Heft 3/2023


Queer Postsocialist


In ihrem 2018 erschienenen Buch "Unruly Visions" beschreibt Gayatri Gopinath die „ästhetischen Praktiken der queeren Diaspora“, durch die an verschiedenen geografischen Orten „alternative Seinsweisen und Möglichkeiten, sich durch diese Räume zu bewegen“. Nach dem 24. Februar 2022 sind diese einflussreichen Konzepte queerer postsozialistischer Solidarität, Affinität und Gegenseitigkeit durch die tödliche Bedrohung der ukrainischen Bevölkerung in Frage gestellt und bedroht. Irina Zherebkina, Gründerin des Charkiwer Zentrums für Geschlechterstudien, schrieb im März 2022: „Putin hat die Idee der Solidarität und Unterstützung für die Völker der Länder der ehemaligen UdSSR gekapert und manipuliert. Wir müssen sie ihm wegnehmen und sie wieder zu einer Waffe des Antimilitarismus machen.“ Im Mai 2022 erklärte die queer-feministische Aktivistin und Wissenschaftlerin Tatsiana Shchurko aus Weißrussland, dass der Krieg gegen die Ukraine wichtige Fragen der transnationalen Solidarität gegen die imperiale Kriegsführung aufwirft – und zwar nicht nur im lokalen Kontext, sondern global. Sie erinnert an internationalistische antikapitalistische, antirassistische und antiimperialistische Projekte, von denen wir heute lernen könnten, weil sie transnationale Verbindungen der gegenseitigen Hilfe gegen imperiale Gewalt vorstellen. In Solidarität mit diesen Aufrufen lädt Masha Godovannaya als Gastredakteurin Künstler*innen, Filmemacher*innen, Schriftsteller*innen und Filmkritiker*innen aus der Region ein, springerin als einen Ort zu nutzen, an dem schwierige Fragen zur aktuellen Situation gestellt werden können, und zwar mit Hilfe bzw. mittels Reflexion der „ästhetischen Praktiken der queeren postsozialistischen Diaspora“: Können diese Praktiken immer noch ein utopisches politisches Versprechen, eine Hoffnung für das Leben und Tun alternativer sozialer Welten beinhalten? Was könnten potenziell jene Praktiken und Orte sein, die mit dieser Hoffnung verbunden sind und die Gegenseitigkeiten des [queeren] Seins stützen? Haben die ästhetischen Praktiken der queeren postsozialistischen Diaspora das Potenzial, Vertrauen, Respekt, Zuneigung, queere Intimität und Begehren zwischen den vom Krieg betroffenen postsozialistischen Subjekten wieder aufzubauen, zu nähren und zu fördern? Wie könnten alternative Visualitätsmodelle beschaffen sein, die von diesen Praktiken und Orten ausgehen?

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