Heft 4/2017 - Global Limits


Alternativer Realismus

Interview mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler McKenzie Wark über die sozialen Herausforderungen des Anthropozäns

Pascal Jurt


Der an der New Yorker New School lehrende Kultur- und Medienwissenschaftler McKenzie Wark ist in der Vergangenheit schon mit äußerst produktiven Büchern zum Situationismus, einer Gamer Theory und einem Hacker Manifesto aufgefallen. Nun hat er in seinem vor Kurzem auf Deutsch erschienenen Buch Molekulares Rot. Theorie für das Anthropozän eine der avanciertesten Theorien zum Anthropozän und zum Klimawandel vorgelegt. Es geht ihm um eine Neuformulierung kritischen Denkens und anstatt eines spekulativen um einen alternativen Realismus: „einen, der nahe an der gemeinschaftlichen Arbeit des Wissens und des Tuns bleibt. Einen, der gegenüber pluralen, sich mit einer anderen Geschichte befassenden Narrativen offen ist. Einen Realismus, der sich anhand vergangener Erfahrungen ausbildet, aber nicht darauf beschränkt ist.“
Die beiden russischen Revolutionäre und Autoren Alexander Bogdanow und Andrej Platonow sowie die Cyborg- und Technowissenschaftsexpertin Donna Haraway sowie der Sci-Fi-Autor Kim Stanley Robinson (aber auch Paul Feyerabend und Karen Barad) sind seine Gewährsleute, mit denen er einen Realismus der Arbeit, der Praxis, des Apparats und der Infrastruktur wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken versucht.
Fernab von retrograder Nostalgie schafft Wark es, durch seinen unorthodoxen Umgang mit dem Archiv neue Zusammenhänge aufzuzeigen und produktiv zu machen. Im scheinbar Abgelebten und Überwundenen findet er Widerstandspotenziale und macht diese für das Hier und Jetzt fruchtbar.

Pascal Jurt: Ihr Buch Molekulares Rot trägt den Untertitel „Theorie für das Anthropozän“. Sie beziehen sich darin auf Marxisten wie Alexander Bogdanow und Andrej Platonov, aber auch auf die Cyberfeministin Donna Haraway und Sci-Fi-Autoren wie Kim Stanley Robinson. Warum sollten Marxismus und Science-Fiction ein produktives Mittel zur Bewältigung der Möglichkeit einer drohenden Umweltkatastrophe bieten?

McKenzie Wark: Ich wollte die Traditionslinie der Kritischen Theorie wiederbeleben, die auf Arbeit und Technik fokussiert ist und sich sowohl mit Wissenschaft wie auch dem spekulativen Schreiben über Wissenschaft verbinden lässt. Es gibt hier zwei Ansätze, die sich meiner Meinung nach ergänzen und gegenseitig korrigieren. Der eine besteht im Nachdenken über die Wissenschaft, jedoch nicht in Bezug auf ihre Ergebnisse, sondern in Bezug auf ihre Verfahren. Wissenschaft ist eine besondere Form von Arbeit in der Welt. Der andere besteht im Nachdenken über die Möglichkeiten, die Arbeit eröffnet, sowohl im Hinblick auf ihre Gefahren als auch ihre Versprechungen. Spekulatives Schreiben, einschließlich der Science-Fiction, ist sehr hilfreich für dieses Vorhaben.

Jurt: Ihre Gedanken über das Anthropozän unterscheiden sich von klassischen liberalen Reflexionen eines Bruno Latour.

Wark: Wo ich mich – in der Tat – von Latour unterscheide, ist in der Sichtweise von Wissenschaft und Technik als entscheidenden Formen von Arbeit. Ich denke, es ist wichtig zu versuchen, die Sicht der beteiligten Wissenschaften einzunehmen.

Jurt: Im Zentrum von Molekulares Rot steht der Philosoph und Wissenschaftler Alexander Bogdanow und die von ihm erdachte und „Tektologie“ benannte Organisationswissenschaft. Sie schlagen eine Art marxistische „neue Tektologie“ vor, die der Klimawissenschaft ähnlich sein sollte, die Sie als Metawissenschaft betrachten.

Wark: Marxistisches Gedankengut wird heute oft als ein Zweig der Philosophie, der politischen Theorie oder des ökonomischen Denkens behandelt. Ich wollte zeigen, dass es einen weit weniger bekannten Strang gibt, der von den Naturwissenschaften lernen wollte, anstatt sie zu ignorieren oder schlimmer noch, sie gesetzlich zu regulieren. Bogdanow ist eine faszinierende vernachlässigte Figur. Er ist ein früher Befürworter des systemischen Denkens. Er begriff früh, dass die Koordination verschiedener Arten von Arbeit und Wissen ein großes Problem darstellt – vielleicht sogar noch mehr als die Verarbeitung individuellen Wissens.

Jurt: Eine weitere Referenz ist Platonow, der Theorie durch Strategien der Fantasie wie auch der Entbehrung plastisch werden ließ. Bogdanows Empirismus und Positivismus scheinen sich von Platonows „negativer Dialektik“ deutlich zu unterscheiden. Wo sehen Sie die Verbindungen zwischen den beiden?

Wark: Bogdanow initiierte die Proletkult-Bewegung kurz vor der Oktoberrevolution (zu der er, wie die meisten MarxistInnen dieser Zeit, in Opposition stand). Der Proletkult wollte herausfinden, wie Arbeit nicht nur sich selbst organisieren kann, sondern auch den gesamten sozialen und natürlichen Metabolismus, in dem wir leben. Platonow war ebenfalls Mitglied einer Proletkult-Gruppe. Er gab das Schreiben für eine Weile auf, um im Bereich der Strom- und Wasserversorgung zu arbeiten. Er hatte eine viel realistischere – aus der Praxis geborene – Sicht darauf, wie schwierig die Organisation von Arbeit und Wissen ist. Er ist wirklich ein Schriftsteller unserer Zeit, ein Schriftsteller für das Anthropozän.

Jurt: Würden Sie sich selbst als Kommunisten bezeichnen?

Wark: Ich würde sagen, ich bin ein „Akommunist“, so wie man sich auch als Atheisten bezeichnet. Ein Atheist weiß, dass es keinen Gott gibt, aber der Begriff ist in Bezug auf diese Nichtexistenz definiert. Auf dieselbe Weise kann man ein Akommunist sein: Der Kommunismus existiert nicht, aber dennoch ist man in Bezug auf diese Unmöglichkeit definiert. Es ist mittlerweile jedoch völlig klar, dass der Kapitalismus noch unmöglicher ist. Es ist nur sein Todestrieb, der ihn auf sein Ende zurasen lässt – und uns dabei mitnimmt. Wir brauchen also etwas anderes. Vielleicht etwas, das aus den Fragmenten dieser Unmöglichkeiten gemacht ist. Wir können jetzt sofort mit dem Aufbau einer neuen Zivilisation beginnen, inmitten der Ruinen der alten. Denn die, die wir alle kennen, wird es nicht mehr lange machen.

Jurt: Neben Bogdanow und Platonow beziehen Sie sich auch auf Donna Haraway und Kim Stanley Robinson. Warum ausgerechnet auf die beiden?

Wark: Das Buch hat zwei Teile. Im ersten geht es um eine Zivilisation, die gescheitert ist: die sowjetische Zivilisation. Der zweite Teil handelt von einer anderen Zivilisation, die scheitern wird: die amerikanische Zivilisation. Es ist nicht die alte Geschichte des Kalten Kriegs, den wir gewonnen und die anderen verloren haben. Es ist eine Geschichte darüber, in welcher Weise die Sowjetunion gescheitert ist – und da wir gerade dabei sind, ebenfalls zu versagen, könnten wir aus ihrem Versagen lernen. Sowohl die sowjetische als auch amerikanische Zivilisationen wurden in einem noch nie da gewesenen Maßstab errichtet. Das könnten jetzt Lehrbeispiele für uns sein, wo wir uns Problemen mit noch viel immenseren Dimensionen gegenübersehen.
Beim Schreiben des Buchs hat mich interessiert, wie man diese Dinge sowohl anhand von Konzepten wie auch anhand von Geschichten reflektieren kann. Es handelt sich dabei um zwei Arten des spekulativen Schreibens. Ich denke, die interessantesten Versionen des spekulativen Nachdenkens über das Problem eines natürlichen sozialen Metabolismus in unserer Zeit findet man eben bei Bogdanow und Platonow. Sie bieten zwei verschiedene Versionen, die eine deutlich optimistischer als die andere, wie soziale Arbeit eine Welt für sich selbst organisieren könnte. Bogdanow wurde sozusagen aus der sowjetischen Geschichte eliminiert. Dass Lenin ihn immer als Konkurrenten betrachtete, machte die Situation für ihn nicht gerade einfacher. Und Platonows Hauptwerke waren selbst zu seinen Lebzeiten nicht bekannt. Bogdanow und Platonow sind beide Verlierer einer Zivilisation, die selbst wiederum besiegt wurde.
Aber mich interessierte, wo ihre Ideen heute trotzdem noch ein Echo finden. Dazu wählte ich zwei KalifornierInnen, die – wie mir scheint – zeitgenössisch wiederbelebt haben, wie das spekulative Schreiben dazu beitragen kann, die Welt anders zu organisieren.

Jurt: Inwiefern unterscheidet sich Ihre Arbeit von Begriffen wie „Capitalocene“, Donna Haraways „Chthulucene“ oder Timothy Mortons „Ökologie ohne Natur“?

Wark: Ich denke, es war sinnvoll, dass Tim Morton die Konzepte von Ökologie und Natur voneinander getrennt hat, da sie nicht dasselbe sind. Aber ich bewegte mich in die andere Richtung: Natur ohne Ökologie. Wenn wir unter Ökologie Homöostase oder Kreislauf verstehen, dann ist der Begriff zu verwerfen. Die natürliche Welt ist nicht wie ein Markt organisiert, der ein Gleichgewicht sucht, obwohl alle Metaphern der Ökologie uns das glauben machen möchten. Die Unmöglichkeit des Gleichgewichts ist es, der man sich stellen muss. Mein Einwand gegen den Begriff „Capitalocene“ ist zunächst einmal, dass ich ihn ein wenig arrogant finde. Denn die Geowissenschaften entdeckten das Anthropozän, und daher haben sie meiner Meinung nach auch das Vorrecht, ihm einen Namen zu geben. Es stimmt schon, dass der Kapitalismus das Problem ist. Aber selbst wenn der Kapitalismus morgen enden würde, hätten wir immer noch das Problem, sieben Milliarden Menschen füttern und beherbergen zu müssen, ohne den Planeten in einen rasenden metabolischen Bruch zu stürzen. Ich bin – in einigen Dingen – näher an Donna Haraway; ich schätze die Arbeit, die sie mit dem Konzept des „Chthulucene“ vorangetrieben hat, aber ich selbst wollte der Frage nach der Arbeit näherkommen. Wie kann eine zukunftsorientierte Organisation des menschlichen Lebens im Verbund mit allen anderen Formen nicht-menschlichen Lebens aussehen, wo wir doch alle unwiderruflich mit verschiedensten Technologien verwoben sind? Für mich ist der Standpunkt der Arbeit der Ausgangspunkt. Wie können wir verschiedenste Arten von Arbeit als Kollaboration mit der Erde organisieren?

Jurt: Sie propagieren eine „low theory“, die alle gesellschaftlichen Verhältnisse vom Standpunkt der Arbeit aus denkt, also eine molekulare Theorie und keine molare „high theory“. Sie sind auch sehr kritisch gegenüber einer „hypocritical theory“, in der bourgeoise Großmeister, die die „liebreizenden Dinge“ ihrer Klasse lieben, nicht mehr „über die Arbeiter sprechen“, sondern „nur mit den Repräsentanten verhandeln wollen“. Einige Rezensionen kritisierten diesen Antagonismus, der für eine komplexe Analyse der Gesellschaft als zu einfach erachtet wird. Warum brauchen wir diesen Antagonismus?

Wark: Eine der beliebtesten Ausreden der „high theory“ ist es zu behaupten, alles sei viel komplizierter. Das ist eine große Verteidigung der bestehenden Ordnung. Die Kritische Theorie, wie sie an der Universität und insbesondere in Deutschland praktiziert wird, ist im Wesentlichen bourgeois. Wenn wir irgendetwas im Anthropozän voranbringen wollen, brauchen wir eine andere Art der Theoriebildung. Eine, die vereinfachende Annahmen macht, um Zeit zu sparen und mit der Tagesordnung voranzukommen.

Jurt: Sie fordern einen „alternativen Realismus“, einen, der nahe an der gemeinschaftlichen Arbeit des Wissens und des Tuns angesiedelt ist. Wie kann dieser alternative Realismus angesichts der sehr realen Bedrohung des Klimawandels nicht als Eskapismus wahrgenommen werden?

Wark: Ich sehe hier keinerlei Widerspruch. Ein Realismus, der die organisierte soziale Tätigkeit als seinen Gegenstand und sein Medium wahrnimmt, ist genau das, was man braucht, um zu begreifen, wie eine politische Ökonomie, die auf Ausbeutung und der ständig wachsenden Produktion von Tauschwert basiert, ihre eigenen Existenzbedingungen zerstört. Aber man gibt uns auf zunehmend aggressive Weise zu verstehen, dass es keine andere Realität außerhalb des Tauschwerts geben kann. Man muss aber darauf bestehen, wie unwirklich eine solche politische Ökonomie tatsächlich ist. Sie wird der Welt einfach nicht gerecht. Spekulatives Denken ist nicht das Gegenteil von Realismus, vor allem nicht in einer Gesellschaft, die vorgibt, „real“ zu sein, es aber nicht wirklich ist. Man braucht schon einen spekulativen Ansatz, um die wirklichen Komponenten der Welt zu finden, die in dem amputierten Realismus, der rein durch den Tauschwert reguliert wird, keinen Platz haben.

Jurt: „Das Anthropozän besteht aus einer Reihe metabolischer Brüche, bei denen ein Molekül nach dem anderen durch Arbeit und Technik extrahiert wird, um den Menschen mit Dingen zu versorgen, aber die Abfallprodukte kehren nicht zurück, damit sich der Kreislauf erneuern kann. Die Böden verarmen, die Meere ziehen sich zurück, das Klima wandelt sich, der nordpazifische Wirbel wird größer: eine Welt in Flammen“, schreiben Sie. Was heißt das und was für Konsequenzen müssen wir daraus ziehen?

Wark: Zuerst einmal müssen wir offen sein für das, was die Geowissenschaften zu sagen haben – anstatt sie vorschnell zu kritisieren, als ob wir es in anderen Forschungsfeldern besser wüssten. Es ist merkwürdig, dass die Wissenschaftsphilosophie zwar viel über Physik zu sagen hat, aber kaum etwas über die Geowissenschaften. Was die Fortschritte in den Geowissenschaften für andere Wissensgebiete bedeuten können, sollte ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Aber man kann sich damit nicht zufriedengeben. Und hier stoßen wir auch auf Dinge, für die die Naturwissenschaften nicht geschaffen sind. Nämlich danach zu fragen, was das für den sozialen, politischen oder kulturellen Wandel bedeutet. Das Ausmaß an Transformation, den all unsere soziotechnischen Systeme durchmachen müssen, ist wirklich atemberaubend. Also sollten wir uns dem fügen und überlegen, was die Fortschritte in anderen Wissensgebieten für uns bedeuten. Alle Arten von Wissen und Arbeit sollten sich einer gemeinsamen Aufgabe widmen, anstatt nur darauf zu achten, was es ihrer eigenen Disziplin bringt. Wir brauchen eine Revolution der Wissensproduktion und -organisation.

Jurt: Können Sie den Begriff des „metabolischen Bruchs“ noch ein wenig konkreter fassen?

Wark: Ich habe den Begriff von John Bellamy Foster. Wir sind es gewohnt, unsere eigenen Körper als Metabolismen zu denken. Man kann die Metapher erweitern, um den gesamten Prozess sozialen und natürlichen Lebens einzubeziehen. Es geht darum, davon wegzukommen, die Natur als etwas Abgetrenntes oder Äußeres, als „Umgebung“ oder Hintergrund wahrzunehmen. Man kann das als „sozionatürlichen Prozess“ auffassen, der sehr instabil ist. Es kann nun nicht mehr davon ausgegangen werden, dass ein Gleichgewicht zurückkehren würde, wenn wir Menschen ab jetzt nicht mehr in die Natur eingreifen würden. Das ist wohl für immer unmöglich geworden. Für diese Erkenntnis steht der Begriff Anthropozän.

Jurt: Was ist die „Kohlenstoffbefreiungsfront“ – jener Protagonist, den Sie in Ihrem Buch als Feind einführen? Warum bekommt dieser Bösewicht so einen positiven Namen?

Wark: Das ist Ironie. Von all den großen Befreiungsbewegungen der Moderne ist die Einzige, die nachhaltig erfolgreich war, eine, die weder eine Klasse noch ein Geschlecht noch eine unterdrückte Nation befreite. Es ist eine, die ein bestimmtes Element befreite – Kohlenstoff, oder eher Kohlenstoffverbindungen – auf dass diese freie Anarchisten in der Biosphäre sein können!

Jurt: In jüngster Zeit entstanden an unterschiedlichen Orten Theorien, die in der Beschleunigung einen Ausweg aus dem Kapitalismus sehen. Was halten Sie davon?

Wark: Es scheint da eine vorsätzliche Unwissenheit zu geben. Was die Naturwissenschaften angeht, so sollte man vor allem den Geowissenschaften mehr Beachtung schenken. Und die Nachrichten aus diesem Bereich sind nicht gerade ermutigend. Man kann nicht einfach so tun, als ob nichts wäre, und zu einer altmodischen Idee der Beschleunigung der Maschinen zurückkehren. Trotzdem bin ich kein Romantiker. Ich denke, dass wir auf jeden Fall neue Technologien brauchen. Wir brauchen Lösungen, die der Dimension des Problems gerecht werden. Kim Stanley Robinson meint, dass die Anstrengungen, durch den Engpass des Anthropozäns zu kommen, den sozialen, technischen und kulturellen Wandel beschleunigen könnten. Ich bin nicht so optimistisch. Aber versuchen sollten wir es trotzdem.

McKenzie Warks Molekulares Rot. Theorie für das Anthropozän ist 2017, übersetzt von Dirk Höfer, bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.