Heft 3/2020


Post-Anthropozän


Erderwärmung, Klimaschaden und das drohende Unbewohnbarwerden des Planeten waren bis zum Ausbruch der aktuellen Krise in aller Munde. Dass sie nun vorübergehend in den Hintergrund gedrängt werden, heißt jedoch nicht, dass man einer Lösung der ihnen zugrundeliegenden Problematik in irgendeiner Weise nähergekommen wäre. Eher im Gegenteil – lassen die allseits getroffenen Ernstfall-Maßnahmen doch vermuten, dass Klima- und Umweltfragen gegenüber unmittelbar existenziellen Aspekten auf lange Zeit wohl nachrangig behandelt werden. Dabei hatte es knapp zwei Jahrzehnte gedauert, bis der sogenannte Anthropozän-Diskurs in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit vorgedrungen war und – von der Kultur bis hin zur Politik – vielerlei Bereiche zu durchsetzen begonnen hat. Früh hatte man während dieser Zeitspanne auch auf künstlerischer Seite mit den menschgemachten Veränderungen von Erdoberfläche und Atmosphäre, wie sie vom Anthropozän-Denken herausgestrichen wurden, auseinandergesetzt – mit unterschiedlichen ästhetischen Sensorien, wissensproduzierenden Ansätzen und aktivistischen Impulsen. Die Ausgabe "Post-Anthropozän" nimmt die aktuelle Lage zum Anlass, um über den Status quo einer nur schwer in den Griff zu kriegenden globalen Pandemie hinauszudenken: Welche Zukunftsszenarien sind vorstellbar, in denen nicht nur die virale Bedrohung der Menschheit, sondern zugleich auch der „anthropogene Faktor“ (die von Menschen initiierten Prozesse und damit einhergehenden Devastationen) an destruktiver Wirkmacht verliert? Lassen sich Modelle finden, wie menschliche und nicht-menschliche Lebensformen auf andere Art als bisher bekannt koexistieren können? Und welche künstlerischen Projekte weisen diesbezüglich in eine visionäre, gewohnte Denkmuster hinter sich zurücklassende Richtung – Ansätze, die mehr als bloß die Notlage des Planeten darstellen oder die gegenwärtige Krise dokumentarisch festschreiben? Ist es nicht an der Zeit, neue Sensorien und Erfahrungsmodi zu entwickeln, welche die Limitationen des Anthropozän-Denkens gerade auch angesichts neuer Herausforderungen wirkungsvoll überschreiten? All das sind Fragen, auf welche die Herbst-Ausgabe Antworten zu geben versucht.

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EDITION
Ines Doujak