„Der Geophilosoph bewegt sich auf dem Kamm der Turbulenzen, auf den Schultern der Wellen, die den Geist, die Energie und die Materie einhüllen und sie in die Atmosphäre verbreiten.“ (Gilles Deleuze, 1993)
Schon vor dem Anthropozän zwangen zerstörerische geologische Kräfte Künstler*innen dazu, über die Fragilität der Existenz und die Ursprünge ihres Zeitalters nachzudenken. Solche Ereignisse warfen die grundsätzliche Frage auf, worauf sich die Vernunft gründen soll, wenn sich die Lebensbedingungen so radikal verändern können. Naturkatastrophen – wie die Erdbeben und Vulkanausbrüche in Süditalien – dienten lange Zeit als Brennpunkte sowohl für wissenschaftliche Untersuchungen als auch für künstlerische Reflexionen.
Dem Gründungsmythos Roms zufolge betrat Aeneas die Unterwelt durch die bebenden Phlegräischen Felder – heute umgeben von Europas größter illegaler Giftmülldeponie –, um sich nach seiner langen Reise Rat zu holen, wo er seine Niederlassung gründen solle. Der große Ausbruch des Vesuvs 79 n. Chr. wurde mit den Bedrohungen durch die Eisenzeit in Verbindung gebracht, einer von Entbehrungen und Kriegen geprägten Zeit, die auch eine Reihe von künstlerischen Reaktionen hervorrief.
Heute beeinflussen erdbebengefährdete Gebiete die künstlerische Forschung auf eine andere Weise. Während an solchen Orten einst eine polytemporale Weltsicht vorherrschend war, sind diese heute neuen, von Menschen verursachten Einflussfaktoren ausgesetzt. Globale Erwärmung, Gletscherschmelze, Rohstoffabbau, neue Energietechnologien und Abfallentsorgung erhöhen die Belastung der Erdkruste und führen zu von Menschen beschleunigten Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Dieses fast unbegreifliche, aber nicht zu leugnende Phänomen verdeutlicht die Komplexität der ökologischen Krise und offenbart beunruhigende neue Verflechtungen zwischen Mensch und Umwelt.
Das Künstlerkollektiv Shaken Grounds erforscht an den kontinentalen Rändern Süditaliens die Überschneidungen von natürlicher seismischer Aktivität und anthropogener Umweltzerstörung. Im Zentrum steht dabei die veränderte Beziehung zwischen menschlichen bzw. mehr-als-menschlichen Akteur*innen und unserer technologisch beeinflussten, inzwischen stark beschädigten geologischen Umwelt.
Shaken Grounds bestehen aus Nikolaus Gansterer, Mariella Greil, Peter Kozek and Lucie Strecker in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Victor Jaschke und einem Team von Expert*innen.