut für digitale Kulturen der Universität für angewandte Kunst Wien und nimmt Bezug auf das Symposium Crafting Data: Material Practices in Art and AI (Januar 2026, begleitet von einer Workshopreihe). Nicht zufällig stand dabei der Begriff des Handwerks – craft – im Mittelpunkt. Verweist er doch auf eine Praxis, die nicht mit fertigem Material operiert, sondern sich in kontinuierlicher, gestalterischer Auseinandersetzung mit ihm befindet. Tim Ingolds Überlegungen zum Machen, die im Beitrag von Daphne Dragona aufgegriffen werden, beschreiben Handwerker*innen oder allgemeiner: kreative Schöpfer*innen als „Teil einer Welt aktiver Materialien“ – jemand, der mit diesen kooperiert, sie zusammenführt, synthetisiert, ja destilliert. Wenn diese Materialien nun primär Daten sind, ja mehr noch: wenn das Werkzeug zu ihrer Bearbeitung in erster Linie neuronale Netze oder Machine-Learning-Algorithmen sind, wie verändert sich dann die Idee des „Crafting“? Und welche Rückschlüsse lässt dies auf den Stellenwert künstlerischer Kreativität zu?
Clemens Apprich nähert sich der Frage über eine Figur, die älter ist als das Silicon Valley und doch verblüffend aktuell wirkt: den Golem. Apprich skizziert, wie diese mythologische Figur – ein Lehmriese, der zum Leben erweckt wird – die Geschichte der Künstlichen Intelligenz von Anfang an geprägt hat. Der Golem ist keine Metapher für KI, sondern gewissermaßen ihr heimlicher Begleiter: ein Wesen, das durch Code lebt und durch Code stirbt, das schützen soll und zugleich zerstören kann. Diese Zweideutigkeit, die in dem Mythos angelegt ist, verdient heute besondere Beachtung – in einem Moment, in dem die Sprache der Tech-Unternehmen zunehmend von Unfehlbarkeit und Allmacht durchdrungen ist.
Paul Feigelfeld verfolgt eine weniger bekannte Genealogie, nämlich den Ansatz des „Optimal Brain Damage“, eines von Yann LeCun 1989 entwickelten algorithmischen Konzepts, wonach sich neuronale Netze durch gezielte Zerstörung optimieren lassen. Lernen nicht durch Hinzufügen, sondern durch Amputation. Feigelfeld legt offen, wie tief diese „ökonomische Epistemologie“ in die Struktur von KI-Systemen eingeschrieben ist, und verfolgt ihre Logik bis in die Gegenwart.
Robin Holts Essay nimmt für seine Überlegungen das Sanatorium Purkersdorf am Wiener Stadtrand zum Ausgangspunkt – entworfen 1904 von Josef Hoffmann als totalisierendes Gesamtkunstwerk der Genesung, vom Gebäudesubstrat bis hin zum Essbesteck. Holt liest dieses Projekt als Datenarchitektur avant la lettre: als Versuch, innen und außen zur Deckung zu bringen, psychisches Wohlergehen mittels einer durchdesignten Umwelt zu befördern. Von hier aus entwickelt er drei Arten, den Begriff der Daten über die Handwerkskunst zu verstehen – und zeigt, inwiefern das Verhältnis von Form und Material, von Diagnose und Gestaltung, niemals neutral sein kann.
Victoria Ivanova schließlich fragt nach der Haltung, die Kunst und Kritik angesichts der Verbreitung generativer KI einnehmen sollten. Ihre These ist ebenso einfach wie irritierend: Anstatt der Frage nachzugehen, ob Kunst durch KI ersetzt werden kann, sollten verkürzte Vorstellungen von Kunst selbst hinterfragt werden. Gemeint ist jener objektbasierte Essentialismus, der sich über Jahrhunderte sedimentiert hat und künstlerisches Schaffen vielfach auf einen abstrahierten Output reduziert. Was an Kunst nicht automatisierbar ist, so Ivanova, ist nicht ihre Aura, sondern ihre Relationalität: die Methoden, Beziehungen und Praktiken des Machens, die einem Werk vorausgehen und es konstituieren.
Was diese unterschiedlichen Positionen verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Befund als vielmehr der Versuch, hinter die Oberfläche von Daten zu blicken – ihre Materialität, ihre Geschichte, ihre Gewalt, aber auch ihre Potenzialität freizulegen. Dies wird auch im Gespräch mit Hito Steyerl und Francis Hunger deutlich, worin nicht nur die Formbarkeit von Daten, sondern auch politische Erwägungen, die damit einhergehen, im Fokus stehen. Ergänzend finden sich in dem Heft künstlerische Beiträge, die auf andere Gewichtungen abzielen: Diane Cescutti etwa hält den westlichen Rationalitätskalkülen afrikanische „Berechnungsgottheiten“ entgegen, die sich durch ein hohes Maß an Körperlich- bzw. Handwerklichkeit auszeichnen; Holly Herndon und Mat Dryhurst befragen kollektive Autorschaft in KI-Systemen; Claudia Larcher widmet sich den geschlechtsspezifischen Ausschlüssen, die beim Training von algorithmischen Modellen eine tragende Rolle spielen. Kyriaki Goni schließlich befasst sich mit dem Einsatz von KI-Werkzeugen zur Erforschung der Erderhitzung.
Wenn Gershom Scholem 1965 über den Golem-Computer schrieb: „Entwickle dich friedlich und zerstöre nicht die Welt“, dann klingt das heute wie eine dringlichere Mahnung denn je. Diese Ausgabe versucht zu umreißen, was eine solche Mahnung aktuell bedeuten könnte. Gemeint ist damit nicht primär Abwehr oder Kapitulation, sondern ein genaues Hinsehen: auf das Material, die angewandten Verfahren, die verborgenen Geschichten und die mitunter desaströsen Kräfte, die im Begriff „Daten“ mit angelegt sind.