Heft 4/2017 - Artscribe


Elke Marhöfer/Mikhail Lylov – Quantum Aufmerksamkeit

19. Mai 2017 bis 20. August 2017
Badischer Kunstverein / Karlsruhe

Text: Moritz Scheper


Karlsruhe. Der Gegensatz von einer anarchischen Natur, die von der Kultur zu zügeln ist, bildet einen Grundpfeiler abendländischen Denkens und die stille Prämisse von politischer Theorie, Ökonomie, Psychoanalyse und diversen anderen Disziplinen. Mit Marshall Sahlins ließe sich das mit der „Naturalisierung der Erbsünde“ im Christentum erklären, denn der amerikanische Anthropologe weist diesen Radikalbinarismus eindeutig als westliches Spezifikum aus. Der Ökologiebegriff hat diesen Gegensatz stark aufgeweicht und tut es nach wie vor, da die Beobachtung von Ökosystemen jede BeobachterIn bereits einschließt, also eine Gegensätzlichkeit aufhebt. Da die FilmemacherInnen Elke Marhöfer und Mikhail Lylov ein starker Ökologiebegriff – sowohl biologisch als auch medial – verbindet, ist nur schlüssig, dass ihr gemeinsamer Film Shape Shifting (2015) vor einem anderen Verständnis von Natur/Kultur stattfindet. Der 18-minütige, auf 16 mm gedrehte Film funktioniert als landschaftliche Erschließung eines Raums, der in Japan als „satoyama“, Raum zwischen Dorf und Berg, bezeichnet wird. Überdies ist „satoyama“ eine land- und forstwirtschaftliche Produktionsform, welche die Steigerung von Biodiversität und damit stabilere Ökosysteme zum Ziel hat. Marhöfer/Lylov leisten jedoch keinen Dokumentarismus, sondern versuchen, eine filmische Syntax zu entwickeln, mittels derer Verknüpfungen zwischen natürlichen Prozessen, menschlichen und nicht-menschlichen AkteurInnen fassbar werden. Statt eines narrativen Ansatzes liefern sie Sentenzen, etwa Bilder von brennendem Gras auf einem Hügel oder zuckenden Larven in feuchter Erde. Auf Fahrten und Zooms verzichten sie komplett, die Kamera wackelt, geht näher, dreht und wendet sich. Sie taucht ein in ihren Gegenstand, wird selbst Akteur – einmal schnüffelt sie sogar als Schwein den Boden ab. Ein Nebeneffekt dieser vorgeblich vom Menschen abgelösten Kameraarbeit ist die Versehentlichkeit der Bilder, die nichts in den Fokus nehmen, sondern allenfalls in den Fokus kommen lassen. Dabei wird das Ineinandergreifen ökologischer Prozesse zu keinem Zeitpunkt nachvollziehbar, man nimmt lediglich an, dass die undefinierten‚ natürlichen Aktivitäten im Film das Echo des Anzündens, Sägens und Grabens der Bauern darstellen.
So kinematografisch avanciert Shape Shifters auch sein mag, bleibt der Film doch eine Suchbewegung, die sich ihrer Unvollständigkeit bewusst ist. Nichts zeigt das besser, als dass ein missverständliches Adjektiv wie „hippiesk“ die Ästhetik sehr gut beschreiben könnte, was Marhöfer/Lylov jedoch (zu Recht) empört zurückweisen würden. Vielleicht aber bürden die beiden den Bildern zu viel auf, indem sie sie für sich stehen lassen, wo doch ein starkes Bedürfnis nach Kommentierung gegeben ist.
Eigentlich ist die gesamte Ausstellung der beiden im Untergeschoss des Badischen Kunstvereins Quantum Aufmerksamkeit von dieser Unvollständigkeit geprägt. Shape Shifting bildet darin gewissermaßen das Kraftzentrum, präsentiert zwischen zwei wunderschönen Vorhängen (Wall Cloud, 2017), deren Faltungen die Form der „satoyama“-Landschaft irgendwo zwischen Berg und Ebene wiedergeben sollen. Ähnlich clever ist ein weiterer 16-mm-Film, Nobody knows when it was made and why (2012–15), installiert. Der Film selbst zeigt Aufnahmen aus Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas und stellt dabei auf die mannigfaltigen Verbindungen zwischen diesen sowie die prinzipielle Unabgeschlossenheit der Unternehmung ab. Die Herstellung von Bezügen sollen allerdings hier die Bilder allein leisten, was auch in Karlsruhe, wo im letzten Jahr der vollständige Atlas in Reproduktion ausgestellt gewesen ist, nicht funktionieren kann. Erst die rückseitig auf die Leinwand geworfene Diaprojektion Shino Sticks: magical measures (2017) legt einen Zugang: Hier werden Bilder von Gegenständen und Darstellungen (darunter eine Sternenkarte) gezeigt, die in archaischen Wahrsageritualen Verwendung gefunden haben. Vorder- und Rückseite der Leinwand spielen also mit kosmologischen Bezügen, deren Systematiken jeweils mäandernd und erratisch erschlossen werden, dennoch in einem holistischen Weltbild – oder, wenn man so will: Ökosystem – verortet liegen.
Überdies schlägt Shino Sticks: magical measures eine Brücke zwischen den beiden Filmen der Ausstellung, die allerdings als solche nur bedingt funktioniert. Unvollständigkeit, Unabgeschlossenheit mag sehr wichtig für Marhöfer/Lylov sein, dennoch bleiben insbesondere Shape Shifters und die Diaprojektion ohne zusätzliche Erklärung hermetische Blöcke. Nicht unwahrscheinlich, dass Marhöfer/Lylov eine transponierte Form relationaler Ästhetik im Sinn hatten, bei der alle BesucherInnen Teil des Ökosystems werden, und welches daher bis zur Rezeption notwendig unabgeschlossen bleiben muss. Das klingt theoretisch besser, als es praktisch ist, allerdings muss man Suchbewegungen auch Fehlgriffe zugestehen.