Heft 1/2019 - Post-Jugoslawien


„Die proletarische Lunge“

Der Kampf um das Gemeingut und die Erinnerungspolitik in Bosnien und Herzegowina

Damir Arsenijević


Anfang der 1990er-Jahre geriet die Arbeiterklasse im sozialistischen Bosnien und Herzegowina erstmals in das Visier des Raubtierkapitalismus. Seine SöldnerInnen, die ethnonationalistischen Eliten, die den Kapitalismus nach Jugoslawien bringen sollten, nahmen die Arbeiterklasse ins Visier, führten im Krieg und daran anschließenden Völkermord zahlreiche Exekutionen durch und vergruben die Opfer in geheimen Massengräbern im ganzen Land. Unterstützung erhielten sie dabei von internationalen rechten und paramilitärischen Kräften, darunter auch Mitglieder der Goldenen Morgenröte. Dies bezeichnete man als „Übergang zum Kapitalismus“. Dann griff der Raubtierkapitalismus nach den Fabriken, ließ Zehntausende arbeitslos zurück, schlachtete die Fabriken aus und hinterließ postindustrielle Brachflächen. Dies wurde „Privatisierung“ genannt. Und jetzt greift er nach den natürlichen Ressourcen des Landes – Wasser, Luft, Wälder und Land – und verändert ganze Ökosysteme, um Wasserkraftwerke1 zu bauen und aus dem Land eine gewaltige Schadstoffdeponie zu machen. Das nennt man „Wachstum“. Aktuell bereitet diese Wachstumslogik den Nährboden für den Ausbruch eines Volksaufstands in Bosnien und Herzegowina.
Im Umgang mit nicht explodierten Bomben bin ich sehr geübt. Wann immer ich in Bosnien und Herzegowina herumfahre, bin ich mir der im Boden lauernden Landminen mit ihrer ganz eigenen tödlichen Geografie bewusst. Dem Minenaktionsdienst der UN zufolge gehört Bosnien und Herzegowina „nach wie vor zu den am stärksten verminten Ländern der Welt“[2[. Die rotweißen Warnschilder mit der Aufschrift „PAZI MINE“ (ACHTUNG! MINEN!) tauchen drohend auf, sobald ich die Stadt Tuzla verlasse. Eine schmerzhafte Erinnerung daran, wie der Krieg – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – nach wie vor seine Demarkationslinien zieht und weiterhin Gefahr von ihm ausgeht. Zurzeit leben ich und viele andere BürgerInnen der Stadt Tuzla neben einem tatsächlichen und metaphorischen „Blindgänger“, dem ehemaligen chlorchemischen Werk HAK. Das verlassene, im Zerfall begriffene postindustrielle HAK-Skelett ragt über einem Gelände auf, das einst zu den größten sozialistischen Bergbau- und Chemieindustriekomplexen Jugoslawiens gehörte. Ein dystopischer und symbolträchtiger Ort, an dem ich gedanklich viel Zeit verbringe. „Vor dem Krieg“ – was heute eine ziemlich abgegriffene Floskel ist – signalisierte mir der Anblick der Fabrik zusammen mit den riesigen Kühltürmen des Wärmekraftwerks von Tuzla „ZUHAUSE“. In meiner jugendlichen Gedankenwelt wurden urbane Mythen der späten 1980er-Jahre lebendig: zum Beispiel Gerüchte, dass die beiden riesigen kugelförmigen Metallbehälter der HAK-Fabrik eine so große Menge an gefährlichen Chemikalien enthielten, dass ihr Inhalt sogar die gerade einmal 180 Kilometer entfernte jugoslawische Hauptstadt zerstören könnte. „Was würde ich tun, wenn sie explodieren?“, fragte ich mich. Ich erinnere mich, dass ich den Atem angehalten habe, wenn ich im Bus daran vorbeifuhr.
Diesbezüglich ist ein Interview mit Emina Busuladžić, besser bekannt als Minka, der Gewerkschafterin aus der DITA-Reinigungsmittelfabrik, sehr aufschlussreich. Sie hatte die Besetzung des DITA-Werks (2012 bis 2015) durch die ArbeiterInnen angeführt. Damit sollte verhindert werden, dass die gesamte Infrastruktur der Fabrik zerlegt und als Altmetall verhökert wurde. 2014 führte die Besetzung der DITA-Fabrik zu massiven Protesten in ganz Bosnien und Herzegowina, bei denen die Menschen Slogans riefen oder hörten wie „Schluss mit dem Nationalismus“ oder – etwas fantasievoller – „GLADNI SMO NA SVA TRI JEZIKA“ (Wir haben in allen drei Sprachen Hunger), was bewusst ethnische Trennungen infrage stellte. In den Jahren 2012, 2013, 2014 und 2015 habe ich im täglichen Zusammensein mit Minka und anderen DITA-MitarbeiterInnen auf den Werksbarrikaden eine der wichtigsten Lektionen in Sachen politischer Solidarität gelernt. Die beiden riesigen rostigen Kugeln der HAK-Fabrik waren nur einige Hundert Meter von DITA entfernt. In den rostenden Rohrleitungen des HAK-Skeletts standen noch immer mehr als 47 Tonnen leicht entzündliches Propylenoxid. Die Rohre sind umgeben von Stapeln zurückgelassener, korrodierender Fässer, aus denen über ein Vierteljahrhundert lang nach und nach Quecksilber, Cadmium und Arsen in den Boden gesickert sind. Zwischen den benachbarten Standorten von DITA und HAK prägen die schwarzen Rückstände der krebserregenden TDI-Abfälle (Toluoldiisocyanat), die überall aus dem Boden ragen, mit ihrem typischen Glanz den Umriss der vielen Deponien, die über das Niemandsland zwischen den beiden verstreut sind. Die genaue Größe und Lage dieser Deponien wird weder von der Regierung noch von anderen offiziellen Stellen dokumentiert. Die einzigen Menschen, die sich in die Nähe der tödlichen HAK-Ruine wagen, sind die arbeitslosen und verarmten ehemaligen IndustriearbeiterInnen, die das Gelände nach Altmetall durchsuchen, das sie demontieren und verkaufen. Bei dieser „Arbeit“ sind sie regelmäßig giftigen Abfällen ausgesetzt, was zu einer signifikant hohen Zahl an vorzeitigen Todesfällen führt;3 sei es durch Unfälle oder durch von dem Gift verursachte chronische Erkrankungen, die zu einem „langsamen“ Tod führen.
Die Besetzung der DITA-Fabrik war eine Fortführung der Logik der Verteidigung in Kriegszeiten: Die ArbeiterInnen hoben vor der Fabrik einen Graben aus; ArbeiterInnen, die Bosnien während der Kriege in den 1990er-Jahren eigenhändig verteidigt hatten. Der Graben sollte den Eigentümer (der die Fabrik so schnell wie möglich ausschlachten wollte, um sie dann stillzulegen) und die Polizei fernhalten. Von dem gesamten Industriekomplex in Tuzla ist DITA heute als einzige Fabrik noch in Betrieb. Die Besetzung hat dazu entschieden beigetragen. Neben DITA steht wie gesagt die HAK-Fabrik, rostig und mit Grün überwuchert, als Mahnmal für das, was Privatisierung in Bosnien und Herzegowina wirklich bedeutet. Die Rohre mit dem Giftmüll sind unter der Vegetation verborgen, so wie die Landminen in den Feldern und Wäldern von Bosnien und Herzegowina versteckt sind. Mir wurde während des Kriegs auf der weiterführenden Schule beigebracht, dass zwischen meinem Graben und dem Feind das Niemandsland liegt ... mit Landminen. Bei der DITA-Besetzung wusste ich, wo ich sein musste: nicht im Minenfeld, sondern in der Fabrik, um den Graben zwischen mir und dem Feind zu verteidigen und zu schützen, auch wenn das bedeutete, dass ich dem „Blindgänger“ der beiden riesigen rostigen Kugeln von HAK näher war. Ich erinnerte mich plötzlich daran, wie ich im Keller des Hochhauses, in dem meine Familie Anfang 1992 lebte, meine Mutter fand, wie sie eine Handgranate umklammerte (wer weiß, wie sie an diese gekommen war oder wie viel Geld – das wir für Essen hätten verwenden können – sie dafür bezahlt hatte). Sie wollte einfach nicht lebendig erwischt werden, wenn das Militär kam. Es dauerte Monate, sie zu überreden, von der Granate zu lassen: Sie ließ schließlich von ihr ab, als die Sicherheit der „schweren“ Kriegszeit eingesetzt hatte.
Loslassen bringt niemals Sicherheit, denn danach folgt das Zittern. Das erinnert an die Geschichten vom giftigen Chlorgas, das bei einem Unfall Anfang der 1980er-Jahre aus dem HAK-Werk ausgetreten ist. Auch Minka spricht in dem Interview von diesem Vorfall:
„Ich kann mich an den Unfall erinnern, als wäre es gestern gewesen. Unsere Fabrik arbeitete mit voller Auslastung. Ich war oben im Labor. Und dann hörte ich jemanden sagen: ‚Kannst du das riechen? Das ist HAK. Weg hier! Weg! Weg!‘ Und wir rannten alle weg … ich bin nicht weit gelaufen. Einige rannten Richtung Tuzla, andere Richtung Berge. Ich bin einfach zum Institutionsgebäude gerannt. Wir saßen zu mehreren still im Sekretariat. Ich konnte sehen, wie die Leute in blinder Panik umherrannten. Als ich in die Fabrik zurückkam, sah ich den Direktor und einige ArbeiterInnen. Alle anderen waren geflohen. Und dann sagte der Direktor zu mir: ‚Jetzt wo du hier bist, Minka, nimm die Anrufe entgegen. Von überall rufen sie an.‘ Ich erinnere mich gut daran … die Anrufe hörten nicht auf, die AnruferInnen fragen: ‚Wie viele Tote?‘ ‚Was für Tote?‘, antwortete ich. Es herrschte blinde Panik. Zu diesem Zeitpunkt war die Chlorgaskonzentration bereits gefallen. Einigen meiner KollegInnen war es gelungen, das nahe gelegene Majevica-Gebirge zu erreichen. Ich bin nicht geflohen, sondern in der Fabrik geblieben.“4
„Was für Tote?!” – diese Worte nach dem HAK-Unfall Anfang der 1980er-Jahre haben heute, 2018, einen so starken Nachhall, dass das Atmen schwerfällt. Außerdem bedeutet einzuatmen, die verschmutzte Luft von Tuzla zu atmen, das in Europa zu den Städten mit der höchsten Luftverschmutzung zählt. Wenn es um die Zahl der durch Luftverschmutzung verursachten Todesfälle pro Kopf geht,5 ist Bosnien und Herzegowina laut UN-Umweltprogramm das zweittödlichste Land der Welt. So findet die Logik des Kriegs der 1990er-Jahre ihre Fortsetzung in der Gegenwart. Das langjährige Vermächtnis derartiger Vorgehensweisen als Freibrief, das Gemeingut im Dienste des Profits zu schädigen und seine Zerstörung zu legitimieren, fordert noch immer seinen Tribut.
Umweltverschmutzung wird in der „extraktiven Logik“ des Raubtierkapitalismus in Bosnien und Herzegowina zur Waffe. Diese Logik operiert unter dem Deckmantel des „Wachstums“ und seiner Behauptung, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Sicherheit zu bieten. In Wirklichkeit jedoch zerstört und verunreinigt sie Wasser, Luft und Boden und verschleißt die Menschen, indem sie sie der Verschmutzung und den Auswirkungen verschiedener tödlicher Giftabfälle aussetzt. Der postindustrielle Komplex von Tuzla ist ein umkämpfter Ort, an dem Trauer und Wut über ökologische Zwischenfälle6 und neue Ängste im Hinblick auf aktuelle, vor allem chinesische Investitionen in fossile Brennstoffe7 aufeinandertreffen.

Ich stelle meinen Survival Kit zusammen: Wie kann man anhand der Konzepte und Strategien heutiger Kämpfe für Gemeingüter einen Zusammenhang herstellen zwischen Widerstand und Überleben im Krieg und das Ergebnis dieser Überlegungen in die heutige Zeit übersetzen? Ich stoße auf meine Kritzeleien von verrosteten Rohren und korrodierten Fässern des HAK-Werks; ich versuche, den Bauplan der Fabrik zu zeichnen, jetzt, da sie und ihre gesamte Dokumentation zerstört sind: Ich möchte diese zerstörte Architektur visuell dokumentieren und kartieren und den Verlauf der Zerstörung nachvollziehen. Ich betrachte meine Kritzeleien und die Bilder von HAK, die ich mit meinem Handy aufgenommen habe: Ich frage mich, wie sich eine hoffnungsvolle Politik vorstellen und schaffen ließe, die den starren Blick auf die gescheiterte industrielle Modernisierung überwindet. Mir ist bewusst, dass ich eine Karte der Geografie des Hungers erstelle, in der Armut als eine Form der Kontrolle genutzt wird, um sich billige Arbeitskräfte zu sichern.8 Wie soll man sich Gerechtigkeit in welcher Form auch immer vorstellen, wenn man von derartiger Zerstörung umgeben ist? Mir ist auch bewusst, dass ich mehr tun muss, als die Öffentlichkeit mit einer rein ästhetischen Geste auf Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Das kann nur gelingen, wenn wir eine Relationalität zwischen Trauerarbeit und Solidaritätsarbeit herstellen können. Nur so kann das Dreieck der Kontrolle, das Bosnien und Herzegowina beherrscht, aufgebrochen werden: Kontrolle durch Unsicherheit – Kontrolle durch Armut – Kontrolle durch Trauma. Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich den Gegensatz zwischen monetarisiertem Tod und betrauerbarem Leben aufbrechen möchte. Die Zerstörung dieses Gegensatzes ist ganz zentral, wenn man die Binarität zwischen Natur und Kultur überwinden möchte.
Den Gegensatz zwischen monetarisiertem Tod und betrauerbarem Leben aufzuheben heißt, mit dem zu beginnen, was nicht betrauerbares Leben in Bosnien und Herzegowina heute ist. Ich muss mit der „proletarischen Lunge“ des Metallsammlers beginnen, die vom übrig gebliebenen Chlorgas in den HAK-Rohren verätzt wird, woraufhin dieser seinen Verletzungen erliegt und stirbt. Sein Tod ist der Tribut, den die extraktive Logik des Raubtierkapitalismus in Bosnien und Herzegowina heute fordert.
„Die Bedingungen, unter denen Arbeitskraft in einem kapitalistischen Arbeitsmarkt verkauft wird, wirken sich auf den Glukosestoffwechsel des Individuums aus, da Anstrengungs- und Ruhephasen mehr von den wirtschaftlichen Entscheidungen des Arbeitgebers abhängen als davon, wie der Arbeitnehmer seinen Stoffwechsel selbst regelt. Grundlage der Humanökologie ist nicht die Beziehung unserer Spezies zum Rest der Natur, es sind vielmehr die Beziehungen der verschiedenen Gesellschaften und der Klassen, Geschlechter, Altersgruppen, Ränge und Ethnien, die von diesen sozialen Strukturen unterhalten werden. Es ist also nicht allzu weit hergeholt, von der ‚Bauchspeicheldrüse im Kapitalismus‘ oder der ‚proletarischen Lunge‘ zu sprechen.“9
Der Metallsammler Aldin Bejhanović erlitt durch die Gifte des HAK-Werks eine Lungenembolie. Er sagt: „Wir haben in Schächten Rotguss-Ventile von den Rohren abmontiert. Es gab jede Menge zu tun. Aber nach einiger Zeit sind die Fässer aufgetaucht. Es stank ... Es stank so sehr, dass mir die Augen brannten. Ich konnte es nicht ertragen ... Ich hörte eine Weile auf, aber später kamen ich, Vater und ein Nachbar wieder, um weitere Rohre zu zerlegen. Und so sind wir damit in Kontakt gekommen. Wir wussten nicht, dass es giftig war. Die Stelle war nicht einmal gekennzeichnet.“ Er beschreibt den Vergiftungsprozess so: „Ich geriet außer Atem, sobald ich mich bückte, um etwas aufzuheben, und das ging etwa 14 Tage so. Ich dachte, es wären die Zigaretten.“ „Dann überkam es mich, ich ging zu Boden ging und alles wurde finster – ich hatte es nicht mehr zu meinem Auto geschafft.“10 Bejhanovićs Onkel hatte weniger Glück; seine Lungen wurden durch das giftige Gas aus den von ihm zerlegten Rohren verätzt.
Die Arbeit der hoffnungsvollen Erinnerung in Bosnien und Herzegowina beginnt damit, dass die Autobiografien – der proletarischen Lunge, des durch Umweltverschmutzung verursachten proletarischen Krebses, der proletarischen Asthmaanfälle – aufgezeichnet und geteilt werden. Diese persönlichen Erzählungen sind „zutiefst biologisch, da Körper und Selbst aus dem Material der toxischen Orte konstruiert sind, die sie einst bewohnten. Wenn sich verschiedene Toxine im Körper ansiedeln, wird der vermeintlich träge ‚Hintergrund‘ des Orts zum Wirkstoff des Selbst“11. Sich bewusst zu sein, dass unsere Umgebung integraler und untrennbarer Bestandteil des Körpers ist, ist der Beginn eines anderen Verständnisses von Materialität im Kampf um das natürliche Gemeinwesen. Auf diese Weise können wir, die wir in Bosnien und Herzegowina leben, der auf Anpassungsfähigkeit basierenden Politik widerstehen, die als einzig mögliche Lösung für unsere politische und soziale Situation propagiert wird. Wir tun dies, indem wir die „Dayton-Zeit“ außer Kraft setzen, die Zeit des Wartens, die durch die „‚Endlosschleife‘ der Entpolitisierung“ 12 entstanden ist, sei es durch die ökologischen Unfälle als Vorboten größerer Katastrophen oder das Warten darauf, dass wir weitere Massengräber entdecken.
Die andere politische Zeit, die wir schaffen müssen, beginnt damit, dass wir uns selbst anders aufstellen, als selbstbewusste und mutige Gesellschaft, als Störfaktor für die erzwungene Gehorsamkeit, die wir an den Tag legen, während wir für den Profit der anderen ausgesaugt werden. Dieser Kampf stößt angesichts der herrschenden Bedingungen in ganz Jugoslawien auf Resonanz. Tatsächlich entspringt die in diesen Kämpfen zutage tretende Sozialität der Notwendigkeit, die Lähmung zu überwinden, die der rücksichtslose Missbrauch von Menschen und natürlichen Ressourcen durch die ethnonationalistischen Oligarchen und ihre habgierigen internationalen Verbündeten verursacht. Eine wiederbelebte, auf Gemeingüter ausgerichtete Sozialität versucht, den Widerstand gegen diesen Diebstahl natürlicher Ressourcen aktiv zu unterstützen. Dazu müssen wir öffentliche Räume besetzen und dort Forderungen nach ökologischer Gerechtigkeit erheben. Dies kann durch Formen der künstlerischen Produktion geschehen, die die extraktive Logik des Kapitals infrage stellen. Eine andere Art der Erinnerungspolitik beginnt mit der Verbindung von Solidarität und Trauer, indem wir eine auf der Opferrolle basierende Identitätspolitik ablehnen. Dies wäre, um es mit Sari Wastell zu sagen, „nicht nur eine neue Vorstellung von einer gemeinsamen Welt, sondern die Behauptung einer Welt, die sich in ihrer alltäglichen Erfahrung ontologisch unterscheidet und die Herstellung dauerhafter Unsicherheit als eine Torheit ansieht, für die keine Zeit mehr aufgewendet werden sollte“. Wastell sieht in der Beschwörung von Gerechtigkeit „ein Modell für die ‚Was wäre wenn‘-Politik, welche die Welt so dringend benötigt – nicht nur in Bosnien und Herzegowina.“13
Die „Was wäre wenn“-Politik erfordert eine andere, bessere Methode, um herauszufinden, wie wir zusammenarbeiten sollen, eine bessere Methode, um uns den Menschen, mit denen wir kooperieren, zu nähern und diese wertzuschätzen. Das heißt, dass wir auch selbst aus dem Bereich des Privatisierungsaffekts heraustreten sollten. Dieser Affekt brutalisiert uns, er zerschlägt und erodiert unser Zusammensein. Wie Branislav Jakovljević treffend bemerkt, als er über die Arbeiteruniversität schreibt, die auf den DITA-Barrikaden gegründet wurde:
„Auch wenn die performative Teilhabe als Reaktion auf die rasante Industrialisierung entstanden ist, um in Folge von der Kultur- und Unterhaltungsindustrie vereinnahmt zu werden, so findet sie eine neue Bedeutung und Wirksamkeit in Bereichen der rasanten Deindustrialisierung. Neue Formen der Sozialität, die an diesen Orten entstehen, erinnern uns daran, dass Mitbestimmung nicht synchron und exzentrisch ist. Sie insistiert auf Solidarität statt Synchronizität, auf Zusammenarbeit statt Manipulation, auf Engagement statt Interaktivität, auf Verteilung statt Akkumulation und auf eine Ethik der Mitwirkung statt auf die Ästhetik der Immersion.“14
Eine solche Arbeit verlangt von uns eine gerechtere und gleichberechtigtere Resozialisierung all dessen, was einer gewaltsamen Privatisierung und Monetarisierung unterworfen wurde: Raum, Zeit, Infrastruktur, politische Vorstellungskraft und affirmativer Affekt. Und diese Arbeit hat bereits begonnen.

 

Übersetzt von Anja Schulte

 

[1] Siehe https://www.theguardian.com/environment/2015/dec/11/major-banks-put-up-nearly-1bn-for-controversial-balkan-dams-says-report.
[2] Vgl. David Henig, Iron in the soil: living with military waste in Bosnia and Herzegovina, in: Anthropology Today, Vol. 28, No. 1, Februar 2012, S. 21.
[3] Berichte investigativer JournalistInnen von 2018 offenbaren das Ausmaß der Schäden; siehe https://www.cin.ba/en/otrovni-otpad-pod-nogama-tuzlaka/.
[4] Vgl. http://www.prometej.ba/clanak/intervju/emina-busuladzic-fakat-je-mirisalo-bijelo-2236.
[5] UN-Schätzung vom Januar 2018; siehe https://www.unenvironment.org/news-and-stories/story/coming-clean-air-bosnia-and-herzegovina.
[6] Siehe http://ba.n1info.com/a277700/English/NEWS/Lukavac-citizens-concerned-about-pollution.html.
[7] Siehe https://www.business-humanrights.org/en/bosnia-herzegovina-air-pollution-worsens-in-tuzla-while-govt-plans-for-more-coal-power.
[8] Siehe www.industriall-union.org/bosnia-herzegovina-seven-workers-injured-at-gikil-after-explosion.
[9] Vgl. Richard Lewontin/Richard Levins, Biology under the Influence: Dialectical Essays on Ecology, Agriculture, and Health. New York 2008, zitiert in Stacy Alaimo, Bodily Natures: Science, Environment, and the Material Self. Bloomington, Indiana 2010, S. 27–28.
[10] Vgl. https://www.cin.ba/en/otrovni-otpad-pod-nogama-tuzlaka/.
[11] Vgl. Alaimo, Bodily Natures, S. 102.
[12] Stef Jansen, Rebooting politics? Or, towards a for the Dayton Meantime, in: Damir Arsenijević (Hg.), Unbribable Bosnia and Herzegovina: The Fight for the Commons. Baden-Baden 2014.
[13] Vgl. Sari Wastell, The enduring transition: temporality, human security and competing notions of justice inside and outside of the law in Bosnia and Herzegovina (erscheint in Kürze).
[14] Vgl. Branislav Jakovljević, For an Art of Participation: Common goods for the commons, in: Performance Research, Vol. 23, No. 4–5, 2018, S. 209.