Heft 1/2019 - Netzteil


Kritik der Verschwörung – Verschwörung der Kritik?

Rund um die Ausstellung Im Zweifel für den Zweifel

Sabine Maria Schmidt


Angetreten, um sich der aktuellen Faszination von Verschwörungstheorien zu widmen, organisierte das NRW-Forum in Düsseldorf für den Sommer 2018 eine Ausstellung mit dem Titel Im Zweifel für den Zweifel: Die große Weltverschwörung. Kuratiert wurde sie vom Forum-Direktor Alain Bieber und dem Gastkurator Florian Waldvogel. Dass es die ganz „große Weltverschwörung“ dort eher nicht geben würde, war zu erwarten. Schließlich ist das NRW-Forum nicht nur durch populäre Fotografieausstellungen bekannt, sondern vor allem durch ein innovatives und freches Marketing für eine junge, durchmediatisierte Internetgeneration. Heißt: Was draufsteht, muss nicht unbedingt drin sein. Da wurde schon einmal die Pizza – das neapolitanische Vorläufermodell ist bereits UNESCO-Weltkulturerbe – zum Gott erklärt (Pizza is God), oder es wurden die „gewaltigen“ Bildwelten des Mythos Tour de France (die 2017 gerade in Düsseldorf stattfand) als Generalthema der Kunst entdeckt. All das ist kulturpolitisch durchaus gewünscht und erreicht, so die Selbstbeschwörung, neue Publikumsschichten. Video killed the radio star, marketing is killing the art.
Wer auf der Pressekonferenz achtsam die Drucksachen und Publikationen zu Im Zweifel für den Zweifel betrachtete, mochte einen Widerstreit zwischen marketingorientierter Aufmerksamkeitsökonomie und kuratorischem Denken entdecken. Das erwähnte später auch der Gastkurator in einem ausführlichen, als Einführungsrede deklarierten Text, der allerdings nicht – wie später im Netz kolportiert – auf der Pressekonferenz oder der Eröffnung verlesen wurde. Es schien auf der PK, als würden zwei asynchrone Stimmen aufeinandertreffen, eine Kollision verschiedener Planeten. Die Codes von Wahrnehmung, Präsentation und Vermittlung von Kunst in einer „spröden“ Ausstellung funktionieren eben gänzlich anders als jene von Fernsehen, Medien und Netz, die meisterhaft beherrschten Spielfelder des Direktors Alain Bieber. Während Plakat und Flyer der unter Illuminaten und Freimauern gerne verbreiteten „Pyramide mit dem Auge“ den Vorrang gaben (ein Motiv, das auch oft in Fußgängerzonen verteilt wird), vertraute der wunderschön gestaltete, Gebetbuch ähnliche Reader lieber auf den im Ausstellungstitel zitierten Tocotronic-Song; Haltung suchen, wo Zweifel am Zweifel herrscht. Der Reader versammelt eine überzeugende Anthologie von Texten zum Thema und einen knapp kommentierten Künstlerteil. Wobei sich die durchaus illustre Liste der Künstler (sic!) von der in der Ausstellung unterschied. Was war geschehen?
„Den Prozentsatz von Frauen derart klein zu halten, muss eine große Herausforderung sein“, kommentierte die Wiener Kuratorin Verena Kaspar-Eisert und bat um Erläuterung. Ihr einfacher Facebook-Kommentar wurde noch vor der Eröffnung der Ausstellung Anfang September zum Anlass einer heftigen Diskussion, die sich stetig weiter aufschaukelte. 16 künstlerische Positionen wurden eingeladen, darunter drei Künstlergruppen und als einzige Solofrau die junge Fotografin Juliane Hermann. Die Medienkünstlerin Suzanne Treister wurde erst kurz vor der Eröffnung hinzugewonnen; eine magere Bilanz in Sachen gleichberechtigter Repräsentanz.
Wer den Chef des NRW-Forums kennt, weiß, dass er alles andere als „exklusiv“ agiert. Doch ist eine derartig marginale Repräsentation weiblicher künstlerischer Positionen keine Ausnahme. Zudem sickerte ein älteres E-Mail Biebers mit der Äußerung durch, dass qualitativ ebenbürtige Künstlerinnen im Medien- bzw. dem betreffenden Themenbereich eher schwieriger zu finden seien. Das löste eine weitere Lawine vernetzten Protests aus, die von der Künstlerin Candice Breitz beflügelt und choreografiert wurde. In Kürze kamen international mehr als 1.100 Unterschriften gegen die institutionalisierte Ausgrenzung von Frauen und „Nicht-Weißen“ zusammen. Unter Zuhilfenahme neuer Wortschöpfungen („Pimmelsuppe“) erhielt die Kampagne auch etwas abseitig Komisches. Fast konnte man froh sein, dass niemand bis dahin die „Bananen“ von Andreas Slominski in der Show gesehen hatte (Ohne Titel, 1994), die – so Slominskis Spiel mit Gerüchten – angeblich mit dem Urin des Kurators injiziert seien.
Niemand sollte es gutheißen, wenn Individuen oder Subjekte geteert und gefedert durchs (Social-Media-)Dorf getrieben werden. Doch fast einem kuratorischen Selbstmord gleich generierte sich dann der ausführliche Kommentar des Gastkurators Waldvogel. Sein Text, auf Facebook nachzulesen, wuchs zu einer Art Generalabrechnung über die Praxis eines „neoliberalen von der Aufmerksamkeitsökonomie angetriebenen Quoten- und Hashtag-Feminismus“ aus, dem er eine intellektuelle Verwahrlosung diagnostizierte. Theoretisch und dramaturgisch ausgearbeitet, bezog sich Waldvogel darin auf Simone de Beauvoir (versus Judith Butler), erklärte in alter Gutsherrenart, wie Feminismus geht und attackierte am Ende die „ethno-antirassistische“ Haltung der Künstlerin Candice Breitz.
In der rheinländischen Kunstszene geht bekanntermaßen vieles friedlicher und gemächlicher zu als anderswo. Doch hat die von außen an Düsseldorf herangetragene Debatte einen wichtigen Stachel gesetzt, der nachwirken dürfte. Wie kann es sein, dass in einer deutschen, öffentlichen Institution im Jahr 2018 eine internationale Ausstellung über ein globales Phänomen noch immer fast ausschließlich mit männlichen Künstlern besetzt wird? Auch dürfte der vom Hausherrn ausgedrückte Zweifel an der künstlerischen Qualität von Medienkünstlerinnen einen neuen Spot auf die zukünftige Qualität und Relevanz der in der Institution ausgestellten Kunst und deren Ausstellungskonzepte gerichtet haben.
Die Schau selbst war die ganze Aufregung um sie nicht wert. Fakt oder Fiktion? Seit Mitte der 1990er-Jahre ist das Thema akut. Mit Verschwörungstheorien hatten die meisten Arbeiten wenig zu tun. Auch war der Erkenntniswert über die Macht konspirativer Erzählungen schnell erschöpft. So hatten Julius von Bismarck, Richard Wilhelmer und Benjamin Maus einen Fake Star gebaut, einen schwarzen Drachen, der durch Windantrieb eine LED-Lampe zum Leuchten bringt. Abgesehen davon, dass die Arbeit nur wenige Nächte funktionierte, blieb die Frage offen, warum den unzähligen Satelliten und künstlichen Flugobjekten am Firmament ein weiteres hinzugefügt werden musste. Zum Thema Überwachungstechnologien war Ólafur Eliasson mit seiner Arbeit Highlighter vertreten, ein wandernder Lichtspot, der als Suchscheinwerfer die BesucherInnen verfolgen soll, was er aber nicht tat. Trevor Paglens recherchierte Codenamen für verdeckte geheimdienstliche und militärische Operationen mögen in einer Einzelausstellung als Abstraktum funktionieren, in der Gruppenausstellung wirkte ihre dekorativ auf die Wand angebrachte Auflistung eher wie eine schicke Wandtapete. Michael Schirner, Werbepapst und Fotograf, manipuliert historische Bilder, allerdings nicht, um sie zu fälschen bzw. ihnen einen verschwörerischen Duktus zuzuschreiben, sondern um an die Kraft imaginärer Bildbeschwörung zu erinnern. So reduziert er in seiner Serie Bye Bye (2010) elementare Bildinformationen, indem er die Hauptfiguren entfernt. Da steht der chinesische Student plötzlich ohne Panzer da, und der Kniefall Willy Brandts findet ohne den damaligen Bundeskanzler statt. Die Künstlergruppe Iocose fotografiert weltweit Menschen, die mit gefakten Postern posieren, auf denen abstruse konspirative Thesen geäußert werden. Die Serie macht Spaß, doch wohin soll die Vermehrung bedeutungsloser Paranoia führen?
Herausstechend waren vor allem starke Einzelpositionen wie die Fotomontage Ideologiekritische Studien von Holger Wüst, das Soundarchiv von Felix Kubin, die Installation von Forensic Architecture, die für 77qm_9:26 zum NSU-Mord in Kassel recherchiert und ihre Ergebnisse 2017 auf der documenta 14 präsentiert hatten. Ironie der Geschichte: Am Ende lockte ausgerechnet Suzanne Treister mit ihrem umfangreichen Werkzyklus Hexen 2.0 (2009–2011). Mit hoch aufwendigen Zeichnungen und eigenen Tarotkarten vertieft sie sich in die Wissenschaftshistorie vor dem Hintergrund moderner staatlicher Überwachungstechnologien. Allerdings ist ihre Kunst nicht so leicht zu dechiffrieren. Die große Weltverschwörung musste wieder einmal verschoben werden.

Im Zweifel für den Zweifel. Die große Weltverschwörung, NRW-Forum Düsseldorf, 21. September bis 18. November 2018. Mit Julius von Bismarck, Richard Wilhelmer & Benjamin Maus, disnovation.org, Ólafur Eliasson, Forensic Architecture, Juliane Herrmann, Iocose, Felix Kubin, Olaf Metzel, Tony Oursler, Trevor Paglen, Michael Schirner, Andreas Slominski, Suzanne Treister, Holger Wüst. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Reader im Verlag Kettler erschienen, hg. von Alain Bieber und Florian Waldvogel.