Essen. Weil sein 85. Geburtstag im Februar 2017 war, ehrt das Museum Folkwang den bildsicheren, beredten und hochpolitischen Alexander Kluge mit der von Anna Fricke kuratierten Ausstellung Pluriversum. Ein Wort, das ich immer schon für die Feminismen benutzte. Es sogar gleichsetze. Es bringt zum Ausdruck, dass ein Mensch in einem pluralen Universum lebt, umfangen vom Kosmos, zugleich in Kultur- und Naturgeschichte(n). Was in der oft als Fragment detailreich erlebten Gesamtheit auf ihn abfärbt und ihn in beziehungsreichen Wechselwirkungen zum vielstimmig facettenreichen Lebewesen macht. Alexander Kluge ist ein gewitzter Humanist. Er strebt nach enzyklopädischem Wissen.
Filmische Montagen aus Bildern und Wörtern, ihre Konstellationen, sind das Kernthema, der sich über 794 m2 erstreckenden, ersten großen multimedialen Museumsausstellung des Filmemachers, Chronisten, Autors, Publizisten, Filmtheoretikers, Produzenten und promovierten Juristen. Ein sehr großer Teil der Werke entstand in den letzten drei Jahren, viele kurze Minutenfilme 2017. Kluge denkt, dass Minutenfilme, die er im World Wide Web entdeckt, uns wieder mit der Frühzeit des Kinos verbinden. Die Fülle seiner Episoden- und Minutenfilme, aus denen er wie aus einem Fundus Materialien, Ideen und Informationen für Neues schöpft, sucht die Nähe zum Stummfilm und zu Erzählformen, die sich vom Realismus lösend uns nicht als Waren gegenübertreten. Doch ,,Der Verwertungsprozess dringt in die Intimbereiche, in die Emotionen, in das Denken“. An der Museumswand steht auf losem Papier geschrieben ,,Wo Du nicht lieben kannst, da gehe vorüber“ oder ,,Menschen haben zweierlei Eigentum: Lebenszeit und Eigensinn“.
Im Filmen und Schreiben Analoges ins Digitale zu übertragen, gelingt ihm auf widerständige Weise. Dass, bevor sie Filmgeschichte wurden, Montagen schon im Journalismus des 19. Jahrhunderts über die Schwelle traten, kommt ihm dabei ebenso zugute, wie, dass er über Dekaden sehr lebhaft in unabhängigen TV-Sendeformaten Montagetechniken erprobt hat. Es besteht der Plan, das 1987 von ihm gegründete dctp.tv an der Princeton University zu archivieren. Montagen sind wie Gefäße, die im Fluss des historischen Wandels immer wieder neue, mediale Verknüpfungen ermöglichen. Darauf bezieht sich auch sein nicht nur filmhistorisch klar gesagter Satz vom ,,Lebenslauf einer Sekunde“.
Mit einer aufs Schwarze geschriebenen Landkarte der Begriffe, darunter auch ,,Hebammentechnik“, der davor von ihm als in Not geratenem Seemann auf den Sockel gelegten Flaschenpost beginnt der Parcours. Philosophie sieht er „wie ein Leuchtfeuer oder wie eine Orientierung nach den Sternen, die man ja nicht anfassen kann“. In sechs Räumen lässt uns Captain Ulysses beim Schlendern durch seine liebenswert unautoritären Bewusstseinsströme eigene Verknüpfungen in die Wege leiten.
Zu den vielen Überraschungen zählen Entwürfe zu unvollendeten Projekten. Einer widmet sich Walter Benjamins Passagen-Werk. Ein weiterer Stanley Kubricks gescheitertem Napoleon-Film. Kluge wollte ihn mit Helmut Dietl realisieren. Dessen Tod 2015 legte den Plan zunächst auf Eis. Im Museum zu sehen sind nun multimedial voll auf der Höhe der Zeit ein HD-Filmentwurf (21’34’’, 2017) plus die verbundene Ideenpinnwand (5’17’’, 4’8“, 6’38“, alle HD). Der digital generierte Film umkreist die ,,Kollateralschäden des Charismas“ des ,,Idols mit Kindergesicht“ und korsischen Tyrannen. Als der die Schäden seiner Feldzüge sah, ,,machte er den Ansatz, einfach wegzureiten“.
Alexander Kluge ist in der Art, wie er in Erzählformen für Erwachsene und Kinder Emotionen mit Vernunft verknüpft, ein Revolutionär, ein Umwälzer. Verfremdete Kunstwerke rufen Napoleons Feldzüge auf. Der Vorhang hebt sich für einen Regenguss-Comic. Soldatisches Personal trägt bunte Papieruniformen. Für 1 Euro verkauft sie eine Londoner Firma. Denkbar günstig, zumal die aus New York mit je 300 Euro das Budget unnütz belasten. Am Lebensende war der Feldherr ,,entsetzt, als habe er noch nie etwas vom Tod gewusst“. Wie im bunt virtuellen Kinosaal wird Historie, die seine Anstiftungen zum Morden mit Sequenzen des Opernstoffs von Beethovens Fidelio kreuzt, vorgeführt.
Im Trauerepos, das alle Episoden mit Schwarzfilm trennt, Für meine Schwester (20’33’’), Alexandra Kluge, seine fünf Jahre jüngere Schwester, die in drei seiner Filme erfolgreiche Rollen spielte, tiriliert nach Bildern zur ,,Beerdigung meiner Schwester am 29. Juni 2017 bei Regen“ zuletzt scherenschnittartig gezeigt eine Amsel. Auch das letzte Foto im hier empfohlenen Katalog (Spector Books, Leipzig) mit hypertextuellem Layout zeigt sie, die Ärztin war, großartig in ihrer ersten Rolle als Anita G. in Abschied von gestern (1966). Dessen Erfolg schärfte die Wahrnehmung für die assoziativ-analytische Sprache des Neuen Deutschen Films in Europa.
Die Ausstellung birgt Erzählungen zu Robotern in Nordostchina (Arbeit, Anti-Arbeit, Industrie 4.0, 25’, 2017), die aussehen wie Ameisen oder poppige Eingeweide, über Buckelwale (S.O.S. for Whales/S.O.S. for Whalers!, 13’30“, 2017), deren Gesang die Menschen um Hilfe bittet, ebenso wie Fragmente der Familiengeschichte. Sie schwenkt zu den zwei großen Weltkriegen, dem in Syrien und zum Kessel von Stalingrad. Im Raum ,,Uns trennt kein Abgrund von gestern, sondern die veränderte Lage“ blicken uns aus Regiestühlen die zurückblickenden Gesichter von Alexander und Alexandra auf dem als Tapete geklebten Großfoto an. Sichtbar auch aus dem Holzhaus, das sich aufs rettende Versteck des Zickleins im Uhrkasten aus Grimms Märchen bezieht.