Heft 4/2024 - Lektüre
Jean-Albert Dadas war Gasinstallateur in Bordeaux. Schon mit zwölf, es ist das späte 19. Jahrhundert, beginnt er, umherzuwandern, ohne dass er weiß, warum er umherwandert oder dass er überhaupt umherwandert. Wenn er aus diesem Zustand erwacht, ist er verwirrt und überrascht darüber, wo er sich befindet. Er gelangt so nach Wien, nach Moskau, nach Konstantinopel. Dadas litt unter einer als historischer psychiatrischer Diagnose zu fassenden Impulskontrollstörung, der Dromomanie. Im Englischen auch als „traveling fugue“ bezeichnet, wurden Personen mit dieser Diagnose „Fugueur“ genannt – Ausreißer*innen.
Der Künstler Jay Gates bewahrt über Jahre ein gezeichnetes Porträt von Dadas in einem Medaillon auf, „wie das Bild einer Geliebten“. Jay ist als Ich-Erzähler die Hauptperson in Hari Kunzrus neuem Roman Blue Ruin. Erst ganz am Ende des Buches erwähnt der Autor das Bild, als Jay es vergräbt und die „Fugue“ als jene Bewegung benannt wird, die den Roman antreibt.
Bereits in seinem vorangegangenen Roman Red Pill (2020), in dem ein New Yorker Autor britisch-indischer Herkunft – wie es Kunzru selbst ist – in seinem liberal-postmodernen Selbstverständnis die ihn umgebenden Alt-Right-Signale nicht deuten kann, läuft alles auf einen die Erzählung erst in der Rückschau definierenden Moment zu: Red Pill endet folgerichtig und dringlich in jener Nacht, in der Donald Trump zum ersten Mal zum Präsidenten gewählt wird.
In Blue Ruin nun, dem dritten Teil einer den Farben der US-Flagge entsprechenden Trilogie (2017 erschien White Tears, das anhand weißer Blues-Enthusiasten als Satire über Cultural Appropriation beginnt und als drastische Geistergeschichte über rassistische Gewalt endet), gerät dieser Effekt allerdings schwächer. Das liegt weniger an dem Thema des Romans, dem (konzeptuellen) Verschwinden als kanonisierter, Kunstgeschichte gewordener Form künstlerischer Praxis (man denke an Bas Jan Ader oder an Ausstellungen wie Gone to Croatan – Strategien des Verschwindens, 2011 im HMKV Dortmund). Eher verheddern sich die Belange von Blue Ruin darin, dass seine Figuren als Schemata erscheinen, nicht als Synonyme. Sie sind nicht konkret zu identifizieren, den Erwartungen des Rätselratens widersprechend.
Blue Ruin teilt sich grob in zwei Teile: zunächst einen, in dem Jay als aufstrebender Künstler im Londoner East End der späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre im Fahrwasser der (späten) Young British Artists wechselweise mit seinem Freund Rob oder seiner Partnerin, der hoffnungsvoll Kunstgeschichte studierenden Alice, konkurriert, sehr viel Drogen nimmt oder als Teil eines Kollektivs ein marodes Haus besetzt und dort einen Off-Space eröffnet. Jays künstlerische Praxis wendet sich dabei, auch in Abwendung von Robs geniekünstlerischem Malergestus, der Performance zu („Ich hielt Passanten einen Spiegel vor und bat sie, sich selbst zu beschreiben“) – mit einigem Erfolg. An Vorbildern wie Sol LeWitt orientiert, sucht seine auf Irritation setzende Konzeptkunst eine andere Realität: „Die meisten meiner Bekannten aus der Kunstszene interessierten sich nicht für Politik, aber mich beschäftigten all die sich überschneidenden Belange der Linken der Neunziger, die Zapatistas, Corporate Branding, Globalisierung, das rücksichtslose Verhalten des Weltwährungsfonds.“
The Driftwork heißt Jays letzte künstlerische Arbeit, sie beinhaltet das Verschwinden als Projekt – eines, das ihn, als konzeptuellen Fugueur, nicht nur aus der Kunstwelt trägt, sondern, über zahllose Stationen prekärster Existenz, bis an den äußersten Rand des kapitalistischen Gefüges. Mittel- und wohnungslos sowie von der Krankheit gezeichnet, findet er sich als Lieferdienstfahrer im New York der COVID-Ära wieder, wo der chronologisch zweite Teil der Erzählung beginnt: Beim Ausliefern trifft er nach 20 Jahren erneut Rob und Alice, mittlerweile ein Ehepaar, die auf einem Ultrareichen-Anwesen in Upstate New York die Pandemie überdauern wollen. Zwischen Jay, dem als Maler erfolgreichen, aber desillusionierten Rob sowie Alice, die in Unterstützung ihres Mannes und entgegen ihrer Pläne keine erfolgreiche Kuratorin geworden ist, entspinnt sich erneut eine Dreiecksgeschichte – jene zerfließende Hälfte des Buches, die bei langatmig geratenen Dialogen zumindest mit Beschreibungen grotesker (also wirklichkeitsnaher) Kunstwerke punkten kann. So ist „Blue Ruin“ sowohl der Name eines auf dem Anwesen gerne gereichten Cocktails als auch der Titel eines das Ende des Romans bestimmenden Gemäldes eines „FDP“ („Famous Dead Painter“) genannten deutschen Malerfürsten. Dieses zeigt „ein riesiges weißes Kreuzfahrtschiff […], aus dem Passagiere in eine halb versunkene Stadt strömten. Wellen umspielten die Ruinen. […] Bei näherem Hinsehen entdeckte man zwischen den Ruinen Strukturen, die fehl am Platz wirkten, Säulen, die aussahen wie Küchenpapierrollen, riesige Gin-Flaschen mit abgeblättertem Etikett. Im Vordergrund drängten sich die Touristen, grausige Halbwesen in orangen Schwimmwesten.“
Sollte sich, was der Roman gleichfalls nahelegt, Jay weiterhin im Zustand der „Fugue“ befinden, den Part auf dem Upstate-Anwesen während COVID in seinem Lieferauto nur träumen, wären Traum und Gemälde hyperreal wiedergegeben: „Derweil starrte ich auf das Untergangsszenario von ‚Blue Ruin‘. Es war ein gutes Gemälde. Ich hatte mir schon lange nicht mehr so genau ein Bild angesehen und versuchte herauszufinden, wie es gemacht war.“ Wenn diese Beschreibung auf das Gemälde zutrifft, so auf das gesamte Buch nur in Teilen: Unter allen Romanen Kunzrus ist dieser Künstlerroman der Fugueur – er scheint überrascht darüber, wo er sich befindet.