Heft 1/2026 - Netzteil


Offene und sich schließende Klauen

Nick Srnicek legt mit Silicon Empires eine geopolitische Ökonomie von KI und ihrer zunehmend technonationalistischen Ausrichtung vor

Christian Höller


Ein bislang viel zu wenig beachteter Aspekt rund um die auf Hochtouren laufende KI-Entwicklung ist, hochtrabend gesagt, ihre „geopolitisch-ökonomische“ Dimension. Zwar mangelt es nicht – auch auf diesen Seiten – an allen möglichen medientheoretischen, diskurskritischen oder ästhetischen Auseinandersetzungen. Hinzu kommen die vielen, aktuell aus dem Boden sprießenden und teils hollywoodesken Heldengeschichten, etwa Karen Haos Empire of AI, Keach Hageys The Optimist und Parmy Olsons Supremacy (alle über OpenAI bzw. Sam Altman), oder Stephen Witts und Tae Kims Bücher über den Chip-Hersteller Nvidia (The Thinking Machine bzw. The Nvidia Way) – allesamt lesenswerte, bisweilen krimiartige „Whodunnit“-Storys, die den Tech-Entrepreneur-Geist der Gegenwart in schillernden Facetten einfangen. Noch näher an den oft schwer nachzuvollziehenden Idiosynkrasien der KI-Entwickler ist Dwarkesh Patels „Oral History of AI, 2019–2025“, erschienen unter dem Titel The Scaling Era, das künftigen Generationen ansatzweise vor Augen führen wird, was in den Silicon-Valley-Laboren dieser kritischen Zeit tatsächlich vor sich gegangen ist. Was jedoch rundum fehlt, sind ökonomiekritische, ja weltpolitisch orientierte Blicke auf das große Ganze, sprich die von KI mitinitiierten Risse und Brüche im globalen Gefüge – etwas, dem Nick Srnicek mit seinem Buch Silicon Empires Abhilfe verschaffen möchte.
Srnicek, seinerseits Lecturer in digitaler Ökonomie am King’s College London, hat 2013 einigen diskursiven Aufruhr erzeugt, als er gemeinsam mit dem Politologen Alex Williams das berühmte „Akzelerationistische Manifest“ verfasste, demzufolge das Heil bzw. die mögliche Überwindung des Neoliberalismus in der technologischen Beschleunigung zu suchen wäre.1 In ihrem 2016 erschienenen Buch Inventing the Future versuchten die beiden, dies angesichts der unaufhaltsamen Automation vieler Lebensbereiche noch detailreich zu untermauern. 2017 hingegen ist in Srniceks Platform Capitalism von Akzeleration nur noch bedingt die Rede – den alles beschleunigenden „Hyperskalierern“, wie die großen digitalen Plattformen heute genannt werden, kommt insofern eine (weitgehend negative) Rolle zu, als einzig ihre fundamentale Umgestaltung zu nachhaltigen Veränderungen führen könnte. Knapp zehn Jahre später – nach besagter „Scaling Era“, in der KI ihren weltweiten Durchbruch feierte – hat sich das Blatt nochmals entscheidend gewendet. Der „Kampf um die Zukunft“, wie es im Untertitel von Silicon Empires heißt, hat sich nochmals anderswohin verlagert: weg von den Plattformen (wiewohl diesen immer noch eine tragende Funktion, allerdings eine unter vielen, zukommt), hin zu ungleich größeren Konstellationen. Fatalerweise sind diese immer stärker mit, wie Srnicek sagt, „technonationalistischen“ Ansinnen verflochten – einer unseligen Allianz von Big Tech, Militär und rechts-nationalistischer Sicherheitspolitik, im Zuge derer sich auch neue geostrategische Paradigmen auszuformen beginnen. Falls es eine „weltpolitische Ökonomie“ von KI gibt – und vieles deutet aktuell auf einen derartigen Megakomplex hin –, so ist sie laut Srnicek innerhalb dieser Neukonfiguration anzusiedeln.
Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass KI mehr – um Welten mehr – ist als ChatGPT. „Enterprise, not consumers; tokens, not text; multimodality, not language; reasoning, not parroting; agents, not responses; and systems, not models“: Diese Aufzählung deutet formelhaft an, worum es allein auf phänomenaler Ebene geht. Nebenbei bemerkt: Dass ein Projekt wie OpenClaw des österreichischen Programmierers Peter Steinberger solches Aufsehen erregen kann wie zuletzt medial breitgetreten, ist genau der verkürzten Sichtweise geschuldet, dass es bei KI in erster Linie um generative Sprachmodelle oder Bilderzeugungstools ginge. Srnicek korrigiert diesen Befund, indem er die vier Hauptbestandteile des „AI Stack“, des zum weltweiten Funktionieren nötigen „Technik-Stapels“, herausstreicht: Hardware (hier in erster Linie die vom Marktführer Nvidia produzierten Grafikprozessoren), Infrastruktur (primär die global dominanten Cloud Services von Amazon, Microsoft und Google), Modelle (die laufenden Entwicklungen von OpenAI, Anthropic etc.) sowie Apps (die Abertausenden Anwendungsprogramme, die kontinuierlich auf den Markt gebracht werden). Die interne Dynamik zwischen diesen vier Schichten des Stapels ist komplex, auch aufgrund der vielen Investment-Deals, Partnerschaften und partiellen Übernahmen, die hier kontinuierlich stattfinden. Dass sich dennoch ständig neue Formen der Kontrolle ausbilden – wer erlangt Macht über wen, ohne den anderen gleich proprietär zu schlucken? –, weist für Srnicek den Weg zu den politökonomischen Betrachtungen, um die es ihm wesentlich geht.
Ausführlich bespricht er die unterschiedlichen Wertschöpfungsstrategien von Amazon, OpenAI, Google und Meta – um schließlich zum Kern der Sache vorzustoßen, nämlich der Aufkündigung des „Silicon-Valley-Konsenses“, der bis Ende der 2010er-Jahre vorherrschend war. Dieser besagte, dass es, wohlgemerkt unter US-amerikanischem Leadership, möglich sein sollte, eine grenzenlose, neoliberale Welt im Hinblick auf digitalen Handel und freien Datenverkehr zu errichten. Es war dies eine stille Übereinkunft nach dem Ende des Kalten Krieges, sowohl unter Tech-Eliten als auch dem Polit-Establishment, die nicht zuletzt der „soften“ Durchsetzung US-amerikanischer Werte in möglichst großen Teilen der Welt verpflichtet war. Bis, ungefähr ab 2014, allmählich ein zweiter Kalter Krieg auszubrechen begann, diesmal mit China.
Srnicek zeichnet die Verschiebung vom neoliberalen Paradigma hin zu geopolitischem Hegemoniestreben detailreich nach. Auf US-amerikanischer Seite hob dies bekanntermaßen unter der ersten Trump-Regierung und dem Einsetzen des Handelskriegs mit China voll an, während auf chinesischer Seite mit dem 14. Fünfjahresplan (2021–25) die digitale „Selbstversorgung“ oberste Priorität erlangte (gleichzeitig aber nach wie vor die globale Vorherrschaft über diverse Lieferketten der Digitalindustrie beansprucht wurde). KI begann etwa zeitgleich, eine tragende Rolle in den Bestrebungen beider Mächte zu spielen, was zu den bitteren Szenarien der Gegenwart geführt hat. Hier liegt Srniceks Augenmerk vor allem auf dem „technonationalistischen“ Spin des US-Vormachtstrebens bzw. der fatalen Entwicklung, dass seit letztem Jahr immer mehr Tech-Developer vor den militaristischen, sicherheitspolitischen oder schlichtweg rechtsextremen Ansinnen der aktuellen Regierung einknicken. Auch die dominante US-„Innovationsstrategie“, die völlig ungezügelte bzw. unregulierte Freiheit, KI immer weiter auszubauen und keiner auch noch so abstrusen Novität (man denke an Grok) einen Riegel vorzuschieben, steht letztlich im Zeichen solch fataler rechtsnationalistischer Machenschaften.
Und so scheinen sich die großen Klauen der gerade entstehenden „Silikonreiche“ immer mehr zu schließen, anstatt sich – wie wir naiven kleinen User*innen meinen mögen – auf immer mehr „Agency“ (das, was KI-Agenten im Unterschied zu Chatbots einmal leisten sollen) hin zu öffnen. Was die riesigen Sternentore, wohlgemerkt auf allen involvierten Seiten, für uns bereithalten werden, ist letztlich sekundär angesichts der jetzt schon tobenden Schlachten um Infrastrukturausweitung bzw. Ressourcensicherung sowie der dezidierten Absicht, den Gegner bei der Entwicklung neuer KI-Modelle in Schranken zu halten. Und die Aussicht auf etwas Besseres mag noch mehr verblassen, wenn man sich vergegenwärtigt, für welche Schrecklichkeiten – von Deportationen bis hin zu automatisierter Kriegsführung – die avanciertesten KI-Tools aktuell schon eingesetzt werden.

Nick Srnicek – Silicon Empires. The Fight for the Future of AI. Cambridge/Hoboken: Polity Press 2026.

 

 

[1] Der Begriff „Akzelerationismus“ wurde ursprünglich 2008 von dem britischen Theoretiker Benjamin Noys geprägt, heute wird er vorwiegend in rechtsradikalen Kreisen verwendet.