Heft 4/2017 - Artscribe


Martin Beck – rumors and murmurs

6. Mai 2017 bis 3. September 2017
mumok / Wien

Text: Bettina Brunner


Wien. Die Aufführung von Andy Warhols Filmepos Sleep (1963), das in über fünf Stunden nichts anderes zeigt als den schlafenden Dichter John Giorno begleitet eine amüsante Anekdote. Der Filmemacher Jonas Mekas hätte einen der Zuschauer zu Beginn der Projektion an seinen Stuhl fesseln müssen, um ihn an der vorzeitigen Flucht zu hindern. Warhols überlange Filme der frühen 1960er-Jahre, die vom Mythos eines widerständigen Publikums begleitet werden, stehen am Beginn einer Entwicklung avantgardistischer Filmpraktiken, bei der Fragen von Zeitlichkeit und Dauer im Kontext sowohl filmischer Rezeption als auch medialer Technologien in den Vordergrund rückten.
Jene hier beschriebene (avantgarde-)filmische Zeitlichkeit, bei der Wahrnehmungsdispositive und medienästhetische Fragestellungen aufeinandertreffen, stellt einen möglichen Einstieg in Martin Becks umfassende Retrospektive rumors and murmurs im mumok dar. Der aktuellste Werkkomplex in der Ausstellung über die letzte Nacht der Discopartys des legendären DJs David Mancuso, die dieser seit den frühen 1970er-Jahren in diversen New Yorker Lofts veranstaltet hatte, liefert dafür die Grundlage. Becks über 13 Stunden lange Videoarbeit Last Night (2016) zeigt in zehn verschiedenen Kameraeinstellungen sich auf einem Plattenspieler drehende Vinyls in Nahaufnahme. Zu hören sind alle Tracks jener letzten, titelgebenden Partynacht vom 2. Juni 1984, die im Laufe von 13 Stunden zu hören waren. Beck verzichtet auf jegliche Form visueller Referenzierung des historischen Ereignisses, etwa in Form von Found Footage. Somit rückt er einerseits den Fokus weg von der nostalgischen Repräsentation einer scheinbar von allen Zwängen befreiten Subkultur, wie sie Partybesucher Vince Aletti in der ausstellungsbegleitenden Publikation beschreibt: „[I]nmitten einer ekstatischen Gruppe von Tanzenden konnte man sich leicht im kollektiven Bewusstsein des Lofts verlieren“. Hält Becks Video ausschließlich die mediale Grundlage der Loftparty – die gespielte Musik und deren Dauer – fest, so bleibt in Last Night andererseits das emanzipatorische Potenzial einer körperlich-ekstatischen und momenthaften Gemeinschaftlichkeit als unausgesprochenes Angebot an die BetrachterInnen zur Aneignung und Aktualisierung bestehen. Becks Video bestimmt eine Form des Erinnerns, der jene eingangs beschriebene filmische Zeitlichkeit zwischen Wahrnehmung und Medium zugrunde liegt. Während die Gesamtdauer der gespielten 118 Titel die Dauer der Loftparty festlegte, bestimmte Letztere die Länge von Last Night, die sich dem Ausstellungspublikum jedoch immer nur ausschnitthaft erschließt. Beck reflektiert zugleich Fragen des Ausstellens mit, indem er das Thema der New Yorker Loftpartys auf unterschiedlichsten medialen Ebenen präsentiert. Der gezeigte Werkkomplex umfasst neben der Videoarbeit zwei Siebdrucke, die alle gespielten Titel der letzten Partynacht auflisten, und die Publikation Last Night – ergänzt durch Errata vol. 1–3 (2014–2017) – mit ausführlichen Angaben zu jedem einzelnen Track. Entsteht dadurch der Eindruck einer „Ausstellung in der Ausstellung“, deren Grenzen jedoch offen bleiben, so durchzieht dieser Ansatz die gesamte Retrospektive.
Bei der Präsentation des frühesten Werkkomplexes in rumors and murmurs, der Displayformen der Moderne in den Blick nimmt, verfährt Beck auf ähnliche Weise. Im Zentrum steht auch hier eine Videoarbeit. About the Relative Size of Things in the Universe (2007) befasst sich mit dem Struc-Tube-Ausstellungssystem, das der US-amerikanische Designer George Nelson 1948 für kommerzielle Nutzungen entwickelt hatte. Das Video zeigt zwei Personen beim Auf- und Abbau des flexiblen Röhrensystems. Diese werden von einer dritten Person, die zu einer Versammlung über aktuelle Beschäftigungsverhältnisse einlädt, in ihrer Tätigkeit unterbrochen. Becks Retrospektive rollt in unmittelbarer Nähe der Videoinstallation eine knappe Geschichte der Minimal Art und deren formale Verstrickung mit kommerziellen Displaysystemen auf. Neben einer Bildsequenz aus Eadweard Muybridges Animal Locomotion-Fotoserie von 1882, deren Rezeption in den Arbeiten Sol LeWitts und der berühmten Minimalismus-Ausgabe der Zeitschrift Aspen von 1967 findet sich unter dem Titel Display (2007) eine von Beck zusammengestellte Sammlung diverser Publikationen zum Thema Ausstellungsgestaltung. Diese ist auf Abstracta-Glasregalen zu sehen, die der dänische Designer Poul Cadovius in den 1960er-Jahren entworfen hatte und die auf die Grids der Minimal Art zurückverweisen. About the Relative Size of Things in the Universe und der daran geknüpfte, in der Ausstellung zu sehende Werkkomplex führen prägnant vor Augen, dass Becks Kunstpraxis durchaus im Sinne einer wissenschaftlich ausgerichteten „research-based art practice“ verstanden werden kann, wie sie spätestens seit den 1990er-Jahren im Kunstdiskurs fest verankert ist. Fragen über formale Aspekte historischen Materials stehen bei Beck jedoch von Anfang an im Zentrum seiner Recherchen. Indem die Handlung von Becks Video Arbeitsbedingungen im gegenwärtigen Kulturbetrieb kritisch in den Blick nimmt, aktualisiert der Künstler die Formengeschichte moderner Displaysysteme und versucht deren Rolle in der Schaffung sozialer Räume und Hierarchien abzustecken. Dass Becks politisierter Ästhetikbegriff vor allem darauf abzielt, möglichen Formen von Gemeinschaftlichkeit nachzugehen, bringt die Retrospektive im mumok deutlich zum Ausdruck.