Wie kann man die Arbeit von Freelancern fotografieren, wie ihre physische Zermürbung nach langjähriger Bildschirmarbeit sichtbar machen? Das fragte sich Sergio Bologna vor einigen Jahren in einem Interview.1 Während es in der fordistischen Ära eine lange Tradition der Industriefotografie gab, die die vielfältigen Formen der Ausbeutung dokumentierte, scheinen die Tätigkeiten der neuen Selbständigen visuell kaum darstellbar zu sein. Auch die Strategien und Taktiken, mit denen sie den Zwängen begegnen, die sich aus ihrem Status ergeben, sind bislang Teil einer »unsichtbaren Geschichte der Arbeit« (Bologna). Die kommunikativen, technisch-wissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Anforderungen an Freelancer sind hoch, solange ihre Erfüllung aber von den AuftraggeberInnen stillschweigend vorausgesetzt werden kann, bleiben sie quasi Privatsache.
In seinem neuen Buch »Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbständigkeit«2 versucht Sergio Bologna den selbständigen ArbeiterInnen ein Gesicht zu geben. Bologna ist seit den 1960er Jahren politisch aktiv, er gehört zu den Mitbegründern des italienischen Operaismus und hat sich immer wieder mit der sozialen Organisation der Arbeit auseinandergesetzt. Entwickelte er zunächst eine Theorie des fordistischen »Massenarbeiters«3, so verschob sich in den späten 1970er Jahren der Fokus seiner Analysen. In den Blick gerieten nun die Auswirkungen einer expandierenden Netzwerkökonomie mit atypischen Arbeitsverträgen und flexiblen Arbeitszeiten, vor allem aber das Auftauchen einer neuen Generation von »Jobbern«, deren Perspektive nicht mehr eine feste Anstellung war. Sie wollten ihre Freiheit nicht aufgeben und sahen in der fordistischen Lohnarbeit alles andere als das Versprechen eines besseren Lebens.
Damit begann für Bologna eine langjährige Untersuchung der neuen Formen selbständiger Arbeit. Seine Recherchen wurden nicht zuletzt von einem biografischen Bruch geprägt. Anfang der 1980er Jahre verlor er aus politischen Gründen seine Professur in Padua und musste sich eine neue Existenz aufbauen, er arbeitet seitdem als selbständiger Berater. Ohne diese persönliche Erfahrung wären seine Studien zu den postfordistischen Arbeitsverhältnissen sicherlich nicht in dieser Form entstanden.
In der Tradition des Operaismus und der sozialen Kämpfe der 1960er und 1970er Jahre hält Bologna in seinem aktuellen Buch daran fest, dass die selbständige Arbeit auch eine Befreiung darstellt, dass sie potenziell selbstbestimmt sein kann, kurz, dass es möglich ist, »bessere Lebensformen als jene der Lohnarbeit hervorzubringen«4. Die operaistische Perspektive unterscheidet seine Untersuchungen von den (industrie-)soziologischen Ansätzen, die es in Deutschland zum Phänomen der neuen Selbständigen gibt. Im Gegensatz zur postoperaistischen Theorie der Multitude jedoch sind Bolognas Thesen empirisch-soziologisch orientiert. Er stützt sich auf Statistiken, Interviews etc. und beschreibt ausführlich die verschiedenen Aspekte der selbständigen Arbeit.
Während die meisten soziologischen Ansätze zur neuen Selbständigkeit weiterhin vom Paradigma der Lohnarbeit ausgehen, ist für Bologna das Fundament der fordistischen Gesellschaft im Kern getroffen. Der Neoliberalismus droht die sozialen und politischen Errungenschaften der Arbeiterbewegung zunichte zu machen. Mit der Entlassung der Arbeit aus der Lohnarbeit verlieren nicht nur traditionelle Kampfformen an Bedeutung, auch das Verhältnis der Individuen zu Ausbeutung und Entfremdung verändert sich. Den selbständigen ArbeiterInnen stellt sich Ausbeutung nicht mehr ausschließlich als »äußeres« Zwangsverhältnis dar, sondern sie müssen sie teilweise der »eigenen Bereitschaft« zuschreiben. Und sie verfügen bislang nicht über Instrumente des Widerstands, die sie in eine ähnliche Machtposition versetzen könnten wie vormals die fordistischen MassenarbeiterInnen. Die neuen Arbeitsformen bringen eine derartige Veränderung in der räumlichen und zeitlichen Organisation der Arbeit mit sich, dass die Interessen der Freelancer nicht in der gewerkschaftlichen Sprache artikulierbar sind. Das Prinzip der Forderung greift angesichts ihrer Arbeitsbedingungen nicht mehr.
Aber wie ist eine Repräsentation und Organisation der oft isolierten und prekarisierten Selbständigen vorstellbar? Für Bologna sind sie kein neues »revolutionäres Subjekt«, sondern es geht, wie in der frühen Arbeiterbewegung, zunächst um Selbsthilfe, um ein »System der wechselseitigen Unterstützung«. Er wendet sich in diesem Zusammenhang auch gegen die verbreitete Vorstellung, dass der industrielle Großbetrieb gleichsam auf natürliche Weise Solidarität unter der Arbeiterschaft hervorbringe, wogegen bei den Selbständigen egoistische und individualistische Verhaltensweisen vorherrschten. Solidarische Einstellungen sind für ihn immer ein Produkt politischer Sozialisationsprozesse, sie müssen stets neu hergestellt werden.
Mit seinen Thesen zur »Zerstörung der Mittelschichten« versucht Bologna in einem sozialen Feld zu intervenieren, das die PolitikerInnen der Rechten, wie er betont, »nach wie vor als fruchtbaren Boden für ihre Parolen begreifen«5. Die Erfahrungen in Italien haben gezeigt, dass die neuen Selbständigen für den Neokonservativismus zugänglich sind; viele von ihnen unterstützten die Lega Nord und die Berlusconi-Regierung. Historische Parallelen zur Zwischenkriegszeit in Deutschland drängen sich auf, als Teile der »neuen« Mittelschichten zur Wählerschaft der Nationalsozialisten gehörten. Bologna widmet ein Kapitel seines Buches der »Analyse der selbständigen Arbeit in der Soziologie der 1920er Jahre«. Soziologen wie Emil Lederer, Theodor Geiger oder Hans Speier wandten sich damals gegen die marxistische Annahme einer Polarisierung der Gesellschaft in zwei Klassen, Proletariat und Bourgeoisie, und erforschten die Figuren der »Grauzone«: die Produktion neuer Mittelschichten und Formen der selbständigen Arbeit im Übergang zum Fordismus. Im Grunde, so Bologna, ende die Reflexion über die Thematik der selbständigen Arbeit mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus und setze erst Ende der 1970er Jahre unter umgekehrten Vorzeichen wieder ein: mit der Krise des Fordismus und der Entstehung neuer Formen selbständiger Arbeit, von den »Aussteigern« der 1970er Jahre über die neuen Selbständigen bis zum Prekariat. Er selbst ist einer der aufmerksamsten Analytiker dieses Übergangs.
Sabine Grimm/Klaus Ronneberger: Die Rede von der »Zerstörung der Mittelschichten« ist gerade in Deutschland sehr voraussetzungsvoll. Seit der Industrialisierung taucht sie hier immer wieder als bürgerlich-konservative, kulturpessimistische Argumentationsfigur auf. Sie werfen den linken Intellektuellen vor, dass sie sich bislang nicht genauer mit der Mittelklasse, das heißt auch mit der eigenen sozialen Lage, auseinandergesetzt hätten. Was hat Sie selbst dazu bewegt, die Mittelschichten ins Zentrum Ihrer Analyse zu stellen?
Sergio Bologna: Meine persönliche Erfahrung, das Zusammentreffen mit Leuten, die dieselbe berufliche Tätigkeit ausüben wie ich oder die einen vergleichbaren Lebensstil und Lebensstandard haben. Sie haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen und verfügen im Wesentlichen über die gleichen Lebens- und Berufschancen. Ich habe auf die ganze Tradition der Linken verzichten müssen. »Mittelschicht« war in dieser Tradition lange Zeit ein Schimpfwort. Später, nach der Wende der kommunistischen Parteien von klassenkämpferischen Parteien zu gemäßigten reformistischen Lobbys, sind die Mittelschichten zu einer begehrten Zielgruppe politischer Kampagnen geworden. Ihre Zustimmung und Unterstützung zu gewinnen ist mittlerweile das Hauptziel der politischen Propaganda. Im Grunde genommen handelt es sich beim Zugang der Linken zu den Mittelschichten um eine neurotisch-opportunistische Haltung. Mir hingegen geht es einfach um die Frage, wie man versteckte Formen von Ausbeutung beseitigen und Ungerechtigkeiten bekämpfen kann, in Bezug auf Fragen der Sozialversicherung, der Rentenversicherung usw. Gemäß der Tradition der Linken verdienen die Mittelschichten erst dann Solidarität, wenn sie am Ende eines Proletarisierungsprozesses angelangt sind, also erst, wenn sie verarmt sind. Mir geht es auch darum, die versteckten Sozialisierungspotenziale sichtbar zu machen, damit politisches Handeln in der heutigen Gesellschaft möglich wird und die Betroffenen in der öffentlichen Sphäre eine aktive Rolle spielen können.
Grimm/Ronneberger: Welche sozialen Gruppen umfassen die postfordistischen Mittelschichten? Sie sprechen in Ihren Thesen nicht einfach von neuer Selbständigkeit, sondern genauer von den »selbständig Arbeitenden der zweiten Generation«, im Gegensatz zu den traditionellen FreiberuflerInnen wie ÄrztInnen, ArchitektInnen oder RechtsanwältInnen. Und Sie unterscheiden zwischen selbständiger und prekärer Arbeit.
Bologna: Unser Begriff von Prekariat hat eine andere Bedeutung als der Begriff des »abgehängten Prekariats«, der momentan in Deutschland in der Debatte um die »Unterschicht« so häufig verwendet wird. Unterschiede hinsichtlich der Systeme der rechtlichen und politischen Regulierung machen es oft schwierig, bestimmte soziale Schichten in verschiedenen Ländern zu vergleichen oder sie unter denselben Begriff zu subsumieren. In Italien verfügen die traditionellen freien Berufe durch eigene Berufsverbände (Innungen, Kammern) über eine Form von Selbstregulierung. Diese bieten den Mitgliedern einen Schutz vor den Lebensrisiken und verfügen teilweise über bessere Leistungen als die allgemeine Sozialversicherung. Die Selbständigen zweiter Generation gehören zu den sogenannten »nicht reglementierten Berufen«. Die Leistungen des Sozialversicherungssystems, auf die sie Anspruch haben, sind miserabel, und das trotz der Beiträge, die sie seit fünfzehn Jahren bezahlen müssen und die von der Regierung Prodi erheblich angehoben worden sind. Sie haben keine Form von Selbstschutz – dies ist auch eine Folge ihrer Fragmentierung. Wir unterscheiden zwischen Selbständigen, die sich frei auf dem »Markt der Kompetenzen« bewegen, den Scheinselbständigen (etwa denjenigen, die für einen einzigen Auftraggeber arbeiten und ihm monatlich eine Honorarnote ausstellen) und den Jobbern, die die Prekarität als »Normalzustand« leben. Im Grunde jedoch sind alle diese Gruppen dem Risiko und der mit der Prekarisierung verbundenen Unsicherheit ausgesetzt. Typisch für die postfordistische Epoche ist das Hin und Her zwischen verschiedenen Arbeitsverhältnissen, das zur Sicherung der eigenen Existenz notwendig geworden ist: Manchmal ist man lohnabhängig Beschäftigter, dann wieder Selbständiger, dann Arbeitsloser usw. Es gibt aber eine noch schlimmere Situation, die die Revolte der französischen Jugend Anfang 2006 endlich zum Thema gemacht hat, und zwar die Situation derjenigen, die gratis arbeiten, also ihre Zeit und ihre Fähigkeiten einem Unbekannten unbezahlt zur Verfügung stellen: die PraktikantInnen. Diese Arbeitsform betrifft besonders junge Menschen mit höherer Ausbildung. Das halte ich für einen wirklich unhaltbaren Zustand. Es ist ein Zeichen des Verfalls unserer Demokratie. In Italien findet man diese Form der Ausbeutung sehr oft bei traditionellen FreiberuflerInnen: in großen Büros von RechtsanwältInnen oder ArchitektInnen, wo junge AkademikerInnen jahrelang umsonst arbeiten. Und das zeigt, wie schwierig es ist, rigide Grenzen zwischen sozialen Gruppen zu ziehen.
Grimm/Ronneberger: Bei Ihrer Beschreibung der selbständigen Arbeit wenden Sie sich immer wieder gegen eine Analogisierung mit dem Unternehmen, wie sie in den verbreiteten Redeweisen vom Mikrounternehmen, dem Ein-Personen-Unternehmen, der Ich-AG etc. zum Ausdruck kommt. »Das Unternehmen zu repräsentieren heißt, vom Erfolg zu sprechen, wogegen die Arbeit zu repräsentieren bedeutet, die mit ihr verbundenen Mühen und Schwierigkeiten sichtbar zu machen«, schreiben Sie. Tatsächlich scheint die unternehmerische Ideologie die gesellschaftliche Wahrnehmung der Arbeitsverhältnisse mittlerweile zu beherrschen, von den arbeitsmarktpolitischen Ansätzen über die Ratgeberkultur bis ins Selbstverhältnis der Individuen hinein. Welche Folgen hat diese Perspektive auf Arbeit?
Bologna: Die Symbolik ist in diesem Fall sehr wichtig, denn mit den Symbolen sind bestimmte Wertvorstellungen verbunden. Meine Thesen dazu sind sehr einfach. Meiner Meinung nach ist der Begriff des »individuellen Unternehmens« ein Unsinn, eine Absurdität. In der Wirtschaftslehre und in der europäischen Rechtslehre ist der Begriff des Unternehmens immer mit den Begriffen »Institution«, »Organisation«, »komplexe Struktur« verbunden, innerhalb derer drei verschiedene soziale Rollen besetzt werden müssen: die Rolle des Kapitalgebers, die Rolle der Betriebsführung und die Rolle der Arbeitskraft. Wenn diese drei sozialen Rollen von ein und derselben Person übernommen werden, dann haben wir kein Recht, von »Unternehmen« zu sprechen. Dabei handelt es sich um selbständige Arbeit, um Arbeit auf eigene Rechnung.
Warum aber besteht man so sehr darauf, etwas »Unternehmen« nennen zu wollen, was eigentlich »Arbeit« ist? Warum verwenden die Institute für Wirtschaftsstatistik diese Klassifikation weiterhin, deren grotesker Charakter sich spätestens dann offenbart, wenn diese Institutionen Zahlen zur Dimension der Betriebe veröffentlichen und von der »durchschnittlichen Unternehmensgröße« sprechen? Weil sich dahinter eine ideologische Operation verbirgt. Die betreffenden Subjekte werden von der symbolischen Sphäre der Arbeit in die symbolische Sphäre des Unternehmens transferiert. Vielleicht glauben manche tatsächlich, sie hätten den Sprung vom Arbeiter zum Unternehmer geschafft, sie seien vom Proletariat zur Bourgeoisie übergewechselt. In Wirklichkeit sind sie oft weder das eine noch das andere.
Grimm/Ronneberger: Mit Ihren Thesen versuchen Sie, die Realität der selbständigen Arbeit sichtbar zu machen: die spezifische Wahrnehmung von Raum und Zeit, die mit dieser einhergeht, das veränderte Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit. Zu diesem Zweck führen Sie unter anderem zwei Begriffe ein: den der »relationalen Arbeit«, die selbständig Arbeitende in das Herstellen und Aufrechterhalten von Geschäftsbeziehungen und Netzwerken investieren, und den der »Domestication des Arbeitsplatzes«. Was verstehen Sie unter »Domestication«?
Bologna: Das ist ein Begriff, der von der amerikanischen Soziologie eingeführt und in der Frauenbewegung oft verwendet wurde. Er bedeutet schlicht, dass sich die Sphäre der Arbeit und die des Privatlebens immer mehr überlagern und schließlich ineinander fließen, dass die biologischen und kulturellen Lebensrhythmen und die Arbeitsrhythmen zu einer Einheit verschmelzen, dass die Arbeitszeit nicht mehr durch Signale geregelt wird, die über Anfang und Ende bestimmen. Die verfügbaren statistischen Daten bestätigen, dass sich die Arbeitszeit generell ausdehnt. Die Ausbreitung der selbständigen Arbeit hat zu einer kräftigen Verlängerung des gesellschaftlichen Arbeitstages geführt. Zu dieser Reorganisation der Zeit haben vor allem die neuen Technologien beigetragen. Ich antworte auf Ihre Fragen, während ich in einem Flugzeug sitze, das mich von Berlin nach Mailand bringt, mit meinem Laptop auf dem Schoß. Gleich muss ich diese Arbeit unterbrechen, weil wir uns im Landeanflug befinden, doch ich werde damit fortfahren, sobald ich in den Zug gestiegen bin, der mich vom Flughafen Malpensa ins Zentrum der Stadt bringt. Dort werde ich die U-Bahn nehmen und, zu Hause angekommen, sofern ich noch Zeit zur Verfügung habe und nicht zu müde bin, werde ich meinen Computer wieder einschalten und weiter Ihre Fragen beantworten. »Domestication« bedeutet also nicht Hausarbeit oder Telearbeit, es bedeutet, dass die Arbeitsaktivitäten alle Räume des privaten Lebens einnehmen können. Die Arbeit hat keinen eigens ihrer Erledigung gewidmeten Ort mehr.
Grimm/Ronneberger: Sie haben bei Ihren empirischen Untersuchungen unter anderem Interviews mit Selbständigen geführt. Welchen Eindruck haben Sie dabei von den psychosozialen Folgen der selbständigen Arbeit gewonnen? Wie gehen die Befragten mit dem permanenten Risiko und der Unsicherheit um? Äußern sie sich dazu?
Bologna: Das ist von Person zu Person verschieden. Die Formen der selbständigen Arbeit, oder besser gesagt, die Arbeitsbiografien in der postfordistischen Epoche, gestalten sich sehr unterschiedlich. Heute kann ich ein prekär Beschäftigter an der Armutsgrenze sein, morgen ein gut verdienender Berater und übermorgen ein Arbeitsloser mit wenig Chancen auf einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Die Interviews, die ich geführt habe, betrafen fast ausschließlich Menschen mit hohen beruflichen Qualifikationen, also sogenannte Knowledge Workers. Dabei haben drei Aspekte einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, weil sie in allen Gesprächen aufgetaucht sind. Das Problem des Risikos gehört nicht dazu. Der erste Aspekt ist die Geringschätzung, mit der solche Personen in Italien bei den ersten Bewerbungsgesprächen behandelt werden, während in den USA die Betriebe förmlich in einen Wettkampf treten, um Talente und Kompetenzen in ihre Organisation aufnehmen zu können. Der zweite Aspekt ist das beinahe völlige Fehlen von politischem oder zivilem Engagement, was meistens mit der Aussage entschuldigt wird, dass dazu die Zeit fehle. Der dritte Aspekt ist der enorme Unterschied zwischen den Generationen. Diejenigen, die ihr Studium zu Beginn der 1990er Jahre abgeschlossen haben, können auf eine erfolgreiche berufliche Laufbahn zurückblicken, bei der sich Anstellungsverhältnisse und selbständige Arbeit abwechseln. Diejenigen, die mit dem Studium zu Beginn dieses Jahrtausends fertig geworden sind, haben große Schwierigkeiten beim Einstieg in den Beruf, auch wenn sie viel besser ausgebildet sind als ihre um zehn oder fünfzehn Jahre älteren KollegInnen. Da sie keine Arbeit finden und davor zurückschrecken, sich unter großem Risiko selbständig zu machen, was immer schwieriger zu sein scheint, setzen sie ihre Studien fort, machen Lehrgänge, Sprachkurse, gehen ins Ausland usw.
Grimm/Ronneberger: In Ihren Thesen weisen Sie auf den Widerspruch hin, in dem der demokratisch-liberale Mythos von der Wissensgesellschaft zur Krise des Schul- und Bildungssystems steht. Die Grundlagen der Produktion von »WissensarbeiterInnen« seien nicht mehr gegeben. Auch die Parole vom lebenslangen Lernen, einst in emanzipatorischer Absicht formuliert, hat sich mit der Kürzung der öffentlichen Bildungsausgaben zur Bringschuld jedes/r Einzelnen gewandelt, sich permanent um die eigene Fortbildung kümmern zu müssen. Wie würden Sie Ihre Forderung nach »Selbstbildung« davon abgrenzen? Wo kann diese stattfinden?
Bologna: In diesem Zusammenhang tun sich drei verschiedene Fragen auf. Die erste betrifft die »Wissensgesellschaft« und die »WissensarbeiterInnen«. Diesbezüglich hat man viel Propaganda gemacht, es sind wahre Mythen entstanden. Ist es richtig, dass die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt sich an immer spezialisierteren und Wissen verarbeitenden beruflichen Figuren orientiert? Die Antwort ist nein, man braucht sich nur irgendeine Statistik zu den am meisten nachgefragten Tätigkeiten in der modernen Gesellschaft anzuschauen. Zum Großteil handelt es sich dabei um gering qualifizierte Formen von Arbeit. Sicher vermehren sich tendenziell Figuren mit einem hohen Grad an wissenschaftlich-technischen, humanistischen oder juridischen Kenntnissen, doch repräsentieren diese keinen so hohen Anteil an der nachgefragten Arbeitskraft, dass man sagen könnte, unsere Gesellschaft sei von ihnen geprägt. Ich glaube, dass Personen, deren grundlegende Fähigkeit »relationaler« Natur ist, die gut kommunizieren können, überzeugend auftreten und sich den Dingen ohne allzu große Scheu nähern, genauso gefragt sind, auch wenn sie nicht über besondere Kenntnisse verfügen.
Eine weitere Frage ist, ob der Marktwert der angeeigneten Kompetenzen tendenziell steigt oder sinkt. Ziehen die Personen, die in Bildung investieren, die gute Unis und postgraduale Ausbildungen erfolgreich absolviert haben, daraus einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt? In den europäischen Ländern scheint leider das Gegenteil der Fall zu sein. Diejenigen, die die größten Schwierigkeiten haben, in den Arbeitsmarkt einzusteigen, sind die fertigen UniversitätsabsolventInnen. Sie sind es, die dazu gezwungen sind, gratis zu arbeiten. Eine Kassiererin, ein Lastenträger, ein Kellner, eine Callcenter-Angestellte mögen wenig verdienen, aber sie arbeiten nie gratis. Insofern scheinen die berufliche Kompetenz und die Universitätsausbildung an Wert zu verlieren. In Italien gibt es Anzeichen dafür, dass die jungen Leute mittlerweile lieber konkrete berufliche Ausbildungen machen oder technische Institute besuchen, die man mit einem Diplom abschließt, als an die Universität zu gehen, und 25 Prozent derer, die sich trotzdem immatrikulieren, werfen im zweiten Jahr das Handtuch. Das kann natürlich damit zusammenhängen, dass die Universität zumindest in Italien eher auf die Lehrenden als auf die Studierenden zugeschnitten ist, dass also das Bildungssystem als solches nicht adäquat ist. Vielleicht ist die Ursache dafür aber auch in der Qualität der Nachfrage am Arbeitsmarkt zu suchen. Wenn eine Ökonomie wie die heutige italienische nicht mehr von Innovation lebt, sondern von Renditen, also von »Unearned Income«, wie man auf Englisch sagt, dann ist es natürlich, dass die Kompetenzen einen Abwertungsprozess erfahren. Nicht mehr die Person mit bestimmten Kompetenzen zählt, sondern diejenige, die flexibler ist, opportunistischer, eher bereit, jeglichen Kompromiss einzugehen, die eigene menschliche Würde aufs Spiel zu setzen. Wie kann man dagegen ankämpfen? Gar nicht, die westliche Welt hat sich für dieses Entwicklungsmodell entschieden und – im Moment – gibt es keine soziale oder politische Kraft, die sich dagegen auflehnen will. Man kann vermeiden, von dieser Entwicklung vollkommen überrollt zu werden, das sicher, indem man etwa Netze des Selbstschutzes aufbaut. Darüber hinaus ist es wichtig, das »inoffizielle« Wissen zu nützen, all die alternativen Kompetenzen, die heute dank Internet viel leichter zugänglich sind.
Grimm/Ronneberger: Angesichts der Vereinzelung der selbständigen ArbeiterInnen ist es schwierig, sich Formen ihrer Organisation und Repräsentation vorzustellen. Sie weisen auf die Undurchführbarkeit von Streiks und ähnlichen Kampfformen hin und kommen zu dem Schluss, dass einzig ein »System der wechselseitigen Unterstützung«, vergleichbar der Selbsthilfe in der frühen Arbeiterbewegung, den Bedürfnissen der Selbständigen entspreche. Steht einem solchen Zusammenschluss nicht oft die unternehmerische Ideologie entgegen, die ja auch viele selbständig Arbeitende übernehmen, damit die eigene soziale Lage vor sich selbst und vor anderen leugnend? Wo sehen Sie Ansätze einer solchen »wechselseitigen Unterstützung«, von Netzwerken, in denen auch die eigene Situation reflektiert wird?
Bologna: Das ist richtig, es ist sehr schwer, die selbständig Arbeitenden davon zu überzeugen, sich selbst zu organisieren, ihre Interessen kollektiv zum Ausdruck zu bringen. Es ist aber nicht unmöglich. Die Erfahrung, die ich diesbezüglich gerade in Mailand mache, ist sehr interessant. Eines Tages machte mich eine Freundin, die ebenfalls als Selbständige arbeitet, auf eine Homepage – http://www.actainrete.it – aufmerksam. Als ich diese Seite aufrief, entdeckte ich, dass seit einiger Zeit eine Vereinigung von selbständig Arbeitenden bestand, die dem Buch über selbständige Arbeit, das ich vor zehn Jahren veröffentlicht habe,6 einige Anregungen und die Ermunterung zum Handeln entnommen hatten. Zum Großteil handelt es sich um Frauen, die sich entschlossen haben, unabhängig zu arbeiten, um ihre familiären Verpflichtungen oder ihre Mutterschaft mit dem Beruf vereinbaren zu können. Auch ich bin dieser Vereinigung beigetreten und nun arbeiten wir zusammen. Momentan engagieren wir uns im Kampf gegen die Steuererhöhungen der Regierung Prodi, die behauptet, den Schwächeren helfen zu wollen, in Wirklichkeit aber die Lage der atypischen ArbeiterInnen und der neuen Selbständigen verschlimmert. Wir sind auch in Konflikt mit den Gewerkschaften, vor allem mit der CGIL, dem größten Gewerkschaftsbund, der die »Atypischen« eigentlich vertreten sollte, sich in Wirklichkeit aber nur für die Kategorie der Scheinselbständigen einsetzt. Mittlerweile hat sich uns eine Gruppe in Bologna angeschlossen, die ebenfalls zum Großteil aus Frauen besteht. Einige von ihnen waren unter den GründerInnen der Gewerkschaftsteilorganisation der »Atypischen«, haben diese aber später wieder verlassen. Wir haben jetzt damit begonnen, unser Netzwerk so zu gestalten, dass jeder neue Kontakt dazu beitragen kann, unseren Diskurs komplexer zu machen. Aufgrund des hohen Anteils an weiblichen Selbständigen in dem Verein sind wir in Kontakt mit feministischen Gruppen und Aktivistinnen der Frauenbewegung getreten, mit denen wir im Dezember eine erste öffentliche Veranstaltung machen werden, um Verhandlungen mit der Kommunalverwaltung von Mailand, der Provinz und der Regionalverwaltung der Lombardei aufnehmen zu können. Die Arbeit mit diesen Gruppen hat dazu geführt, dass wir einige die Lage der Frauen betreffende Themen vertiefen konnten, zum Beispiel das Thema der »Domestication«. Wir haben uns außerdem ein wenig umgesehen und viele weitere Gruppen entdeckt, die sich aufgrund gemeinsamer beruflicher Erfahrungen gebildet haben, um die Prekarität zu bekämpfen und den Wert der Kompetenzen wiederherzustellen, etwa eine Gruppe von Freelance-JournalistInnen, die über ganz Italien verstreut arbeiten. Die Themen der Information und der Selbstbildung werden in diesem Sinn auf ganz neuer Grundlage wieder aufgegriffen. Worauf will ich mit diesen Erzählungen hinaus? Ich meine, dass ich mit dieser Gruppe von selbständig Arbeitenden, unter denen sich auch einige befinden, die bei den letzten Wahlen für Berlusconi gestimmt haben, einen Weg der Errichtung von Netzwerken beschreite, den ich auch früher schon gegangen bin, doch diesmal sind die prägenden Themen die berufliche Identität und die Kompetenzen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass meine Schriften wieder Menschen davon überzeugt haben, ihre Rechte zu verteidigen, dass sie ihnen geholfen haben, ihre eigene Lage besser zu verstehen.
Grimm/Ronneberger: Welche Bedeutung hat die Bewegung der Prekären für eine politische Artikulation der neuen Selbständigen? Wo liegen für Sie die Berührungspunkte und die Unterschiede zu Ihrer Perspektive auf die selbständige Arbeit zweiter Generation?
Bologna: Die Bewegung der AnhängerInnen des »Heiligen Prekarius« hat eine völlig andere Geschichte. Sie entsteht einerseits in den Centri Sociali, andererseits im Umfeld der »kreativeren« Gruppen der Autonomenbewegung und des jugendlichen Proletariats. Diese Bewegung hat um sich herum rasch das ganze Spektrum der radikalen, neo- und postkommunistischen Bewegungen versammelt. Der PRC, die Partei der Kommunistischen Neugründung, hat sich auf diese Bewegung draufgesetzt und wird sie unter Umständen in ihre Strukturen integrieren. Bei den letzten Wahlen sind wichtige Persönlichkeiten aus der Bewegung der autonomen Zentren auf der Liste des PRC ins Parlament gewählt worden. Einer, der über viele Jahre die repräsentative Figur des Centro Sociale Leoncavallo in Mailand war, ist sogar stellvertretender Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses für Fragen der Justiz geworden. Ich würde sagen, die Bewegung der AnhängerInnen des Hl. Prekarius ist sehr politisiert, und einen wichtigen Bestandteil dieser Bewegung bilden Leute, die im öffentlichen Sektor arbeiten: prekär Beschäftigte in Schulen, in Spitälern, in der Gemeindeverwaltung. Diese wollen eine unbefristete Anstellung. Die Gruppen hingegen, mit denen ich im Moment arbeite, bestehen aus Personen, die keine besondere politische Orientierung haben. Sie werden aus einem Gefühl des Selbstschutzes heraus tätig, da sie der Gefahr der individuellen Isolation entgehen wollen, sie gehören zu den »normalen« städtischen Mittelschichten, auch wenn unter ihnen etwa ältere Personen sind, die an der 68er-Bewegung teilgenommen haben. Die individuellen Geschichten sind wie immer sehr interessant und zeugen besser als jeder theoretische Diskurs von den tiefen Transformationen, die sich zurzeit abspielen. Die Politik und die Medien sind davon meilenweit entfernt. Vor allem die Realitätsferne der Linken löst in mir immer wieder Befremden und Ärger aus. Die seit Juni amtierende Regierung Prodi ist dafür der beste Beweis. Es ist eine Regierung, die zwanzig Jahre Reflexion über die Transformation der Arbeitswelt und den Postfordismus einfach ausgelöscht hat. Wir sind wirklich um zwanzig Jahre zurückgefallen. Wenn die Rechte von Berlusconi und Fini kompakter agieren würde, dann könnte sie diese Situation für sich nützen, doch im Moment scheinen sie nicht dazu fähig zu sein. Wer weiß, ob aus dieser tiefen Krise der Politik, aus dem Misstrauen, das gegenüber den beiden politischen Polen herrscht, nicht eine neue Phase des Erwachens der Zivilgesellschaft entstehen kann, und dann werden die Selbständigen zweiter Generation sicher nicht fehlen.
Übersetzt von Klaus Neundlinger
1 Vgl. »No Past? No!« Ein Interview mit dem italienischen Postfordismusanalytiker Sergio Bologna, in: springerin, Heft 4/2001, S. 22.
2 Sergio Bologna, Die Zerstörung der Mittelschichten.
Thesen zur Neuen Selbständigkeit, Graz 2006.
3 Vgl. S. Bologna/M. Cacciari, Zusammensetzung der Arbeiterklasse und Organisationsfrage, Berlin 1973; S. Bologna/F. Ciafaloni/P. Bolzani, Techniker als Produzenten und als Produkt, Berlin 1972.
4 Bologna, Die Zerstörung der Mittelschichten, S. 23.
5 Ebd., S. 7.
6 Sergio Bologna/Andrea Fumagalli, Il lavoro autonomo di seconda generazione. Scenari del posfordismo in Italia, Mailand 1997.