Heft 4/2024 - Netzteil


Afrikanisches Weltraumprogramm

Die Ars Electronica präsentierte Projekte, die im Rahmen der Initiative S+T+ARTS4AFRICA entstanden sind, sowie weitere kontinentbezogene Arbeiten

Christian Höller


African Space Program hieß eine vor 50 Jahren erschienene Platte des südafrikanischen Jazzpianisten Dollar Brand. Der Titel war ironisch – später hätte man gesagt: afrofuturistisch – gemeint, befanden sich doch die meisten Staaten des Kontinents damals noch tief verstrickt in die Wirrnisse ihres Unabhängigwerdens (von politischen Sackgassen wie dem südafrikanischen Apartheidsystem ganz angesehen). Ein „Raumfahrtprogramm“ auszurufen, noch dazu mit einem, an lokalen Traditionen geschulten, zugleich auch an die globalen Jazz-Zirkel andockenden Free Spirit, wie Dollar Brand es tat, konnte bestenfalls als kontrafaktisches Hirngespinst aufgefasst werden. Aber Science-Fiction-Fantasien sind dazu da, an ihrem Nachleben gemessen zu werden, daran, was sich davon in Folge, möglichweise gänzlich unerwartet, zu realisieren beginnt.
Ein halbes Jahrhundert später gibt es immer noch kein afrikanisches Weltraumprogramm, aber man ist in vielen Ländern, wie man lapidar sagen könnte, technologisch „auf dem Sprung“ (oder befindet sich, in neoliberaler Diktion, „an der Schwelle“). Allen neokolonialen Umtrieben der großen Big-Tech-Player zum Trotz lassen sich inzwischen vielerlei lokale, oftmals techno-aktivistische, oft auch vorrangig künstlerische Ansätze ausmachen, die mit den zur Verfügung stehenden digitalen Mitteln an einer Art Selbstermächtigung – oder bisweilen auch nur an der Lösung ortsspezifischer Alltagsprobleme – arbeiten. Die 2023 ins Leben gerufene Initiative S+T+ARTS4AFRICA (ein Ableger des 2016 gegründeten S+T+ARTS-Programms der EU), zu deren Konsortium auch die Ars Electronica zählt, hat sich die Förderung solcher Selbstermächtigung zum Ziel gesetzt. Im September 2024 wurden erstmals Preisträger*innen und Residency-Teilnehmende auf der heurigen Ausgabe des Festivals präsentiert. Zusätzlich gab es dort eine Reihe von Arbeiten zu sehen, in denen sich Digitalität auf erfrischende, bisweilen auch vergnügliche Weise mit afrikanischen Wissenstraditionen verbindet. Zwar ist es nach wie vor nicht ganz einfach, in den mäandernden Teilschauen des Festivals zu erkennen, wo etwas beginnt und wieder endet – der Gedanke eines tendenziell endlosen technomedialen „Flows“ scheint hier immer noch dominant zu sein. Doch lieferten zahlreiche Werkballungen, inmitten aller Porosität und Weitläufigkeit des Gesamtparcours, aufschlussreiche Erkenntnismomente – dahingehend, wo und wie genau in unterschiedlichen afrikanischen Kontexten aktuell an ermächtigenden Koppelungen von digitaler und materieller Welt gearbeitet wird.
CATPC (Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise) aus Lusanga in der Demokratischen Republik Kongo, die mit ihrem Projekt Balot NFT den S+T+ARTS4AFRICA-Hauptpreis erhielten, sind inzwischen keine Unbekannten mehr. Gemeinsam mit Renzo Martens bespielten sie 2024 den niederländischen Pavillon der Venedig Biennale, und 100 km von der Ars Electronica entfernt (in Lauffen, Oberösterreich) war den ganzen Sommer über in der Kulturhauptstadt-Salzkammergut-Ausstellung Das Leben der Dinge eine Installation von ihnen, bestehend aus der Filmreihe Plantations and Museums, Zeichnungen und Video-Teasern von Balot NFT, zu sehen. Die Geschichte der im Anschluss an die Ermordung eines belgischen Kolonialbeamten 1931 entstandenen Balot-Skulptur ist komplex, einschließlich eines bezeichnenden Raubkunstnarrativs, dem CATPC in der Filmreihe forschend nachgehend. Kurzum: Mit der digitalen Vermarktung des Artefakts finanziert die Gruppe heute nicht nur den Rückkauf von indigenem Land, sondern betreibt auch einen White Cube inmitten der ehemaligen Palmölplantagen – ein dekoloniales Projekt, dessen Hoffnungen und Widrigkeiten CATPC in kollektiven Performances unterhaltsamen Ausdruck verleihen.
Nicht Teil des S+T+ARTS-Programms, dafür aber mit der Goldenen Nica in der Kategorie „Interavtive Art +“ ausgezeichnet wurde die französische Künstlerin Diane Cescutti für ihre Installation Nosukaay. „Nosukaay“ bedeutet auf Wolof Computer, und Cescutti greift in der von ihr entworfenen, höchst haptischen Maschinenkonstruktion auf traditionelle Textil- und hier vor allem Webtechniken der in Guinea-Bissau und im Senegal lebenden Manjago zurück. Die Installation ist einem westafrikanischen Webstuhl nachempfunden, nur dass dessen zwei zentrale Rahmen durch Bildschirme ersetzt sind, auf denen eine alternative Geschichte über den Zusammenhang von Informations- und Textilverarbeitung erzählt wird. Aktivieren lassen sich Teile dieser Geschichte durch das Abtasten eines Stück Leinens mit Manjago-typischem Muster, in das Sensoren eingeflochten sind, die bestimmte Story-Fragmente triggern.
Einen ähnlichen Zugang verfolgt – mit einer S+T+ARTS-Würdigung ausgezeichnet – die nigerianische Künstlerin Bubu Ogisi, die mit I.AM.ISIGO ein eigenes Modelabel entwickelt hat. Das „Verweben“, auf das diese „Digital Mystery Brand“ (Selbstbezeichnung) metaphorisch abzielt, bezieht sich auf den versuchten Brückenschlag zwischen vergessenen lokalen Traditionen und einer gemeinsamen ökologischen bzw. postkolonialen Zukunft – vermittelt über Webmuster, die sich wie grafische Computer-Interfaces ausnehmen. I.AM.ISIGO zieht so wie Nosukaay durchaus pragmatischen Nutzen aus dem Ansatz, den Theoretiker*innen wie Sadie Plant vor gut 30 Jahren mit dem Konnex von Kybernetik, Textilhandwerk und Feminismus antipatriarchal geltend machten. Ergänzt um eine dekoloniale Perspektive bildet sich hier in der Tat ein afrikasensitives „Welterschließungsprogramm“ ab. Dass derlei Weltenbildung auch überaus utopisch verfasst sein kann, belegt der Film Dzata: The Institute of Technological Consciousness der südafrikanischen Lo-Def Film Factory. Dzata kommt Dollar Brands Space Program im Geiste sehr nahe, setzt aber völlig andere Mittel dazu ein: Ein in kollektiven Workshops instituiertes, mit selbstgefertigten Kostümen und Props agierendes Bewusstmachungsprogramm wird in dem Film in die weite Landschaft „hinausgebeamt“ – mit dem Effekt, dass Zeiten und Räume, ja auch figürliche Identitäten grundlegend zu verschwimmen beginnen. Was entsteht, ist das Paradebeispiel eines afrofuturistischen Experimentierraums, der das ganz Alte mit dem noch nicht Geborenen verknüpft, im Indigenen das Maschinische, Weltrettende erkennt und umgekehrt. Sun Ra lässt vom Saturn aus, oder wo er sich gerade aufhält, grüßen.
Viele der geförderten S+T+ARTS4AFRICA-Projekte beziehen sich aber auch, fernab von losgelösten Virtualitätsfantasien, auf pragmatische Alltagsproblematiken: So widmet sich etwa Into the E-Metropolis von Akwasi Bediako Afrane, Anwar Sadat Mohammed und Cyrus Khalatbari der katastrophalen Situation in Sachen Elektroschrott in Ländern wie Ghana mit Fokus auf Recycelbar- und Nachhaltigkeit; Sand Gardens von Mohamed Sleiman Labat erprobt, wie sich im Sahrawi-Flüchtlingslager in der südlichen Sahara, in staubtrockenem Klima, Gemüse kultivieren lässt. Den Alltag von immer mehr E-Worker*innen auf dem afrikanischen Kontinent (und anderswo) nimmt das Video Unknown Label von Nicolas Gourault in Augenschein. Gewürdigt in der Sektion „New Animation Art“ des Prix Ars Electronica, erzählen darin Online-Vasall*innen der großen Tech-Konzerne – sie hocken in Kenia, Venezuela oder auf den Philippinen und „labeln“ die von selbstfahrenden Autos wahrgenommene Umgebung –, was ihre schlecht bezahlte Arbeit so alles beinhaltet. Man sieht dieses globale Prekariat nicht, daran ändert auch Gouraults Film nichts, dafür wird, wie man erfährt, der Wert seines Tuns von den Auftraggeber*innen fortwährend zu mindern versucht. Während man die Feinheiten ihrer grafischen Labeling-Tätigkeit beobachten kann, entfaltet sich verbal ein Kosmos aus Machtungleichheiten und kleinen Widerstandsgesten. Auch das eine Art Weltraumprogramm, wenngleich der ganz anderen Art.

https://starts.eu/what-we-do/residences/starts4africa/
https://starts.eu/starts-prize-africa-winners
https://catpc.org/home/ bzw. https://balot.org/
https://dianecescutti.com/works/nosukaay/
https://www.iamisigo.com/