New York. Stray, der Titel von Shannon Ebners Einzelausstellung in der New Yorker Galerie von Eva Presenhuber verweist auf die vielfältige Praxis des Umherirrens, des Streunens der in LA lebenden Künstlerin ( „... that one of my first strays, apart from being gay, was to stray from photography ...“, 1993), wobei Untersuchungen und Hinterfragungen von Fotografie, Sprache und Poesie den Inhalt ihrer Arbeiten darstellen.
Die Ausstellung richtet sich tatsächlich in viele Richtungen aus und umkreist das Herumstreunen, das Abweichen in linguistischer sowie auch in visueller Hinsicht. Dies allein zeigen schon die vielen in den Fotografien präsenten Türen, die auf relationale Räume Bezug nehmen. Ebner sieht sich in der Weiterführung der Tradition der Konzeptkunst. Sie vereint Fotografie, Text und Poesie und hat einen kritischen Zugang zur Sprache und deren Interpretationen. Die Künstlerin spielt mit Worten und Begriffen, mit Fragmenten, doch in den Verkürzungen und Wortgeflechten geht es auch um konkrete Fragen wie „ ... / Hope for the Artist in America ....“ bzw. „.... / pins in hoping we’d stay. ...“. Diese Zitate sind sicherlich auch als existenzielle Fragen in der derzeitigen US-Kulturpolitik der Trump-Ära zu sehen.
Stray lautet auch der Titel einer Soundinstallation – ein Plattenspieler mit Boxen und einer LP mit gelesenen Texten von Susan Howe und Nathaniel Mackey. (Beides renommierte Figuren im Feld der experimentellen Poesie; Mackey ist auch Musiker und Vertreter der Black Poetry.)
Explizit gibt es eine Reihe von Arbeiten, in denen sich Ebner konzeptuell mit dem Thema Fotografie in der Fotografie auseinandersetzt und auf (selbst-)reflexive Weise die Fotografie als Sprache wahrzunehmen versucht. Sei es in Photorama, eine flach auf Aluminium aufgezogene, fast quadratisch anmutende Fotografie, die einen zentralen Platz an der hinteren Wand der Galerie einnimmt. In der Mitte eine schmale Tür, darüber in Versalien das Wort „PHOTOGRAPHY“ und das Ganze in einem Rahmen, der an Dioramen in Naturkundemuseen erinnert. Um eine weitere Institution geht es auch in der Installation Friends In Deed House, welche die Eingangssituation in einem Obdachlosenquartier von Pasadena zeigt. Neben einem großformatigen Foto ist eine Reihe von kleineren der gleichen Situation zu sehen. Es handelt sich dabei um dasselbe Sujet in verschiedenen Hell- und Dunkelvarianten mit kleinen Unterschieden, eine Praxis, die man bei Suchbildern anwendet. Die Anordnung der Fotografien erinnert an einen Film, dessen Bilder angehalten sind und in dem der Moment des Stillstands die eigentliche Bedeutung schafft. Auch Splay Anthem fällt in diese Kategorie. Diese Fototextarbeit kann als Referenz an Walker Evans wegweisendes Werk (American Photographs) gesehen werden, als Wertschätzung und/oder als Kritik am Meisterdiskurs.
In Signal Escapes ist es der Zug der Vögel, die ein Flugalphabet am Himmel aufspannen. In Temple High and Lo wird eine improvisierte Flagge gezeigt, die – so scheint es – auf eine piratische Landnahme aufmerksam macht, dahinter erschließt sich ein Teil der Topografie von LA. Bei der Installation Will and be Going to, die aus zwei ähnlichen Fotografien besteht, trägt eine simple Vorrichtung in einer kahlen Landschaft das Zitat des Titels, was wiederum an eine zukünftige Bewegung denken lässt sowie an das Raster des Raum- und Zeitkontinuums, das die Minimalbewegung einer Wolke einfängt.
Aus dem gefalteten Poster, das übrigens alle Arbeiten der Ausstellung abbildet und zum Mitnehmen gedacht ist, zitiert Ebner im Eingangstext die Poetin Eileen Myles: „... I think we all write our poems with our metabolisms, our sexuality ...“ Es gelingt Ebner, Myles’ Zitat auf die bildliche Ebene ihrer zweiteiligen Arbeit Tree Ellipse zu übertragen. Es handelt sich um Fotografien von Bäumen, die Assoziationen wachrufen: ein weiblicher Torso, der entfernt an die Moderne, an Duchamps Étant donnés anklingt, nur mit einem unterschiedlichen Blick gesehen, einem explizit anderen Blick des Begehrens.
Inwieweit das einzige Bild eines menschlichen Wesens, ein Schnappschuss von Grace Walking And Talking ebenfalls der Begehrenssphäre zugehört, erschließt sich nicht in der Ausstellung, jedoch im Titel Stray.
Das Poster Bombardo, das an der Oberfläche Gebrauchsspuren und Risse zeigt, spielt mit Sprachfetzen und fragmentarischen Silben. Weiße Balken sind als Aufforderung an die BetrachterInnen zu sehen, das Sprachspiel zu Ende zu führen. Ausdrücke, die an Gewalt und Krieg denken lassen, sind durch textuelle Elemente gedanklich zu vervollständigen. Ebner verwendet ausnahmslos für alle Arbeiten Schwarz-Weiß-Fotografie, womit der Eindruck von der Farbe Grau entsteht, der für Ebner sehr eng mit Theorie verknüpft ist.
Ebners Arbeit bietet eine breit angelegte Kritik der ideologisch aufgeladenen Sprache von Freiheit, Demokratie und Krieg, die den letzten Jahrzehnten den öffentlichen Diskurs weltweit bestimmt. Sie erzeugt in Stray raffinierte Bezüge der vorliegenden Kontexte durch die ausgeklügelten Platzierungen der Arbeiten. Diese erweisen sich im Vergleich zu den Minimalisten der Vorgängergeneration trotz des sparsamen Einsatzes geradezu als detailreich, ihnen fehlt die Strenge, sie haben kritisches Potenzial und nebenbei auch Humor.