The White Pube haben mit Poor Artists einen Roman geschrieben, der einerseits eine beklemmende Kritik der Kunstwelt und ihrer Machtstrukturen aus der Perspektive von Künstler*innen aus der Arbeiter*innenklasse ist. Andererseits ist er aber auch eine äußerst lustige Satire, die mit surrealen Momenten überrascht. Das Autorinnenduo hinter dem Nom de Plume The White Pube, Gabrielle de la Puente und Zarina Muhammad, hat sich seit 2015 durch unverstellte, online selbstpublizierte Ausstellungsbesprechungen einen Namen als so etwas wie die Millennial-Hoffnung der Kunstkritik gemacht. Die körperliche Erfahrung von Kunst spielt in den Reviews von The White Pube immer die zentrale Rolle; eine oftmals geradezu viszerale poetische Sprache in den Beschreibungen zeichnet ihre Texte aus. Den gleichen Spirit bringen die beiden nun in ihren ersten Roman ein, der – zwischen non-fiction und fantasy changierend – auf zeitgemäße Weise den Finger in die Wunden der Kunstwelt und jener, die hoffnungsfroh und unbedarft in sie hineindrängen, legt.
Die Protagonistin Quest Talukdar hat wie die beiden Autorinnen in London Kunst studiert und versucht nun, sich irgendwie über Wasser zu halten – in einer Stadt, in der das Leben unleistbar geworden ist, nahezu ein Ding der Unmöglichkeit; insbesondere, wenn man dem Arbeiter*innenmilieu entstammt und im Unterschied zu den poshen Kommiliton*innen weder soziales noch ökonomisches Kapital mitbringt. Und so fällt Quest denn auch durch die Ritzen – buchstäblich, unter den Boden ihrer Wohnung, angelehnt an das Konzept des „Phrogging“, das heimliche Leben in den Häusern und Wohnungen anderer. Es ist einer von vielen surrealen Momenten, in denen die Autorinnen aktuelle Problemstellungen konsequent zu Ende denken und Metaphern real werden lassen, wodurch die Handlung immer wieder in die Fantasy kippt. Eine Vernissage wird zur Zombieapokalypse, indem die Galerist*innen ihren Künstler buchstäblich zerfleischen. Ein Fundraising-Dinner beim „Art King“ erweist sich als Hofzeremoniell, für das Künstler*innen in das Kostüm des Hofnarren gezwungen werden und nun mit heiter klingenden Glöckchen an den Schnabelschuhen performen müssen. Im Garten tropft das Blut aus den aufgespießten Köpfen der Kunstkritiker*innen vom Zaun und ruiniert den makellosen Rasen.
Dabei spielen die 30 Kapitel des Romans mit allen möglichen literarischen Formen: von der „gewöhnlichen“ Prosa und Dialogen über Chatverläufe, Werkbeschreibungen zeitgenössischer Kunstwerke und einer Group Crit Session auf der Kunstuni bis hin zu Funkprotokollen mit einer extraterrestrischen – den hoffnungslosen Planeten gen Jupiter verlassen habenden – Künstlerin. Diese schildert ihr Leben mit chronischen Krankheiten und den damit einhergehenden Kampf ums finanzielle und künstlerische Überleben. Eine Episode, die auf de la Puentes eigenen Long-Covid- und POTS-Erkrankungen basiert, wie eine Fußnote wissen lässt. Immer wieder verweisen solche Referenzen auf das Reale, so auch die Höhe der eigenen student loans, und unterfüttern den Roman mit einer nachgerade sachbuchartigen Ernsthaftigkeit. Angelehnt an das Genre der sogenannten „creative non-fiction“ basieren darüber hinaus weite Teile des Buches auf anonymen Interviews, die die Autorinnen mit Künstler*innen geführt haben.
Die daraus resultierende bzw. durchscheinende Stimmen- und Stilpluralität machen Poor Artists zu einer äußerst kurzweiligen Lektüre. Dass das Buch hie und da seine Längen hat, ist gewollt: Ein Dialog mit dem Jugendfreund der Protagonistin zieht sich kaugummiartig über viele Seiten. Er, der Kritiker, monologisiert über Bataille, denn ja, er ist ein art bro. Aber schnell wird klar, er ist auch einer von den Guten, der voller Idealismus von Anarchie schwärmt, von der Besetzung leerstehender Räume, von Kunst ohne Kapitalismus. Aus dem Mund dieses art bro ertönt dann auch die vielleicht zentrale Wahrheit des Buches: „the poor artist can’t win.“
Obwohl die Kunstkritik in Poor Artists eine eher beiläufige Rolle spielt – beschrieben als „dog sniffing bike seats“ –, nennen The White Pube das Buch doch ihre bisher längste Kritik. Es ist auch ein politisches Projekt gegen herrschende Zustände, etwa indem es auf Funding-Strukturen aufmerksam macht. Manchmal gerät das zur pragmatischen Handlungsanleitung – wenn sich chronisch kranke Künstler*innen im maroden Gesundheitssystem unter dem Deckmäntelchen des Kunstprojekts von Fördergebern den Kuraufenthalt finanzieren lassen –, stets verdeutlicht dies aber, wie wichtig es ist, diese Strukturen zu benennen, sich gegenseitig Wissen nicht vorzuenthalten. Kurz: Es kann nie genug über Geld gesprochen werden. Nur die, die es haben, können sich Stillschweigen leisten.
Poor Artists sei „fiction and non-fiction and fantasy and true crime and pure gossip and romance and heartbreak all cajoled into one“, so The White Pube. Das letzte Kapitel ist trotz allem hoffnungsvoll: Es liest sich, wenn nicht als Manifest, so zumindest als Liebesbrief an das Kunstschaffen aus Leidenschaft und an die Gemeinschaft, in der Kunst wachsen kann. Emblematisch dafür prangt leuchtend die Zitrone am Cover und verkörpert die Kunstauffassung von The White Pube, für die es sich lohnt, allen Widrigkeiten zu trotzen – die Kunst so zu erfahren wie ein Kind, das zum ersten Mal eine Zitrone kostet, wie Quest sich erinnert: „I felt this good, mad rush because I couldn’t decide if I loved or hated this thing … The conclusion was: I hated it. But I loved the experience that contained such hate. Discovering something new was giving me a thrill for being alive in a body, all meat and bones, with these opinions bursting out of me.“