Heft 4/2017 - Lektüre



Herausgegeben von Peter Haury für Oberwelt e.V.:

ALBREcHt/d.

Stuttgart (EDITIONrandgruppe) 2017 , S. 72 , EUR 49

Text: Justin Hoffmann


Mit einem opulenten deutsch-englischen Katalog erinnert Oberwelt e.V. an ALBREcHt/d. Das war notwendig, denn diesen interessanten Künstler kennen heute nur wenige. Vielleicht waren es seine Radikalität und fehlende Kontakte, die dazu führten, dass ALBREcHt/d., für den Kunst und Kritik zeitlebens fast ein Synonym waren, nahezu in Vergessenheit geraten ist. Seinen Unterhalt verdiente er als Kunsterzieher in Stuttgart, auch blieb er die meiste Zeit vor Ort.
Das Katalogbuch ist in seiner Gestaltung bemerkenswert, es ist fast DIN-A3-groß und enthält jede Menge Fotos und Dokumente. Die vielen Seiten sind aber nicht gediegen in Hardcover gebunden, sondern zwischen zwei schlichten grauen Kartons geleimt. So erinnert die Publikation mehr an einen Materialienband als an eine umfassende Künstlermonografie.
Vergleichbar zu dem in diesem Jahr verstorbenen Gustav Metzger war ALBREcHt/d. stets an gesellschaftlichen Veränderungen mithilfe von Kunst interessiert. Auch die Bedingungen der Art World beschäftigten ihn und wurden zum Angriffsziel. Ähnlich wie George Maciunas lehnte er den Künstlerberuf als Tätigkeit, mit der man Geld verdient, ab. Stattdessen sollte man, wie er in seinem 1969 verfassten Manifest kunst als guerillatechnik schreibt, einer anderen beruflichen Tätigkeit nachgehen, um die nötigen finanziellen Mittel zu erwerben. Wie der frühere Direktor der Hamburger Kunsthalle, Uwe M. Schneede, in seinem Aufsatz über ALBREcHt/d. darlegt, lassen sich ab Mitte der 1960er-Jahre eine Nähe zu Fluxus und der Einfluss von Wolf Vostell deutlich feststellen (Schneede hatte den Künstler kennengelernt, als er Ende der 1960er-Jahre den Württembergischen Kunstverein leitete). 1972 wurde ALBREcHt/d. zur documenta 5 eingeladen, überwarf sich aber wie auch Metzger in der Vorbereitungsphase mit dem Kurator Harald Szeemann (Vorfälle, die auch einen Schatten auf die kuratorische Praxis von Szeemann werfen). Gemeinsam mit Joseph Beuys, Hans Haacke und Gustav Metzger nahm er an der Ausstellung Art Into Society/Society Into Art von Norman Rosenthal 1974 im ICA London teil – seine vermutlich wichtigste Aktivität auf internationaler Ebene. Bei dieser Gelegenheit kam es zu einem gemeinsamen Konzert mit Joseph Beuys.
Kennzeichnend für ALBREcHt/d. waren der Hang zum Gesamtkunstwerk und das Arbeiten in verschiedensten kulturellen Bereichen. Er drückte sich nicht nur bildnerisch und aktionistisch, sondern auch literarisch und musikalisch – zum Teil mit selbst gebauten Instrumenten – aus. Hinzu kam seine Tätigkeit als Herausgeber und Verleger. Zu publizieren war ein wesentlicher Bestandteil seines eigenen Schaffens, wozu er die reflection press gründete. Unter diesem Label veröffentlichte er in Stuttgart Zeitschriften, Bücher, Dokumentationen von Aktionen, Flugblätter und Postkarten. Sogar Schallplatten und Musikkassetten produzierte er. So nahm er 1976 zusammen mit Throbbing Gristle die C60-Kassette Music From The Death Factory auf. Es war die erste Musikveröffentlichung der Band, bevor diese ihr eigenes Label Industrial Records gründete. Neben dem Impressum findet man im Katalog auch den originalen Stempelabdruck von reflection press – unter diesem Namen betrieb er in Stuttgart eine Zeit lang auch eine Galerie.
Trotz aller kritischen Ansätze spielt Humor in der Produktion von ALBREcHt/d. eine bedeutende Rolle – was bereits sein Künstlername andeutet. Denn es zeugt von Selbstironie und einem gewissen Selbstbewusstsein, sich von Dietrich Albrecht in einen Verweis auf Albrecht Dürer umzubenennen. Auch seine Aktion im Jahr 1969, bei der er als Blinder mit dem Plakat „Ich wähle CDU, denn ich sehe klar und deutlich“ durch die Stuttgarter Straßen ging und dabei PassantInnen irritierte, zielt in diese Richtung.
Zu Lebzeiten erhielt ALBREcHt/d. nie die Möglichkeit, eine Retrospektive seiner verschiedenen Werkgruppen zu zeigen. Erst zwei Jahre nach seinem Tod im Jahr 2013 präsentierte der Württembergische Kunstverein in seinem Projektraum die Ausstellung Ein ABEND FÜR ALBREcHt/d. (5. Dezember 2015 bis 17. Januar 2016), die erstmals einen Überblick über die Produktion des Künstlers von seinen rebellischen, aktionistischen Anfängen über Arbeiten mit Fotokopien bis zu einer zenbuddhistischen Spätphase gab. Sich selbst bezeichnete ALBREcHt/d als pazifistischen Buddhisten, der Gewalt als politisches Mittel ablehnte. ALBREcHt/d. stand lange in Verbindung mit dem Württembergischen Kunstverein, 1983 war er Mitglied des Beirats und Mitorganisator der Ausstellung Politische Collage.
In Zusammenhang mit der Stuttgarter Ausstellung entstand auch die Idee zu dem jetzt erschienenen Band. Dass es wirklich dazu kam, ist ein Verdienst der Stuttgarter Künstlerorganisation Oberwelt e.V. Aus Anlass des Erscheinens der Publikation stellte Oberwelt e.V. 2017 eine neun Tage dauernde Präsentation in ihren Räumlichkeiten zusammen, die den Titel des Katalogbuchs trug. Die Veröffentlichung mit seiner umfassenden Darstellung des Künstlerœuvres bildet eine gute Basis, um ALBREcHt/d. auch außerhalb von Stuttgart bekannt zu machen – was hoffentlich bald geschieht.