Heft 4/2024 - Artscribe


Komm sing mit! Vom Erheben der Stimme

4. Oktober 2024 bis 5. Januar 2025
Lentos / Linz

Text: Nina Prader


Linz. Das Lentos Kunstmuseum wird zum mehrfach tönenden Konzertsaal. Die Ausstellung Komm sing mit! Vom Erheben der Stimme kuratiert von Hemma Schmutz, Klaus Speidel und Sarah Jonas, versammelt 22 internationale, künstlerische Positionen, die Gesang als Ventil für Gemeinschaft, Protest und Identität untersuchen – als ein mögliches Gegenmittel für polarisierte Zeiten. Dabei handelt es sich um Ohrwürmer, Balladen, Liederbücher, Opern und Notationen. Die bevorzugte Form des künstlerischen Ausdrucks sind Video- und Soundinstallationen, Zeichnungen, Malerei und Skulptur. Musik übersetzt mit dem Werkzeug der bildenden Kunst, wird zu einem dichten Erlebnis der Synästhesie. Alle Sinne sind gefragt.
Die Ausstellungsarchitektur von Jakob Neulinger betont Bühnenelemente wie blaue Samtvorhänge, eigene abgedunkelte Kinoräume, um einzelne Arbeiten hörbar zu machen. Christian Jankowskis Karaokekammer The Day We Met (2003) lädt zum Mitsingen ein. Ein rundes Podium bietet zugleich Plattform und Sitzplatz, um zum Beispiel Maria Lassnig Kantate (1992) zu lauschen. Die Melodie eines Dienstmädchenlieds wird als Animation neu interpretiert, damit setzt sie sich ein musikalisches Denkmal zu ihrem künstlerischen Leben. Mit der Ausnahme von Lassnigs Arbeit legt die Ausstellung jedoch insgesamt Wert auf kollektive Interpretationen für gesellschaftliche Veränderungen. Ines Doujaks Werke setzen bei der Klassenkritik an. Eine Skulptur einer Kinder verschlingenden Riesin verkörpert allegorisch „poor bashing“ und kulturelle Aneignung. Zudem komponiert sie gegenwärtige Arbeiter*innenlieder, darunter Interpret*innen wie ESRap, mit ihrem Lied ISCI (Enkel der Gastarbeiter).
Der Chor kommt als Leitmotiv vor. Nengi Omukus Banner Stargazers (2021) und The Symphony (2023), gemalt auf vorkolonialer, nigerianischer Sanyan-Seide, zeigen Gruppen, die sich für faire Stimmrechte starkmachen. Ebenso ist die Repräsentation des Frauenchors von Anton Kollig in Das Werden (1946) der Eingangsaufhänger der Ausstellung und feiert den kreativen Schaffungsprozess an sich. Wie ein Demozug versinnbildlicht der Chor eine kollektive Bewegung lautmalerisch. In der griechischen Tragödie tritt er als Kommentar zur Weltsituation auf. Die Grafiken aus der Serie Visuelle Musik (1986/87) von dem Mitbegründer der Wiener Gruppe Gerhard Rühm warnen vor der Gewalt des Mitläufers. Sein sogenanntes Leselied illustriert einen österreichischen Alt- und Neonazi-Marsch auf Notenblättern. Der expressive Duktus veranschaulicht den menschenfeindlichen Text als aggressive Zeichnung.
Wir leben in Zeiten, wo die Kunst des Zuhörens gefragt ist: Deep Listening. Gleichzeitig erscheinen neue Protestlieder und Verbindungen notwendig aufgrund von akuten Kriegssituationen und Klimawandel. Chto Delat inszeniert die sozialen Medien als Oper in One Night in a Social Network: An Opera-Farce (2019). Jugendliche in orangen Jumpsuits werden als LOL, Überraschung, Wut und Trauer und Internettroll Emojis personifiziert. Der Newsfeed-Doom-Scroll der sozialen Medien wird ganz analog als eine 3D-Rolle, an der gekurbelt werden muss, dargestellt. In einer Steigerung von harmlosen Katzen-Content zu politischem Dissens am Putin-Regime wird ein Crescendo illustriert. Die Emotionen werden immer reaktiver, lauter und kehliger.
Junge Gesichter einer deprimierten und desillusionierten Generation werden auch in der Videoarbeit The Undercurrent (Der Unterton) von Rory Pilgram spürbar. Die Generation lehnt sich auf und bietet gewaltfreie Parolen. Wie ein abstraktes Musical werden amerikanische Klimaaktivist*innen aus Boise, Idaho, USA, beim WG-Leben, über Interviews und Gesänge gefilmt. Die Aufforderung lautet: „Backwards, forwards, greenwards“ für eine gesündere Welt, sowohl politisch, ökonomisch als auch sozial. Die Gruppe queerer Hausgenoss*innen schreit selbstermächtigt in die Einöde: „How far can your voice carry? We need our government to fucking listen!“
Den Spieß dreht Dejan Kaludjerović in seiner technisch imposanten Fünf-Kanal-Videoinstallation I Don’t Know That Word … Yet (2022/23) um. Für den steirischen herbst 2021 angefertigt, werden Interviews mit unterschiedlichen Kindern von Erwachsenen zu einer Oper aus acht Liedern (Hairdresser, Enemies, Fears, House, Freedom, They, Europe) vertont. Der Song Hairdresser hinterfragt binäre Identitäten. Jeder Bildschirm ein singender Kopf in bunten Pastelltönen. Dahinter der Big Screen, das Set, riesige ABC-Bausteine in unterschiedlichen Sprachen. Werden Erwachsene, die wie Kinder sprechen, ernster genommen?
Der Zustand der Nachrichten ist zum Lamentieren. Mathilde ter Hejne greift genau diese Tradition des Jammerns in ihrer Arbeit Lament, Song for Transitions (2014) auf. Das Klagelied wird nicht als passiv interpretiert, sondern als aktive Heilmethode, um die Übergänge zu überwinden und zu verarbeiten, anhand einer interpretierten karelischen Gesangstechnik – einer russisch-finnischen Sprache aus Nordosteuropa. Das Beklagen wird dargestellt über Abschnitte aus dem ersten ethnologischen, finnischen Film: eine Hoheit in Karelien, dem Land der Poesie (1921). Einblendungen von älteren Frauen, denen das harte Leben im Gesicht gezeichnet ist, die Kopftuch tragen und wirken, als ob sie die bösen Geister mit ihrer weisen Stimme verscheuchen könnten.
Die Guided Meditation ist auch eine Methode, Heilungsprozesse anzustoßen. In dem Projekt Sounding Seeds von Ayumi Paul wird eine Art Gesamtnarration zu den Themen der Ausstellung geschaffen. Auf Tatamimatten können sich die Besucher*innen niederlegen und neben Einladungen zu Atemübungen Pauls sanfter Stimme zur Geschichte der Kraft des Singens bei den Abolitionisten der Underground Railroad oder Arbeiter*innen gegen Faschismus zuhören. Atmen, Singen und Kulturkämpfe sind eng verbunden, darum ist Singen lebensnotwendig. Melancholisch wird Pauls Narration auch in ihren minimalen Zeichnungen Salzlieder (2022) notiert, wo Salz, Wasser, Stimme und Atem auf Papier Salzkristalle wachsen lässt.
Musik ist ein Medium, das intuitiv verständlich ist. Transportiert über die bildende Kunst wird es komplexer. Dafür wird das gesellschaftliche Bewusstsein im Ausstellungsformat dieser Mediathek dreidimensional wahrnehmbar. Nicht zuletzt wird sogar die Stimme der Besucher*innen aktiviert. Komm, sing mit im Singworkshop, aber auch um ein fürsorgliches Miteinander zu wahren.