Heft 4/2017 - Global Limits


Empathiemaschinen

Neue Organe für den Ökokörper?

Brian Holmes


Du bist traurig, du bist wütend, du bist nicht mehr ganz jung, und das Klima geht jeden Tag ein wenig mehr vor die Hunde. Also schaust du in den Spiegel und denkst: „Vielleicht ist es Zeit, ein Pixel zu adoptieren.“ Glücklicherweise kannst du gerade eines umsonst kriegen, und zwar direkt von der zuständigen US-Behörde, der United States Geological Survey (USGS). Es kommt vom Sensor eines LandSat-Satelliten, der ihn aus dem Weltall auf die Erde beamt. Dein Pixel ist ein Abgesandter des Planeten Erde: Es entspricht einem bestimmten, etwa 30 mal 30 Meter großen Teil seines Territoriums. Auf dem Monitor erscheint es als winziger, nahezu unsichtbarer Punkt in einer wissenschaftlichen Datenlandschaft: der kleinste Repräsentant von allen. Das Problem ist, dass es eine Waise ist, ein Niemand, ohne Persönlichkeit, ohne Eigenschaften. Und es besitzt lediglich einen generischen Namen (städtisches Gebiet, landwirtschaftliches Gebiet, Waldgebiet, Sumpfgebiet etc.). Um so ein Pixel zu adoptieren, muss man einfach ein beliebiges Fleckchen Erde mit einem GPS-fähigen Smartphone markieren und die Kamera auf die eigenen Füße richten. Klick. Dann dreht man sich nach Süden, Osten, Norden, Westen und macht jedes Mal ein Foto. Zum Schluss richtet man den Blick nach oben auf die Position des Satelliten. Ein erneuter Klick. Dann schickt man diese Bilder zurück zur USGS, und der Feedback-Loop ist komplett. Dein kleines Pixel ist erwachsen geworden: Es weiß, was es ist, wo es ist, wer es ist. Und du hast ein wenig „Ground Truth“ zur Geowissenschaft beigetragen.1 Indem du Teil der Fernerkundungsmaschine wirst, hilfst du, abstrakte Informationen zu verorten, sie zu einer fühlbaren Realität zu machen, die irgendwann vielleicht tatsächlich einmal jemandem etwas bedeuten wird.
Auf diese Weise habe ich eine Beziehung mit den Pixeln der Umweltwissenschaften entwickelt. Und zwar nicht nur mit solchen, die ich mir von einer beliebigen USGS-Webseite geborgt habe, sondern vor allem mit jenen, die sich in schwindelerregender Vielfalt auf geografischen Bildern aus öffentlichen Forschungseinrichtungen auf der ganzen Erde finden lassen. Seit 2016 arbeite ich an einer Karte der Wasserscheiden des Mississippi und der Großen Seen, deren Scheidelinie durch meine Heimatstadt Chicago läuft. Ich habe dieses Projekt Living Rivers genannt und dafür wie wild Pixel adoptiert, sie zu ästhetischen Formen zusammengesetzt und, wenn möglich, durch Exkursionen im Mittleren Westen mit „Ground Truth“ versehen.2 All das in der Hoffnung, dass dieser künstlerische Prozess dazu beiträgt, die Menschen ein wenig zu sensibilisieren: für die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, und den Boden unter unseren Füßen. Für die neue politische Ökologie sind Karten entscheidende Wahrnehmungsinstrumente, denn sie sind nach außen gerichtet, weisen über sich hinaus, über uns hinaus, auf das Gelände. Sie stehen für etwas, simulieren nicht, verstecken sich nicht, versuchen nicht einmal, sich zu verstellen (auch wenn ihre WidersacherInnen sie stets der Lüge bezichtigen werden). Sie repräsentieren die biochemischen Zyklen von Gaia in Größenordnungen, die vom Mikrokosmischen bis zum Makrokosmischen reichen. Und sie bitten darum, dass wir uns mit diesen biogeochemischen Zyklen befassen, als wären sie Teil unseres eigenen Stoffwechsels.
In den Fragen zu diesem Projekt geht es um komplexe Wissensstrukturen, die durch ästhetische Formen vermittelt und durch politische Konflikte gestört werden. Gleichzeitig sind es sehr persönliche Fragen. Was ist ökologische Empathie? Wie stellen Menschen eine Verbindung zwischen Welten her, die über ihre eigene Wahrnehmung hinausgehen? Wann gehen einem Repräsentantinnen der Erde unter die Haut?
Living Rivers erforscht vier grundlegende Kategorien territorialer Erfahrung. Biome – typische Lebensräume, in denen Pflanzen, Tiere, pilzartige und bakterielle Spezies sich zu erkennbaren Konstellationen zusammenfinden, die deutlich geprägt sind durch besondere Geländeformen und Wasserführungen. Anthrome oder anthropogene Biome – weiträumige, durch gewaltsames Eingreifen simplifizierte und durch den Menschen und seine Maschinen manipulierte Ökosysteme (beispielsweise die endlosen Soja-Anthrome des Mittleren Westens, wo ich lebe). Kriege – Krisenherde, an denen der Übergriff des Menschen auf das, was man einst als Natur bezeichnete, explosive Ausmaße annimmt. Und schließlich Visionen – sie entspringen der Anwendung unserer expressiven Handlungsfähigkeiten, überfluten die Subjekt/Objekt-Trennlinie und führen durch die Begegnung mit menschlichen wie nicht-menschlichen anderen zu neuen Formen expressiven Handelns.
Die Vermessung der Wasserscheiden des Mississippi und der Großen Seen geschah in Zusammenarbeit mit einem anderen Kartografieprojekt: Ríos Vivos von Alejandro Meitin von der argentinischen Gruppe Ala Plástica.3 Meitins Forschungsgegenstand sind die prekären Lebensbedingungen im Paraguay-Paraná-Flussbecken in den letzten 25 Jahren. Er arbeitet im Kontext der sich verändernden Wasserläufe, ihrer Feuchtgebiete und Mündungssysteme, die ebenfalls von einem expandierenden Mais-Soja-Anthrom umgeben sind, mit BewohnerInnen der Inseldörfer, UmweltaktivistInnen, WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen zusammen. Unsere parallelen Fragestellungen haben wir im Rahmen eines Ausstellungsprojekts mit dem Titel The Earth Will Not Abide erarbeitet, das unter anderem Arbeiten von Ryan Griffis, Sarah Ross, Claire Pentecost und Sarah Lewison enthält.4 In dem Projekt geht es um den oft verheerenden Fußabdruck der industriellen Landwirtschaft Nord- und Südamerikas. Darüber hinaus wirft es einen Blick auf den bäuerlichen Widerstand im neuen Zentrum der globalen Wirtschaftsentwicklung, das nicht ganz zufällig auch der größte Markt der Welt für gentechnisch verändertes Getreide ist: China.
Das Erstellen der Karte im Sommer und Herbst 2016 war eine sehr interessante Erfahrung für mich, denn noch während meiner Arbeit wuchs der Protest gegen die Dakota Access Pipeline. Die „schwarze Schlange“ der DAPL schlängelte sich durch den oberen Mittleren Westen und schlug ihre Giftzähne in das Erdölverteilerzentrum von Patoka im Süden von Illinois. Durch die Rufe in den Straßen, die Bilder in den Zeitungen, die Videos im Netz und die Geschichten von Reisenden aus North Dakota hörte und spürte man förmlich den Schmerz der amerikanischen UreinwohnerInnen. „Wasser ist Leben!“, ertönte es immer wieder aus den Sprechchören. Und zeitgleich zu dem wachsenden Protest gegen DAPL verlief der noch giftigere Wahlkampf von Donald Trump. Die Welten, die ich auf der Karte zu veranschaulichen suchte, waren genau diejenigen, die er aus allen Überlegungen verbannen wollte. Trumps Leute vertraten die Ansicht, die Satelliten der NASA sollten auf den Weltraum ausgerichtet sein, nicht auf die Erde.5 Seine Regierung ist ein direkter Angriff auf die Wahrnehmungsorgane unserer Zivilisation. Ich hatte das Gefühl, mir würden die Augen herausgerissen. Wieso passieren diese beiden Dinge gleichzeitig? Wie kommt es, dass Liebe und Hass sich derart überschneiden?

Emo-Kriege
Die jüngste Version der Empathietheorie kommt aus einer eher unerwarteten Ecke – dem führenden EU-Berater für die neuen Technologien der dritten industriellen Revolution:6 Jeremy Rifkin, ein bekannter Autor und angesehener Professor der Wharton Business School, ist amerikanischer „Gegenkulturalist“ und ein Kind der 1960er-Jahre. Er stammt von der Ostküste, nicht aus Kalifornien – man kann ihn sich also als eine Hardcoreversion des Hippie-Entrepreneurs Steward Brand vorstellen. Das Ideenpaket, das Rifkin den EurokratInnen verkauft, ist wirklich sehr simpel. Man ersetze den kommerziell-militärischen Ölkomplex durch erneuerbare Energien, entwickle ein intelligentes Stromnetz zur Versorgung kleinräumig verteilter Produktion, fördere mittels der neuesten computergestützten Logistik einen gleichberechtigten Austausch zwischen den entsprechenden ProduzentInnen und nutze die Märkte dieses neuen industriellen Systems, um China im 21. Jahrhundert zu nachhaltiger Entwicklung zu verleiten. Im Gegensatz zu den üblichen TräumerInnen setzt Rifkin dies mithilfe multimillionenschwerer Projekten in verschiedenen Ländern der EU auch um. Aber genau wie die meisten TräumerInnen weiß er, dass Erfolg vor allem mit Empathie zu tun hat.
Rifkin kennt sich aus mit der Literatur der Renaissance und mit Spiegelneuronen, und er versteht Empathie als einen grundlegenden Prozess der menschlichen Entwicklung, sowohl in individuellen Lebensgeschichten als auch in der Kulturgeschichte.7 Irgendwie muss man die emotionale Landschaft des/der anderen wahrnehmen und diese dann verinnerlichen, wie unvollkommen dieser Prozess auch sein mag. Dies ermöglicht das Experimentieren mit einer affektiven Beziehung im Zuge eines kinästhetischen Denkens, und zwar Sekundenbruchteile vor der realen Begegnung, die über Liebe und Hass, Frieden und Krieg entscheiden. Empathie oder Einfühlungsvermögen ist der höchst unsichere und durch und durch spekulative Prozess des Sich-Hineinversetzens in die Gefühle der anderen, entweder durch Träume, Fantasien, Malerei, Literatur, Film, elektronische Medien oder noch unentdeckte Möglichkeiten. Empathie ist kein Endpunkt, sondern die Bedingung der Möglichkeit einer Reaktion, eines Engagements, einer Aktion, ob direkt oder aus der Ferne. Sicher kann man „gegen Empathie“ sein und stattdessen einem kühlen rationalen Mitgefühl den Vorzug geben, wie der Autor einer kürzlich erschienenen Polemik vorschlägt.8 Genauso gut kann man „gegen Vorstellungskraft“ sein. Es geht nicht darum, die ultimative intellektuelle Reinheit zu erreichen. Wir müssen vielmehr lernen, eine grundlegende menschliche Fähigkeit, deren Missbrauch derzeit massive Formen annimmt, sinnvoller einzusetzen. Seit Twitter leben wir im Zeitalter der Emo-Kriege.
Lange bevor die PopulistInnen die Schlagzeilen der Tageszeitungen beherrschten, war Rifkin bereits zum Kern des Konflikts zwischen Liebe und Hass vorgedrungen. So lautet seine Schlüsselthese, dass jede Erweiterung des Produktionsapparats einer Zivilisation notwendigerweise neue Kommunikationstechniken mit sich bringt, die dazu dienen, die neuen Produktionsmaschinen zu steuern und zu koordinieren, während sie gleichzeitig unser Einfühlungsvermögen erweitern und vertiefen. Gleichzeitig birgt jede dieser Erweiterungen der Produktionskräfte jedoch auch größere Kapazitäten für die Zerstörung der Umwelt in sich, was zu Ängsten, Feindseligkeit und Gegenreaktionen aller Art führt. Dies ist in der Tat eine Zwickmühle, ein „emphatisch-entropisches Paradoxon“: Die zunehmende Komplexität unserer Zivilisation bedroht diese kontinuierlich mit Spaltung und Auflösung. Und mittlerweile hat dieses emphatisch-entropische Paradoxon planetarische Ausmaße angenommen:
„Doch auf den ersten Lichtschimmer des globalen empathischen Bewusstseins fällt der Schatten der Erkenntnis, dass es zu spät kommen könnte, um das Gespenst der biosphärischen Entropie, des Klimawandels und des Untergangs unserer Spezies zu vertreiben – ein Untergang, verursacht durch die Entstehung zunehmend komplexer, energieraubender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Abmachungen, die uns erlauben, den Sinn für unser Selbstsein zu stärken, mehr unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, unsere empathische Umarmung auszuweiten und das menschliche Bewusstsein zu erweitern. Unser biosphärisches Bewusstsein entwickelt sich rasant in einer Welt, die vom Aussterben bedroht ist.“9
Rifkin schrieb sein Buch Die empathische Zivilisation in den 2000er-Jahren, als die sozialen Medien gerade aufkamen, aber auch im Schatten des Irak- und des Afghanistan-Krieges. Im Fokus stehen die Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Schichten, Länder und Ethnien. Doch wird im Buch – wie auch durch die heutige Erfahrung – klar, dass die „empathische Umarmung“ einer lebensfähigen Zivilisation im 21. Jahrhundert neben dem Menschen auch die Abermillionen anderer Spezies umfassen muss, die von Auslöschung bedroht sind. Letztendlich geht es darum, sich in die emotionale Landschaft der Landschaft selbst hineinzuversetzen, und zwar in all ihrem radikalen, nicht-menschlichen Anderssein. Nur wenn dies umgehend geschieht, mit ästhetischen wie mit wissenschaftlichen Mitteln, können wir eine bislang abwesende Fähigkeit generieren und auf die seltsam entropischen Spiralen des überwältigenden „Fortschritts“ und „Wachstums“ reagieren, von denen die gesamte Biosphäre eingehüllt wurde. Andernfalls werden uns diese entropischen Kräfte, versinnbildlicht durch die Freisetzung und den allgegenwärtigen Ausstoß von CO2 in die Atmosphäre, weit über die sogenannten „Wachstumsgrenzen“ oder das, was die Erdsystemwissenschaft „die planetarischen Grenzen“ nennt, hinausdrängen.10
Der heutige Neopopulismus verneint diese Grenzen, die seine AnhängerInnen im Kern ihrer realen oder eingebildeten Privilegien bedrohen. Für sie ist diese Bedrohung nicht objektiv; sie hat nichts mit Wissenschaft, Fernerkundung oder „Ground Truth“ zu tun. Stattdessen hat sie ihren Ursprung in allem, was sie zwingen würde, die Existenz anderer Wesen mit anderen Prioritäten einzuräumen. „Bleib weiß!“, lautet ihr grotesker identitärer Solidaritätsaufruf (und damit ist garantiert auch „bleib straight“ gemeint). Der Trumpismus wendet sich insbesondere gegen zwei Dinge: die Umweltpolitik und die Befreiung derer, die von den dominanten Eliten immer noch „die Minderheiten“ genannt werden. Die populistische Weigerung, die affektive Präsenz des aus unterschiedlichen Ethnien und Arten bestehenden Anderen zu billigen, entspricht einem direkten emotionalen Appell an die Ängste und Aggressionen einer schrumpfenden nationalen/imperialen Wählerschaft: den ViehbaronInnen, den BaumogulInnen, den Kohle-Erdöl-und-Gas-FördererInnen, dem Militär, den Produktionsbetrieben, der schießwütigen Polizei und der Finanzaristokratie, die von jeder schwelenden Feindseligkeit profitieren. Wir haben es hier mit einem ungeheuren, wenn auch verzweifelten Aufgebot an Kräften zu tun, das kontinuierlich an seinen eigenen Widersprüchen zu zerbrechen droht. Die Reaktionen auf diesen weißen rassistischen Antiumweltfaschismus sind beeindruckend. Auf den Straßen, im Netz, an Arbeitsplätzen und Universitäten, in den Mainstreammedien und selbst draußen in den fast schon vergessenen ländlichen Gegenden schlägt dem Trumpismus die größte, breiteste, tiefste Welle von Aktivismus, legaler Verschleppungstaktik, philosophischer Verurteilung und allgemeiner Verachtung entgegen, die ich seit meiner frühesten Kindheit in den späten 1960er-Jahren miterlebt habe. Der Emo-Krieg ist in vollem Gange, und noch kann niemand sagen, wie er ausgeht.

Big Picture
Was hat es also mit den eingangs erwähnten Satelliten auf sich? Für den ökologischen Aktivismus sind sie das, was Handykameras für #BlackLivesMatter sind. Sie liefern gestreamte Bilder, anschauliche Darstellungen, Abgesandte des Realen. Wenn die Videos der Morde durch Polizeigewalt von empörten Schwarzen AktivistInnen übernommen und verbreitet werden, formiert sich eine massive multiethnische Bewegung gegen die Straffreiheit der Polizei. Wenn die nüchternen, abstrakten Daten der Umweltwissenschaften von engagierten Personen und Gruppen übernommen und verbreitet werden, formiert sich das Climate Justice Movement, eine Bewegung, die für Klimagerechtigkeit kämpft. Indem diese Bewegung den Planeten mit ihren mächtigen StellvertreterInnen umspannt, verwandelt sie Daten in Wissen, dieses Wissen in ästhetische Formen und diese Formen letztendlich in Aktion. Die mittlere Phase, in der Empathie entsteht, ist dabei nicht die unwichtigste.
Ökologische Empathiemaschinen stellen einen neuen und besonders dringlichen Bereich der ästhetischen Produktion dar – selbst wenn sie dem beängstigenden Ausmaß an biogeochemischen Zyklen gewidmet sind oder den verstörenden Verbindungen zwischen dem Menschen und der „tiefen Zeit“ der geologischen Veränderung. Einige der führenden VertreterInnen dieser ästhetischen Formen, die uns im Mittleren Westen unmittelbar inspiriert haben, sind KünstlerInnen des Kollektivs World of Matter.11 Unzählige andere Beispiele finden sich im Kino, in der Literatur, der Fotografie, den experimentellen Medien, den Wissenschaften selbst oder einfach draußen auf der Straße. Der Einfluss dieser innerhalb wie jenseits der institutionell anerkannten Disziplinen der Kunst operierenden, ausdrucksstarken Ansammlungen ist schon jetzt enorm und wird zweifellos weiter zunehmen. Wie aktuelle Entwicklungen in den USA zeigen, ist dieser Einfluss im Wesentlichen politisch. Das, was ich als Empathiemaschinen bezeichne, sind die jüngsten Ausprägungen eines uralten Widerspruchs, durch den die kapitalistischen Kontroll- und Koordinationsinstrumente zu ausdrucksstarken Befreiungsinstrumenten werden.
In Zeiten extremer gesellschaftlicher Polarisierung, in denen es nötig wird, in massiven Konflikten Partei zu ergreifen und dabei allen Seiten gegenüber ein gesundes Misstrauen zu bewahren, ist es für KünstlerInnen besonders interessant geworden, mit WissenschaftlerInnen in Kontakt zu treten. Angesichts der plumpen Bemühungen, Letztere zum Schweigen zu bringen (vor allem, indem man ihren Forschungseinrichtungen die Finanzierung entzieht),12 ist klar, dass sie im Endeffekt die Rolle von WiderstandskämpferInnen einnehmen. Hier geht es allerdings nicht nur darum, die öffentlich geförderte Forschung zu verteidigen, noch geht es allein um die Notwendigkeit, die „Wissenschaft zu politisieren“, als ließe sich das jahrhundertealte Streben nach Objektivität einfach auslöschen. Was für die ästhetische Produktion auf dem Spiel steht, sind vielmehr die Möglichkeiten, welche die Umweltwissenschaften für eine neue Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung und daher auch der zivilisatorischen Empathie bieten. Die Tatsache, dass die jüngste Empathieerweiterung von extrem rationalen wissenschaftlichen Bildern getragen wird und nicht von romantisch-poetischen, zeugt von einer neuen Konstellation, die alte Debatten über Vernunft vs. Emotion weit hinter sich lässt.
Wenn es um den Ausbau von Empathiemaschinen geht, gibt es noch andere Punkte zu beachten. Wer akzeptiert, Teil des Feedback-Loops zu werden, der den Datenlandschaften der satellitengestützten Wissenschaft lebenswichtige „Ground Truth“ liefert, integriert sich in die planetarische Vermessungsstruktur des geodätischen Weltsystems WGS, wie ich bereits vor Jahren angemerkt habe.13 Dabei birgt die Abnahme individueller Autonomie, die sich aus der Integration in die Fernerkundungsmaschinen ergibt, ein verstecktes Versprechen, das erst jetzt langsam sichtbar wird. Es ist das Versprechen, dass wir als Spezies befähigt werden, unsere Interdependenz mit den riesigen ozeanischen und atmosphärischen Kreisläufen wahrzunehmen, die integraler Bestandteil der Evolution allen Lebens auf der Erde sind. Wie ich bereits ausgeführt habe, besteht die wichtigste technologische Herausforderung der Gegenwart nicht in der Ablehnung von Big Data und invasiver Überwachungstechnologie. Es geht vielmehr darum, aktiv an der Bildung eines stärker integrierten kybernetischen Regimes mitzuwirken, mit dessen Hilfe wir unser zerstörerisches Verhalten auf Bevölkerungsebene kollektiv mäßigen können.14
Alejandro Meitin, mit dem ich bei Living Rivers/Ríos Vivos zusammengearbeitet habe, hat ganz ähnliche Ideen. Er glaubt, dass das dynamische Gleichgewicht des südamerikanischen Flussbeckens, in dem er lebt – und das er kybernetisch auch die Homöostase der Wasserscheide nennt –, nicht vom Staat und den Bauunternehmen aufrechterhalten wird, sondern durch die körperliche Arbeit der Menschen an der Basis, durch ihre Art, das Land zu bewirtschaften, sich um die Tierwelt zu kümmern, die Lebensräume zu schützen, den Fluss zu pflegen, Verschmutzung und Überflutung zu kontrollieren etc. Vieles davon findet auf verbaler und kommunikativer Ebene statt und stärkt das intuitive Kooperationsvermögen der Bevölkerung. Könnte eine empathischere Zivilisation derartige Praktiken direkter Demokratie wiederentdecken, und zwar in einer industriellen Größenordnung? Auch hier müssten wir ein mögliches Zusammenwachsen mit informellen Technologien ausloten, die neue Wahrnehmungsorgane für eine wesentlich andere Art von Körper bilden als den, den wir bislang kannten. Die genannten Vermessungsprojekte gehen bereits in diese Richtung: Sie sind sowohl Wahrnehmungsprothesen als auch Felder für ökologische Fantasien, ähnlich der Landschaftsgemälde vergangener Jahrhunderte, aber unter extrem unterschiedlichen Sozial- und Umweltbedingungen.
Fest steht jedoch, dass ein neuer Kreislauf aus Wahrnehmung, Fantasie, Ausdruck und Aktion bereits am Werk ist. Die wissenschaftliche Wahrnehmung des globalen Klimawandels ist der Grund für die Einführung von Technologien für erneuerbare Energien sowie von Produktionsmethoden mit einem kleineren ökologischen Fußabdruck, wie sie Rifkin und Hunderte von PlanerInnen auf höchster Ebene aktuell als Industrienorm durchzusetzen versuchen. Bei diesen Bemühungen werden die Empathiemaschinen nicht die alles entscheidende Rolle spielen. Aber sie werden eine Rolle spielen.

Neustart
Dieser Text ist zwar kurz, aber dafür äußerst spekulativ und verdient daher auch ein visionäres Schlusswort. Vielleicht haben die Pixel der Umweltwissenschaften, jene winzigkleinen Abgesandten des Planeten Erde, uns ja die ganze Zeit adoptiert? Mir fällt da ein Essay von Dorion Sagan aus einem Buch ein, das er zusammen mit seiner Mutter, der bemerkenswerten Mikrobiologin Lynn Margulis, veröffentlicht hat. Darin versucht Sagan, sich anhand der von Margulis und James Lovelock entwickelten Gaia-Theorie „ein Kind einer gegenwärtigen oder zukünftigen Kultur [vorzustellen], dem von klein auf eingeschärft wurde zu glauben, die Oberfläche der Erde stelle eine reale Erweiterung seiner Person dar“15. Es kommt mir so vor, als habe Sagan sehr intime Kenntnisse dieser Kindheit. Es ist wirklich erstaunlich: Er stellt sich eine Zeit vor, vielleicht sogar die Gegenwart, in der die StellvertreterInnen der Umweltwissenschaften buchstäblich unter die erweiterte, transindividuelle Haut dessen gehen, was einst Menschheit genannt wurde. Er fährt mit seiner Träumerei über das gaianische Kind fort: „Die Berge zwischen der Erde und Luft erschienen ihm als anatomisch platziert, so wie ‚unser‘ Skelett sich zwischen ‚unserem Knochenmark und Fleisch‘ befindet.“ Und am Ende seiner persönlichen wissenschaftlichen Fantasie ändert er ganz plötzlich das Geschlecht:
„Man stelle sich vor, wie jemand aus dieser Kultur ein Picknick macht. Sie glaubt, die Umgebung sei ein Teil von ihr. Das Gras, auf dem sie sitzt, eine Gewebefläche, die das Innere des Superorganismus auskleidet, dessen Teil sie ist. Die Rinde in ihrem Rücken, die Libellen, die Vögel, die Wolken, die feuchte Luft und die Ameisen, die ihren Fuß kitzeln – all diese Empfindungen sind aus ihrer Sicht Wahrnehmungen ihres Selbst. Wie die Ameisen spürt ‚sie‘, was über ‚sie‘ hinausgeht. Wenn ‚sie‘ ihr T-Shirt über ‚ihre‘ Knie zieht, sind diese nicht länger menschlich, sondern ein Ort des Empfindens in den kaleidoskopischen Innereien eines planetengroßen, photosynthetisierenden Wesens.“16
Du warst lange genug menschlich. Lass davon ab. Stell dir einen Ökokörper vor.

 

Übersetzt von Gaby Gehlen

 

[1] Wer es selbst versuchen möchte, kann dies tun unter https://lta.cr.usgs.gov/adopt_a_pixel. In der Geografie bezieht sich „Ground Truth“ auf Beobachtungen aus erster Hand, die notwendig sind für eine erste Einordnung und die sekundäre Bestätigung von Fernerkundungsdaten.
[2] Mehr Informationen unter: http://ecotopia.today/livingrivers/map.html.
[3] Der Zugang zu Ríos Vivos erfolgt über die Navigationsleiste von Living Rivers oder über http://ecotopia.today/riosvivos/mapa.html. Siehe auch http://alaplastica.wixsite.com/alaplastica.
[4] www.regionalrelationships.org/tewna.
[5] Oliver Milman, Trump to scrap Nasa climate research in crackdown on „politicized science“ (Trump will „politisierte Wissenschaften“ unterbinden und damit auch die Klimaforschung der NASA abschaffen), in: The Guardian, 22.11.2016.
[6] Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution: Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter. Aus dem Englischen von Bernhard Schmid. Frankfurt am Main 2011.
[7] Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation: Wege zu einem globalen Bewusstsein. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Bischoff, Waltraud Götting und Xenia Osthelder. Frankfurt am Main 2010.
[8] Vgl. Paul Bloom, Against Empathy: The Case for Rational Compassion. New York 2016.
[9] Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation, S. 32. Das in der deutschen Übersetzung verkürzte Zitat wurde nach der englischen Originalausgabe übersetzt.
[10 Johan Rockström et al., Planetary boundaries: exploring the safe operating space for humanity, in: Ecology and Society, 14(2) (2009), Art. 32.
[11] Siehe www.worldofmatter.net.
[12] Als ich heute die Zeitung aufschlug, fand ich ein sehr gutes Beispiel dafür: Hillary Rosner, The Climate Lab That Sits Empty (Das leerstehende Klimaforschungslabor), in: The New York Times, 28.7.2017.
[13] Brian Holmes, Durch das Raster schweifen. Psychogeografie und imperiale Infrastruktur (2003), in springerin, 3/2004, S. 16ff.
[14] Brian Holmes, Bis drei zählen: Jenseits des kybernetischen Entweder-oder, in Anselm Franke/Stephanie Hankey/Marek Tuszynski (Hg.), Nervöse Systeme. Berlin 2017.
[15] Vgl. Lynn Margulis/Dorion Sagan, Dazzle Gradually: Reflections on the Nature of Nature. White River Junction 2007, S. 210.
[16] Ebd., S. 211.