Heft 4/2024 - Climate Dignity


IMAGINE...

Christoph Thun-Hohenstein


IMAGINE …

Christoph Thun-Hohenstein

Beginnen wir mit einem düsteren Gedankenexperiment: Blenden Sie Ihre Kenntnisse der bisherigen Kunstgeschichte, insbesondere jener des Westens, aus und malen Sie sich eine Welt völlig ohne Kunst aus. Versuchen Sie sich in Menschen hineinzuversetzen, die mit Kunst bisher nicht in Berührung kamen, weil es schlichtweg keine Kunst gab. Gelingt Ihnen das?
Spinnen wir das Gedankenexperiment weiter: Diese kunstlose Welt steht am Rande des Abgrunds; der menschengemachte Klimawandel und die damit verbundene Erderwärmung führen zu immer brutaleren Hitzewellen, Dürreperioden, Sturmfluten und Hochwasserkatastrophen. Künstliche Intelligenz droht, sich zu miteinander konkurrierenden künstlichen Superintelligenzen ohne Rücksicht auf menschliche Verluste zu entwickeln, die KI-beflügelten Ambitionen der synthetischen Biologie sind im Begriff, jegliche ethischen roten Linien zu überschreiten. Die wachsende soziale Ungleichheit und politische Polarisierung werden zum Pulverfass demokratischer Gesellschaften … Und plötzlich wird in dieser kunstlosen Welt am Rande des Abgrunds die Kunst erfunden! Was wären die Erwartungen der Menschen an diese Kunst, von der sie sich noch überhaupt keinen Reim machen können? Was wären ihre konkreten Erwartungen an jene Personen, die sich in verschiedenen Sparten künstlerisch betätigen wollen?
Manche würden sich leichte Unterhaltungskunst wünschen, gefällige Kost, die vor allem eines kann: amüsieren und damit von den Megakrisen ablenken. Andere würden von der Kunst mehr erwarten, vielleicht sogar einen seriösen Kunstanspruch entwickeln und Kriterien wie die ästhetischen Qualitäten der Kunst in den Vordergrund stellen; und nicht wenige würden fordern, dass die Kunst nur sich selbst genügen muss, also Selbstzweck ist und keine weiteren Aufgaben zu erfüllen hat. Wirtschaftlich Gewiefte würden – trotz der widrigen Umstände – speziell in der bildenden Kunst einen profitablen Geschäftszweig wittern. Die meisten Menschen aber würden in der Kunst vermutlich Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit und Visionen für die Zukunft suchen – einschließlich sinnstiftender Impulse für ihr eigenes Leben.
Es spricht vieles dafür, dass in einem solchen Zeitalter existenzieller Bedrängnis nicht nur Großes von der Kunst erwartet würde, sondern die Kunstschaffenden sich selbst – ebenso wie die ihr Werk präsentierenden Kultur- und Kunsteinrichtungen – proaktiv mit den vordringlichen Zukunftsherausforderungen befassen würden. Dies bedeutet nicht, dass die Vergangenheit für diese Künstler*innen keine Rolle spielen würde. Denn wie es der ökologische Pionier Friedensreich Hundertwasser 1991 für das Kunst Haus Wien – Museum Hundertwasser formulierte: „Wer die Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft. Wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.“
Aber der Fokus der Kunst läge unmissverständlich auf den drängenden Problemen der Zeit. Dieser Perspektivenwechsel ist auch deshalb wichtig, um die in der Realität beobachtbare Obsession, sich an der eigenen Geschichte abzuarbeiten und Kunst um der Kunst willen zu betreiben, in den Hintergrund zu rücken. Ähnliches gilt für die Freiheit der Kunst: Nein, Kunst darf niemals instrumentalisiert (und schon gar nicht zensuriert) werden, aber unsere Zeit braucht eine ihren speziellen Herausforderungen begegnende Kunst! Nirgendwo kommt dies schöner zum Ausdruck als in dem Motto, das die Eingangsfassade der Wiener Secession ziert: „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“ Kunst sollte sich niemals in eine Festung mit Namen „Freiheit der Kunst“ zurückziehen, die jegliches Ansinnen, sich in die Bewältigung der epochalen Zukunftsfragen einzubringen, als Zumutung zurückweist. Es ist der Kunst zumutbar, dass von ihr als Disziplin – aber selbstverständlich nicht von jeder und jedem einzelnen Kunstschaffenden! – visionäre Zukunftsentwürfe, fantasievolle Ideen für Problemlösungen und brauchbare Ansätze für Kooperation, Kollaboration und Ko-Kreation erwartet werden. Folgerichtig ist es Kunstuniversitäten zumutbar, Künstler*innen eine gewisse Zukunftskompetenz (future literacy) zu vermitteln. Erwartet, ja ersehnt werden diesbezüglich entschlossene, verantwortungsvoll handelnde Kunstschaffende, die im Hinblick auf ihre Zeit Maßgebliches zu sagen haben. Je weniger elitär sich die Kunst in diesem Gedankenexperiment geriert und je intensiver sie sich mit den zentralen Fragestellungen der eigenen Epoche auseinandersetzt, als umso relevanter würde sie wahrgenommen. Und je relevanter sie erschiene, umso effektiver könnte sie sich in die Welt einbringen und zur Gestaltung der Zukunft beitragen.
Wenn wir die aktuelle Rolle der Kunst als Impulsgeberin betrachten, fällt der Befund eher ernüchternd aus. Notwendig wären vielmehr neue Initiativen, die dazu anspornen, sich den großen Zukunftsherausforderungen zu stellen und ein breites Publikum zu inspirieren bzw. für den Aufbruch in ein neues ökosoziales Zeitalter zu gewinnen.

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Mit der im Herbst 2022 gestarteten Initiative IMAGINE CLIMATE DIGNITY hat das österreichische Außenministerium einen viel beachteten auslandskulturpolitischen Schwerpunkt gesetzt. Er umfasst neben visionären Ausstellungen über regeneratives Design sowie regenerative Architektur- und Urbanismusansätze auch den gemeinsam mit dem Künstlerhaus Wien erarbeiteten Call IMAGINE CLIMATE DIGNITY. Artistic Collaborations. Dabei wurden Künstler*innen eingeladen, sich zusammen mit internationalen Partner*innen mit dem komplexen Thema Klimawandel auseinanderzusetzen und kooperative Ansätze zu entwickeln, um die Würde der Natur und die Würde des Menschen in Einklang zu bringen.
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Würde, englisch dignity, ist ein Begriff, über den ganze Bibliotheken geschrieben wurden – merkwürdigerweise aber fast ausnahmslos auf den Menschen gemünzt. Hans Jonas wird gern mit dem Ausspruch zitiert, der Mensch müsse der Natur ihre Würde zurückgeben, um seine eigene Würde zu wahren. Friedensreich Hundertwasser hat sich vehement für einen Friedensvertrag des Menschen mit der Natur eingesetzt, der „einzigen schöpferischen übergeordneten Macht, von der der Mensch abhängig ist“ (aus: Konkrete Utopien für die grüne Stadt, 1983). Die Achtung einer umfassender verstandenen Würde sei somit auch Voraussetzung für dauerhaften Frieden.
Für IMAGINE CLIMATE DIGNITY wurde ein neuartiger Ansatz gewählt: Zum einen wurde mit „Klimawürde“ bewusst ein Begriff verwendet, der nur ganzheitlich vorstellbar, aber zugleich unverbraucht ist, sich daher in viele Richtungen interpretieren lässt und damit einen großen Freiraum für die künstlerische Imagination eröffnet. Zum anderen bestand ein zentrales Erfordernis darin, dass sich Kunstschaffende aus Österreich mit solchen aus anderen Ländern zusammentun. Gerade bei Themen wie Klimawandel und Biodiversität, die uns alle zu einer weltweiten Schicksals- und Solidargemeinschaft verbinden, ist gemeinsame Vorstellungskraft jenseits nationaler Grenzen gefragt. Darüber hinaus wirft IMAGINE CLIMATE DIGNITY grundlegende Fragen in Bezug auf das Selbstverständnis von Kunstschaffenden und Kunst auf, die sich folgendermaßen umreißen lassen:
1. Anthropozentrismus hat keine Zukunft. Die letzten Jahrzehnte haben uns eindringlich vor Augen geführt, dass wir in einer mehr-als-menschlichen Welt leben und der Schutz der Natur und der darin lebenden Spezies auch in unserem eigenen Interesse liegt. Für das Selbstverständnis von Kunstschaffenden bedeutet das: Wer sich als Künstler*in einer mehr-als-menschlichen Welt begreift, dem*der eröffnen sich völlig neue Perspektiven auf unsere Zivilisation und die conditio humana – mit weitreichenden philosophischen und künstlerischen Implikationen für die Weiterentwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft in allen Teilen der Welt.
2. Die Potenziale einer engen Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft sind nahezu unendlich, und beide Seiten können hier einander beflügeln. Bei aller Wertschätzung für Künstler*innen, die eigenständig ambitionierte wissenschaftliche Forschungsarbeit betreiben, erscheint es sinnvoller, wenn sich Kunstschaffende für konkrete Projekte mit bestimmten Wissenschaftseinrichtungen zusammentun. Die Kollaboration oder gar Ko-Kreation mit anderen Akteur*innen aus Wissenschaft und Forschung sollte zu inspirierenden Sichtweisen auf beiden Seiten beitragen.
3. Eine umfassende Klimawürde ist der beste Ausgangspunkt für den größtmöglichen Beziehungsreichtum nicht nur unter Menschen, sondern auch zwischen Menschen und Umwelten, insbesondere der Natur und ihren anderen Spezies. Kunstschaffenden, die sich diesem ganzheitlichen Verständnis öffnen, erschließen sich bisher ungeahnte Netzwerke, die ihre Beziehungen in vielfältiger Weise neu strukturieren. Das gilt in zunehmendem Maß auch für wirkmächtige digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz.
Klimawürde wäre somit die Voraussetzung für den Eintritt in ein neues Zeitalter der Regeneration, in dem der Erde auf Dauer mehr zurückgegeben als entnommen wird. Die Konturen dieser regenerativen Zukunft sind bereits erkennbar, wobei ihre konkrete Ausgestaltung in hohem Maß auf Impulse aus Kunst und Kultur – vielfach im Zusammenwirken mit Wissenschaft und Forschung – angewiesen ist. Dafür braucht es nicht zuletzt künstlerische Intelligenz, die den auf Würde basierenden Beziehungsreichtum unserer mehr-als-menschlichen Welt sichtbar macht und fördert – und ihn zugleich als „Jungbrunnen“ für regenerative Kunst zu nützen weiß. Vermittels einer neuen Kunst der Zuversicht ließe sich das anfangs angesprochene Gedankenexperiment in ein positives Zukunftsnarrativ verwandeln: IMAGINE … REGENERATION!