Mit der bei Primary Information erschienenen Neuauflage von The Harlem Book of the Dead, herausgegeben von der Filmemacherin und Bildhauerin Camille Josephine Billops, liegt weniger ein Bildband über das Œuvre des Fotografen James Van Der Zee vor als vielmehr eine Publikation, die sich mit Fragen der Erinnerung, des Sterbens und damit auch des Lebens Schwarzer Menschen in Harlem, New York, auseinandersetzt. In Zusammenarbeit mit Garrett Bradley und dem Metropolitan Museum of Art realisiert, macht das Buch deutlich, dass Erinnerung eine von Bildern, Texten und editorischen Entscheidungen geprägte Praxis ist.
Den Ausgangspunkt bilden die Fotografien von James Van Der Zee (1886–1983), eines der renommiertesten Fotografen der Harlem Renaissance. Bekannt für seine Porträts Schwarzer Celebritys, wird hier die Aufmerksamkeit auf eine weniger bekannte Werkgruppe gelenkt. Im Mittelpunkt stehen die Verstorbenen und deren Inszenierung in einer Zeit, in der selbstbestimmte Schwarze Leben im weißen US-amerikanischen Mainstream kaum Beachtung fanden, Harlem jedoch seine kulturelle Blüte erlebte.
In den 1970er-Jahren stieß die afroamerikanische Künstlerin Camille Billops (1933–2019) auf die 8×10-Fotografien von Van Der Zee und war fasziniert von deren Inhalten sowie von den Retuschen und Bearbeitungen der Bilder. Wie im Vorwort angesprochen, zog Billops Parallelen zwischen ägyptischen Totenkulten und den Begräbnisriten der Schwarzen Community Harlems. Mit dem Bezug zum Egyptian Book of the Dead, der auch in der Titelwahl offensichtlich wird, schreibt Billops afroamerikanische Trauer damit in eine longue durée nicht-westlicher Jenseitsvorstellungen ein. Zusammen mit Owen Dodsons Gedichten und einem Vorwort von Toni Morrison erschien das Buch 1978 erstmals als The Harlem Book of the Dead im Verlag Morgan & Morgan. Billops fungierte dabei als konzeptionelle und redaktionelle Kraft hinter der Publikation.
Van Der Zees Totenfotografien operieren in einer produktiven Spannung zwischen Index und Inszenierung. Einerseits bezeugen sie Existenz: Diese Körper waren einmal hier. Andererseits sind sie hochgradig gestaltet. Kleidung, Blumen, Draperien, Möbel und religiöse Symbole rahmen die Verstorbenen wie auf einer Bühne ein. Diese Inszenierung ist nicht bloß ornamental, sondern auch politisch. In einer Gesellschaft, in der Schwarze Körper systematisch entwertet und visuell stereotypisiert wurden, schuf Van Der Zee einen Raum, in dem Würde und Respekt sichtbar wurden. Das fotografische Festhalten des Todes wird hier zur letzten öffentlichen Artikulation sozialer Existenz.
Während innerhalb der Harlem Renaissance vor allem Literatur, Musik und bildende Kunst neu verhandelt wurden, verschiebt Van Der Zee den Blick durch seine Auseinandersetzung mit dem Tod in den Bereich des Rituals. Die Bestattung erscheint als kulturelle Performance, in der Zugehörigkeit, Status und Erinnerung ausgehandelt werden. Trauer ist hier stets auch Arbeit am Gedächtnis einer Gemeinschaft, die sich gegen strukturelles Vergessen und Unsichtbarmachung behauptet.
Van Der Zee nutzt die Mittel der Studiofotografie, kontrolliertes Licht, Pose und Komposition und inszeniert Schwarze Menschen als „betrauernswerte Subjekte” („grievable subjects“, wie Karla FC Holloway im Nachwort ausführt). Die Toten erscheinen nicht als an einem biologischen Endpunkt angekommen, sondern als der Erinnerung würdige soziale Figuren, eingebettet in eine spezifische visuelle Ordnung. Die editorische Arbeit von Camille Billops’ ist dabei zentral. The Harlem Book of the Dead ist durch ein von ihr geführtes Gespräch mit dem damals bereits 91-jährigen Van Der Zee strukturiert und in unterschiedliche Kapitel gegliedert, beispielsweise „Soldiers“, „Mourners & the Posing of the Dead“ oder „Women: Wives & Friends“. Indem Billops Van Der Zees Fotografien aus ihrem ursprünglichen Gebrauchskontext löst und neu anordnet, verwandelt sie das Material in ein diskursives Feld, in dem Bilder, Texte und historische Zeitlichkeit miteinander in Beziehung treten. Durch die Interviews und die darin enthaltenen Ausführungen Van Der Zees werden dessen ästhetische Entscheidungen und Intentionen nachvollziehbar und geschichtliche Zusammenhänge offensichtlich.
Das Buch wird hier zu einer Art kuratiertem Gedächtnisraum, den Owen Dodsons poetische Texte und Toni Morrisons Vorwort akzentuieren und erweitern. Mit Karla FC Holloways Nachwort enthält die Publikation auch einen zeitgenössischen Kommentar. Vor dem Hintergrund dessen, was Saidiya Hartman als andauernde Vergangenheit beschreibt – sichtbar unter anderem in der fortgesetzten Bedrohung Schwarzer Menschen durch einen frühzeitigen Tod –, und der seit Jahren zentralen Auseinandersetzung mit Schwarzer Sterblichkeit in den Black Studies hätte eine Erweiterung des Bandes um zeitgenössische Wortmeldungen, Kontextualisierungen und künstlerische Annäherungen eine wünschenswerte Zuspitzung ermöglicht. In einer politischen Gegenwart, in der Errungenschaften von Communitys of Color unter Druck geraten und deren Leben erneut zur verhandelbaren Größe werden, liest sich dieses Buch weniger als Reprint denn als hochaktuelle Auseinandersetzung mit Gemeinschaft, Erinnerung, Tod und deren politischen Implikationen.