Wien. Welche Methoden braucht es, um Kunst aus einer bloßen Selbstwirksamkeit herauszulösen, um unser Verständnis globaler Zusammenhänge und Erinnerungspolitiken abseits von Medienpopulismen zu schärfen, um uns unserer Rolle einer aktiven Zeug*innenschaft bewusster zu werden? Selbst stark betroffen von der politischen Situation in Syrien und Palästina/Israel wirft die Ausstellung Several attempts for not forgetting von Noor Abuarafeh und Huda Takriti gleich eingangs existenzielle Fragen auf. Die 1987 in Jerusalem geborene Noor Abuarafeh befasst sich in ihrer künstlerischen und filmischen Arbeit mit Formen der historischen Repräsentation, wie wir sie in Archiven, Museen, Story Telling und Erinnerungskulturen antreffen und deren meist einseitige imperialistisch und kolonial geprägte Betrachtungsweise enorme Lücken aufweist. Die in Wien lebende, 1990 in Damaskus geborene Huda Takriti hat in den vergangenen Jahren ihr Profil als Künstlerin um jenes der Forscherin erweitert und sich intensiv mit der Verfügbarkeit und Nicht-Verfügbarkeit von Archiven betreffend Freiheitskämpfer*innen aus dem Nahen Osten während des bewaffneten antikolonialen Kampfes beschäftigt.
Several Attempts for not forgetting unterscheidet sich von anderen Ausstellungen darin, nicht nur dadurch, dass bewusst kein Endresultat in Form von raumgreifenden, materiallastigen Objekten oder Installationen präsentiert wird, sondern Ausschnitte einer mehrmonatigen Briefkorrespondenz, und dass die gemeinsame Zusammenarbeit als ein fortlaufender Prozess begriffen wird, der weiterhin andauern wird. Noor Abuarafeh und Huda Takriti appellieren an die Mitwirkung der Besucher*innen, indem sie die mit orangem Licht durchflutete Ausstellung zu einem aktiven Raum umgestalten. Die Schaufenstervitrine wird zur einladenden Leseecke. Auf transparente Folien gedruckt, in minimalem Abstand an die Wand genagelt, werfen die Briefauszüge die Texte verdoppelnde Schatten gegen die Wand. Dieser Hang, sich aus einer Materialfixierung herauszulösen, verfehlt seine Wirkung nicht und wird durch die in der Manier von Archivmaterialien beigefügten Bilder im Diaformat verstärkt. Die Frage nach der Zeug*innenschaft im Einstieg richtet sich in der Folge nicht nur an uns Menschen, sondern an die archivierten Bilder selbst und an unsere wechselseitige Beziehung. Ob Bilder trauern können, wird als Frage in den Raum gestellt. Vor allem geht es allerdings darum, Trauer als kollektive Praxis zu aktivieren. Im zweiten Abschnitt wird es thematisch noch komplexer. Im Aufzeigen dessen, welche Rolle der sprachliche Umgang in der Kommerzialisierung von Objekten spielt, wird von den Künstlerinnen untersucht, wie koloniale Archivierungsmethoden die meist gestohlenen Objekte ihrer gelebten Geschichte berauben. Welche nachhaltigen Wirkungen, die bis in die Gegenwart hineinreichen, dies hat, erfahren wir heute durch die unzähligen Restitutionsprozesse und die Forderungen nach Landrückgabe in Afrika. Eindrucksvoll wird thematisiert, wie durch die von imperialistischen, kolonialen Mächten vorangetriebene Bewahrung gleichzeitig eine Auslöschung und einen Verlust bewirkt wird. Mündliche Überlieferung wird zu einer die Betroffenen stärkenden Form des Widerstands. Im kuratorischen Text wird von Alina Lenzhofer und Lina Ramadan die in diesem Zusammenhang existierende Fluidität hervorgehoben. Ein weiterer Abschnitt ist dem symbolhaften Einsatz und der Macht von Farbe gewidmet. Noor Abuarafehs und Huda Takritis emphatischer Stil, fundierte literarische Referenzen und Anekdoten heranzuziehen, erleichtern den Zugang zur komplexen Thematik. Noor Abuarafeh verweist darauf, dass, als nach der Ersten Intifada Künstler*innen verboten wurde, mit den Farben der palästinensischen Flagge zu malen, sie mit Farbnuancierungen experimentierten. So sind in dem Bild In The Bride of the Homeland (Lina al-Nabulsi) (1976) von Suleiman Mansour die Farben nicht explizit zu sehen, doch zu erkennen. Das Gras, obwohl blau gemalt, wird als grün verstanden, das Blut ist in Orange gemalt, obwohl es, wie wir alle wissen, eigentlich rot ist. In den Briefen thematisiert wird auch eine Szene aus Assia Djebars Film La Nouba des femmes du Mont Chenoua, die Frauen zeigt, die mit Kindern eine Kette bilden und ihnen Geschichten ins Ohr flüstern, während aus dem Off Assias Stimme eingespielt wird, die davon erzählt, wie in einem stillen Algerien alte Frauen in der Nacht flüstern und ihre Geschichten zu den Wundern in den Träumen der Kinder wurden. Nach der Nahaufnahme eines Kindes wird die Stimme der alten Frau hörbar: „Mein Kind, die Toten waren Märtyrer für die Revolution.“ Selbstbewusst fordert sie die Erzählung zurück, indem sie behauptet, dass sie „Die Revolution“ heißt. Anders als von Frankreich behauptet, handelte es sich im Unabhängigkeitskrieg Algeriens um eine Revolution gegen die Kolonisator*innen und nicht um einen Bürgerkrieg. Thematisiert wird in der Ausstellung auch, wie sich Erzählungen verändern und sich Geschichte in einem ständigen Wandel befindet. Eine Geschichte, die „die Zukunft durcheinanderbringt, die Gegenwart durcheinanderbringt, die das Gestern durcheinanderbringt“, wie Sumaiymah Manzoor-Khan in Seeing for Ourselves and Even Stranger Possibilities schreibt. Huda Takriti ist tief eingedrungen in die Kolonialgeschichte Algeriens, wie sich auch in ihrer Lecture Performance zeigt. Bei ihren Recherchen zu Pontecorvos Film Die Schlacht um Algier stieß sie darauf, dass der Film als historisches Standardarchiv über den algerischen Widerstand herangezogen wurde, obwohl er ein fiktives Drama darstellt, das wiederum auf den Ereignissen der algerischen Unabhängigkeitsrevolution (1954–62) basiert. Ein sehr interessantes Beispiel dafür, wie Fiktion als Akt des Widerstands in den Dokumentarfilm eindringt. Das Überlegen von anderen Möglichkeiten, das Verstehen, wie sich Widerstand in verschiedenen Dingen manifestieren kann, gestaltet sich zu einem der Leitfäden der Ausstellung. Noor Abuarafeh setzt den Akt der Zeug*innenschaft in Beziehung zu dessen Bedeutung im Arabischen. Im Arabischen ist das Wort für Zeugen Al-Shaded, das Verb für Märtyrer ist Shad. Wir erfahren interessante Details, wie, dass das Geschichtenerzählen in älteren Traditionen in der Levante Al-Hakwati als tief verwurzelte kulturelle Praxis eine wichtige Form des Widerstands gegen die vorherrschenden imperialen Geschichtsnarrative war, um, wie Ariella Aisha Azoulay es ausdrückte, „plausible Geschichten zu erzählen“. „Können Bilder trauern? Und da wir Zeugen der Katastrophe sind, bezeugen sie uns im Gegenzug?“, zählt zu einer der eindringlichsten Aussagen der Korrespondenz, die im Gegenzug dazu auch die Frage aufwirft, ob Bilder aus dem Kongo, dem Sudan, die uns nicht erreichen, darauf warten, bezeugt und betrauert zu werden. „Tragen die Bilder aus dem Gaza, die uns erreichen, die Bilder in sich, die uns nicht erreichen?“
Bereits seit seinen Anfängen versteht sich der Projektraum philomena+ nicht als bloßer Ausstellungs- und Kunstraum, sondern als ein aktiver Ort des Dialogs, als eine Plattform, die Künstler*innen und Architekt*innen der WANA-Region (Westasien und Nordafrika) mit Kunst- und Architekturschaffenden sowie alle Kunstinteressierten in Austausch treten lässt. Zur Aktivierung dieses Austauschs gibt es ein vielfältiges Programm, das auch ein Artists-in-Residence-Programm inkludiert, durch das Künstler*innen und Architekt*innen die Gelegenheit haben, in einem mehrwöchigen Wien-Aufenthalt mit lokalen Künstler*innen intensiver zusammenzuarbeiten. Christina Bruckbauer, Direktorin für Kunst und Mitbegründerin, sowie Negar Hakim, Mitbegründerin und Direktorin für das Architekturprogramm, arbeiten mit einem kleinen Team. Aline Lenzhofer, die gemeinsam mit Lina Ramadan die aktuelle Ausstellung kuratierte, sammelte bereits internationale Erfahrungen in Institutionen in Rabat und Kairo. Toqa Eissa und Azadeh Hariri unterstützen den interkulturellen Dialog und die künstlerischen Kooperationen.