Heft 3/2007 - Artscribe


___ fabrics interseason (Wally Salner & Johannes Schweiger)

»DÖBLING REFORM: panier und biobourgeoisie«

19. April 2007 bis 16. Juni 2007
Grazer Kunstverein / Graz

Text: Christian Egger


Graz. Die Polemik des Pressetextes ist eine willkommene klare: Um eine Döbling-Reform handle es sich hier, Bobo-Phänomene würden angesprochen und skizziert, ganz Wien machte nun in Mode, eine stete Einflussnahme und Ausbreitung der Biobourgeoisie sei zu verspüren, während die aufmerksamen wie in den transzendenten Sphären des Zeitgeschmacks kritisch forschenden ___fabrics interseason es dann vielleicht schon eher mit dem traditionsreichen Wiener Modeatelier Knize und dessen stimmigen Credo: »Die unausweichliche Frage nach dem eigen Stil beginnt mit der Überwindung der Mode!« zu halten scheinen.
In ihrer außergewöhnlichen Praxis als Modelabel bereits nie an Mode als Selbstzweck und Repräsentationsfeld des schönen Scheins interessiert, sondern sie stets als offenes Vehikel für soziale und gesellschaftliche Fragestellungen produktiv nützend, die Grenzen von Sinn und Form dabei provozierend weitend, beweist die Ausstellung im Grazer Kunstverein, wie sehr die darin gezeigten Objekte bei gleichzeitiger Wahrung ihrer auratischen Kunstfunktion einer kaum thematisierten gesellschaftlichen Dynamik außerhalb – nennen wir es beispielsweise Döbling – ihren Diskurssprit tanken.
Das Springbrunnenmodel »wellness« mit umgekehrter Fließrichtung, die Teppiche aus den Stoffresten ihrer Kollektionen »surface.tapisserie N°1«, die sie in Zusammenarbeit mit dem Architekten Robert Gassner entwickelten und modifizierten Spinde namens »SCHRÄNKE«, die bunten transparenten Paravants, das Eierbecher-Pappstelenensemble »Akropolis, modern vögeln – getrennte Schlafzimmer« die vor Retro-Chic-Vorwürfen durch Hässlichkeit gefeiten Tapeten, die gerahmten an der Wand lehnenden und »MODULE« genannten monochromen Gemälde aus handgebeiztem Bast: Sie gehen in den Altbauräumen des Kunstvereins als Post-Minimal-Ausstellung genauso durch wie sie vordergründig als sehr übertrieben hippe geschmäcklerische Wohnungseinrichtung funktionieren könnten.
»Es stecke nicht wenig Snobismus und krankhafter Prestigesucht im Verhalten der noblen Leute von Boston, die in ihre Fenster Glassscheiben mit veilchenblauen Schimmer eingesetzt haben, sie seien sehr stolz auf diesen von einem Gussfehler herrührenden Schimmer, weil diese Ladung minderwertigen Glases vor mehr als drei Jahrhunderten aus England nach Amerika verschifft wurde.« Zitiert der diesjährig verstorbene Jean Baudrillard in seinem Frühwerk »Das System der Dinge« von 1968 Vance Packard, und beschreibt darin weiterführend das Phänomen des nach höheren Gesellschaftsschichten strebenden Vorstädters, der seinen neuren Reichtum im Erwerb antiker Möbel manifestiert, »es sei der gleiche private Imperialismus, der um sich herum ein funktionell domestiziertes Milieu und die domestizierten Zeichen der Vergangenheit einrichtet, Objekt-Ahnen sakraler Bedeutung, die hier entweiht werden und von denen man dennoch erwartet, dass sie ihre Sakralität (oder Historizität) in einer entwurzelten Häuslichkeit aufscheinen lassen.«
Entlang dieser Fragen, wie sich eine junge, sexy aufstrebende (leider) Mehrheit heute ihre Wohnoberflächen kreiert und Häuslichkeit samt postmodern gebrochener Privatismen organisiert , kontern ____fabrics interseason mit durchdachten »Gimmicks «, die bei eingehender Betrachtung – sich selbst lustvoll zu opponieren vermögen, die den Überlegungen von Eigentlichkeit, Unverstelltheit und Souveränität Rechnung tragen und durch dieses aktive Benennen einer realexistierenden Negativutopie Plätze und Entwürfe des unmöglich Scheinenden öffnen. Als würde erst die Abwesenheit des nicht 1:1 gezeigten Bobotempels die unzähligen und oberflächigen Schwachpunkte des darin vorherrschenden, aus Prestigeeifer schnell zusammengekauften Interieurs unterstreichen und der bitteren Erkenntnis, dass die Wohnkatastrophe schon geschehen ist und nicht erst kommt, den Weg ebnen, dennoch werden Alternativen aufgezeigt – ein genereller und sympathischer Zug der ___fabrics in ihrem Wirken.