Gwangju. PANSORI, A Soundscape of the 21st Century transformiert die koreanische Tradition der musikalischen Erzählung zu einer zeitgenössischen Reflexion über Migration, Klimawandel und soziale Ausgrenzung. Pansori wird hier zur „Stimme der Marginalisierten“ – eine kraftvolle Metapher, die in Gwangju, Schauplatz des demokratischen Aufstands von 1980, besondere Resonanz findet. Die Biennale dient als Plattform für den Diskurs über Freiheit und soziale Gerechtigkeit im globalen Kontext.
Die zentrale Ausstellung des Biennale-Museums, verteilt auf 6.000 Quadratmeter, fokussiert sich auf isolierte Einzelpräsentationen. Die minimalistischen, weißen Wände schaffen wenig Raum für dialogische Interaktionen und verhindern ein dynamisches Zusammenspiel der gezeigten Werke. Eines der wenigen ästhetischen und inhaltlichen Scharniere innerhalb der zentralen Ausstellung bildet Yein Lees neue Skulpturenserie System of In-between State (2024). Lee, die seit zehn Jahren in Österreich lebt und arbeitet, präsentiert in ihrem Debüt in ihrem Heimatland eine kritische Auseinandersetzung mit der menschlichen Abhängigkeit von Technologien, die unsere Infrastrukturen und Kommunikationsmittel prägen. Ihre Skulpturen, aus Metall und gefundenen Materialien konstruiert, zeigen multipel gestaltete Figuren mit beunruhigenden, teilweise deformierten Körpern. Diese geschlechtsneutralen Figuren ermöglichen eine Neudefinition von Identität und reflektieren Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen sowie den Einfluss moderner Technologien auf das menschliche Dasein. Trotz ihres unheimlichen Aussehens bezeichnet die Künstlerin ihre Arbeiten als „schöne Visionen dessen, was Menschen sein können“ und eröffnet damit einen integrativen Diskurs über Identität und Körperlichkeit. Lees direkter Zugang wirkt erfrischend, da viele andere Arbeiten die politischen Themen der Biennale auf einer abstrakten Ebene behandeln.
Jura Shusts Installation auf der Gwangju Biennale greift Themen wie Migration, kulturelle Verflechtung und die Verbindung moderner Technologien mit traditionellen Ritualen auf. Dabei reflektiert er die biopolitischen und ethnoreligiösen Dimensionen des „relationalen Raumes“ – jenes komplexen Zusammenspiels von Mensch, Maschine, Natur und Mythen, das im Zentrum der Biennale steht. Mit Bezug auf die Idee des Pansori als „Stimme der Subalternen“ thematisiert Shust, wie Klima, Migration und soziale Konflikte die politische Organisation von Raum neu definieren.
Mira Manns Installation Objects of the Wind (2024) widmet sich der Geschichte koreanischer Krankenschwestern in Deutschland und verbindet ihre deutsch-koreanischen Wurzeln mit den Biennale-Themen von Migration und sozialer Gerechtigkeit. Durch die Verwendung von pungmul, traditioneller koreanischer Musik, lässt sie die Kämpfe dieser Frauen lebendig werden. Im Kontrast dazu erforscht Sofya Skidans Projekt What would you call an oddity that hasn’t quite come together? die Zukunft von Technologie und Identität. In ihrem interdisziplinären Werk verschwimmen die Grenzen zwischen menschlicher Körperlichkeit und virtuellen Realitäten, was die Instabilität von Identität und Wahrnehmung thematisiert.
Die Biennale umfasst 72 Künstler*innen aus 30 Ländern, die meisten kommen aus den USA, gefolgt von Südkorea und Frankreich. Einige Pavillons, wie der österreichische und der deutsche, sind erstmals repräsentiert und treten mit neuen, unkonventionellen Ansätzen an. Der österreichische Pavillon mit Liesl Raffs Club Liaison bietet eine immersive Performancefläche, die die Bedeutung von Live-Kunst für die Schaffung körperlicher Erfahrungen betont. Raffs Arbeit ist inspiriert von Wiener Kabaretts und Undergroundclubs und schafft eine sinnliche Umgebung, die eine ideale Plattform für die international relevante Performancekultur aus Österreich bietet, die es immer wieder schafft, Theater, Tanz, Musik, Gesang und Humor miteinander zu verbinden, ohne dabei sterile Körperästhetiken zu reproduzieren, die besonders in der Berliner Performanceszene gerade sehr angesagt sind. Künstler*innen wie Luca Bonamore, Hyeji Nam und Stina Force sind während der Eröffnungstage aufgetreten. Gerade der Auftritt von Force stellte das Highlight vieler Besucher*innen dar, da sie nicht nur eine überaus talentierte Musikerin und Schauspielerin ist, sondern versteht, humorvoll und albern zu sein, ohne dabei ins Komödienhafte abzudriften.
Im Gegensatz dazu präsentiert der deutsche Pavillon des Longega Projects eine transnationale Perspektive, die nationale Identitäten hinterfragt und subversiv behandelt. Das Kollektiv fördert den kulturellen Austausch innerhalb und außerhalb Europas und nutzt die Plattform der Biennale, um eine breitere, inklusivere Sichtweise auf Kunst und Identität zu entwickeln. Besonders die Installation Edaphons von Nele Ka und Oliver Haussmann bringt mit ihrer alienartigen Ästhetik eine ganz neue Dimension in die Ausstellung und ergänzt den Diskurs über das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt.
Trotz ehrgeiziger Themen und vieler internationaler Künstler*innen steht die Biennale vor Herausforderungen, die durch ihre architektonische Umsetzung und die Etablierung nationaler und kontinentaler Pavillons entstehen. Besonders problematisch ist der afrikanische Pavillon, der die historische Traumatisierung „der afrikanischen Identität“ verstärkt und nationale Anerkennung verweigert. Ebenso verschleiert der amerikanische Pavillon politische Spannungen zwischen den USA und Lateinamerika, indem er südamerikanische Perspektiven auslässt. Diese nationalen und kontinentalen Präsentationen perpetuieren koloniale Strukturen und reduzieren Künstleridentitäten auf geopolitische Zuweisungen, was dem Ziel von Kunst widerspricht, Barrieren zu überwinden und transnationale Perspektiven zu fördern.
Während Nicolas Bourriaud in seiner 2019 kuratierten 16. Istanbul Biennale ein stärkeres Umweltbewusstsein und emotionale Reaktionen auf globale Herausforderungen betonte, richtet die Gwangju Biennale den Fokus auf menschliche Beziehungen und kulturelle Spannungen. Diese Verschiebung spiegelt die weltweite politische Lage wider und betont den Bedarf an Foren, die soziale Gerechtigkeit und Identität thematisieren. Angesichts zunehmender Spannungen zwischen nationalen und transnationalen Perspektiven bleibt die zentrale Frage: Wie kann Kunst integrative Orte für kulturellen Austausch kultivieren?