Heft 3/2004 - Welt Provinzen


Von der Lüderitzbucht bis zum Hindukusch

Zur Debatte um den deutschen Kolonialismus

Jochen Becker


Zwischen 1500 und 1920 unterstanden die Mehrheit der Menschen und der Räume – zumindest nominal – der Kontrolle Europas. Dies bedeutete nicht nur militärisch-verwalterische Landnahme, sondern die Überformung des sozialen Lebens sowie Ausbeutung von Arbeitkraft und Bodenschätzen. 600 Millionen Kolonialisierte – das heißt zwei Fünftel der Weltbevölkerung – wurden durch Europa regiert. Sechs Wochen nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus unterzeichneten 51 Staaten die Charta der Vereinten Nationen, doch der größte Teil des Globus bestand noch aus abhängigen Ländern. Erst um 1960 setzte eine globale Befreiung von kolonialer Macht ein – was nicht heißt, dass koloniale Strukturen nicht weiter existieren. So lässt sich mit den beiden kolonialen Sprachen Französisch und Englisch auch weiterhin der afrikanische Kontinent durchqueren.
Die stets neugierige Freiburger Zeitschrift »iz3w«, ausgeschrieben »blätter des informationszentrums 3. welt«, widmete dem weit gehend in Vergessenheit geratenen »deutschen Kolonialismus« unlängst gleich zwei Schwerpunktausgaben und blätterte ein breites Debattenspektrum auf, welches sich in Buchbesprechungen, Veranstaltungshinweisen und aktuellen Berichten (Gesellschaft für Legalisierung, antikolonialer HipHop in Senegal etc) fortsetzt. Anhand der beiden Hefte soll dem Stand der Kolonialdebatte in der Bundesrepublik nachgegangen werden.

Post/Kolonial
Wie kann etwa Bundeskanzler Schröder behaupten, dass die Bundesrepublik sich für Afrika-Einsätze besonders eigne, da Deutschland im Unterschied zu Belgien, Frankreich, Großbritannien oder Portugal keine Kolonialvergangenheit habe? Bei seiner bislang einzigen Afrikareise – in den Wachstumsmarkt China reist er jedes Jahr – machte er einen großen Bogen um ehemals deutsche Kolonialgebiete. Vor so viel Geschichtsvergessenheit staunt man, noch dazu, wenn Deutschlands Interessen neuerdings wieder von einer Schutzmacht am Hindukusch verteidigt werden. In britischen Regierungskreisen wird gar von der Notwendigkeit neokolonialer Eingriffen auf dem afrikanischen Kontinent gesprochen.
Die Debatten um die Kolonien und ihre Befreiung setzte in ganzer Breite erst in den sechziger Jahren ein. Sie brachte die damals noch als Kolonialmacht auftretenden Länder ins Blickfeld. Die Solidaritätsgruppen antiimperialistischer Befreiungsbewegungen unterstützten die Kämpfe in der Ferne. Erst der 100. Jahrestag der Berliner »Kongo-Konferenz« zog 1984 vereinzelte Kongresse, Straßenumbenennungen oder auch Denkmalsattacken nach sich. Inzwischen gehört der postkoloniale Diskurs zum guten Ton, bleibt hierzulande jedoch überwiegend im akademischen Umfeld gefangen. Im Unterschied zu Nordamerika oder dem vormaligen britischen Empire verweist das Sprechen über Hybridität und Verbrechen nur selten auf die »eigene« koloniale Vergangenheit.
Der Druck zur Aufarbeitung der europäischen Kolonialgeschichte wurde von den »Verdammten dieser Erde« erkämpft. Im Unterschied zu den Imperien Großbritannien und Frankreich leben in Deutschland weniger Nachfahren aus den vom damaligen Reich kolonialisierten Ländern. So ist es wohl auch kein Zufall, dass im Land des »verspäteten Kolonialismus« erst jetzt eine Revision der Kolonialgeschichte ansteht. Bei der für 11. bis 15. November in Berlin geplanten »Anticolonial Africa Conference«, konzipiert als kritische Wiederaufnahme der historischen Kongo-Konferenz 1884/85, wird die Forderung nach »Entschuldigen und Entschädigen« insbesondere von Menschen aus der vormals deutschen, später französischen Kolonie Kamerun vorangetrieben.

1884 ff.
Nachdem der belgische König Léopold II den Kongo als seinen Privatbesitz reklamiert hatte, ließ er mit den aus der Kolonie herausgeholten Reichtümern den Regierungssitz Brüssel massiv umbauen. Auch um den Überseebesitz zu legalisieren, wurde 1884 die so genannte Berliner Kongo-Konferenz einberufen. Die europäische Staatengemeinschaft teilte im Zuge der sich bis 1885 hinziehenden Verhandlungen den afrikanischen Kontinent auf – in völliger Abwesenheit der in Afrika Lebenden. Im Nachgang der Berliner Kongo-Konferenz wurde der afrikanische Kontinent auch im Landesinneren erkundet, kartiert, nationalstaatlich definiert, fremdregiert, ausgebeutet und verwüstet. So verübten deutsche Kolonialtruppen an den Nama und Herero im heutigen Namibia vor 100 Jahren Völkermord. Die Zentrale hierfür lag in der Reichshauptstadt Berlin, die sich mit ihrer nachzügelnden Kolonialpolitik in das Machtgefüge der übrigen imperialen Staaten Europas einschrieb.
Noch vor der Berliner Konferenz wurde Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) betrügerisch in Besitz genommen, als der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz 1884 statt der englischen die geografische Meile als Bemessungsgrundlage nahm. Die Nama verkauften ihrer Meinung nach 32 Quadratkilometer Küste und waren statt dessen 148 Quadratkilometer losgeworden. Die spätere deutsche »Schutztruppe« besetzte bald das ganze Land. Der Widerstand der Herero unter Führung von Samuel Maharero führte zu offenen und vernichtenden Schlachten, in deren Folge die Herero in die Omaheke-Wüste und somit in den Tod getrieben wurden. Der Nama-Kaptein Hendrik Witbooi hingegen konnte mit Guerillataktiken den Kolonialtruppen länger widerstehen. Die Überlebenden wurden in Konzentrationslager verschleppt – eine erstmal offiziell eingeführte Bezeichnung, die auch Arbeit zum Tode oder durch Erfrieren an der eisigen Küste wissentlich mit einschloss.
Die deutsche Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, sprach bei einer Namibia-Gedenkfeier am Waterberg im Sommer 2004 von Völkermord durch deutsche Kolonialtruppen und bat hierfür um Vergebung »im christlichen Sinne«. Um »entschädigungsrelevante Aussagen« (so Außenminister Joschka Fischer 2003 in Windhoek) zu vermeiden, wird lange an solchen Reden gefeilt. Im Rahmen der dritten UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban 2001 forderten afrikanische Staaten Reparationen für 400 Jahre Versklavung und Kolonialismus sowie die Anerkennung des Sklavenhandels als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Im gleichen Jahr reichte die Herero People’s Reparation Corporation Klage in Höhe von jeweils zwei Milliarden Dollar gegen die Deutsche Bank sowie die Deutsche Afrika Linie (Nachfolger der Reederei Woermann) in den USA ein, da dort internationales Recht einklagbar ist. Die erfolgreiche Klage ehemaliger NS-ZwangsarbeiterInnen hatte hierbei als Vorlage gedient und die Herero-Frage in eine breitere Öffentlichkeit getragen.1
Eine ausgedehnte Debatte entspinnt sich in iz3w um die Kontinuität der deutschen Kolonialgeschichte hin zur Shoa. Birthe Kundrus vom Hamburger Institut für Sozialforschung diskutiert die »Grenzen der Gleichsetzung« von Auschwitz und Lüderitzbucht: »Zwar kulminierten beide Denksysteme [kolonialer Rassismus/auf Vernichtung zielender Antisemitismus] in einem ethnisch-völkischen Verständnis der Nation, in dessen Zentrum die Idee rassischer Homogenität stand. Doch dies war im Kaiserreich weder offizielle Staatsdoktrin noch politische Praxis, im Gegensatz zum Nationalsozialismus.«

Deutsche Kolonien
Der Besetzung des kargen Koloniallandes im Südwesten Afrikas folgte jene von Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika (Tansania, Sansibar, Ruanda, Burundi) sowie der chinesischen Provinz Shandong und Teilen des heutigen Papa-Neuguinea. Zwischen 1884 und 1919 herrschten 25.000 Deutsche über 12 Millionen Kolonisierte in »Schutzgebieten« sechsmal größer als das Deutsche Reich. Die Landnahme war national geprägt; der zur Kaiser-Wilhelm-Spitze umgetaufte Kilimandscharo wurde höchster Berg Deutschlands. Im Deutschen Reich existierte über die kolonialen Einsätze ein breiter gesellschaftlicher Grundkonsens. Der Völkermord war durchaus öffentlich, und Soldaten schickten Ansichtspostkarten von Konzentrationslagern und Hinrichtungsszenen nach Hause. Innenpolitisch wurde die von SPD und Zentrum vorgebrachte Kritik an den Kolonialkriegen von konservativer Seite abgewendet und zu einer reaktionären Wende umgemünzt.
Viele machten Militärkarriere in den Kolonien. Lothar von Trotta, der den vergleichsweise moderaten Gouverneur Theodor Leutwein 1904 in Deutsch-Südwest ablöste und seinen berüchtigten Vernichtungsbefehl ausgab, diente vorher dem »Weltmarschall« von Waldersee, welcher die Revolte der Yhetuan, allgemein als »Boxer-Aufstand« bekannt, in China blutig niederschlug. Franz von Epp wiederum war bei der Niederschlagung des »Boxer-Aufstands« beteiligt, kämpfte als Offizier in Deutsch-Südwest, als General im Ersten Weltkrieg, zerschlug mit dem »Freikorps Epp« die Münchner Räterepublik, war Präsident des Kolonialkriegerbundes, ab 1930 NSDAP-Abgeordneter, leitete dann das Kolonialpolitische Amt und wurde schließlich »Kolonialminister« in einem Land, das schon über zwanzig Jahre keine Kolonien mehr besaß. Bezogen auf den ungebrochenen Großmachtsanspruch des Deutschen Reichs waren die annektierten Kolonien auch nach 1919 wirkmächtig.
Der »Platz an der Sonne« musste mit der Niederlage des Ersten Weltkriegs und im Rahmen des Versailler Vertrags an andere Kolonialmächte (Großbritannien, Belgien, Frankreich, Neuseeland, Japan) abgegeben werden. Doch im von Großbritannien übernommenen Deutsch-Südwest konnten die deutschen Siedler aus wirtschaftlichen Überlegungen bleiben. Ihre Nachfahren lebten im sudafrikanischen Apartheitssystem, bis 1990 Namibia in die Unabhängigkeit entlassen wurde, wobei die DDR die Befreiungsarmee der SWAPO maßgeblich unterstützt hatte – auch dies ein verschüttetes Kapitel postkolonialer Geschichte.

Schwarze DDR
»Afrika« war in den siebziger Jahren der DDR die »Chiffre des Kampfplatzes eines proletarischen Internationalismus« und fand sich als Topos in Filmen, Kinderbüchern wie Fernsehberichten, so die Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche. So wurde der Kontinent »als ein mystisches Konglomerat von lernenden Menschen und aufzubauenden Gesellschaften betrachtet«. In Ermangelung schwarzer DarstellerInnen wurde die Schminke umso dicker aufgetragen: »Die ambivalente Darstellung von schwarzen Themen findet ihren Ausdruck auch darin, dass Sklaverei, Unterdrückung und Knechtschaft mit dem orientalistischen Stereotypen aus ›Tausendundeiner Nacht‹ kontrastiert werden.« In den Nachrichten waren die Verdammten dieser Erde revolutionäre Objekte, auf der Leinwand Komparsen, Knechte, Schurken, Wasserträger oder »luftfächelnde Kinder, die geschickt abwechselnd mit den dressierten Äffchen in Szene gesetzt werden«.

Maji-Maji-Krieg
Im Schatten der Beschäftigung mit dem Völkermord in Deutsch-Südwestafrika steht der Tod von über einer Viertelmillionen Menschen in Deutsch-Ostafrika. Carl Peters, Vertreter der Gesellschaft für deutsche Kolonisation und späterer Kommissar am Kilimandscharo, hatte seit 1884 die Küstenregion mit einem Vertragsnetz aus billig erkauften »Schutzbriefen« überzogen. Mit der Niederschlagung des »Araberaufstands« 1888/89 – die Händler hatten sich gegen die wachsende deutsche Konkurrenz zur Wehr gesetzt – wurde eine Kolonialverwaltung eingesetzt. Bis 1905 folgten über 60 größere Strafexpeditionen und Unterwerfungsfeldzüge. Eine Hüttensteuer wurde eingeführt, zugleich ausgewählte Tänze sowie die Jagd verboten.
Der Maji-Maji-Aufstand war anfangs eine Bauernrevolte gegen Zwangsarbeit in den Baumwollfeldern. Die religiös-kultische, zugleich Clan- und Gruppenzugehörigkeit überschreitende Bewegung im Namen des Propheten Maji trat im Juli 1905 gegen die Kolonisatoren an, was bald in einen dezentralen Guerillakrieg überging. Die Schutztruppe reagierte mit einer Politik der verbrannten Erde: »Nur Hunger und Not kann die endgültige Unterwerfung herbeiführen«, so Hauptmann Wangenheim. Dieser eher unpopuläre Kolonialkrieg erlangte erst breiteres deutsches Interesse, als General Paul von Lettow-Vorbeck mit einer Gruppe von Askari gegen die scheinbar übermächtigen englischen Truppen den Ersten Weltkrieg bis nach Afrika trug.
Dass in Europa dieser »Krieg mit genozidalen Folgen« weit gehend ignoriert wird, hängt wohl mit der vergleichsweise geringen Zahl von Opfern auf deutscher Seite zusammen. So starben 15 deutsche und 389 lokale Soldaten sowie 66 Träger. Die deutsche Schutztruppe bestand vor allem aus Askari (schwarzen Söldnern) und wenigen weißen Offizieren. Die in der deutschen Geschichtsschreibung zumeist übergangenen 249.530 Toten werden im heutigen Tansania nicht vergessen. Ihr antikolonialer Widerstand gilt als wichtiger Bestandteil der nationalen Identität. In der gemeinsamen Erinnerung sollten die 120 Ethnien Tanganjikas zur Nation zusammengeschmolzen werden, so wie sie nur vereint die deutsche Schutztruppe verjagen konnten.2

Tansania-Park
Der Überseehandel ließ Hamburg zur Kolonialmetropole aufschießen. Das »Askari-Relief« in Gedenken der für die Ostafrika-Schutztruppe den Kopf hinhaltenden Söldner aus Tansania und dem Sudan wurde hier 1939 von der Wehrmacht errichtet. Es zeigt bildlich dargestellt afrikanische Menschen, die in Reih und Glied dem deutschen Kolonialsoldaten in »romantischer Safaristimmung« (Verena Uka) nachmarschieren. Ab 1964 erhielten allein in der Hauptstadt Daressalam 300 ehemalige Askari eine deutsche Rente. Im gleichen Jahr starb General Lettow-Vorbeck.
In der 1999 aufgegebenen Lettow-Vorbeck-Kaserne in Hamburg soll nun ein »Tansania-Park« entstehen. Beigaben hierzu sind das »Askari-Relief«, ein »Schutztruppen-Ehrenmal« und der Tansania-Länderpavillon der EXPO 2000. Das »Askari-Relief« soll in den Mauern der Kaserne nicht zuletzt vor Graffiti-Attacken bewahrt werden, wie sie schon das Kriegermal beim Bahnhof Dammtor erfahren hatte. Vorerst hat Hamburgs Kulturbehörde die umstrittenen Terrakottasoldaten in ihrer Denkmalwerkstatt zwischengelagert.

Kolonialdenkmäler
Die »Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland«, 1993 unter Kohl eingeweiht, kennt keine Opfer der deutschen Kolonialpolitik. Der »Afrika-Stein« auf dem Berliner Garnisonsfriedhof ist einer der wenigen verbliebenen Kolonialdenkmäler in der vormaligen Reichshauptstadt. Er sollte die neokolonialen Erinnerungen an die als Verlust angesehenen Gebiete wach halten. Vor allem die DDR räumte diese Bauten komplett ab. In Hamburg stürzten 1968 Studierende die vor der Universität aufgestellten Standbilder der Kolonialherren Hermann von Wißmann und Hans Dominik vom Sockel.
In den Kolonien hingegen markierten die Denkmäler die Definition des hegemonialen Raums. Die Herrschaftsmonumente besetzten das Territorium auch symbolisch. In Windhoek existiert weiterhin das Reiterdenkmal, am Waterberg der deutsche Soldatenfriedhof und in Swakopmund das Marinedenkmal. Diese werden von deutschen Nachfahren der Schutztruppen zur »Traditionspflege« genutzt. Allerdings wurden Straßennamen »afrikanisiert«, neue Denkmäler in Erinnerung an koloniale Befreiungskriege errichtet, und der nationale Gedenkkalender modifiziert. »Unter Adaption einzelner Elemente wurden autonome Formen von Gedenkritualen entwickelt und damit gezielt die von den deutschen – und später von den südafrikanischen – Kolonialherren beanspruchte alleinige Deutungsmacht unterlaufen«, schreibt Autor Joachim Zeller über das populär-karnevaleske Zitieren von Paraden und Uniformen der Kolonialtruppen.

Frauen in den Kolonien
Reichsdeutsche Frauenverbände unterstützten fast durchweg die Kolonialpolitik. Als Missionarinnen, Siedlerinnen oder Krankenschwestern hatten Frauen Teil an der kolonialen Besetzungen. Und trugen zur Vermeidung von »Rassenmischung« bei, wie die Vergewaltigung afrikanischer Frauen genannt wurde. »Die Kolonialverwaltung arbeitete dazu mit dem 1907 entstandenen Frauenbund in der Deutschen Kolonialgesellschaft zusammen und entwarf Vermittlungsprogramme zur Ansiedlung deutscher Frauen«, schreibt Anette Diedrich. »Mit dem Eintritt deutscher Frauen in die Kolonialbewegung verstärkte sich die Ideologie der rassisch begründeten Reproduktion.« Eine »Mischehenverordnung« mündete 1905 in ein »Mischehenverbot« – im europäischen Rahmen einmalig: »Die ›Mischehendebatten‹ waren ein Experimentierfeld für die Etablierung einer bürgerlich geprägten, rassistisch strukturierten Ordnung.« Die Emanzipation der weißen Frauen »jenseits der sozialen und ökonomischen Probleme der Industriegesellschaft ›zu Hause‹« ging auf Kosten der Kolonisierten. Zugleich musste den Schutztruppen die zu verteidigende weiße Frau als Argumentationsmuster für den Völkermord herhalten.

Eine europäische Geschichte
Im Rahmen der beiden iz3w-Hefte ist natürlich zu fragen, woher das europäische Überlegenheitsgefühl herrührt, wenn es um imperiale Moralvorstellungen geht. Es schmälert nicht die Kritik an der US-Interventionspolitik, wenn verstärkt auch die Kolonialpolitik Europas ins Blickfeld gerät.3 Mit der antiamerikanischen »Karte« wird zur Zeit eine eigene europäische Wehrmacht aufgebaut, die ausgerechnet im Brüsseler Vorort Tervuren stationiert werden soll, also genau dort, wo das schauerliche Kongo-Museum von König Léopold II steht. Von der »Formulierung eigenständiger europäischer Sicherheitsinteressen« schreibt auch Gregor Schöllgen in seinem Buch »Der Auftritt. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne«. Kanzler Schröder war ja angetreten mit einer Regierungserklärung, »Deutschlands Selbstvertrauen« zu stärken. Der erste Akt hierzu war der NATO-Krieg gegen Serbien. Die französische Verteidigungsministerin bezeichnete die EU-Einsätze »Concordia« in Mazedonien und »Artémis« im Kongo als wichtige Etappen auf dem Weg zu einer europäischen Verteidigung. »Vor zehn Jahren war das Europa der Verteidigung ein Mythos. Vor fünf Jahren war es ein Thema für Reden. Heute ist es eine Realität«, wird die Ministerin in der FAZ vom 15. September 2004 zitiert.
Europa formierte sich vor 120 Jahren am runden Tisch zu Berlin in der Unterwerfung Afrikas. Zwar fand der Erste Weltkrieg seine Fortsetzung auf dem afrikanischen Kontinent, wo sich etwa Deutschland und Großbritannien bekämpften. Doch sobald es um die Niederschlagung widerständiger Kolonisierter ging, arbeiteten die Erzfeinde grenzüberschreitend zusammen. Es gab einen europäischen Konsens, die afrikanische Bevölkerung im Falle eines Krieges nicht unter den Schutz der Haager Konvention stellen zu müssen. Die Regeln der Zivilisation, in deren Namen der Kontinent aufgerollt wurde, galten nicht ihnen. Eine Geschichtsschreibung des europäischen Kolonialkonsens – so unterschiedlich dieser sich konkret manifestierte – steht noch aus.

Das Thema »deutscher Kolonialismus« ist mit den beiden Heften nicht erschöpft;
weitere Einzelbeiträge sollen in den kommenden Ausgaben folgen.

iz3w, Nr. 275, März 2004:
Nicht vergeben, nicht vergessen. Deutscher Kolonialismus I

iz3w, Nr. 276, April/Mai 2004:
Eine verklärte Geschichte. Deutscher Kolonialismus II

Anticolonial Afrika Conference:
http://www.africa-anticolonial.org

Hamburg postkolonial.
Eine Veranstaltungsreihe zur deutschen Kolonialgeschichte:
http://www.hamburg-postkolonial.de

 

 

1 In Namibia selbst wurde der Konflikt allerdings »weniger gesamtgesellschaftlich als vielmehr zwischen deutschsprachigen Namibiern und den Herero geführt«, schreibt die Historikerin Susanne Kuß. »Keine Regierung Namibias hat den Widerstand der Herero und anderer ethnischer Gruppen gegen die deutschen Kolonialtruppen jemals beachtet«, wird Kuaima Riruako, Chief der Herero, zitiert. Weiterhin zelebrieren Herero und Nama getrennt ihre Gedenkveranstaltungen.
2 »Insgesamt setzte sich unter den Wissenschaftlern die Auffassung durch, dass die nationalistische Geschichtsdeutung viel zu kurz gegriffen und
konfliktträchtige Aspekte wie ethnischer Partikularismus, Lokalpolitik, Gender-Probleme und Sklaverei einfach übergangen habe«, korrigiert Susanne Kuß dieses heroische Bild.
3 Im Rezensionsteil werden hierzu drei aktuelle Publikationen über »linken
(Anti-)Amerikanismus« besprochen.