Heft 1/2021


Geschichte reparieren


Die in vielen Feldern erhobene Forderung nach „care and repair“ scheint an klare Grenzen zu stoßen, wenn es um unterschiedliche Auffassungen oder Nachwirkungen von Geschichte geht. Nicht nur lässt sich historisches Unrecht, ganz zu schweigen von geschichtlichen Katastrophen, niemals mehr ungeschehen machen. Auch geraten Aufrufe zu Wiedergutmachung und Versöhnung vielfach zu nachträglichen Korrekturversuchen, die an den Ausgangsszenarien wenig bis nichts ändern. Das Ansinnen einer „Reparation“, die ein weites Spektrum von realer Schadensbehebung bis hin zur Heilung erlittener (physischer wie psychischer) Verwundungen abdeckt, erscheint in diesem Zusammenhang hochlegitim. Zugleich werden damit aber auch problematische Aspekte berührt wie eine oft ausschnitthafte historische Perspektive, das unweigerliche Zuspätkommen geschichtsaktiven Handelns oder die Festschreibung ganzer Ethnien auf einen gewissen Opferstatus. Zuletzt hat die Debatte um historisch prolongiertes Unrecht und entsprechende Reparation durch anhaltende rassistische Gewalt, vielerorts stattfindende Denkmalstürme sowie die Tilgung belasteter Geschichtszeichen und Namen neuen Zündstoff erhalten. Dass dabei stets auch die historischen Komplexe von Kolonialismus, Sklaverei und Unrechtsregimen und deren Nachwirkungen in der Gegenwart mitverhandelt werden, steht außer Frage. Ob dies umgekehrt auch zu einem gerechteren Status Quo, ja zu einer emanzipierteren Zukunft führt, bleibt hingegen fraglich. Grund genug, um die anhaltenden Prozesse einer intendierten Geschichtskorrektur einer kritischen Befragung, auch von künstlerischer Seite aus, zu unterziehen. Grund genug auch, um nach den Bedingungen tatsächlich gelingender Geschichtsreparatur zu fragen.

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Ines Doujak