Heft 4/2017 - Artscribe


Rudolf Weidenauer – CIRCUMSTANZA

22. Juni 2017 bis 22. Juli 2017
FOX

Text: Christian Egger


Wien. Die Ausstellung CIRCUMSTANZA beinhaltete neben drei Videoarbeiten vor allem eine Vielzahl ephemerer Notizen, künstlerische Skizzen, Tagebucheinträge, literarische (Kurz-)Formen, Architekturentwürfe und anderweitige Fragmente des 2011 durch Freitod aus dem Leben gegangenen Künstlers Rudolf Weidenauer. Freund, Weggefährte und Künstler Octavian Trauttmansdorff und FOX-Betreiber Udo Bohnenberger ging es in dem Arrangement der Materialien und der Präsentation der Arbeiten nicht um eine retrospektive Installation des reichhaltigen Nachlasses des Künstlers, sondern vielmehr um ein Aufzeigen und Sichtbarmachen seiner sich aus unterschiedlichsten und vielfältigen Interessen speisenden Arbeitsweise(n). Aus Alltagsbeobachtungen, Verarbeitungen persönlicher Erlebnisse und Erfahrungen von Auslandsaufenthalten entstanden Arbeitsskizzen und unmittelbare Projektentwürfe, die später umgesetzt wurden oder oft auch nur Skizze und Entwurf blieben. Aus diesem Konvolut an Arbeitsmaterialien, die in Vitrinen präsentiert wurden, lassen sich wiederkehrende Motive der künstlerischen Prozesse filtern. Vor allem dann, wenn man manche der fertiggestellten Arbeiten kennt. Die Abschlussarbeit des Künstlers an der Akademie der bildenden Künste bestand etwa aus Porträts der HobbymusikerInnenformation Big Band Heiligenstadt. Es war dies die Band, bei der Rudolf Weidenauer Saxofon spielte. Porträtiert hat der Künstler seine Kollegen mit in Swingerklubs oder im Fasching Anonymität verleihenden schwarzen Gesichtsmasken – ein kleiner Eingriff, der die Gruppenaufnahme harmloser MusikerInnen subvertierte, was wiederum gerade in der Konfrontation mit dem Ensemble Diplomjury zu einer interpretationsreichen Gegenüberstellung in der Prüfungssituation führen musste. Dieses Herausarbeiten von Trägerelementen aus größeren Strukturen und daran anknüpfende Analysen bezüglich der Funktionsweisen insgesamt finden sich auch in einigen mit Mode/Identität spielenden Arbeiten: beispielsweise in Form eines gestreiften Pullovers, in den er runde Löcher schnitt und diese danach leicht versetzt wieder genau dort platzierte, sodass die derart entstandenen Brüche die Fragilität und Relativität des ursprünglichen Musters thematisierten. Eine Vorgehensweise, die auch in dem in der Ausstellung gezeigten Video … was passiert wenn 18 menschen auf dem dach der remise der wiener liliputbahn versuchen die bewegung des riesenrades nachzumachen … schlagend wird, wenn Weidenauer die große, monotone und weltweit als Attraktion der Stadt strahlende, langsame Kreisbewegung des Riesenrads in einer wiederum kleinen, aber effektiven Geste performativ spiegelte. Das Video Baum zeigt den Künstler auf einem Ast sitzend und Sägebewegungen ausführend, was bei Fortschreiten den Absturz des Sägenden zur Folge gehabt hätte. Ein unter dem Baum zur Sicherheit platziertes Sofa sowie eine intervenierende Gartenbesitzerin lösen die heroische, gefährliche künstlerische Übung im Scheitern auf und deuten den Grad der Illusion an, der man bei Vollzug des Sägens und Abbrechen des Asts erlegen wäre. Das dritte Video in der Ausstellung CIRCUMSTANZA dokumentiert die in Zusammenarbeit mit Johannes Porsch entstandene Aushebelung und punktuelle Verwüstung der voll möblierten und entsprechend funktional einengenden Wohnung des Künstlers. Die Anzahl der massiv destruktiven Eingriffe wie etwa das Überlaufen des Küchenabwaschbeckens wird in dem Video aber nicht zentral fokussiert, sondern in eine verzerrt unheimliche Abstraktion überführt.
Dass eine Ausstellung in dieser umfangreichen Form möglich war, liegt vor allem an der langjährigen Tätigkeit des nach dem Tod des Künstlers von ihm nahestehenden KünstlerInnen gegründeten Vereins Rudi Weidenauer – zur Würdigung seines künstlerischen Nachlasses, der sein Œuvre seit 2013 betreut, sichtet und aufbereitet. Er befindet sich physisch in den Räumen der basis wien und kann unter Voranmeldung dort auch eingesehen werden. In der Ausstellung wurde die in dem Werk enthaltene Komplexität und Vielfalt der Suchbewegungen und Ausdrucksformen eines Künstlers eindrucksvoll aufgezeigt, der in seiner Erscheinung und seinem Auftreten sein Gegenüber stets austestete und die ganze Stadt als sein Forschungs- und Experimentierfeld absteckte. Manche der ausgestellten persönlichen Schriften zeugen aber auch schmerzvoll davon, dass sich dieser ein Leben darin nicht mehr länger vorstellen wollte oder konnte.