Heft 4/2017 - Artscribe


Jimmie Durham – God’s Children, God’s Poems

26. August 2017 bis 5. November 2017
Migros Museum für Gegenwartskunst / Zürich

Text: Yuki Higashino


Zürich. Diesen September wurde publik, dass sich in 83 Prozent allen Leitungswassers weltweit mikroskopische Plastikpartikel befinden. Eine weitere Studie fand solcherart Mikroplastik auch in jedem der untersuchten käuflich erhältlichen Meersalze. Daraus muss man offenbar den Schluss ziehen, dass es heute in allen Süß- und Salzwassern Mikroplastik gibt. Laut zahlloser anderer Studien aus den vergangenen Jahren findet es sich darüber hinaus in Fischen, in der Luft und wo auch immer. Abgesehen von den bisher nicht erforschten Auswirkungen dieser Tatsache auf unser Ökosystem und unsere Gesundheit bedeutet dies, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem die Unterscheidung zwischen Natur und Mensch von Grund auf sinnlos geworden ist. Wie jedes Lebewesen sind auch wir auf der molekularen Ebene hybrid.
Jimmie Durham thematisiert mit seiner Ausstellung diese essenzielle Verstrickung des Natürlichen mit dem Künstlichen. In der weiten Halle des zweiten Stocks im Migros Museum für Gegenwartskunst zeigt er 14 frei stehende Skulpturen. Jede davon besteht aus einem Tierschädel auf einem Körper aus verschiedenen Materialien. Nur ein paar der Schädel sind bemalt, alle jedoch besitzen anstelle fehlender Schädelteile als Ersatz irgendwelche künstlichen Elemente – Glasaugen, einen Kiefer aus Holz, Drahtohren usw. Die „Körper“ dieser Tiere wiederum bestehen aus Stahlrohren, Altholz, Stoffen und anderen Gebrauchsmaterialien. Sie wurden bewusst schmucklos und roh verbaut, wenngleich Durham es darauf angelegt hat, sie passend zum Schädel zu gestalten. So hat jedes „Tier“ auch vier Beine und ungefähr die richtige Körpergröße.
Alle Tierarten stammen aus Europa und stehen in einer schwierigen Wechselbeziehung zum Menschen. Manche Arten sind gefährdet und verdanken – wie das Bison oder der Alpensteinbock – ihr Überleben einzig der Auswilderung durch den Menschen. Andere, wie zum Beispiel die dänische Dogge oder das Shire Horse, sind domestiziert und zu ihrer jetzigen Form gezüchtet worden, während wieder andere wie der Wolf oder der Braunbär immer noch gefürchtet und auch gejagt werden. Und dann sind da noch jene Arten, die den schwer abgrenzbaren Übergangsbereich zwischen Natur und Zivilisation bewohnen, das Wildschwein beispielsweise oder das Rentier. Gemeinsam ist ihnen allen, dass ihre Existenz eng mit jener der Menschheit verknüpft ist, was allein bezeugt, wie müßig die Unterscheidung von Natur und Kultur ist.
Durham weigert sich standhaft, die formale Logik seiner Skulpturenserie zu verraten. Man weiß also schlicht nicht, warum der Körper des Reindeer (2017) aus unbehandeltem Holz und jener des Grate Dane (2017) aus Polyethylenrohren besteht, während der Körper des Wild Boar (2017) eine ausgetüftelte Mischung aus Möbelbeinen und motorenartigen, teilweise mit Metallic-Autofarbe bunt bemalten Maschinenteilen ist. Dass es eine Logik gibt, ist unbestreitbar und zeigt sich an der sicheren Hand, mit der die täuschend einfachen Skulpturen gebaut sind. Diese sind Ausdruck einer heiklen Balance zwischen bewusster Gestaltung und dem Anschein des Gefundenen. Doch bleibt die Logik unergründlich, weswegen das Publikum die sehr reizvolle Möglichkeit hat, selbst zu spekulieren.
Neben anderen argumentiert auch der Architekturtheoretiker Mark Wigley, dass jedes Bauwerk eine Erweiterung des menschlichen Körpers darstellt. Dieses Bild könnte man noch erweitern und überhaupt jedes menschliche Artefakt vom einfachen Stock über Maschinen bis zu Sprache und Musik als Prothesen ansehen, die organische Funktionen des Menschen erweitern. Alles, was wir tun, ist gewissermaßen ein Teil unseres Körpers. Diese Sichtweise macht den Unterschied zwischen Natur und Zivilisation hinfällig. Es gibt keine Natur und keine Kultur, sondern nur konkurrierende Organismen auf ein und derselben Daseinsebene (und alle mit Plastikteilchen im Inneren ihrer Körper). So betrachtet sind Durhams Skulpturen fantastische Verbindungen menschlicher Körperteile mit tierischen Schädeln.
Bemerkenswert dabei ist, dass diese Arbeiten, die so klar das Anthropozän und seine Auswirkungen auf das Tierreich thematisieren, zugleich so starke Bezüge zur europäischen Antike und ihrer Skulpturentradition aufweisen. Mythische Wesen wie der Minotaurus, die Sphinx oder der Zentaur, welche menschliche und tierische Merkmale vereinen, sind in der europäischen Kunstgeschichte seit jeher ein zentrales Sujet. Und es stimmt: Durchwandert man Durhams Ausstellung, so fühlt man sich wie in der Skulpturengalerie eines klassischen Museums wie dem Louvre. Nicht nur Größe und Arrangement der Skulpturen im Raum wirken museal. Auch hat jede von ihnen eine Geschichte und – wie jede Geschichte – eine Moral. Die Kombination diverser Alltagsmaterialien erinnert auf den ersten Blick zwar an modernistische, insbesondere surrealistische Assemblagen, doch Durhams Beharren auf narrativen Inhalten, die sich in einem speziellen Hintergrundnarrativ für jedes der Tiere, die jedes für sich bewusst intern konsistent gehalten wurden, äußert, nähert sie eher an neoklassische und barocke Skulpturen mit ihren oft komplexen Allegorien an.
Doch wie bei allen großen Werken der Antike auch lassen die ausgestellten Werke einen extrem breiten Interpretationsspielraum zu, was ihre Moral betrifft. Es ist unmöglich, sie auf eine einzige Botschaft zu reduzieren. Dies wird noch weiter verkompliziert, weil der Künstler jede Erklärung über die interne Logik der Skulpturen verweigert. Die Ausstellung ist also letztlich ein dichter Text, mit dem einige der drängendsten Probleme unserer Zeit mittels der Kunstgeschichte und der einzigarten ästhetischen Sprache Durhams formuliert werden.

 

Übersetzt von Thomas Raab