Wien. Mit Dark Light reagiert Nicole Eisenman auf die jüngsten politischen Ereignisse. Sie zeigt drei großformatige Malereien, deren Figuren man in gerahmten Skizzen und Zeichnungen wiederfindet, sowie eine Installation und Schaukästen mit Alltagsamericana wie Postkarten, Fotografien, Plakate oder Zeitschriften. Stilistisch vielgestaltig mischt die Künstlerin hier Figuration mit Animation, Allegorie mit Kitsch, Verspieltes mit Schrecken. Als thematische Klammer dienen ihr die von der Wahl Donald Trumps ausgelösten Ängste, wobei diese auf den französischen „Philosophen der Geschwindigkeit“ Paul Virilio bezogen werden, der auch im Katalog zur Ausstellung zitiert wird.
Die Gemälde Shooter 2 (2016), Dark Light und Going Down River on the USS J-Bone of an Ass (jeweils 2017) deuten jeweils auf eine drohende Gefahr außerhalb des Bilds hin. Im Fall der Installation Monument to a Politician (2017) werden mit Rekurs auf Virilios Begriff des „Unfalls“ die Nachwehen einer bereits eingetretenen Katastrophe manifest. Der permanente technische Fortschritt führt, um es kurz zu sagen, zu immer schwereren Katastrophen, angefangen von Zugs- oder Flugzeugsunglücken bis zum nuklearen Inferno oder der Gefahr der künstlichen Intelligenz. In Eisenmans Augen rasen wir auf eine globale Apokalypse zu, auf eine Zukunft der totalen Umweltzerstörung und der Tyrannei als politischem Normalzustand.
Auf Shooter 2 zielt vor dem Hintergrund bunter geometrischer Formen ein kolossaler blauer Revolver in einer orangeroten Riesenfaust direkt auf die BetrachterInnen. Das Bild erinnert an amerikanische oder britische Kriegspropaganda aus dem Weltkrieg, auf denen man von Uncle Sam bzw. Lord Kitchener gestreng zum Dienst an der Waffe aufgefordert wurde, wie es bereits Jasper Johns oder der späte Malewitsch zitierten. Bloß fehlt bei Eisenman der Aufforderungscharakter. An seine Stelle tritt die Krise der oder des Einzelnen. Die BetrachterInnen blicken buchstäblich in einen Revolverlauf.
Im regen Vordergrund von Going Down River wiederum erkennt man ein Boot in der Form eines gigantischen tierischen Unterkieferknochens. Sein Segel ist zerrissen und die zusammengewürfelte Mannschaft bestehend aus einem Flötenspieler mit braunem Pullunder, einem geisterhaften Matrosen und einem Geschäftsmann in grauem Anzug segelt auf dem morbid grünen Fluss einem unheilvoll schäumenden Wasserfall entgegen. Im Hintergrund umschifft gerade ein rotes Boot, auf dem ein Mann an Deck eine Trommel schlägt, mit Ach und Krach einen steuerbord treibenden Baumstamm voller Dreck. Auch dieses Boot treibt auf den Wasserfall zu, dessen Macht man nur ahnen kann. Im Vordergrund wurzelt ein knochenfahler Baum in eine Felswand unmittelbar am Wasserfall, während man im Hintergrund mehrere dürre Bäume auf einem kargen Acker stehen sieht. Dahinter türmt sich, einer Landkarte gefahrvoller Gebirge gleich, ein düsterer Himmel auf.
Auf Dark Light richtet ein mürrischer Typ mit grünlicher Hautfarbe und einer roten Baseballmütze (vielleicht jener der Trump-Fans mit der Aufschrift „Make America Great“), orangen Hosen und einem T-Shirt mit Ästen und Blättern darauf, die wie ein Abgesang auf die Natur wirken, seine blauschwarz leuchtende Taschenlampe Richtung linke Bildseite. Sein Körper wird demnächst hinterrücks von einer metallisch dunklen Giftrauchschwade umfasst, die aus einem glänzenden Chromrohr quillt. Dasselbe Schicksal erwartet die drei Männer, die davor auf einem eigentümlich geformten Möbel lungern. Ihre geschlossenen Augen sind gerötet, Asche fällt über ein Gesicht, das strähnige Haar hängt herab. Hinten der kaum kenntliche Himmel ist vom selben ekeligen Grün verschmutzt wie auf Going Down River. Auf ihm prangt eine schwarze Sonne, aus der sich eine ölige Substanz in die Atmosphäre ergießt.
Alle diese Stimmungslagen fließen auch in die Installation Monument to a Politician ein. Eine dürre hohe Sperrholzkonstruktion ragt mit einer Art Kugel am oberen Ende durch die Decke und stört die Ruhe eines gemütlichen Wohnzimmers, das komplett mit Ledersofa, Polstermöbeln, Topfblumen und einer Stehlampe auf einem cremefarbigen Teppich thront. Über die Holzkonstruktion rinnt schwarze Farbe, spritzt aufs Sofa und verdreckt den Teppich. Das Gefühl des Unheils, auf das auch die Gemälde anspielen, steht uns hier klar vor Augen, wenngleich die Zeit aus dem Gleichgewicht scheint. Das Sperrholz sieht plötzlich aus wie ein Gerüst, als werde eine Hinrichtung vorbereitet oder als hätte ein grausamer Mord stattgefunden. Man bemerkt auch Anklänge an das Modell eines Wolkenkratzers und die berühmte Riesenkugel, die zu Neujahr in New York auf den Times Square „fällt“. Bloß bekommt man den Eindruck, als hätte jemand die Kugel manipuliert, herunterdonnern und dieses elende Chaos verursachen lassen.
Obwohl sie verglichen mit den Zeichnungen und Skizzen sinnfälliger scheinen, sind die Malereien wohl zu unruhig, um zu gefallen, und zu eklektisch im Stil, um als Allegorie zu funktionieren, für die wir ohnehin alle kein Auge haben. Das Monument to a Politician überzeugt mehr, weil das auf den ersten Blick eindeutig Wirkende plötzlich viele Mehrdeutigkeiten offenbart. So könnte die Installation als Vorwegnahme der Ermordung einer politischen Figur gedeutet werden, die es gar nicht wert ist, betrauert zu werden (Trump vermutlich) oder aber als Verweis auf die Gräuel, die dieser, wie wir alle befürchten, zu begehen oder geschehen zu lassen droht. Oder ist die schlichte Farbgebung – öliges Schwarz auf dem cremeweißen Leder des Sofas und Plüschteppichs – eine blasse Erinnerung an die Ermordung von Kennedy, wie sie sich auch in den Glasschränken in Zeitungsausschnitten, Pornografie und Touristensouvenirs wiederfindet?
Jedenfalls lässt Dark Light die Aufgabe der Kunst erahnen, die Tyrannei anzuprangern und dabei politische Hoffnung zu geben. Letztlich aber drückt Nicole Eisenman hier nur die gegenwärtigen Ängste aus, ohne Hoffnungen oder Alternativen aufzuzeigen.
Übersetzt von Thomas Raab