Heft 4/2024 - Artscribe


curated by 2024 – Untold Narratives

17. September 2024 bis 19. Oktober 2024
24 Galerien / Wien

Text: Tristan Bera


Wien. Die 16. Ausgabe des Galerienfestivals curated by stand unter dem Titel Untold Narratives und wurde von einem Text der Kunsthistorikerin Noit Banai, einer Spezialistin für Diasporastudien, angeregt. Der Essay, in dem unter anderem der haitianische Anthropologe Michel-Rolph Trouillot und Donna Haraway zitiert werden, ist als Aufforderung gedacht, die Bedeutung von Archiven zu erweitern und ihre Paradoxie und Vielfältigkeit für eine gemeinsame Zukunft anzunehmen.
Aus diesem breit angelegten theoretischen Impuls, der die von der Moderne/Kolonialität geerbten Machtstrukturen für die Anwendung eines Regimes der Sichtbarkeit und der Bedingungen der Unsichtbarmachung verantwortlich macht (das heißt für das Erzählen offizieller Narrative und das Verschweigen oder Nicht-Erzählen inoffizieller Narrative), unternahmen die Gastkurator*innen mit den ausgewählten Positionen den Versuch, Formate oder Strategien des Widerstands zu entwickeln, die gegen den Strich gehen.
Unnötig zu sagen, wie anspruchsvoll es wäre, die 24 kuratierten Ausstellungen in der ganzen Stadt zu rezensieren, picke ich hier das heraus, was in Bezug auf das diesjährige Thema bemerkenswert schien, um nicht zu sagen, was zu ihm passte, oder was einfach meine Aufmerksamkeit erregt hat: ein Gefühl, ein Werk, ein Wort – entlang des Weges.
Das ghanaische Kollektiv blaxTARLINES, das die kommerziellen und institutionellen Verstrickungen der globalen Kunstwelt und des weißen, westlich-bürgerlichen Wiener Milieus infrage stellt, gehörte zu den wenigen nicht-westlichen Teilnehmer*innen. Es zeigte in der Galerie Winter Arbeiten von sieben Künstler*innen, die künstlerische Praktiken als kritischen Vektor des sozialen Wandels nutzten. Im letzten Raum der Galerie hing eine Zeichnung von Daniel Arnan Quarshie, die riesige Mengen an Secondhand-Textilien zeigt, die man aus westlichen Ländern und Asien nach Accra verschifft, gegenüber einer ergreifenden Installation aus Gegenständen und Kleidern, die seinen verstorbenen Eltern gehörten.
Apropos Textilien als Träger von Emotionen: Die von Mariana Lemos kuratierte Gruppenausstellung A Tragical Romance bei Wonnerth Dejaco zeigte eine Serie von Werken der Crip- und Queer-Künstlerin Rebecca Jagoe. Die Künstlerin, die im wahrsten Sinne des Wortes „mit Steinen spricht“ und einen Liebesbrief an ihren Arm geschrieben hat, diesen möglicherweise mit Blut signierte, schafft es, ein Stück Transzendenz herzustellen, indem sie Gewänder wie unheimliche Geister präsentiert.
Die Kuratorin Kate Sutton gab in der Galerie Lombardi-Kargl den Ton vor, indem sie sie You You nannte, nach einem Poesia visiva der italienischen Künstlerin und Schriftstellerin Ketty La Rocca aus dem Jahr 1972. Damit betont sie den ambivalenten Charakter der Archive, „sowohl eine Bedingung für Gewalt als auch ein Impuls für Hoffnung“, wie Noit Banai festhält, und die Notwendigkeit, das Feld für neue Stimmen, neue Erzählungen zu öffnen, indem man sich darin übt, sie als Erzählungen anzuerkennen.
Innerhalb dieses Rahmens werden eine Reihe von Fotografien der Geschichtenerzählerin Katrina Daschner aus den späten 1990er-Jahren neben einer Serie von Kissenporträts des indischen Künstlers Tenzing Dakpa präsentiert sowie skulptural zusammengesetzte, kleine Objekte von David Fesl – alles Arbeiten, die Spuren des Alltags tragen. Auch die winzigen Skulpturen der amerikanischen Künstlerin Lydia Ricci, die die Kuratorin Eleonora Milani in der Galerie VIN VIN zeigt, tragen das Siegel des Alltags: Pseudo-Miniaturnachbildungen alltäglicher Gegenstände und Momente, die im Laufe der letzten drei Jahrzehnte eingefangen und von der Erinnerung in einer verzerrten Weise à la Marcel Proust verarbeitet wurden.
In der von Gabriela Gantenbein kuratierten Ausstellung im Bannkreis von Carl Gustav Jung bei Gregor Podnar fesselten mich die nicht-binären Versionen der Commedia-dell’Arte-Figur Pierrot de la Lune des französischen Künstler-Philosophen Benoît Maire: Seine spektralen Reflexionen „schwammen“ geradezu im blauen Monochrom des Möchtegern-Judoka Yves Klein, die an der gegenüberliegenden Wand hingen.
Neben diesen Gruppenausstellungen boten Einzelpräsentationen ihren eigenen Weg zu alternativen Erzählungen. Bei MEYER*KAINER inszenierte die Kuratorin Eva Birkenstock in majestätischer Weise ein zuckersüßes Ensemble theatralischer Arbeiten der Salzburger Künstlerin Agnes Scherer. Sie widmete sich dem geheimnisvollen, bäuerlichen Lebensstil der guillotinierten, ikonischen Camp-Königin Marie-Antoinette, die schon zeitlebens entschieden zweigeteilt war.
You got to burn to shine!, I want to cum in your heart! – auch wenn man sie schon tausendmal gesehen hat oder sie reproduziert worden sind, ist es schwer, von den gut wiedererkennbaren, grafischen Textgemälden auf regenbogenfarbenem oder schwarzem Hintergrund des verstorbenen Kultdichters John Giorno nicht begeistert zu sein. God Complex titelte die vom New Yorker Giorno-Poetry-System-Direktor Anthony Huberman und dem unabhängigen Kurator Krist Gruijthuijsen für die Galerie Eva Presenhuber vorgeschlagene Präsentation ohne falsche Bescheidenheit. Die beiden entschieden sich, anstelle des üblichen Pressetexts, ihre Leidenschaft für Giorno in Form von Liebesbriefen voller persönlicher Anekdoten und Enthüllungen über ihre eigene Sexualität und Intimität im hyperperformativen, schwulen Ton zu verfassen. Ich frage mich, ob darin vielleicht die unerzählte Geschichte dieser Ausstellung liegt.
In ihrem Text fährt Noit Banai fort: „Unzählige Erzählungen werden aus Archiven weit und breit geteilt, doch es wird immer schwieriger, sie zu hören oder zu verarbeiten, geschweige denn sie zu kontextualisieren, zu analysieren oder zu historisieren.“
Wenn ich das lese, kommt mir unweigerlich die Devise „Always historicize!“ vom Kritiker des Postmodernismus Fredric Jameson in den Sinn, der während meiner Zeit in Wien verstorben ist. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Fülle an kuratorischen Angeboten – trotz oder gerade wegen ihres Willens, auf formalen Umwegen und Metaphern gegen den Strich zu gehen – die Auslöser für die unerbittlichen Sorgen unserer Zeit umgehen oder zum Schweigen bringen: die Verantwortung der Moderne/Kolonialität aka Kapitalismus für den Aufstieg von Kriegen, Faschismus und globaler Zerstörung. Ich könnte es nicht besser sagen als der Kritiker Robert Hughes, den Kristian Vistrup Madsen anlässlich seiner Ausstellung in der Galerie Charim mit einem Statement von 1972 zitiert – jener Zeit also, in der die Krisen der Gegenwart ihren Ausgang nahmen: „Formalismus ist ein Spiel, das sich nicht mehr lohnt.“

Der Text ist im Rahmen des Projekts Visiting Critics Vienna 2024 in Kooperation mit dem Verein K entstanden.

 

Übersetzt von Redaktion