Heft 2/2025 - Netzteil
Die in Berlin lebende künstlerische Bilderforscherin Martyna Marciniak (*1991 in Poznań) versucht mit ihrer dreiteiligen Serie Anatomy of Non-Fact, das Publikum zu eigenen Recherchen und Überlegungen darüber, wie Fotos zustande kommen, anzuregen. Welche Motive stehen hinter deren Verbreitung? Dazu nutzt sie gemeinfreie Recherchemethoden und eine neue Aufklärungsästhetik. Sie tritt damit nicht nur der verbreiteten Meinung entgegen, von generativen KI-Programmen erzeugte Bilder würden das Ende jeder „visuellen Wahrheit“ bedeuten, sondern verändert auch den Stil forensischer Medienkunst.
Thomas Raab: Worum handelt es sich bei den investigativen Methoden, die unter die Rubrik „Open Source Intelligence“ oder kurz OSINT fallen?
Martyna Marciniak: In der OSINT-Community arbeiten wir meist mit gefundenem Bild- und anderem Datenmaterial. Man durchforstet das Internet und die sozialen Medien nach so viel Information, wie man bekommen kann. Anders als bei staatlichen Ermittlungen verlässt man sich dabei aber weniger auf offizielle Quellen oder persönliche Beziehungen.
Raab: Ist es technisch machbar, Meta-Tags von Videos und Fotos, zum Beispiel aus Instagram zu ziehen?
Marciniak: Das kommt darauf an, ob beim Upload die Metadaten gelöscht oder geändert wurden. Man glaubt, das Dateierstellungsdatum und den Aufnahmeort auszulesen, aber manchmal handelt es sich dabei um das Upload-Datum bzw. den Upload-Ort. Da muss man vorsichtig sein.
Ein frustrierendes Problem ist, dass man stark von den Serviceprovidern abhängt. Nachdem etwa Elon Musk X/Twitter übernommen hat, wurden die Geschäftsbedingungen so verändert, dass man nun für den Zugriff auf die API1 recht viel bezahlen muss. Die Beiträge werden auch nicht mehr wie früher archiviert. Dadurch ist es auf dieser Plattform sehr viel schwieriger geworden, die Verbreitung eines Bildes zurückzuverfolgen. Bei der Open-Source-Recherche lernt man, sich den dauernden technischen Änderungen schnell anzupassen. Es gibt kein OSINT-Handbuch.
Raab: Erkläre mir doch bitte dein laufendes Projekt Anatomy of Non-Fact (seit 2024)2.
Marciniak: Als 2023 generative KI-Bilder wegen ihrer schieren Masse wichtig wurden, reagierte die Allgemeinheit instinktiv mit Angst. Sogar an den Universitäten meinte man, das sei der Anfang vom Ende, nun könnte man Wahrheit und Fake nicht mehr unterscheiden, also wäre es vorbei mit der Evidenz von Bildern. Da ich von der investigativen Seite komme, störte mich diese Reaktion sofort. Meine Frage lautet: Wie überzeugt die spezifische Ästhetik eines Bildes jemanden von seiner Beweiskraft? In meinen Augen schaut überhaupt nichts mehr real aus (lacht), weil alle Bilder voller Fehler, Artefakte und tendenziös sind. Mit meinem Projekt wollte ich das Problem jenseits des üblichen Gegensatzes zwischen echt und unecht darstellen. Sollten wir nicht fragen: Wozu wollen uns Bilder bewegen? Was ist die operationale Nebenfunktion von Bildern?
Dazu suchte ich drei synthetische Bilder mit visueller Falschinformation für eine tiefergehende Analyse aus, um mehr über die allgemeine Frage einer Ästhetik des Überzeugens herauszubekommen. Das erste Kapitel von Anatomy of Non-Fact untersucht das mit Midjourney generierte Mem des „Balenciaga-Papstes“ aus 2023, das zweite handelt von einem offensichtlich mit KI erzeugten Foto einer Explosion in der Nähe des Pentagons, das kurz die Aktienkurse einbrechen ließ und somit auch reale Auswirkungen hatte. Und das dritte Kapitel, an dem ich gerade zu arbeite, geht von Standbildern aus Kriegssimulationsspielen aus, die dazu benützt werden, Falschinformationen über aktuelle militärische Konflikte zu verbreiten.
Der erste Teil heißt AI Hyperrealism und hat mich zu meiner eigenen Überraschung dazu veranlasst, die Natur der Fotografie näher zu ergründen. Dabei konzentriere ich mich auf das Problem, dass dadurch, dass KI-Modelle Fotos als Rohdaten verwenden, jegliche Unterscheidung zwischen wahr und falsch verloren geht. Das Problem wurde in der Fotografiegeschichte nie gelöst!
Raab: Viele Fake-Bilder und Videos dienen der Unterhaltung oder dem „doom scrolling“. Man betrachtet sie weder als „wahr“ noch „unwahr“, sondern beurteilt sie nach völlig anderen Kriterien. Wenn Bilder nicht unterhalten, wischt man sie auf dem Schirm meistens schnell weg.
Dein Projekt tangiert aber auch das Legitimationsproblem von Bildern. Als ich jung war, gab es nur wenige Agenturen, die verlässliche Fotos zur Verfügung stellten. Zeitungen und Rundfunk mussten recht tief in die Tasche greifen, um solche Fotos zu bekommen. Umgekehrt hätte es eines enormen Aufwands bedurft, ihren Wahrheitsgehalt zu widerlegen. Heute haben wir weniger formale oder lokalisierbare Autoritäten, die Bilder legitimieren. Erfüllst du unter anderem Funktionen, die früher Behördensache waren? Übernimmt OSINT Aufgaben des Rechtssystems?
Marciniak: Ja, OSINT ist natürlich eine Art alternative Ermittlungstätigkeit. Sie kann viele Formen annehmen und pendelt zwischen Journalismus und Beweismittelbeschaffung. Mein Projekt behandelt aber ein spezielles Problem von OSINT: Um behördliche Untersuchungen zu kritisieren, muss man deren Ästhetik nachahmen. Man kopiert also am Ende ihren Legitimationsstil. Dadurch jedoch können die Bilder, die man herstellt, umgekehrt auch von Gegenspieler*innen gekapert werden. So habe ich die für Forensic Architecture typischen schwarz-weißen Tatort-Renderings schon nachgeahmt auf Propaganda-Accounts gesehen.
Mich stört zudem, dass man auch bei alternativen Ermittlungen Informationen von einer bestimmten Hypothese ausgehend sammelt. Die resultierende Ästhetik scheint transparent und objektiv zu sein, aber sie lässt keine anderen Hypothesen oder Standpunkte zu.
Raab: Als Außenstehender habe ich manchmal den Eindruck von Agitprop. Im Gegensatz dazu mutet dein Papst-Projekt geradezu poetisch an. Wolltest du weg von diesem „Forensik-Stil“?
Marciniak: Ich interessiere mich für den Einfluss von Ästhetik, mache aber nicht beim Stil halt. Es ist wichtig anzumerken, dass für mich die Definition von Ästhetik über die qualitative Beschreibung hinausreicht und den ganzen Prozess der Ästhetisierung mitmeint. Diese Auffassung haben Matthew Fuller und Eyal Weizman in ihrem Buch Investigative Aesthetics perfekt dargelegt.3 Ästhetisierung ist für sie ein Prozess, der sich im Wechselspiel von Objekten, Bildern, Menschen, Netzwerken usw. abspielt. Genauso glaube ich, dass Bilder fortdauernd die Betrachtenden ästhetisieren, modulieren sie doch ihre Wahrnehmungen und Empfindlichkeiten, indem sie sie instruieren, wie sie empfinden, denken oder handeln sollen.
Was die Frage angeht, ob ich mit meinem Film vom „Forensik-Stil“ abweiche, möchte ich anmerken, dass ich die Bildkonvention, mit der ich meine Erkenntnisse und Ideen kommuniziere, bewusst abgewandelt habe. Das Problem der Ästhetik von (Nicht-)Fakten ist schwierig und benötigt mehr Nachdenken und Widerspruchstoleranz, als es die forensischen Konventionen erlauben.
Raab: Möchtest du auch aufklären?
Marciniak: Der aufklärerische Aspekt meiner Arbeit kommt daher, dass ich dem entgegentreten möchte, wie das Problem visueller Fehlinformation üblicherweise aufgefasst wird. Ich glaube, es bringt uns nicht weiter, nur in der Dimension real versus fake zu denken. Außerdem stört mich, dass davon ausgegangen wird, dass wir als Publikum sehr schlecht erkennen können, was wahr und was unwahr ist. Deshalb, so argumentiert man, müssten wir uns an Autoritäten wenden, die den optischen Noise für uns sortieren. Aber genau das passiert ja bei Trump oder bei dieser entsetzlichen Grußgeste von Elon Musk. Du siehst das eine, aber man sagt dir, dass du genau das Gegenteil siehst. Die Diskussion, ob etwas real oder fake ist, diese Entweder-oder-Debatte radiert indes nicht nur die Nuancen aus, sondern auch die notwendige Kritik der politischen und ideologischen Folgen solcher Bilder. Deshalb zielt der aufklärerische Aspekt meiner Arbeit darauf ab, ein neues Vokabular und neue Strategien zu schaffen, um dies zu diskutieren und damit dem Publikum ein wenig Wirkungsmacht zurückzugeben.
[1] Application Programming Interface: Schnittstelle zur Anbindung eines Programms an ein anderes.
[2] Vgl. https://www.martyna.digital/.
[3] Vgl. Matthew Fuller/Eyal Weizman, Investigative Aesthetics: Conflicts and Commons in the Politics of Truth. London: Verso 2021.