Heft 2/2025 - Solidaritäten


Passagen/Passages

Bildbeitrag

Michaela Melián


„Seit tausend Jahren war sie (die Stadt Marseille) die letzte Bleibe für unsereins, die letzte Herberge dieses Erdteils. Ich sah von der Bahnhofshöhe hinunter ihr stilles Abgleiten in das Meer, den ersten Schimmer der afrikanischen Welt auf ihren weißen, dem Süden zu gerichteten Mauern. Ihr Herz aber, ohne Zweifel, schlug immer weiter im Takt Europas, und wenn es einmal aufhören würde zu schlagen, dann müssten alle über die Welt verstreuten Flüchtlinge auch absterben, wie eine gewisse Art von Bäumen, an welche Orte sie auch verpflanzt werden, gleichzeitig absterben, da sie alle aus einer Aussaat stammen.“
Anna Seghers, Transit, 1944

Marseille, die älteste Stadt Frankreichs, ist ein Ort des Aufbruchs, der Ankunft und des Übergangs, geprägt von Leben im Transit. Die Straßen und Architekturen sind ein lebendiges Archiv der erzwungenen und selbstgewählten Grenzübertritte, von Exil, Zuflucht und Migration, Vertreibung und Resilienz.
In Marseille ist Migration weder eine Metapher noch eine Abstraktion, sie ist Realität. Viele Menschen leben hier im Exil, sie haben ihre Vergangenheit hinter sich gelassen und tragen sie doch unübersehbar in das städtische Leben hinein. Und so blickt das Mucem – Musée des Civilisations de l’Europe et de la Mediterranée vom Mittelmeer aus auf Europa und verweist mit seinen Aktivitäten auf das Eingebundensein im Mittelmeerraum. Die historischen Beziehungen zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und dem nordafrikanischen Kontinent sind überall in der Stadt ein wichtiges Thema.
Viele Menschen leben hier an der Armutsgrenze. Vor allem in den Banlieues im Norden der Stadt gibt es viele Probleme infolge von Arbeitslosigkeit, Armut, Drogen- und Bandenkriminalität. Gleichzeitig gab und gibt es eine Vielzahl solidarischer Projekte, die diese Stadt so besonders machen.