Heft 4/2024 - Lektüre



Madeleine Riffaud/Jean-David Morvan/Dominique Bertail UND Hannah Brinkmann:

Madeleine, die Widerständige UND Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst Grube

Bd. 1, Aus dem Französischen von Annika Wisniewski Bd. 2, Aus dem Französischen von Marcel Le Comte

Berlin (avant-verlag) 2024 , S. 76 , EUR 30

Text: Martin Reiterer


Mit Rilke in der Résistance – man darf sie Doyenne des französischen Widerstands nennen: Madeleine Riffaud ist letzten Sommer 100 Jahre alt geworden. Die spätere Schriftstellerin und Journalistin verwendete Rilkes Vornamen Rainer im Zweiten Weltkrieg als Nom de Guerre. Dass es der Name eines deutschsprachigen Dichters war, den sie bereits als Jugendliche las und liebte, störte sie nicht, obwohl Frankreich zu der Zeit von Hitler-Deutschland überrollt und besetzt war, im Gegenteil. Sie nutzte ihn als Botschaft, die sie bis heute hochhält: Sie kämpfte nicht gegen die Deutschen, „sondern gegen die Nazis“. Während der Abschlussband ihrer Comic-Trilogie, Madeleine, die Widerständige, im französischen Original pünktlich zu ihrem Geburtstag erscheinen konnte, war es auf Deutsch immerhin der zweite. Dass es überhaupt dazu kam, ist dem rührigen französischen Szenaristen Jean-David Morvan zu verdanken, der 2017 mit dem Vorschlag an die bereits über 90-jährige Riffaud herangetreten war, ihre Geschichte des Widerstands als Comic aufzuzeichnen, und der seither mit ihr Gespräche führte.
Auch wenn die realistisch gezeichneten Comics von Dominique Bertail ästhetisch etwas altbacken daherkommen, entwirft Riffaud darin als eine der allerletzten Zeitzeug*innen des Zweiten Weltkriegs wie des Widerstands gegen das Naziregime ein faszinierend detailreiches Bild der Résistance. „Meine Erinnerung“, die sie in zahlreichen Gesprächen in Hörsälen und im Fernsehen „geschärft“ habe, „ist noch immer lebendig, und ich meine, sie ist präziser denn je.“ Ihre dokumentarische Geschichte ist zudem unterlegt mit Gedichten Riffauds zu den erzählten Ereignissen. Bereits als 17-Jährige fasste die Tochter zweier Lehrpersonen, die kurz zuvor Angriffe der deutschen Luftwaffe auf Zivilist*innen aus nächster Nähe miterlebt hatte, den Entschluss, sich den Besatzer*innen und ihren französischen Kollaborateur*innen zu widersetzen. An Tuberkulose erkrankt, verbringt sie vorerst einige Monate im Sanatorium in Saint-Hilaire-du-Touvet, das sich unerwartet als Refugium französischer Résistance-Kämpfer*innen entpuppt und für die Patientin zu einem Propädeutikum des Widerstands wird. Madeleines Geliebter, den sie hier kennenlernt, wird sie in Paris in seine Widerstandsgruppe einführen. Der Alltag der Résistance besteht zunächst aus kleinen Schritten. Fehler können lebensgefährlich sein, denn Widerständige wurden in Pétains Vichy-Regime auf härteste Weise verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Am Ende von Band zwei gerät Madeleine, inzwischen an der Spitze ihrer Organisation, in die Hände der Folterknechte.
Ein facettenreiches Spektrum des Widerstands zeigt auch Hannah Brinkmanns Comic Zeit heilt keine Wunden über Ernst Grube, der als Sohn einer deutschen Jüdin und eines nicht-jüdischen Deutschen im München der 1930er-Jahre aufwuchs. Um ihr Überleben zu sichern, brachten seine Eltern Ernst und seine Geschwister in ein jüdisches Kinderheim, bis dieses von den Nazis aufgelöst und ein großer Teil der Kinder und Betreuerinnen abtransportiert wurde. Die verbliebenen Kinder wurden in die so bezeichnete „Judensiedlung Milbertshofen“, später in die „Heimanlage für Juden Berg am Laim“ verschoben, bis sie im Februar 1945 ins KZ Theresienstadt gebracht wurden. Brinkmann hat mit dem heute 92-jährigen Zeitzeugen zahlreiche intensive Gespräche geführt, nachdem ihr das NS-Dokumentationszentrum München eine grafische Biografie von Grube vorgeschlagen hatte. Die Autorin erstellt in ihrem Comic auch eine Topografie des jüdischen Münchens während der NS-Zeit, die zahlreiche Orte des Widerstands enthält. Um die Facetten nazistischer Gewalt aufzuzeigen, die den Menschen innerlich zusetzt(e), findet die Zeichnerin eindrucksvolle Bilder. Eine Ästhetik des bis in die Eingeweide geöffneten Körpers durchzieht den Comic.
Neben Grubes Kindheit in der NS-Zeit zeichnet Brinkmann auch dessen „weniger bekannten Lebensweg als Kommunisten in der frühen BRD, die noch und wieder vom Antikommunismus geprägt war“. Während Kommunist*innen und Jüd*innen in der neuen Bundesrepublik für ihren Widerstand keineswegs gewürdigt wurden, bekleideten ehemalige Nazigrößen sehr bald hohe Ämter. Einen bezeichnenden Fall von Spiegelung stellt die Laufbahn des Justizbeamten Kurt Weber dar, die Brinkmann mit Grubes Geschichte kontrastiert. Weber war wie Grubes Vater zu Beginn der 1930er-Jahre mit einer Jüdin verlobt, aber nicht bereit, auf seine sich anbahnende Karriere zu verzichten. Nicht aus rassistischen Gründen, sondern aus Karrieresucht erklimmt er die Position des Ersten Staatsanwalts im Nazideutschland. Nach einem allzu bruchlosen Übergang steht Weber Ende der 1950er-Jahre Grube im Gerichtssaal als Richter gegenüber. Nach dem Verbot von FDJ und KPD durch die Adenauer-Regierung wird Grube mit Aktionen wie der Verbreitung von Flugblättern zum Staatsfeind erklärt, während Justizbeamte mit eindeutiger Nazivergangenheit ihren ehemals nationalsozialistischen Antikommunismus ausleben konnten. Brinkmann zeichnet auch ein inhaltlich wie ästhetisch vielschichtiges Gemälde der ersten Jahrzehnte eines nur schludrig entnazifizierten Deutschlands.