Heft 4/2024 - Climate Dignity


Floral Whispers – eine Ermittlung von drei Kunstdetektiv*innen

Pavel Brăila


Das Ende eines Lebens bildet stets den wirkungsvollen Anfang einer Geschichte. Demgemäß beginnen die besten Detektivgeschichten oft mit einem Todesfall – oder dem ominösen Hinweis auf einen solchen. In unserem „Fall“ wird der Mord allerdings nicht an einem Menschen begangen. Es ist vielmehr das langsame und schleichende Aussterben unserer Flora, deren stilles Schwinden nur wenige bemerken – bis es zu spät ist. Als mir Anca und Arnold den Vorschlag zur Zusammenarbeit unterbreiteten, konnte ich gar nicht ablehnen. Sie erzählten mir von einem Geheimnis, dessen Dringlichkeit ich bis dahin nicht bemerkt hatte. Und es begann mit Bioindikatoren.
Die Geschichte der Bioindikation begann vor langer Zeit. Kenner*innen behaupten, dass die ersten Beobachtungen auf diesem Gebiet von Wissenschaftlern der Antike gemacht wurden, die darauf hinwiesen, dass zwischen dem Äußeren von Pflanzen und ihren Umweltbedingungen ein Zusammenhang besteht. So schrieb Theophrastos von Eresos, der von ca. 372 bis 287 v. Chr. lebte, das bekannte Werk Naturgeschichte der Gewächse, in dem er zahlreiche Ratschläge erteilte, wie man aus der Vegetation Rückschlüsse auf die Bodenbeschaffenheit ziehen kann. Ähnliches findet man auch in den Schriften der Römer Cato und Plinius dem Älteren. Die erste explizite Erwähnung der Idee der Bioindikation durch Pflanzen wurde indes im ersten Jahrhundert v. Chr. von Columella so formuliert: „Ein sorgsamer Besitzer sollte die Eigenschaften des Bodens an der Belaubung der Bäume, am Gras oder an den reifen Früchten erkennen und wissen, was gut auf ihm wachsen wird.“
Bioindikatoren sind wie Zeug*innen in einem Kriminalfall. Jeder Indikator ist ein Schlüssel für das, was sich im Verborgenen wirklich abspielt. Die Opfer sind aussterbende Pflanzen, schwindende Flechten, subtile Veränderungen an Organismen, von denen man noch nie gehört hat, wenngleich sie das ökologische System prägen. Also standen wir vor einer Herausforderung: Wie sollen wir deren schwache Signale erfassen? Wie können wir ihre Warnungen entschlüsseln, bevor sie für immer verstummen?
Wir beschlossen, dass die einzige Lösung Geräusche seien – eine akustisch forensische Analyse sozusagen. Wir wollten Geräusche des Fehlens, des Verschwindens aufzeichnen, die ebenso schwer zu fassen sind wie der Wind, der die Pollen trägt. Anders als in einem Kriminalroman sammelten wir unsere Beweise aber für einen besonderen Gerichtssaal – den Ausstellungsraum. Sie sollten sich in einer multisensorischen Installation entfalten, in einer Welt, in der das Publikum selbst ermittelt und die Geschichte über Bilder und Geräusche zusammenfügt.
Ein zentrales Element unserer Untersuchung ist eine Schallplatte. Aber nicht einfach irgendeine Schallplatte, sondern eine in Bienenwachs gepresste, die nach einer begrenzten Anzahl von Abspielungen komplett verschlissen ist – ein verklingendes Echo der Pflanzen und anderen Spezies, die wir untersuchen. Es handelt sich um ein materielles Beweisstück, eine Pressung, die wir bewusst zum Verschwinden bringen, um daran zu erinnern, was alles auf dem Spiel steht.
Wie Theophrastos und Columella sind wir drei modernen Kunstdetektiv*innen so etwas wie synkretistische Figuren. Wir lassen Miltons Sentenz „[d]ie Erde fühlte tief die Wunde, und die Natur, in ihrer Feste“1 auf uns wirken, um uns an die ökologische Katastrophe zu gemahnen, die kurz bevorsteht. Oft stellen sich Menschen die Frage: Warum leben wir? Als geflissentliche Patholog*innen suchen wir die Antwort auf eine andere Frage: Warum sterben wir? Der erste Eindruck, den das Publikum beim Betreten unserer Ausstellung bekommt, wird wohl sein, dass unsere Floral Whispers ein charmantes, buntes Statement sind. In Wahrheit jedoch sind sie ein Hilfeschrei.

 

Übersetzt von Thomas Raab

 

[1] John Milton, Das verlorene Paradies [1667], übersetzt von Adolf Böttger.