Berlin. Das Problem mit dem Vertrauen ist dessen Projektion auf andere. Als Individuum benötigen wir Vertrauen im gesellschaftlichen Umgang, und das dürfte eine wesentliche Grundlage demokratischen Verhaltens darstellen. „Kontrolle ist besser!“, rufen einige in den Raum – und schon kommen Zweifel auf am Konstrukt des positiven Zugehens auf andere Menschen. In Zeiten, in denen plötzliche Gewalt das anderweitig friedliche Zusammenleben von Gesellschaften durchstößt, tritt das zwischenmenschliche Vertrauen zurück oder wird zumindest selektiv, und Misstrauen tritt an die freie oder partiell vakante Stelle.
Auch die Philosophie hat sich des Themas in der jüngeren Vergangenheit angenommen: Zuletzt postulierte Martin Hartmann in seinem Buch Die Praxis des Vertrauens (2011), dass praktiziertes Vertrauen auch ein „Praxisvertrauen“ voraussetze. In diesem Sinne ist Adrian Pipers The Probable Trust Registry (2013–17) eine Art Grundlage für das Vertrauen in ein solches Praxisvertrauen. Es stellt drei Regeln auf, denen sich ein Individuum verbindlich verschreiben soll. Diese Verbindlichkeit wird mit einem Vertrag besiegelt.
Regel eins besagt, dass man sich nicht kaufen lässt. Regel zwei, dass man zu seinem Wort steht. Und Regel drei, dass man stets das tut, was man sagt. Die BesucherInnen der Installation treten an einen von drei Servicetresen mit jeweils einem Computer, in den Name und Adresse plus Unterschrift eingegeben wird, um sich damit einer der drei Regeln zu verschreiben. Der somit abgeschlossene Vertrag wird in Kopie übergeben, die Daten verbleiben im System für 100 Jahre. Ein Vertrag mit dem Kunstwerk also oder mit sich selbst, da das Kunstwerk keine immanente Intelligenz besitzt, die bei Vertragsbruch Rechenschaft verlangen könnte. Insofern wird der Vertrag im Vertrauen auf die eigene zukünftige Integrität abgeschlossen – bzw. in der Hoffnung, dass das Individuum sich der eigenen Verantwortung für eine vertrauensvolle Zukunft bewusst ist und diese auch lebt.
Natürlich basiert auch diese vertragliche Verbindlichkeit auf Vertrauen. Da dieser Vertrag mit dem eigenen Ich abgeschlossen wird, kann er potenziell immer über den Haufen geworfen werden. Damit er funktioniert, wird ein gedanklicher Dreiklang aufgebaut: Vertrauen wird in ein Vertrauen gesetzt, dem vertraut werden muss. Wenn die BesucherInnen sich mit den Regeln „Ich werde immer zu teuer sein, um gekauft zu werden“, „Ich werde immer meinen, was ich sage“ und „Ich werde immer tun, was ich sage“ nicht identifizieren können, werden sie den Inhalt des Kunstwerks auch nicht akzeptieren. Das Probable Trust Registry (Register wahrscheinlich vertrauenswürdiger Personen) ist somit eine handelnde Philosophie, die auf gelebte soziale Integrität – auf eine Gesellschaft der Ehrlichkeit – abzielt, aber auch eine spielerische Absurdität.
Der Titel der Arbeit versucht der schweren Thematik in Zeiten von „Fake News“, „alternativen Fakten“ und ähnlichen Schlagworten dadurch beizukommen, dass Vertrauen ein Spiel sei. Insofern ist wohl auch das Leben ein Spiel, aber der lang gehegte Wunsch, Kunst und Leben zu vereinen bzw. Kunst als gesellschaftlich wirkende Kraft durchzusetzen, bekommt damit einen kleinen Dämpfer. Zwar ließe sich mit Johan Huizinga argumentieren, dass „Spiel“ ein treibendes Merkmal menschlicher Kulturen ist – und doch ist Vertrauen gerade keine Sache, mit der man spielt. Die vermeintliche Leichtigkeit des Spiels verschleiert die Ernsthaftigkeit des Anliegens und bringt sie doch zutage.
Dies zeigt sich auch in der Form von Pipers Installation. Drei große Wände mit jeweils einer Regel in goldfarbigen, erhabenen Lettern strukturieren die zentrale Halle im Museum Hamburger Bahnhof. Eine Serifenschrift unterstützt den ernsthaften Charakter. Kreisrunde Tresen sind mit Personal besetzt, um die Vertragsabschließenden zu beraten. Erinnerten die vorherigen Präsentationen in der New Yorker Elizabeth Dee Gallery (2014) und im Arsenale zu Venedig (2015) ein wenig an die Tresen in hochpreisigen Hotels, gesellt sich in Berlin noch ein sakraler Eindruck hinzu – befördert durch den bogenförmigen Abschluss unter dem extrem hohen Dach: Die Trennwände sind riesig, der Raum zwischen den Tresen sehr weit. Um dauerhafte, gesellschaftliche Kraft zu entfalten, müsste sich das Museum vielleicht eine permanente Installation des angekauften Werks leisten – auch wenn sicherlich auf kleinerem Raum.
Piper erhielt 2015 die Goldene Palme der Biennale von Venedig für diese Arbeit. Sie markiert einen vorläufigen Höhepunkt in ihrer Laufbahn, die mit feministischen Arbeiten begann, in denen sie quasi mit dem Vertrauen in Erscheinungen spielte. Als Mythic Being (1973) in ihrer einflussreichen Serie von Aktionen im Alltag, zum Beispiel, verkleidete sie sich mit Perücke, Bart und Spiegelbrille und mümmelte beim Flanieren Worte übers Keksebacken der Großmutter. Nach dem Kunststudium und parallel zu ihrer künstlerischen Arbeit widmete sich Piper dem Philosophiestudium, schloss 1974 den BA ab, forschte 1977–78 zu Kant und Hegel in Heidelberg, promovierte 1981 und erhielt 1987 als erste Amerikanerin afrikanischer Herkunft einen Philosophielehrstuhl. 2005 kehrte sie aufgrund mangelnden Vertrauens der amerikanischen Sicherheitsbehörden in ihre Person (sie galt als „Suspicious Traveler“) von einem Aufenthalt in Europa nicht in die USA zurück und lebt seither in Berlin. Zwar feuerte sie 2008 ihr Arbeitgeber, doch erhielt sie 2011 den Status eines Professor emeritus’ von der American Philosophical Association. Im Frühjahr 2018 wird ihr das MoMA New York eine umfassende Retrospektive widmen.