Heft 4/2024 - Netzteil
Die Widersprüche kapitalistischer Ökonomien werden immer unauflösbarer und verursachen immer größere soziale und ökologische Schäden, so dass die ökologischen Grundlagen und Rahmenbedingungen der Kapitalakkumulation zum Gegenstand kritischer Analysen und falscher „Lösungen“ werden. Wie schwierig es sein kann, beides voneinander zu trennen, zeigt die von der EU als „Weltrettungsprojekt“ propagierte „grüne Transformation“. Das von Brüssel geförderte Projekt ist offensichtlich von den negativen Auswirkungen und Perspektiven des Klimawandels inspiriert. Es scheint von der Annahme getragen zu sein, dass sich der Planet der Städte in einem noch nie da gewesenen kritischen Zustand befindet, der durch sich gegenseitig verstärkende ökonomisch-ökologische Krisen gekennzeichnet ist. Und es gibt vor, alles zu tun, um an vorderster Front zu stehen, wenn es wie jetzt ums Ganze geht, und für den Kampf aller Kämpfe alle verfügbaren Kräfte zu mobilisieren, natürlich im Sinne des menschlichen und mehr-als-menschlichen Gemeinwohls.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es bei all diesen ehrgeizigen Bemühungen vor allem um die Sicherung wirtschaftlicher und politischer Interessen auf der Weltbühne geht, nicht zuletzt getrieben von der Tatsache, dass andere Akteur*innen wie China und die USA erfolgreicher und schneller neue Märkte für die „Green Economy“ erschließen. Wer auch immer dieses vermeintlich visionäre Projekt verfolgt, etwa die Regierungen und Unternehmen, die in die „grüne Transformation“ investieren, konzentriert sich in erster Linie auf technische und technokratische „Lösungen“ und fördert vermeintlich „saubere“ Industrien, die angeblich „klimaneutrale“ und „smarte“ Städte mit sogenannten smarten Autos, smarten Häusern und smarten Fabriken aufbauen. Doch statt einen Ausweg zu bieten, verschärft dieses „Weltrettungsprojekt“ eher die existierenden Probleme. Wie die Anwältin Larissa Ambrosano Packer, die eng mit sozialen Bewegungen zusammenarbeitet, in einem Interview mit Fernanda Alcântara erklärt: „Die ‚Green Economy‘ ist eher ein Schlagwort, um Klasseninteressen zu legitimieren oder zu popularisieren, die auf eine kleine, rentenorientierte Elite und die Finanzagent*innen, die für sie arbeiten, beschränkt sind. Die Klasseninteressen werden also einbezogen und gefördert, als ob es die globalen, größeren Interessen aller wären. [...] Wenn man das Phänomen des Kapitals im Zusammenhang mit der sogenannten Green Economy genau betrachtet, sieht man eine braune Ökonomie, eine Ökonomie, die zu schwerwiegender Gewalt gegen die Menschen und die Umwelt führt.“ (Alcântara 2024)
Das Streben nach „grünen“ und „smarten“ Städten geht mit einer Intensivierung des Proprietarismus einher – einer Ideologie, die auf Eigentumsrechte fixiert ist und die die dadurch bedingte Vergrößerung der Ungleichheit der Vermögen ethisch-moralisch rechtfertigt. Dies offenbart sich etwa in einer „Stadtentwicklung als Softwareentwicklung“ (vgl. Halpern/Mitchell 2023), bei der der Code des urbanen Stoffwechsels nicht für Veränderungen von unten offen, sondern in einer proprietären Blackbox verborgen ist, die vom Kapital, zum Beispiel Investor*innen und ihren Streitkräften, geschützt wird. Dies führt dazu, dass immer mehr private bzw. privatisierte Städte und Corporate Citys entstehen, deren schillernde Namen wie Bitcoin City oder Silicon Zanzibar von der Tatsache ablenken, dass es bei den neuesten magischen Tricks des Kapitals in der Stadtentwicklung um die maximale Privatisierung des öffentlichen Raumes geht, um die Umwandlung von Staatsgebiet in Privat- oder Unternehmensterritorien. Beispiele dafür sind ruinierte Städte, die von IT-Giganten im Geiste dessen, was man als „Silicon Valley Urbanismus“ (Schwaller 2020) bezeichnen könnte, „renoviert“ wurden, oder privatisierte, von Silicon-Valley-Akteur*innen finanzierte, manchmal auf Kryptowährungen basierende „Start-up-Städte“ im Globalen Süden, von denen einige auch als „Charter Citys“ bezeichnet werden.
Die vom Wirtschaftswissenschaftler Paul Romer in einem TED-Vortrag vorgeschlagene „Charter City“ ist „eine Art von Stadt, in der ein Bürge oder eine Bürgin aus einem entwickelten Land eine Stadt in einem Entwicklungsland gründen würde. Der Bürge bzw. die Bürgin würde die Region verwalten und hätte die Befugnis, eigene Gesetze, ein eigenes Justizwesen und eine eigene Einwanderungspolitik zu schaffen, die nicht der Kontrolle des Gastlandes unterliegen.“ (Romer 2009) Indem sie das „koloniale Abenteuer“ für einen grüngewaschenen „smarten“ Kapitalismus in postkolonialen Ländern wie Honduras, Madagaskar, El Salvador, Papua-Neuguinea, Sambia, Nigeria und Tansania wieder aufleben lässt, erinnert die „Charter City“ an den „Entdeckergeist“ von Fordlândia (1928 von dem US-amerikanischen Industriellen Henry Ford als vorgefertigte Industriestadt im Amazonas-Regenwald gegründet). Gleichzeitig profitiert sie von der Tradition der modernen Sonderwirtschaftszonen (SWZ), die erstmals in den späten 1950er-Jahren in den Industrieländern auftauchten und seit den 1970er-Jahren in Lateinamerika und Asien wie Pilze aus dem Boden geschossen sind und „ideale Bedingungen“ für eine arbeitsintensive Produktion geboten haben. So wie Industrien im Bereich Bergbau (vgl. Arboleda 2020), Logistik (Frejlachová/Říha 2021) oder Massentierhaltung (Wadiwel 2024), die sich außerhalb von Metropolen ansiedeln, reproduzieren SWZ städtische Räume. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie außergesetzliche oder gesetzlich optimierte Bedingungen bieten, die für das Kapital vorteilhaft sind, und als stadtähnliche Arbeitslager fungieren, in denen den Arbeiter*innen grundlegende Rechte verweigert werden, wie Fälle in Europa, etwa die SWZ Tarnobrzeg in der Nähe von Wrocław, Polen (vgl. Watson 2012), und im gesamten Globalen Süden zeigen.
Die Tatsache, dass transnationale kriminelle Organisationen und terroristische Gruppen von Sonderwirtschaftszonen und ihrer fehlenden Regulierung profitieren, sollte nicht als Abweichung von der Norm verstanden werden, sondern vielmehr als Herauskristallisierung eines räumlich ökonomischen Regimes, das ausschließlich den Interessen der Profitakkumulation „frei von demokratischen Zwängen“ dient. Während die SWZ also die „ideale“ außergesetzliche Matrix für den Aufstieg neokolonialer „Charter Citys“ bieten, die das Nord-Süd-Gefälle ausnutzen und vertiefen, scheint die zugrunde liegende postdemokratische Tendenz perfekt zum Aufstieg autoritärer staatskapitalistischer Smart Citys in China, wie Hangzhou, Nanjing, Shenzhen und Zhuhai sowie von Ex-nihilo-Städten wie Songdo in Südkorea oder The Line in Saudi-Arabien zu passen.
Gleichzeitig nimmt die Militarisierung der Großstädte zu. Zu nennen sind hier so unterschiedliche Fälle wie Paris (unter dem Vorwand des Krieges gegen den Terror), Nairobi (unter dem Vorwand des Krieges gegen die Armut), São Paulo, San Salvador und Manila (unter dem Vorwand des Krieges gegen Drogen), oder Kairo und Minsk (als postrevolutionäre Sicherheitsmaßnahme zur Bekämpfung von Aufständen). Und da die Militarisierung oft mit dem Ausbau von High-Tech-Security einhergeht, einschließlich „intelligenter Maschinen“ zur biometrischen Überwachung und drohnengestützter Strafverfolgung, kommt man in diesem Zusammenhang nicht umhin, die militarisierte Stadt und die Smart City als zwei Seiten derselben Medaille zu begreifen.
Das düstere Bild einer neo-orwellianischen Stadt scheint unvereinbar mit der als Weltrettungsprojekt propagierten „grünen Transformation“. Doch bereits auf den zweiten Blick entpuppt sich das Streben nach „grünen“ und „smarten“ Städten als Fehlentwicklung. Schließlich soll hier die Infrastruktur des Lebens durch das falsche Versprechen eines kalkulierbaren „Bollwerks gegen die barbarische Wildnis“ ersetzt und simuliert werden: ein absolut sicherer, effizienter und berechenbarer urbaner Stoffwechsel, der die ultimative Herrschaft über die Natur und „Eindringlinge“ ermöglicht (im öffentlichen Diskurs werden beide zunehmend ununterscheidbar, wie der vom rechten politischen Spektrum auf Wanderarbeiter*innen und Pauperisierte angewandte Begriff „invasive Spezies“ nahelegt). Das Versprechen eines perfekt kalkulierbaren „Bollwerks gegen die barbarische Wildnis“ mag die „smarte“ Stadt angesichts realer und imaginierter Bedrohungen und Unsicherheiten attraktiv erscheinen lassen. Doch wirken Stadtentwicklungsprojekte mit einer „grünen“ und „smarten“ Agenda oft nur als Beschleuniger der Privatisierung des öffentlichen Raumes und öffentlicher Dienstleistungen, verbunden mit dem Aufstieg von Autoritarismus, rechter Politik und „rassifiziertem“ Kapitalismus. Zudem beschleunigen sie die kapitalistische Inwertsetzung der Natur und die damit einhergehende Umweltzerstörung. Dazu gehört die Kommodifizierung wichtiger Ökosysteme (wie Feuchtgebiete), die im Globalen Süden in Immobilien umgewandelt, im Globalen Norden jedoch als essenzielles Element von urbanen Resilienzstrategien geschützt werden (vgl. Halpern/Mitchell 2023); ein „grüner Kolonialismus“ (Lang/Bringel/Manahan 2023) maskiert als „grüner Extraktivismus“, der den globalen Raubbau an kritischen Mineralien wie Lithium in Chile (vgl. Riofrancos 2021) und anderen postkolonialen Ländern im Globalen Süden vorantreibt, ganz zu schweigen von der Peripherie Europas (vgl. Matković 2022). Wie Nina Lakhani hervorhebt: „Die weltweite Nachfrage nach Lithium, auch bekannt als weißes Gold, wird bis 2040 voraussichtlich um das 40-Fache ansteigen, [...] was zu Wasserknappheit, indigenem Landraub und der Zerstörung von Ökosystemen innerhalb und außerhalb seiner Grenzen führt.“ (Lakhani 2023) Zu den fraglichen Fehlentwicklungen gehört auch die kohlenstoffintensive Produktion „sauberer“ Technologien, die in verschiedenen Initiativen wie den Green New Deals in Europa und den USA zusammen mit „grünen Arbeitsplätzen“ propagiert wird.
Unterm Strich lässt sich sagen, dass durch die „grüne Transformation“ eine Art von umweltverschmutzender und -zerstörender Industrie durch eine andere Industrie ersetzt werden soll, die ebenso schädlich ist, wenn auch auf andere Weise. Das Streben nach „grünen“ und „smarten“ Städten diversifiziert und vervielfacht die unerbittliche Ausweitung der industrialisierten Aneignung der Natur und verwandelt die Welt in noch schärfer umkämpfte Zonen der Ressourcengewinnung. Eine der am meisten vernachlässigten Folgen in diesem Zusammenhang: Je tiefer die extraktive Grenze in die natürliche Welt eindringt, desto wahrscheinlicher ist die Zunahme unkontrollierbarer Feedbackeffekte, die sich in so unterschiedlichen Ausformungen wie der Klimakatastrophen oder Pandemien zeigen (vgl. Wallace et al. 2020). Letztere werden, wie wir schon von SARS, MERS oder der Vogelgrippe gelernt haben, durch das Übergreifen von Krankheitserregern aus der Tier- und Insektenwelt auf den Menschen verursacht – dem sogenannten Spillover-Effekt. Die COVID-19-Pandemie hat zudem vor Augen geführt, dass Metropolen als dicht bevölkerte Orte von diesen sozioökologischen Krisen besonders stark betroffen sind, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Verknappung persönlicher und kollektiver Rückzugsräume: bezahlbarem Wohnraum und öffentlichen Räumen.
Literatur:
Fernanda Alcântara, Interview with Larissa Ambrosano Packer: Green Capitalism, Agribusiness, Environmental Crisis, in: Capirehttps://capiremov.org/en/interview/larissa-packer-green-capitalism-agribusiness-environmental-crisis.
Martín Arboleda, Planetary Mine: Territories of Extraction under Late Capitalism. Verso 2020.
Kateřina Frejlachová et al., Steel Cities. The Architecture of Logistics in Central and Eastern Europe. Park Books 2019.
Kateřina Frejlachová/Tadeáš Říha, Politik der Logistikzentren: Lagerhallen, LKW-Parks und Autobahn-Anschlüsse für die Absatzmärkte des Westens, in: Berliner Gazette, 20. August 2021; https://berlinergazette.de/de/politik-der-lagerhallen-lkw-parks-und-autobahn-anschluesse-fuer-die-absatzmaerkte-des-westens.
Orit Halpern/Robert Mitchell, The Smartness Mandate. MIT Press 2023.
Nina Lakhani, Revealed: how US transition to electric cars threatens environmental havoc, in: The Guardian, 24. Januar 2023; https://theguardian.com/us-news/2023/jan/24/us-electric-vehicles-lithium-consequences-research.
Miriam Lang/Breno Bringel/Mary Ann Manahan, Más allá del colonialismo verde. Justicia global y geopolítica de las transiciones ecosociales, CLACSO, 2023; https://www.clacso.org/wp-content/uploads/2023/11/Mas-alla-colonialismo.pdf.
Aleksandar Matković, Warum auf dem Balkan eine neue Form des Öko-Imperialismus entsteht, in: Berliner Gazette, 17. Februar 2022; https://berlinergazette.de/de/warum-auf-dem-balkan-eine-neue-form-des-oeko-imperialismus-entsteht.
Katja Schwaller, Stadt und Pandemie: Silicon-Valley-Urbanismus, kritische Infrastruktur und „System-Relevanz“, in: Berliner Gazette, 8. Dezember 2020; https://berlinergazette.de/de/big-tech-prekaere-arbeit-und-kritische-infrastruktur-in-der-covid-19-pandemie.
Thea Riofrancos, The Rush to „Go Electric“ Comes With a Hidden Cost: Destructive Lithium Mining, in: The Guardian, 14. Juni 2021; https://theguardian.com/commentisfree/2021/jun/14/electric-cost-lithium-mining-decarbonasation-salt-flats-chile.
Paul Romer, Why the world needs charter cities, TED Talk, Juli 2009; https://www.ted.com/talks/paul_romer_why_the_world_needs_charter_cities.
Dinesh Wadiwel, Multi-Spezies-Metropolen: Ländliche Fabrikfarmen als Städte denken, in: Berliner Gazette, 9. April, 2024; https://berlinergazette.de/de/multi-spezies-metropolen-laendliche-fabrikfarmen-als-staedte-neu-denken.
Rob Wallace et al., COVID-19 and Circuits of Capital, in: Monthly Review, Mai 2020; https://monthlyreview.org/2020/05/01/covid-19-and-circuits-of-capital/.
Peggy Watson, Sackings expose the harsh reality of Poland’s junk jobs, in: The Guardian, 23. Juli 2012; https://www.theguardian.com/commentisfree/2012/jul/23/sackings-poland-junk-jobs-chung-hong.