Heft 1/2026 - Artscribe


VERBORGENE MODERNE. Faszination des Okkulten um 1900

4. September 2025 bis 18. Januar 2026
Leopold Museum / Wien

Text: Georg Schöllhammer


Wien. Es gehört zu den angenehmen Überraschungen der Wiener Ausstellungssaison, dass sich ausgerechnet das Leopold Museum – oft als Heimstatt touristisch kanonisierter (Wiener) Moderne verstanden – auf ein lange für Kritik verloren geglaubtes oder zu Tode durchdekliniertes und vermarktetes Terrain wagt – Wien um 1900 – und dort eine oftmals unterbelichtete Perspektive neu ausleuchtet. Die von Matthias Dusini und Ivan Ristić kuratierte Schau zur okkulten Durchdringung der Wiener Jahrhundertwende, zudem eine kleine Wiederbelebung des Formats der kulturhistorischen Ausstellung, deren Tradition ein wenig abgebrochen schien, legt offen, wie porös die Grenzen zwischen ästhetischer Avantgarde, Lebensreform, esoterischer Spekulation und politischer Utopie in diesem „Labor der Moderne“ tatsächlich waren. Was als Spezialthema erscheinen könnte, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Schlüssel zur intellektuellen Topografie der Epoche – und als irritierend aktuelles Panorama.
Schon der Einstieg der Ausstellung macht deutlich, dass es hier nicht um skurrile Fußnoten der Kunstgeschichte geht, sondern darum, ein regelrechtes epistemisches Klima zu skizzieren. Um 1900 überlagerten sich in Wien Theosophie, Spiritismus, Vegetarismus, Naturheilkunde, Nacktkultur und Reformpädagogik zu einem dichten Geflecht alternativer Weltentwürfe. Die Schau inszeniert diese Gemengelage nicht als Kuriositätenkabinett, sondern als soziales Laboratorium. Man bewegt sich durch Räume, in denen die ornamentalen Transzendenzen des Jugendstils, anthroposophische Diagramme, Fotografien von Körperübungen, spiritistisch „generiertes“ Ektoplasma und utopische und lebensreformerische Architekturentwürfe sowie eine Unzahl Ephemera (von den Speisekarten vegetarischer Restaurants bis zu Körperertüchtigungsfibeln für alle Altersgruppen) und Kunstwerke der Wiener Moderne einander kommentieren. Darunter auch viele von Frauen wie – hier stellvertretend – Gertrude Honatzko-Meditz, Gertraud Reinberger-Brausewetter, Gertrude Fischl, Franziska Kantor, deren Beitrag sonst meist unter der Kanonisierungsschwelle liegt. Die okkulte Moderne erscheint auch als ein Feld weiblicher Autorinnenschaft und Performativität, in dem Künstlerinnen, Medien und visionäre Figuren wie Marie Lang epistemische Autorität beanspruchen. Und sie erscheint als transnationales Netzwerk von Ideen, Praktiken und Akteur*innen, das von spiritistischen Zirkeln über theosophische Logen bis zu reformerischen Alltagsbewegungen reicht und durch Medien, Kongresse, Zeitschriften und performative Demonstrationen zirkulierte.
Gleich an prominenter Stelle öffnet sich die Ausstellung produktiv aber auch zu Friedrich Nietzsche hin, dessen Rezeption als Scharnier in Wien zwischen künstlerischer Avantgarde und Lebensreform fungierte, was angesichts anderer autochthoner und gänzlich anders weltzugewandter Denksysteme wie denen des Empiriokritizismus und von Ernst Mach bis Wittgenstein, die die Welt als das Faktische begreifen, oft in den Rezeptionshintergrund tritt.
Nietzsches Kritik an Moral, Christentum und bürgerlicher Vernunft wurde um 1900 zum Treibstoff für unterschiedlichste Erneuerungsfantasien: vom expressionistischen Pathos bis zur Körperkulturbewegung, von anarchistischen Kommunen bis zu frühen psychoanalytischen Spekulationen. Die Schau zeigt, wie selektiv und kreativ dieser Nietzsche gelesen wurde – als Prophet einer neuen Sinnlichkeit ebenso wie als Stichwortgeber für elitäre Selbstermächtigung. Gerade in dieser Ambivalenz liegt eine der Stärken der Präsentation: Sie beschönigt nicht, dass die okkulten und lebensreformerischen Milieus anfällig für autoritäre, nationalistische und später offen faschistische Deutungen waren.
Deren Verschränkung mit der Wiener Moderne wird anhand exemplarischer Werkgruppen präzise vorgeführt. Bei Egon Schiele erscheint der Körper nicht nur als erotisches, sondern als energetisches Feld; bei Koloman Moser und Josef Hoffmann verbinden sich ornamentale Systeme mit kosmologischen Ordnungsfantasien; in der Malerei Arnold Schönbergs schimmern spiritistische Interessen durch, die im gängigen Kanon meist diskret ausgeblendet bleiben. Das Präsentationskonzept insistiert darauf, dass diese Bezüge nicht bloß biografische Randnotizen sind, sondern die Formensprachen der Zeit mitgeprägt haben. Die Moderne, so die implizite These, war nie rein rational – sie war von Anfang an von Sehnsüchten nach Ganzheit, Transzendenz und alternativen Wissensformen durchzogen.
Besonders überzeugend ist etwa die Einbindung von Karl Wilhelm Diefenbach und seinem Kreis gelungen – jenen Protagonisten der Monte-Verità-Bewegung, welche in Diefenbachs Kommune am Himmelhof bei Wien ihren Vorläufer hatte, die lange als sektiererische Aussteiger verlacht wurden. Ihre radikale Verbindung von Kunst, Naturkult und sozialer Rebellion erscheint hier als integraler Bestandteil der Moderne, nicht als deren exotischer Schatten. Diefenbachs monumentale Gemäldeprozessionen und die Fotografien seiner Lebensgemeinschaft zeigen, wie eng ästhetische Form und Lebenspraxis zusammengedacht wurden. Ebenso prominent thematisiert die Schau die Integration indischer Philosophie und Körperpraktiken – insbesondere Yoga – in okkult-reformerische Netzwerke. Sie fungierte dabei als epistemischer Katalysator, indem sie westliche Rationalitätskritik mit einer östlichen Philosophie der Ganzheit verband und so eine transkulturelle Legitimation alternativer Lebensmodelle bereitstellte.
VERBORGENE MODERNE macht deutlich, dass diese Experimente keineswegs in einem weltabgewandten Nirgendwo stattfanden, sondern in ständiger Reibung mit der urbanen Kultur Wiens – und mit deren prominentesten Intellektuellen. Das Ausstellungsmaterial ist entsprechend heterogen: Gemälde, Grafiken, Fotografien, Zeitschriften, okkulte Geräte, Baupläne, Filme und Dokumente bilden ein dichtes Archiv. Manches wirkt bewusst sperrig, anderes beinahe unheimlich vertraut. In einem Raum liegen Yoga-Handbücher neben Diagrammen zur „Gedankenkraft“, daneben Reformkostrezepte und Siedlungsmodelle für naturnahe Kommunen. Diese Konstellationen machen deutlich, dass „Okkultismus“ weniger ein klar umrissenes System war als eine offene Projektionsfläche für Modernisierungskrisen. Wo die industrielle Gesellschaft Entfremdung produzierte, versprach das Okkulte Wiederverzauberung; wo die Wissenschaft neue Unsicherheiten schuf, bot es Sinn und Orientierung.
Gerade hier schlägt die Ausstellung ihre Brücke zur Gegenwart – ohne sie plump zu behaupten. Die Parallelen drängen sich ohnehin auf: ein neues Interesse an Achtsamkeit, alternativen Heilmethoden, spirituellen Praktiken; die Renaissance von Verschwörungstheorien und ganzheitlichen Weltbildern; die Sehnsucht nach Gemeinschaften jenseits neoliberaler Vereinzelung. Dusini und Ristić widerstehen der Versuchung, einfache Analogien zu ziehen, legen jedoch nahe, dass die Gegenwart ähnliche Spannungen zwischen Rationalisierung und Sinnsuche durchlebt wie die Jahrhundertwende. Die historischen Materialien wirken dadurch weniger museal als diagnostisch.
Die Übergänge von alternativer Lebenspraxis zu biologistischen Ideologien, von Naturmystik zu völkischen Fantasien bleiben sichtbar, werden aber nicht immer politisch problematisiert. Gerade im heutigen österreichischen Kontext wäre eine deutlichere Auseinandersetzung mit den dunklen Nachwirkungen dieser Milieus möglich gewesen. Doch vielleicht liegt die Stärke der Schau gerade darin, keine moralische Schlussabrechnung zu präsentieren, sondern ein komplexes Feld offenzuhalten.
Am Ende verlässt man die Ausstellung mit dem Eindruck, dass die Wiener Moderne ohne ihre okkulten, irrationalen und lebensreformerischen Unterströmungen kaum zu verstehen ist. Ihr kuratorischer Fokus besteht darin, diese verdrängten Schichten freizulegen, ohne sie zu romantisieren. Das Ergebnis ist ein vielstimmiges, manchmal widersprüchliches, stets anregendes Panorama einer Epoche, die unserer eigenen unheimlich nahekommt.
VERBORGENE MODERNE zeigt einmal mehr, dass Geschichte nicht aus klar getrennten Kapiteln besteht, sondern aus Überlagerungen, Sackgassen und Wiederholungen. Auch darin liegt die Aktualität dieser sorgfältig recherchierten und ästhetisch fein komponierten Ausstellung. Sie erinnert daran, dass auch die Gegenwart im Dunstkreis ihrer eigenen Erleuchtungsversprechen operiert – und dass Aufklärung immer wieder neu erkämpft werden muss.