Heft 3/2004 - Artscribe


Yto Barrada :

»A Life Full Of Holes – The Strait Project«

27. Juni 2004 bis 22. August 2005
Witte de With / Rotterdam

Text: Gregor Jansen


»Even a life full of holes, a life of nothing but waiting, is better than no life at all.«

Driss Ben Hamed Charhadi, »A Life Full of Holes« (1964)

Rotterdam. »Selbst nach seinem Zusammenbruch hat der Kolonialismus das Erbe einer ungerechten Handhabung, Abwicklung und Wahrnehmung der Ströme zwischen dem Norden und dem Süden am Mittelmeer hinterlassen. Ein Brennpunkt und Engpass hierbei ist als Straße von Gibraltar bekannt. Bei schönem Wetter und guter Sicht ist der Horizont der marokkanischen Küste spanisch; aber die darunter liegende Straße ist ein sehr großer marokkanischer Friedhof geworden. Diese Immigration unterscheidet sich von den vorangehenden. Sie hat einen eigenen Wortschatz, ihre eigenen Legenden, Lieder und Rituale. Die Leute sagen nicht mehr, dass ›er auswanderte‹, sondern es heißt heute: ›er verbrannte‹, er verbrannte seine Papiere, seine Vergangenheit. Und natürlich werden die Großtaten des Verbrennens überall gehört und die wunderbaren Geschichten schüren den Wunsch nach einem anderen Ort, nach ›anderswohin‹. Eine durch nationale Investitionen lange vergessene Enklave ist Tanger. Die marokkanische Hafenstadt ist jetzt der Ort, wo tausende Hoffnungen zusammentreffen.«
Mit diesen poetisch-elegischen Worten beschreibt Yto Barrada ihr künstlerisches Anliegen, Tanger als einen besonderen Ort zu fassen. »The Strait« nennt sie ihr 1998 begonnenes, fortlaufendes Dokumentationsprojekt, welches die Migration zwischen Nordafrika und Europa und ihre transformative Auswirkung auf Tanger darstellt. Barrada betont: »Statt einer irgendwie gearteten Nostalgie für ein internationales Ghetto zu dienen, ist es etwas ganz Spezifisches, was ich in dieser Stadt zeigen möchte. Es geht zuallererst um die Beschreibung dieses störrischen Drängens für eine Abfahrt, ein Weg, egal wohin, welches die Leute dort charakterisiert. »The Strait« bezieht sich mittelbar auf die Funktion der Meeresenge zwischen Europa und Afrika in Hinblick auf die Schicksale in der Stadt Tanger. Für Barrada bedeutet »Strait« nicht nur »Straße« oder »Passage«, sondern ist auch ein anderes Wort für die Hoffnung und Versuchung der Abreise: ein Gemeinplatz, der den Straßen von Tanger eine gewisse Form und Wirkung eines eingebildeten Raumes gibt. Hierin werden unzählige Träume in Richtung eines Ziels, das Verlassen des Landes, versenkt. Dieser Landstrich des »In-Between«, des Dazwischenseins, ist für Barrada durch die Besonderheit gekennzeichnet, eine parallele Übereinstimmung zwischen körperlichem, symbolischem und historischem Raum aufzuweisen, und nicht zuletzt ein eigenartig vertrauter Raum zu sein. So sollen sowohl Hoffnung und ihre Repräsentation, als auch die sich hierdurch vielfältig und permanent verändernde Stadtlandschaft auf der fotografischen Oberfläche eine visuelle Entsprechung erfahren, um den subjektiven Eindrücken zu weit reichenderem Ausdruck zu verhelfen.
Yto Barrada wurde 1971 in Paris geboren. Heute wohnt und arbeitet sie in Paris und in Tanger. Ihr Doppelleben in diesen Heimatstädten auf beiden Seiten der Straße bietet in Filmen und Fotografien wirkungsvoll, und laut Catherine David längst überfällig, einen Kontrapunkt zum ästhetischen Fetischismus, der lange die westlichen Darstellungen dieses Teils der Welt gekennzeichnet hat. »Ich habe versucht«, erläutert Barrada, »die metonymische Bedeutung der Straße in den fotografischen Ansichten herauszuarbeiten, indem meine Bilder in der Spannung zwischen Allegorie und Schnappschuss verharren«. »The Strait« steht somit auch politisch zentral im Kontext der Diskussion der Flüchtlingspolitik Europas.

Die Ausstellung brachte rund 40 Fotografien, entstanden in Tanger zwischen 1998 bis 2004, und den kurzen Film der Magier (2003, 18 Min.) erstmalig zusammen. Zudem organisierte das Witte de With eine Reihe von Diskussionen, die das Thema der Migration in der zeitgenössischen marokkanischen Gesellschaft
behandelten. Ein Katalog erscheint in Kürze.

Informationen unter www.wdw.nl