Heft 2/2005


Freund Feind

Editorial


»Freund« und »Feind« als operative Größen in der Kunst? Selten werden die Verhältnisse so deutlich beim Namen genannt, selten auch werden Feind- oder Freundbilder zu expliziten Bestandteilen künstlerischer Verfahren. Genauso wenig versucht man sich darüber zu verständigen, welche kulturellen Allianzbildungen bzw. unausgesprochenen Animositäten Grundlagen der Kunstbetrieblichkeit bilden – zumindest jener, der primär an der Verteidigung bestimmter Privilegien gelegen ist.
»Freund« und »Feind« einmal weniger als grundlegend politische, sondern vielmehr kulturbetriebliche Prinzipien? Viel ist heute wieder vom »Ausnahmezustand« die Rede als jener neuen alten politischen Realität, die Freund- und Feindschaft im fortwährenden Souveränitätsbestreben zu definieren versucht, ja die Welt nach diesen Kriterien neu aufteilt. Aber welche Resonanzen findet dies im kulturellen Feld – Resonanzen, die mehr als bloß moralisch-reaktiv sind, die sich vielmehr einer übergreifenden Räson bedienen und dem Souveränitätsansinnen entgegenarbeiten?
Die Beiträge dieses Heftes gehen dieser neuen Art von kritischer Räson auf vielfältige Weise nach, ja widmen sich explizit den Freund- und Feindschaftskonstruktionen, wie sie selbst im liberalsten Kultursektor am Werk sind. Gefragt wird nicht nur nach den Einschließungs- und Ausschließungsprinzipien im neuen Europa bzw. welche Rolle eine »Europa-freundliche« Kunst für den Integrationsprozess spielt, sondern auch, mit welchen Projektionen und Bevormundungen Szenen, die an der Schwelle zu diesem Europa stehen (etwa die türkische), zu kämpfen haben. Dass ehemals »osteuropäische« Kunst nicht alleine mit patriarchalen Zuschreibungen aus dem Westen, sondern verstärkt auch gegen innernationale Hindernisse zu kämpfen hat, wird ebenso abgehandelt wie das neu erwachte Interesse für Phänomene des »Populismus« diesseits und jenseits der alten Demarkationslinien.
Ein eigener kleiner Fokus dieses Heftes gilt der Kunstszene Beiruts. In einer Reportage vor Ort sowie einem ausführlichen Bildbeitrag des Beiruter Künstlers Akram Zaatari bildet sich eine komplexe kulturelle Gemengelage ab, die immer noch von Bedrohungsbildern aller Art gekennzeichnet ist. Auch hier stellt sich als Kernfrage: Welche Alternativen, welche Ausstiegsszenarien zum allseits beschworenen Ausnahmezustand können Kunst und Kultur anbieten? Wie hartnäckig behaupten sich Freund- und Feindbilder – gerade solche, die man längst für überwunden hielt?