Heft 4/2017 - Artscribe


Oh... Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung

17. März 2017 bis 2. Oktober 2017
mumok / Wien

Text: Johannes Porsch


Wien. "... unsere alte Moral gehört in die Komödie."1
Jakob Lena Knebl befasst sich mit der Performativität des Körpers. Das meint zunächst weniger Performance als die Frage, auf welche Art und Weise Diskurs Körper materialisiert, Körper als Material von Machtdynamiken artikuliert und reguliert. Wie wirkt Macht, sodass der Körper, seine Materialität zum Schauplatz von Bezeichnung wird? Knebls ästhetische Untersuchung der Komplikationen dieser Frage meint dann im Weiteren Performance, in der Körperlichkeit auf- und vorgeführt wird, Installationen prothetischer Körperkonstruktion oder fotografische Inszenierung des Spiels von Erkennungs- bzw. Verkennungseffekten des Imaginären, die Körper konturieren, ihnen Form verleihen (fast möchte man sagen: aufdrängen) oder sie aus dieser herausfallen lassen. Die ästhetische Praxis dieser Körperpolitik bildet nun die künstliche Oberfläche, eine libidinöse Haut, auf der in der Ausstellung Oh... Objekte aus der Sammlung des Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, modeförmige Quasiware des Labels House of the Very Island, Textilien, Designobjekte, Wohnzimmermöblierungen und nicht zuletzt Werke Knebls ausgebreitet, „durchmischt, und aufeinander bezogen“2 werden. Die Ausstellung möchte in dieser Konfrontation von Knebls Werk, musealer Sammlung und Versatzstücken aus der Wirklichkeit (außerästhetischen Materialien) zu einer „revolutionären Neuaufstellung“3 gelangen, die nicht nur die Hierarchien der Genres „hinterfragt“4, deren „Grenzen offen verhandelt“5, sondern auch „Regeln (den Kanon des Modernismus) auf den Kopf stellt“6: „Gegenentwürfe zu einer gewohnten Kunstgeschichtsschreibung, die auch [...] Befreiung von Konventionen – für (Knebl) selbst und als Angebot an die Betrachter_innen“7 – bereithält. Kein leichtes Unterfangen. Wie geht Knebl nun vor? Schweift der Blick über die eigenlogischen Arrangements, Installationen und Displays, die von den Wandtexten (der institutionellen Vermittlung) begleitet werden, eröffnet sich ein Begriffsfeld folgender Handlungen und Vorgänge: schichten, überlappen, zusammentreffen, vermischen(mix), übertragen, kombinieren, anordnen, ergänzen, einfügen, eingreifen, aufbrechen, verweisen auf, vermitteln, verhandeln, entgegenstellen, konfrontieren etc. Die aufgezählten Tätigkeiten, Techniken des Teilens und Fügens, des Spiels zwischen Teil und Ganzem, der Bewegung des „darüber hinaus“ lassen als Minimaldefinitionen auf das Verfahren der Collage schließen. Tatsächlich wird diese auch in Zusammenhang mit den raumgreifenden Bühnenraum-Installationen und den Inszenierungen, die die Seitenräume der Ausstellungshallen illusionär erweitern, in Zusammenhang gebracht und als maßgeblicher Modus der Formbildung im Medium der Ausstellung vorgestellt. Welche Rolle spielt die Collage in Bezug auf den Kanon der „rationalen, orthogonalen“8 Moderne seit 1900, den Knebl in der Ausstellung nicht nur prüft, sondern auch verkehrt? Welche Aspekte der Collage mobilisiert Knebl? Geht es um eine strukturelle Transformation der Figur-Grund-Problematik? Wenn ja, welche? Wird die Figur-Grund-Problematik als Konflikt zwischen Oberfläche und Tiefenillusion verstanden? Nimmt sie diese Instabilität buchstäblich auf oder wird sie thematisch verschoben? Oder beides? Oder geht es eher darum, den Widerstreit von Figur und Grund als Bruch zu verstehen, der das Ikonische selbst angreift? Wird der Abbau des Ikonischen, die Umwandlung seines Charakters der Ähnlichkeit in die Arbitrarität des Zeichens aufgegriffen und als codierendes Verhältnis von Form/Inhalt thematisch durchgespielt? Geht es in der Referenz auf das visuelle Spiel von Figur und Grund darum, dieses als ein semiotisches maschinelles Gefüge zu verstehen, eine Ent- und Verkoppelungslogik, die in einem differenziellen Setting von negativen Unterschieden operiert und so Visualität in Sprachlichkeit überführt? Oder geht es darum, diese Dynamik wiederum mit Blick auf Aneignung und Wertschöpfung und im Weiteren die Industrialisierung des Zeichens zu problematisieren? In welcher Art kann Collage als Trope modernistischer Formbildung eben genau dem Kanon, der sich in den diskursiven Effekten der Erfindung Collage materialisiert hat, nun, heute, als Strategie seines Abbaus entgegentreten? Möchte man nun behaupten, Knebl müsse diese Fragen, die die Ausstellung ja offensichtlich zum Tragen bringt und in Szene setzt, strukturell offenlassen; offenlassen muss insofern, als diese offenen Fragen etwa als ausstehende Historisierung der eigenen Vorgehensweise, oder auch als Unterlassung, eine „betont individuelle und ironische“9 Haltung gegenüber dem Imperativ zu Expert*innentum und damit zu Autorität verstanden (Wer spricht denn hier im Namen der Norm? Des gesicherten Wissens?), das Projekt „Umwertung aller Werte (Der Wert dieser Werte ist selbst einmal in Frage zu stellen.)“10 des Modernismus unvollendet lässt, es aufschiebt, der Nachträglichkeit als Dauerleihgabe anvertraut; einem überzogenen Anspruch (Beherrschung) erlaubt, sich zur fiktionalisierenden Attitüde zu wenden, sich als Unvernunft des Begehrens umherzutreiben und auszubreiten, Karneval zu feiern, in grotesker Manier sich selbst einen Akzent nach unten zu verleihen, sich gekonnt als Kalauer herunterkommen zu lassen, um so in der Tendenz zur Schließung letztlich sich selbst zu unterlaufen? ... Ein Subjekt muss untergehen (hinab wollen), runtergehen oder –fahren: E-1, E-311... Offenbleiben müssen solche Fragen aber auch, als der Anspruch, den sie stellen, aus dem heraus sie gestellt werden, derart seine Adresse nicht finden kann, leerläuft oder gar in sich zusammenfällt, bevor die Fragen mit ihren Ansprüchen noch zum Sender zurückkehren können, und in glücklicher Wiederkehr womöglich Zwang und Norm konsolidieren. Auch das ist eine Art von Performativität: dem Körper in der Fortdauer seiner sich wiederholenden, rekursiven Verfertigung für einen Augenblick, mit einem Augenzwinkern mit jenem wattigen Als-ob-Schock der Unterschreitung die Transparenz von Regel, Konvention einer Handlung abzuziehen, sodass er – hoppla! – in seiner ganzen albernen Konstruiertheit, als Hohlform (Figur ohne Grund) sich entbindet – der Diskurs stockt (Opazität), kontingenter Nicht-Sinn von Materialität bröckelt mir heraus (De/Collage). „Und hier wäre es auch nicht zutreffender, wenn man sagte, der Begriff ‚Konstruktion‘ gehöre an den grammatischen Ort des Subjekts, denn die Konstruktion ist weder ein Subjekt noch dessen Handlung, sondern ein Prozess ständigen Wiederholens, durch den sowohl ‚Subjekte‘ wie ‚Handlungen‘ überhaupt erst in Erscheinung treten. Es gibt da keine Macht, die handelt, sondern nur ein dauernd wiederholtes Handeln, das Macht in ihrer Beständigkeit und Instabilität ist“.12 – „Weder im Leben noch in der Kunst.“13

 

 

[1] Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral (1887), Vorrede, S. 7
[2]–[9] Karola Kraus/Susanne Neuburger/Barbara Rüdiger, Begleittexte der Ausstellung, in: Susanne Neuburger/Barbara Rüdiger (Hg.), Oh... Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, Köln 2017.
[10] Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral (1887), Vorrede, S. 7
[11] Nach: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (1891), Vorrede, S. 1.
[12] Judith Butler, Körper von Gewicht, Frankfurt am Main 1997, S. 32.
[13] Kraus/Neuburger/Rüdiger, a.a.O.