Heft 3/2022


De-Growth


Wachstum und Wohlstand zählen immer noch zu den ideologischen Grundkonstanten unseres vermeintlich postideologischen Zeitalters. Wachstum und Wohlstand sind es auch, die selbst in Umkehrbewegungen wie jenen in Richtung Klima-, Energie- und Mobilitätswende eine nicht wegzudiskutierende Rolle spielen. Selten wird in diesem Zusammenhang ein Augenmerk auf Kunst und Kultur gelegt bzw. auf die Frage, in welchem Verhältnis das kulturelle Feld zu diesen ideologischen Grundmustern steht. Seit jedoch im ökonomischen und gesellschaftspolitischen Feld von Wachstumsgrenzen die Rede ist – und dies reicht zumindest bis in die 1960er-Jahre zurück –, ist auch die Hinterfragung kulturindustrieller Agenden (und ihrer großflächigen Einbettung künstlerischer Praxis) stärker in den Fokus gerückt. Zwar hatte diese Infragestellung, warum auch in künstlerischer und kultureller Hinsicht alles ständig noch größer, umfassender und besser werden muss, lange Zeit eher nachrangige Bedeutung. Doch im Zuge der nun wieder Fahrt aufnehmenden Wachstumskritik beginnen auch Kunstinstitutionen und viele Praktiker*innen in diesem Bereich, das Mantra der permanenten Anreicherung und Mehrung in Zweifel zu ziehen. Dies betrifft vielerlei Aspekte, von der Frage der Ressourcenverschwendung und Nicht-Nachhaltigkeit des Kulturbetriebs über die nach wie vor nicht zu bremsende Expansionsbewegung der Gegenwartskunst bis hin zur Problematik, wie einzelkünstlerisches Schaffen sich dem Wachstumsdogma widersetzen oder es auf sinnfällige Weise kritisieren kann. Wohin steuert ein Betrieb, der sich den vielerorts geforderten Green Deal zwar auf die Fahnen heftet, in Wirklichkeit aber zur Aufrechterhaltung eines ganz und gar nicht „grünen“ Status Quo beiträgt? Wie könnte das Ansinnen, nicht ständig expandieren und wachsen zu müssen, effektiv umgesetzt werden? Fragen, denen sich die Ausgabe "De-Growth" multiperspektivisch zu widmen versucht.

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EDITION
Ines Doujak