Heft 3/2004 - Artscribe


»Schrumpfende Städte«

4. September 2004 bis 7. November 2004
KW Institute for Contemporary Art / Berlin

Text: Benjamin Paul


Berlin. Die Schlinge zieht sich immer enger um Schrumpfhausen. Schon bald nach 1989 ist die euphorische Erwartung eines »Aufbau Ost« der deprimierenden Realität des »Abbruch Ost« gewichen. Trotz immenser Investitionen, die sich mittlerweile auf rund 1,3 Billionen Euro belaufen, ist es nicht gelungen »blühende Landschaften« in der ehemaligen DDR keimen zu lassen. Stattdessen geht der wirtschaftliche Niedergang unvermindert weiter, mit zunehmend gravierenden Auswirkungen auch auf das Lebensgefühl. Allein zwischen 1989 und 1999 sind 1,2 Millionen EinwohnerInnen, das sind rund acht Prozent der Bevölkerung, aus Ostdeutschland weggezogen. Die Konsequenz ist ein Leerstand von 1,3 Millionen Wohnungen, von denen bereits 60 000 abgerissen wurden. Doch das ist erst der Anfang. Insgesamt 2,5 Milliarden Euro hat die Bundesregierung für den ersatzlosen Abbau von Wohnungen zur Verfügung gestellt.
Diese Entwicklung mit all ihren gesellschaftlichen Implikationen als ein »Gesundschrumpfen« oder gar als Chance zu charakterisieren, wäre zynisch. Denn es wandern ja gerade die Jungen ab, die meinen, angesichts der dramatisch wachsenden Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat keine Zukunft zu haben. Die Konsequenz ist ein Teufelskreis von Vergreisung und Verarmung, dessen fatale Dynamik durch die psychologischen Auswirkungen des wirtschaftlichen Niedergangs, der Arbeitslosigkeit und des Leerstands zusätzlich beschleunigt wird. So lähmen die Apathie und Frustration der Zurückgebliebenen die für einen Neuanfang notwendige Energie.
Mit diesen gesellschaftlichen Implikationen der wirtschaftlichen Depression beschäftigt sich die von Philipp Oswalt geleitete Ausstellung »Schrumpfende Städte« in den Kunstwerken in einem internationalen Vergleich. Denn das Ende der Wachstumsepoche ist keine lokale Erscheinung, die nur ausnahmsweise aufgrund ungewöhnlicher Konstellationen auftaucht, sondern sie betrifft viele Industrieländer. Da die Ursachen dafür variieren, untersucht die Ausstellung exemplarisch vier Schauplätze. Manchester und Liverpool beispielsweise sind Opfer der Deindustrialisierung, die in keinem der fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern so dramatisch ausfiel wie in Großbritannien im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Beide Städte waren nicht in der Lage, auf den Zusammenbruch ihrer Stammindustrie zu reagieren und so hat sich ihre Einwohnerzahl in den letzten 70 Jahren nahezu halbiert. Ivanovo hingegen ist eine typische russische Stadt des Postsozialismus. Hier hat der Wegfall der staatlichen Betriebe dazu geführt, dass nunmehr 82 Prozent der EinwohnerInnen unter dem offiziellen Existenzminimum (59 Euro) leben. Eine Aussicht auf Besserung gibt es nicht. Die Entwicklung Detroits von einem Sinnbild des triumphierenden Kapitalismus zu dessen Alptraum ist hingegen hausgemacht. Die AusstellungsmacherInnen sprechen von Suburbanisierung, denn das Aussterben Detroits geht einher mit einem drastischen Einwohneranstieg in den Vorstädten. Letztlich ist dies ein Niedergang durch Rassismus: Während der Anteil der AfroamerikanerInnen in Detroit City 81 Prozent beträgt, sind 80 Prozent der EinwohnerInnen in den Vorstädten Weiße. Die Entwicklung in Ostdeutschland nennen die AusstellungsmacherInnen Peripherisierung. Am Beispiel vom Raum Halle/Leipzig zeigen sie, dass die Bevölkerung sich vom reichen Westen marginalisiert fühlt und sich deshalb zunehmend selbst isoliert.
Einfache Auswege aus dem Dilemma fehlen in jedem der vorgestellten Fälle und diese Hilflosigkeit ist der Ausstellung anzusehen. So brisant das Thema auch ist, seine künstlerische Verarbeitung in »Schrumpfende Städte« ist eher uninspiriert. Ein Großteil der Arbeiten beschränkt sich auf die lakonische Dokumentation der Entwicklung. John Davies etwa zeigt, wie die Industrielandschaft Manchesters seit den 1980er Jahren bürgerlichen Wohnvierteln und Shopping Malls gewichen ist. Den urbanen Wandel Detroits veranschaulicht Andrew Zago in einer Fotoserie über die heutige Nutzung von Bankgebäuden aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Viele dieser massiven Steinbauten, oftmals im neoklassischen Stil gehalten, dienen nun als lokale Pizzarestaurants oder Autowerkstätten. Andere Arbeiten beobachten, wie sich die Menschen mit dem ökonomischen Verfall arrangieren. Vladimir Arkhipov hat improvisierte Bedarfsgegenstände gesammelt, zum Beispiel aus Plastikflaschen gemachte Türgriffe, Antennen aus Heizungsstäben oder aus Strippen geflochtene Besen. Ken Grants Fotoserie »Benny Profane« hingegen zeigt Müllsammler, so genannte Scrapper, auf der Suche nach Wiederverwertbarem.
Viel Aufmerksamkeit widmet die Ausstellung ExzentrikerInnen und den Subkulturen, die unter den Bedingungen des Niedergangs florieren. Tobias Zielony widmet eine Fotoserie dem besonders in Ostdeutschland beliebten Abhängen jugendlicher Cliquen an Tankstellen. Denn so unwirtlich diese neonbeleuchteten Niemandsländer auch sind, so verkörpern sie doch die Möglichkeit des Transits und Aufbruchs. In einem schönen Film interviewt Benjamin Miguel Hernandez DetroiterInnen zu »Slims Fahrrad«, einer mobilen aus bunten Plastikflaschen, Aufklebern und Fahnen gefertigten Skulptur, auf der James Thompson bis zu seinem Tod 1996 Sommer für Sommer durch die Straßen Detroits radelte. In der von Angst und Isolation gezeichneten Stadt war der Anblick von Slims fröhlichem Fahrrad ein Hoffnung spendender Lichtblick. Auch der gute alte Mythos des Clubs als gemeinschaftsstiftendem Alternativraum findet in »Schrumpfende Städte« Wiederverwendung in Arbeiten wie »Tribute to the Haçienda« von David Haslam oder »Orbit Palast« von niko.31. Tatsächlich helfen legendäre Clubs wie das »Haçienda« in Manchester oder die »Distillery« in Leipzig diesen Städten bei der Imageaufbesserung. Dadurch werden die Städte wieder attraktiver für die dringend benötigten Jugendlichen. In solchen Arbeiten greift die Ausstellung bereits auf ihren für Herbst 2005 in Leipzig angesetzten zweiten Teil vor, in dem Handlungskonzepte vorgestellt werden sollen. Darauf kann man nur gespannt sein, denn große Hoffnung auf Besserung macht die Bestandsaufnahme in den Kunstwerken nicht.

Die Ausstellung wandert nach Spike Island, Bristol (2005), Schusev Sate Museum of Architecture, Moskau (2005), Stadtmuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf (2006).