Heft 4/2017 - Lektüre



Yvonne P. Doderer:

Glänzende Städte

Geschlechter- und andere Verhältnisse in Stadtentwürfen für das 21. Jahrhundert

München (Verlag Silke Schreiber) 2017 , S. 73 , EUR 26

Text: Gabriele Hoffmann


Stadt ist ein Begriff, den es als Abstraktion nicht gibt. Sprechen wir bei einer dicht bewohnten Gegend von Stadt, müssen einige Bedingungen erfüllt sein. Besonders wertvoll sind dabei eigene Erfahrungen mit dem Leben in der Stadt. Einen Sinn für das spezifisch Städtische entwickelt, wer in einer Stadt groß geworden ist oder über längere Zeit Erfahrungen mit der Stadt als Lebensumfeld gemacht hat. Die Ankündigung, man wolle „in die Stadt gehen“, hat auch heute noch die Bedeutung, einen Ort besuchen zu wollen, wo es Dinge zu tun und zu erleben gibt, die einen besonderen Glanz haben und die es nur in der Stadt gibt. Man kann in der Stadt zwischen vielen Menschen das Gefühl haben, allein und auf eine besondere Art frei zu sein.
Glänzende Städte, so der Titel von Yvonne Doderers Buch, trifft nicht auf Anhieb ins Schwarze. Es gibt sie weltweit, städtebauliche „Leuchtturmprojekte“, die finanziell mithilfe von staatlichen oder privaten Mitteln errichtet werden. Doderer hat für ihr Thema Projektdarstellungen analysiert, wie sie uns allgemein in Internetauftritten begegnen. Das lässt die Gemeinsamkeit dieser Projekte erkennen: Alle sind dem Anspruch auf Rendite verpflichtet.
Ihr eigenes Interesse beschreibt die Autorin so: „Mein besonderes Augenmerk gilt hier der Frage nach Geschlechterverhältnissen, insbesondere nach der Lebenssituation von Frauen, wobei nicht alle Frauen gleichermaßen von Differenz, Benachteiligung und patriarchalischen Strukturen betroffen sind.“ Doderer betont, dass selbst in Ländern, in denen Frauen besonders zu leiden haben, ein Leben in der Stadt durch die dort mögliche Anonymität, und das gilt beispielsweise auch für Schwule und Lesben, mehr Schutz bietet als ein Leben auf dem Land. Auch in Europa ist der Weg zu einer „tatsächlichen Geschlechterdemokratie“ noch weit.
Die Verstädterung, die 2014 im Hinblick auf die gesamte Weltbevölkerung 54 Prozent betrug, wird sich laut einer Prognose der UN bis 2050 auf 66 Prozent erhöht haben. Das bedeutet, so Doderer, dass dann voraussichtlich über 6 Milliarden Menschen weltweit in urbanen Zonen leben werden. Übertroffen wird dieser Weltdurchschnitt nur durch die Zahlen für Nordamerika (83 Prozent) und Lateinamerika (80 Prozent).
In Europa leben zurzeit 73 Prozent der Menschen, in Afrika nur etwa 40 Prozent in einem urbanen Umfeld. Das schnellste Städtewachstum in der Zukunft erwartet die Autorin für mittelgroße Städte mit weniger als einer Million EinwohnerInnen. Weltweit zählt man heute bereits 28 Megastädte, und die Zahl wird noch steigen. Aber es gibt inzwischen auch schrumpfende Städte, darunter Detroit und Bratislava.
„Landraub“, mit diesem etwas altertümlich klingenden Begriff hat Yvonne Doderer einen kurzen Einschub überschrieben, in dem Afrika ins Zentrum rückt. Globalisierungs- und Liberalisierungsprozesse hatten Grund und Boden zu einer heiß umkämpften Ressource werden lassen. Zwischen 2006 und 2011 wurden Schätzungen zufolge weltweit mehr als 200 Millionen Hektar Land von anderen Staaten und ausländischen Unternehmen aufgekauft, ein großer Teil davon in Afrika.
Dieser erschreckenden Tatsache geht Doderer im Kapitel mit der Überschrift „Städte als Wohlstandsmaschinen“ nach und erinnert an frühere UN-Studien zu Beweggründen und Formen der Verstädterung vorwiegend in Indien und China. Als besonderes Problem erkennt sie in diesen Ländern den Bedeutungsverlust von Stadtplanung aufgrund von höherrangigen privaten Interessen, wie sie für eine neoliberale Politik typisch sind. Als „City of Joy“ versteht sich etwa Bhartiya City in Bangalore – erbaut auf dem vom Konzern Bhartiya Group gekauften Baugrund.
Beim Besuch einer fremden Stadt ist es nicht selten eine auffallend schlechte Verkehrsplanung, die irritiert und das Vergnügen am Entdecken und Genießen des Urbanen trübt. Es gibt im Buch weitere Bekräftigungen der im Titel Glänzende Städte anklingenden Ironie, mit der Doderer, Gründerin und Leiterin des Büros für transdisziplinäre Forschung & Kulturproduktion in Stuttgart, den Umbau bestehender und die Gründung neuer Städte unter die Lupe nimmt.
Glänzende Städte ist ein Sachbuch, dem man vor allem um der Zukunft unserer Städte willen LeserInnen wünscht, die bereit sind, jede Möglichkeit zu nutzen, um ihre eigene städtische Umgebung mitzugestalten. Für Yvonne Doderer, selbst als Planerin ausgebildet, gilt, „dass Planung gänzlich vom Kopf auf die Füße gestellt gehört, denn ohne eine grundlegende Veränderung der ökonomisch-politischen Bedingungen urbaner Raumproduktion wird sich an der Art und Weise, wie Städte gebaut werden, auch im 21. Jahrhundert nichts Wesentliches verändern“.
Es ist, so die Autorin, die Komplexität heutiger Städte, die ein solches Umdenken verlange: „Stadt wird so zu einem Raum der ‚räumlichen Praxis‘.“ Da verwundert es nicht, wenn Doderer bekennt, sie verstehe Stadt als „gesellschaftlichen Raum, der durch Staat, Ökonomie und Zivilgesellschaft konstituiert wird“, wobei Letztere ganz im Sinne des Künstlers Hans Haacke mit „Bevölkerung“ gleichzusetzen ist.