Basel. Die der Ausstellung den Titel gebende Installation Time as a Shield (2024) füllt den ersten der drei Räume im Obergeschoss der Kunsthalle Basel in mehrfacher Hinsicht: Da sind zunächst die über vier Meter hohen, mit Textilien umhüllten Skulpturen. Fallende Stoffe in gedeckten Farben, subtil um die nicht sichtbaren Gerüststangen drapiert, bilden Körper und Hülle zugleich, ohne festzulegen, wo das eine beginnt und das andere endet. Damit ist der*die Besucher*in sofort mittendrin im stofflichen Diskurs der norwegischen Künstlerin Sandra Mujinga (geboren 1989 in Goma, Demokratische Republik Kongo), der sich im Spannungsfeld zwischen textilen Figurationen und hybrider Körperlichkeit entfaltet. Hinzu tritt ein weiteres Element, das für die Arbeit der Künstlerin von zentraler Bedeutung ist: der Sound. Im Falle von Time as a Shield handelt es sich um den Klang eines Chors menschlicher Stimmen, der von den Figuren auszugehen scheint (Komposition Sandra Mujinga).
In ihrer künstlerischen Arbeit erforscht Mujinga die Bedingungen menschlichen Überlebens in einer Gegenwart und nahen Zukunft, in der dies keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein scheint. Inspiriert unter anderem von den afrofuturistischen Erzählungen der US-amerikanischen Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler entwirft sie hybride Allianzen zwischen belebter und unbelebter Welt, zwischen Körper und schützender Hülle, Natur und Technologie. Alle in der Basler Ausstellung versammelten Werke beinhalten Aspekte früherer Arbeiten, die Mujinga hier gestaltwandlerisch variiert und zu eigenständigen neuen Arbeiten weiterentwickelt hat.
Die Größe der Skulpturen von Time as a Shield und ihr Arrangement im Raum erinnern mich an die Sentinels of Change von 2021, weshalb ich die Figuren zunächst als eine weitere Gruppe von Wächter*innen identifiziere, die mithilfe des Sounds aus ihrer Erstarrung befreit und zum Leben erweckt wurden. Anders als in früheren Installationen der Künstlerin ist in Time as a Shield der dystopische Unterton einer gewissen Leichtigkeit gewichen, gleichwohl auch hier nicht endgültig entschieden ist, ob die riesigen Kreaturen Schutz oder Bedrohung ausstrahlen. Und genau diese Anwesenheit des Schrecklichen im Schönen und des Schönen im Schrecklichen macht bereits den ersten Raum von Mujingas Ausstellung in der Kunsthalle Basel zu einem sinnlichen wie intellektuellen Erlebnis: Sehen wir hier posthumane Kreaturen, die aus einer anderen Zeit in unsere Gegenwart gereist sind? Sind die Gesänge, die wir hören, tatsächlich menschlichen Ursprungs oder vielleicht synthetisch erzeugte Klänge einer technologischen Zukunft, die bereits begonnen hat?
Das sind spannende Fragen, die sich die Besucher*innen in der ersten Begegnung mit Time as a Shield stellen könnten, wäre da nicht der Ausstellungstext, der mit der Tür ins Haus fällt, indem er von Bäumen, Wald und Vogelgezwitscher spricht und so der initialen Begegnung mit der Installation weitgehend Geheimnis und Vieldeutigkeit nimmt. Der Text möchte mir vorschreiben, was ich in den Arbeiten zu sehen habe, und liefert dazu noch die (vermeintliche) Intention der Künstlerin sowie generische Interpretationen der einzelnen Arbeiten mit. Ist zeitgenössische Kunst nur über diese Art des storytelling und der Einbettung in feuilletonistische Diskurse vermittelbar? Sollte nicht das Sehen, Beobachten, Wahrnehmen dem Verstehen vorangehen, statt umgekehrt gleich in den engen Bahnen kuratorischer Absichten kanalisiert zu werden?1
Im zweiten Raum der Ausstellung findet sich die Mujingas Werk durchziehende Ambiguität wieder in einer Reihe von manipulierten Porträtfotos, die die Künstlerin von Freund*innen und Familienangehörigen angefertigt hat. Die Fotoserie Shared Breath (1–6) (2024) zeigt auf den ersten Blick sechs verschiedene Porträts derselben Person, denen etwas Unheimliches anhaftet. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass jedes Gesicht aus den Gesichtern mehrerer Personen zusammengesetzt ist. Vor dem Hintergrund von Mujingas künstlerischer Auseinandersetzung mit der Hypervisibilität Schwarzer Menschen bei gleichzeitiger Unsichtbarmachung in weißen Dominanzgesellschaften bekommt die Porträtserie eine gesellschaftspolitische und technologiekritische Dimension: Schon früh wurde darauf hingewiesen, dass die KI-basierte Gesichtserkennung Probleme hat, Schwarze Gesichter als solche zu identifizieren, weil gesellschaftliche Vorurteile mit dem Code Eingang in die Software finden.2 Die Gefahr, aufgrund der in die Programme eingeschriebenen algorithmischen Verzerrungen verwechselt zu werden, ist für Schwarze Menschen (und hier insbesondere für Frauen) um ein Vielfaches höher als für weiße Personen. Der Tatsache, dass die Technologie Schwarzen Gesichtern oftmals die Anerkennung ihrer Individualität verweigert, begegnen die manipulierten Porträts der Fotoserie, indem sie die Individuen von vornherein als kompilierte Identitäten präsentiert. Zugleich betont der intime Gestus der zusammengesetzten Porträts die tröstliche Form eines Wir, einer Gemeinschaft, die schützende und subversive Funktion ausüben kann, indem sie das überwachte Individuum durch Hybridisierung für die Technologie unkenntlich macht.
Im dritten und letzten Raum der Ausstellung setzt Mujinga ihre Erforschung von Textilien als Hülle und Behausung fort. Die Grief betitelte Skulptur ist ein in grünes Licht getauchter Torso, einsam und standhaft wie der*die letzte der eingangs erwähnten Wächter*innen. Neben der retrofuturistischen Erscheinung der Figur spielt Mujinga hier mithilfe des Lichtes mit der technologischen Referenz des chroma key (oder green screen), der es beim Film ermöglicht, den Hintergrund eines Bildes nach Belieben auszutauschen und die Figuren in irreale Szenarien einzubetten. Das zu tun, bleibt hier erneut dem Vorstellungsvermögen der Besucher*innen überlassen. Die Vieldeutigkeit der Figurationen und die Sinnlichkeit ihrer Präsenz im Raum betonen die semantische Offenheit, die für Sandra Mujingas Werk konstitutiv ist. Jede der in Time as a Shield versammelten Arbeiten vermag für sich zu stehen und ist zugleich Teil der präzisen Erforschung ihrer Sujets, denen die Künstlerin immer neue Manifestationen abringt.
[1] Um das im Ausstellungstext beschriebene Szenario zu verstärken, wurden als Sitzgelegenheiten in der Installation Bänke aus dem Basler Stadtraum aufgestellt.
[2] Zu den Themen algorithmic bias in Bezug auf race und gender siehe vor allem die frühen Forschungsarbeiten von Joy Buolamwini und Timnit Gebru, unter anderem: Gender Shades: Intersectional Accuracy Disparities in Commercial Gender Classification, in: Proceedings of Machine Learning Research, Vol. 81 (2018); Joy Buolamwini, How I’m fighting bias in algorithms, TEDtalk (2016).