Heft 4/2017 - Global Limits
In der Umweltwissenschaft impliziert der Begriff der Devastierung nicht ein Ende des Werdens oder eine Negation, sondern eine Veränderung im Werden des Virtuellen. Devastierung ist ein Werden, das die Bedingungen anderer Formen des Werdens beeinflusst, diese eliminiert oder radikal verändert. Die Tendenz der Devastierung ist jedoch nicht notwendigerweise „antiorganismisch“ oder entropisch und folgt als solche auch nicht allein thermodynamischen Prinzipien. Devastierung kann Neuartigkeit und Komplexität außerhalb der existierenden Vielfalt erzeugen. Zu ihren komplexeren Manifestationen gehören das dynamische Verhalten neuer Autoimmunkrankheiten, komplexe Verbindungen schädlicher Moleküle, krebsartige Wucherungen, Strahlung oder auch Kohlendioxidanreicherungen, die Komplexität und Ganzheit nicht einfach zugunsten von Zufälligkeit oder aus einem kategorischen Mangel an Differenzierung eliminieren. Vielmehr werden Anteile von Potenzialität darin radikal umverteilt, neue Aktivitätsebenen geformt bzw. geraten mit anderen Veränderungsprozessen aneinander, imitieren und verschlingen diese. Wenn man von der wachsenden Devastierung in der Welt spricht, so hat das nichts mit dem subjektiv nicht vorstellbaren Ausmaß des Todes des Individuums oder mit der überwältigenden Kraft des reinen Nichts zu tun, sondern es betrifft Vorgänge am Rand dieser Dinge, die lebendig, aktiv und produktiv sind.
Devastierung gleicht manchmal einer geometrischen Progression. So wie Umweltverschmutzung mit der Zunahme an Krebserkrankungen einhergeht, Zucker und Fett mit Fettleibigkeit, Fettleibigkeit mit der Zunahme der menschlichen Masse, Veränderungen im pH-Wert mit Veränderungen in Jetstreams, so verweist auch Devastierung auf Verknüpfungen, die so komplex sind, dass ihrer Größenordnung und Intensität durchaus etwas Grandioses anhaftet, das gleichwohl systematisierbar ist. Devastierung ist eine Art Veränderung, aber es geht dabei um eine einschneidende Veränderung, eine diskontinuierliche Veränderung, Abruptheit; und es ist eine Art Veränderung in der und für die Aktualisierung des Virtuellen.
30 Jahre nach der Katastrophe liefert Tschernobyl ein interessantes Beispiel: Die Auswirkungen der Strahlung scheinen durch das Fehlen anthropogener Faktoren in der Sperrzone zu einer vergleichsweise höheren Biodiversität beigetragen zu haben, da dort beispielsweise seltene Tierarten entdeckt wurden. In dieser radioaktiv geladenen biologischen Vielfalt gibt es ein Fenster der Instabilität, das es bestimmten Faktoren ermöglicht, eine Weile inmitten anderer Entwicklungen zu gedeihen: Die biochemische Wirkung der Strahlung beeinträchtigt etwa auch die biologischen Zersetzungsprozesse durch Mikroben und Pilze und führt so zur Konservierung der Toten.1 Das hat dazu geführt, dass Tausende von Bäumen noch unverrottet an genau derselben Stelle liegen, an der sie umgestürzt sind. Diese Einmischung in den Tod hat eine andere Qualität als das, was dem Jenseits zugeschrieben wird: Hier wird dem Tod tatsächlich Einhalt geboten.
Auf einer anderen Ebene lässt sich Devastierung als ökologisches Ereignis beschreiben, das komplexe und vielfältige Interaktionen innerhalb verschiedener Entitäten und Systeme und quer durch diese hindurch beinhaltet. Die Erdgeschichte ist durch eine Reihe gewaltiger Ereignisse planetarischen Ausmaßes geprägt. Wie wir wissen, gibt es auf der Erde immer wieder Zeitalter, in denen viele Dinge sterben, die Eiszeit war ein solches Zeitalter. Mit der Photosynthese entstand die Atmosphäre und durch deren Wechselwirkung mit den Strahlen der Sonne wiederum die Ozonschicht, sodass sich Leben entwickeln konnte. Manche Dinge (wie freier Sauerstoff) besitzen Eigenschaften, die sich verheerend auf andere Dinge auswirken können, andere wie etwa elektromagnetische Strahlung sind als Teil der Materie vollkommen „natürlich“. Devastierung bedeutet nicht nur das Vorhandensein zerstörerischer Eigenschaften an sich oder Zerstörung schlechthin. Vielmehr bezieht sie sich auf geänderte Bedingungen des Werdens und kann eine Form der aktiven Produktion sein, die zu einer Neukonfiguration von Stabilität und Wandel, Expansion und Kontraktion führt sowie zu Verwüstung und Chaos in der Verbindung von Lebensräumen und Kosmologien. Letzteres zeigt sich darin, dass die Verwüstung von Wäldern zur Auslöschung bestimmter Sprachen und der sie sprechenden Menschen und damit zum Verlust der Fähigkeit zu einer bestimmten Denkweise führen kann.
Devastierungen reißen Dinge aus zyklischen oder festgelegten Zuständen heraus und versetzen sie in sich ausbreitende Zustände der Verarmung. Im Fall von Tschernobyl führte die Strahlung infolge der Katastrophe auch zu einer drastischen Abnahme der Pilz- und Bakterienaktivitäten, wodurch die Abgabe von Nährstoffen an den Boden teilweise unterbunden wurde. Diese Veränderung trennt die Verbindung von Lebensquelle und Nichtleben bzw. anderen Formen des Lebens und verändert die Prozesse des Werdens. Hier wird der übliche Zersetzungsprozess nicht einfach nur aufgeschoben oder werden die Bäume für später „aufbewahrt“. Vielmehr ist es Folge der Strahlung, dass der Tod mitten im Leben „angehalten“ wurde, was selbst wieder zu einer Art Wachstum führt, einer nach vorne gerichteten Entfaltung der Dinge, für die wir keine ethisch-ästhetischen Bilder haben. Womöglich verharren die Bäume in diesem trockenen, unverrotteten Zustand und bieten so vorzügliches Anzündholz für einen eventuellen Waldbrand, dessen Rauch und Asche die Radioaktivität, die in ihnen gespeichert ist, weit über die derzeitige Sperrzone hinaus verbreiten würde. Das würde eine Art Wachstum bedeutet, ein Werden der Strahlung als Form der Devastierung.
Öllecks
Besonders deutlich und gravierend ist die zerstörerische Kraft, mit der Öl aus gesunkenen oder leckgeschlagenen Tankern oder aus defekten und unbeaufsichtigten Ventilen auf Bohrinseln ins Meer ausläuft. Ebenso krass sind die Kollateralschäden der Entwicklung neuer Techniken wie Fracking. Auf diese Weise kommt die Erde flächendeckend mit ihrem inneren Selbst in Berührung. Wie erlangt man eine profundere Kenntnis von solchen Ereignissen?
Die Geschehnisse rund um die Deepwater Horizon, das verhängnisvolle Leck an der BP-Ölplattform im Golf von Mexiko im Jahr 2010, wurden durch eine Reihe von Mechanismen zu „managen“ versucht. Dazu gehört der Risikodiskurs, der sich in Versicherungs- und Haftpflichtverträgen niederschlägt, die Erhebung von Umweltschutzklagen und die Herabminderung möglicher Ansprüche, der Fachjargon des Ölkatastrophenmanagements und die damit einhergehende Aushöhlung des Vorsorgeprinzips, die Medienreaktionen der verschiedenen beteiligten Unternehmen, die sich nur in der Bandbreite ihrer einmal mehr, einmal weniger großen Inkompetenz und Verlogenheit unterscheiden. Sie alle entwickelten ihre eigene Beurteilung und Beschreibung des Vorfalls, selbst wenn sie versuchten, ihn zu vertuschen. Vielleicht steckt hinter der Dringlichkeit, das Ausmaß der Devastierung zu berechnen, auch das Ansinnen, derartige Bedingungen durch diese Art von Diskurs überhaupt zu beseitigen, nämlich indem man sie von sich weist und dadurch Zeit schindet, anstatt zu versuchen, ein nachhaltigeres Verständnis zu entwickeln, hätte dieses doch möglicherweise grundlegende Auswirkungen auf den Rohstoff Erdöl und seine Industrie.2
Öl ist eine tragische Substanz, denn die enorme Macht, die es verleiht, vergiftet zugleich alle Menschen, die auch nur im Entferntesten mit ihr in Berührung kommen. Tatsächlich ist die Komplexität des Erdöls größtenteils auf seine tief greifende Korrumpierung der mit ihm verbundenen Diskurse, Personen und Institutionen zurückzuführen, die versuchen, die Auswirkungen seiner immensen energetischen und toxischen Kraft zu leugnen. Dazu gehören die Stabilisierung bestimmter Kräfte (die Möglichkeit der Energiegewinnung) und das Sich-zunutze-Machen anderer (die Art und Weise der Gewinnung) für ganz bestimmte Arten der Gewinnerzielung oder Nutzung. Gleichzeitig wird die Anerkennung bestimmter damit einhergehender Konsequenzen (Klimawandel) marginalisiert.
Deutlich wird die Tragik des Öls auch in den häufig berichteten Folgen von beabsichtigten oder unbeabsichtigten Lecks in Ölpipelines in Nigeria und anderswo, die zu den verhängnisvollen Auswirkungen großflächiger Gasabfackelungen und eines generell willkürlichen und nachlässigen Umgangs mit den ökologischen Folgen noch hinzukommen.3 Leckagen sind an der Tagesordnung; sie machen das Land unbrauchbar für die Landwirtschaft oder als Räume ökologischen Rückhalts. Wo Öl in großem Überfluss vorhanden ist, herrscht sogar Nachsicht in Bezug auf seine Verschwendung, von den unterschiedlichen Auslöschungs- und Aufblähungseffekten der kolonialen Macht der Ölgesellschaften auf das Leben vor Ort ganz zu schweigen.
Wenn es in den Slums und Elendsvierteln zu Öllecks kommt, strömen die Menschen mit allen möglichen Behältern herbei, um etwas davon aufzufangen. Häufig führen die Lecks zu Feuersbrünsten, bei denen Menschen verbrennen und sterben. Jedes Ereignis dieser Art ist eine Katastrophe, aber ihr wiederholtes Vorkommen und die Fahrlässigkeit des Umgangs damit setzen ihre Merkmale denen der Devastierung gleich, insofern ihre Ausbreitung unkontrollierbar bleibt. Solche Lecks machen ganze Ökosphären zu Wüstungen. Sie verändern die Fähigkeit von Teilen der Erdoberfläche, Leben zu erhalten, indem sie diese in einer Substanz ersticken, die von unterhalb ihrer Oberfläche stammt und aus Organismen besteht, die unter bestimmten Bedingungen zerfallen sind.
Einer der entscheidenden Faktoren beim Zusammenwirken von Devastierung mit der menschlichen Gesellschaft besteht darin, dass ihre Entfaltung häufig aus Gründen politischer Vorteilnahme mit Spekulation oder Manipulation einhergeht. Devastierungen sind politisch und werden von einem Zusammenspiel aus rhetorischen, rechnerischen, juristischen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Kräften und Interessen gespeist. Dies lässt sich leicht an der waghalsigen Politik erkennen, die bei den Verhandlungen über den Klimawandel als avancierte Staatskunst durchgeht. Weil eine komplette Auslöschung weder vorstellbar noch darstellbar ist, wird das, was darauf zusteuert, womöglich noch nicht als solche wahrgenommen. Devastierung wird zu einem verhandelbaren Kontinuum. Das Nichts ist nicht vorstellbar und fungiert deshalb als etwas Solides, Endliches, als Grundlage für das Nicht-Verhandeln, als Zustand, den wir noch nicht erreicht haben. Ein Stepptanz am Rande eines unsichtbaren Abgrunds wirkt nur überzeugend, wenn die Tanzenden den Abgrund nicht sehen können. Was eigentlich eine überzeugende Grenze sein sollte, gilt als Grundlage für etwas, aus dem sich ein vermeintlicher politischer und ökonomischer Vorteil ziehen lässt. So liefert eine moralische, wenn schon nicht konzeptuelle oder spekulative Grenze die Grundlage, um über ihre Überschreitung zu spekulieren, wobei man davon ausgeht, dass sie ohnehin nicht überschritten werden kann.
Gemeinsame Devastierung
Auf anderer Ebene, so Elinor Ostrom, treten Devastierungen auch in Bezug auf das Allgemeingut auf,4 und sie sind dabei nicht auf eine bestimmte Dimension, Größe oder einen bestimmten Standort beschränkt. Devastierung wirkt in der Tat manchmal wie das einzige Gemeingut, das uns bleibt. Dazu gehört auch das riesige Gemeingut des Nordpazifikwirbels: Plastik-, Kunststofffaser- und Mikroplastikmüll (wie er beispielsweise in Deodorants zum Einsatz kommt) wurde sogar schon im viel entlegeneren, einsameren Südpolarmeer entdeckt.5 Wird er von Fischen oder Albatrossen geschluckt, führt dies zu Vergiftungen zweiten oder dritten Grades oder zu Erstickungen ersten Grades bzw. dazu, dass die Plastikteile den Magen verstopfen und die Tiere ihre Nahrung nicht mehr vollständig verdauen können.6 Mit dem Hinzukommen dieses relativ neuen Faktors werden Ökologien immer instabiler und lassen sich angesichts der Neuverteilung von Leben und Nichtleben immer schwerer erfassen, was – ohne offensichtliche Gegenbeweise – mit der Frage verbunden ist, ob es einen Beweis für neuere Formen von Tod und Leben gibt.
Was das Gemeingut der Devastierung angeht – beispielsweise in Bhopal, wo jene, die strukturell am wenigsten in der Lage sind, die Last der Umweltverschmutzung zu tragen, ausgiebig Gelegenheit bekommen haben, sie von ihrem Körper, dem Wasser und ihren Kindern absorbieren zu lassen –, so können durch den Protest gegen derartige Zustände neue politische Subjekte entstehen. Es herrscht hier eine gewisse Sympathie für die Art und Weise, wie unheimliche oder fremde Arten in der Zone gedeihen können, wie Boris und Arkady Strugatsky in ihrem Science-Fiction-Roman Roadside Picnic (1971) beschrieben haben. In der verwüsteten Zone gibt es andere Formen des Werdens, und ihre Macht als Mutationsfeld ist das, was auch in Andrej Tarkowskis Film Stalker (1979) am meisten beeindruckt. Eine solche Antwort auf die Devastierung ist auch das, was in der Kunst oft zum Tragen kommt, nämlich das materielle Imaginieren von Adaption, Mutation oder Horror – eine ästhetische Parallele zu den evolutionären Modellen der Endosymbiose, des Kommensalismus und des Parasitismus, die es erlaubt, diese Zustände wahrzunehmen.
Das Problem mit der menschlichen Kultur in Bezug auf die Manifestationen der Devastierung besteht darin, dass sie meist an etwas Positivem hängt, dem kleinen Wink der Erlösung am Ende jeder „35-mm-Apokalypse“. Es gibt nur sehr wenige Schöngeister (die Filmregisseurin Kira Muratova ist hier ein exzellentes Gegenbeispiel), die das Dunkle betrachten können, ohne daraus eine entschieden positive Lehre zu ziehen, die sich stattdessen die Zeit nehmen zu starren, ohne zurückzuzucken. Vielleicht ist dies das bleibende jüdisch-christliche Vermächtnis, umgewandelt in die angelsächsische Gabe des zwanghaften Optimismus. Vielleicht hat der Glaube an die Intensität und Vitalität des Wandels im Gegenzug etwas von einer Fantasie oder einem Wunschdenken; weniger in Form einer konzeptuellen und ästhetischen Vorstellungskraft, die neue Welten inszeniert und heraufbeschwört, sondern in Form einer tröstlichen Geschichte über Dinge, die sich in einem fröhlichen Kosmos, in dem Unauflösbarkeit, Vergeblichkeit und Bedeutungsarmut nicht vorkommen, von selbst erledigen.
Armer Mensch
Wenn es um Devastierung geht, ist es unmöglich, den Menschen außen vor zu lassen. Wie ein Konzertflügel in einer Ein-Zimmer-Wohnung steht einem der Mensch hier gleichsam auf unendlich viele, spezielle Arten im Weg: mit abstraktem Denken und der Frage nach der Zerstörung des Transzendentalen, mit der Frage nach dem Empirischen, als Ursache des Klimawandels, als das ausgehende Subjekt der Geschichte sowie im kummervollen Schwelgen in all dem, was mit einigen der mächtigen Figurationen des Subjekts in Verbindung gebracht wurde. Die Ökologie als Ganzes kann als ein zunehmend dehnbarer Zustand im sogenannten Anthropozän gesehen werden, jenem Erdzeitalter, das durch den Einfluss des Menschen definiert ist und dessen Beginn oft auf die Anfänge der Landwirtschaft oder der industriellen Revolution datiert wird.7 Die biologische Vielfalt nimmt kontinuierlich ab und die Ökosphären werden immer homogener, was auf die Ausweitung bestimmter Arten von Organismen auf weite Teile des Planeten zurückzuführen ist – mit der Besonderheit, dass diese Devastierungen meist zu Auslöschungen sowie zur Ausprägung neuartiger Zusätze, Interaktionen und Objekte führen.8
Stimmt man Kerry Whitesides Analyse zu, dass es im anglophonen ökologischen Denken eine Spaltung gibt zwischen dem anthropozentrischen Flügel, für den Natur einen wertbeladenen Begriff darstellt, dessen Bedeutung in Bezug auf die Bedürfnisse des Menschen neu verhandelt werden muss, und jenem, der für eine nicht-menschliche Naturanschauung plädiert, dann kann man argumentieren, dass das Konzept des Anthropozäns diese Spannungen verdrängt. Die Idee des Anthropozäns verlagert diese Debatten auf verschiedene Spannungsfelder: die Gefahr für den Menschen (in ontologische Begriffe gefasst), die Gefahr durch den Menschen (Gegenstand sozialer, politischer und ökologischer Analysen) und die Frage der Ökologie, nämlich inwiefern die Erde sich in ihrer kosmischen Position innerhalb der Milchstraße weiterentwickelt. Durch die Einbeziehung des Menschen in den Begriff weist das Anthropozän dem Anthropos einen größeren (negativen) Wert zu.
Nach all den Bemühungen um eine „Entanthropologisierung“ der Theorie und all den verschiedenen Phasen, die diese durchlaufen hat, stellt dies eine bizarre Situation dar: Der Mensch ist nicht das Zentrum der Schöpfung, aber doch deren transformierende, wenn nicht gar vernichtende Kraft. Indem er weniger zentral wird und sich von der Herrschaftsposition bzw. dem Gespenst der endlichen und vollständigen Objektivität nach den Regeln der Vernunft entfernt, wo solche Positionen wiederum von mathematischen Modellen, Algorithmen, Datenmustern und internationalen Übereinkünften besetzt sind, wird der Mensch zu einem kleinen schizophrenen Element: schlaflos, erschöpft und – was am wichtigsten ist – verantwortlich. Die Menschheit wird zu einer objektiven Kraft, die den Planeten verändert: Das Anthropozän ist das Zeitalter, in dem der Mensch am mächtigsten und zentralsten und gleichzeitig am machtlosesten ist.
Das Konzept des Anthropozäns erfreut sich inzwischen einer gewissen sentimentalen Popularität und wurde unter anderem deshalb kritisiert, weil es den Menschen zu einer einzigen Gesamtspezies verallgemeinert und die Unterschiede in den „biophysikalischen Ressourcen, kulturellen Wahrnehmungen und globalen Machtstrukturen“ unberücksichtigt lässt.9 Vielleicht ermöglicht ein Abstecher zu Dostojewski und seinem Idioten Myschkin einen anderen Blick auf diese Übung in Verantwortungszuweisung: Mit seinem Sensorium ist Myschkin bereit, die Verantwortung für alle Handlungen und Ereignisse in der Welt sich selbst zuzuweisen. Dies ist eine ethisch-ästhetische Geste, eine ontologische Gefühlsstruktur, die mit der Bedingung der Devastierung im Einklang steht: verwickelt sein, drinnen sein.
Dipesh Chakrabarty ist in seinen Texten zum Anthropozän der Ansicht, dass das „Artendenken“ – ein postulierter Moment, in dem der Mensch sich selbst als eine Spezies versteht – weder als Rückkehr zum Essentialismus noch als erlebbare Bedingung haltbar ist.10 In einem allgemeineren Text zur Idee der Spezies weist Manuel De Landa ebenfalls auf die Notwendigkeit hin, Spezies und Individuen auf nicht homogene, größenübergreifende Weise zu verstehen – eine These, die auf der Deleuze’schen Kritik der aristotelischen Verallgemeinerung zugunsten der Unterscheidung zwischen virtuell und aktuell beruht, wobei das Gemeingut für alle Tiere virtuell ist.11 Eine Vorstellung von Spezies und Ökologie, die nicht der klassischen Einteilung von Linné oder Aristoteles entspricht, sowie eine allgemeine Ökologie führen in gewisser Weise zu dem von Chakrabarty erläuterten Problem, bei dem es um das Verhältnis der Naturgeschichte zur Geschichte der Moderne und des Kapitalismus geht sowie um den Aufruf, in „beiden Chronologien“ zu denken und die Geschichte des Kapitals mit der der menschlichen Spezies zu verbinden.12 Die Geschichte der Arten ist, abgesehen vom Aufzeigen bestimmter zeitlicher Abfolgen, grundsätzlich ein Ort des Streits und der Neuerfindung. Dementsprechend gilt es auch, hier ein gänzlich neues Begriffsvokabular auszuarbeiten.
Übersetzung aus dem Englischen: Anja Schulte
Die vollständige Originalversion dieses Essays wurde publiziert in: Erich Hörl, gemeinsam mit James Burton (Hg.), General Ecology. The New Ecological Paradigm. London/New York: Bloomsbury 2017, S. 323–344. Mit freundlicher Genehmigung von Bloomsbury.
Übersetzt von Anja Schulte
[1] Siehe http://de.richarddawkins.net/articles/die-walder-um-tschernobyl-zerfallen-nicht-richtig.
[2] Auch KünstlerInnen versuchten, die Aufmerksamkeit der Menschen wieder auf das physische Ereignis zu lenken, insbesondere Ubermorgen.org, die das Ölleck zum größten Ölgemälde aller Zeiten erklärten und entsprechende Luftaufnahmen des Ereignisses als Malerei präsentierten.
[3] Siehe www.oilwatch.org/.
[4] Elinor Ostrom, Die Verfassung der Allmende: Jenseits von Staat und Markt. Tübingen 1999.
[5] Nach Funden des ökologischen Forschungsschiffs Tara vom September 2012.
[6] Hier besteht ein signifikanter Unterschied zum Entstehungsprozess von grauer Ambra, die sich als Masse um unverdauliche Tintenfischreste im Magen von Pottwalen bildet, allerdings, so wird vermutet, auch zum Tod des Wales führen kann. Siehe Christopher Kemp, Floating Gold, a natural (and unnatural) history of ambergris. Chicago 2012.
[7] Andreas Malm, Fossil Capital: The Rise of Steam-Power and the Roots of Global Warming. London 2015; Jason Moore, Capitalism in the Web of Life: Ecology and the Accumulation of Capital. London 2015.
[8] Alfred W. Crosby, Ecological Imperialism: The Biological Expansion of Europe, 900–1900. Cambridge 1986; Paul Crutzen/Eugene Stoermer, The „Anthropocene“, in: Global Change Newsletter 41, 2000, S. 17–18.
[9] Vgl. Andreas Malm/Alf Hornborg, The geology of mankind? A critique of the Anthropocene narrative, in: The Anthropocene Review, online veröffentlicht am 7. Januar 2014; http://anr.sagepub.com/content/early/2014/01/06/2053019613516291.
[10] Dipesh Chakrabarty, The Climate of History: Four Theses, in Critical Inquiry 35 (2), 2009. Laut Chakrabarty wird dies besonders deutlich in Michael Geyer/Charles Bright, World History in a Global Age, in: American Historical Review, No. 100, Okt. 1995.
[11] Vgl. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung. München 1992, S. 334–336; Manuel DeLanda, Ecology and Realist Ontology, in: Bernd Herzogenrath (Hg.), Deleuze/Guattari and Ecology. London 2009. Eine ähnliche Diskussion findet sich bei Steven Shaviro, Without Criteria. Kant, Whitehead, Deleuze, and Aesthetics. Cambridge 2009, S. 89, Fußnote 11.
[12] Vgl. Chakrabarty, The Climate of History, S. 220.