Die Idee zu den Gaza War Tattoos kam mir zu einer Zeit, in der es mir unmöglich war, mit Kunst auf die Ereignisse zu reagieren, die mit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 begannen und sich bis heute in Massentötungen, systematischem Aushungern und anderen Kriegsverbrechen Israels fortsetzen. Mich erstaunte die Art, wie die meisten israelischen Künstler*innen aus einer Opferposition heraus ihrem Leid, ihrer Trauer, ihrer Angst und Machtlosigkeit Ausdruck verleihen wollten. Die Gefühle waren gewiss authentisch, schlossen andererseits aber jede kritische Reflexion über den Terror, den Israel verursachte, oder jede Solidarität mit Israels Opfern aus. Dadurch wurde die einseitige Sicht perpetuiert und einmal mehr die Erinnerung an den Holocaust instrumentalisiert, wie es auch die politische Rhetorik im Staat Israel meistens tut, um seine Aggression zu rechtfertigen. Und doch spürte man eine dialektische Unzufriedenheit und ein Unbehagen an alternativen Ausdrucksformen mit all ihren ethischen und ästhetischen Problemen. Einmal mehr befanden wir uns in der schwierigen Situation, den Kloß im Hals weder hinunterschlucken noch ausspucken zu können.
Das änderte sich augenblicklich während eines Zoom-Gesprächs mit den befreundeten Kurator*innen Ekaterina Degot und David Riff, in dem es um einen Beitrag von mir zu ihrer Ausstellung Horror Patriae beim steirischen herbst 2024 ging. Wir sprachen über ältere Arbeiten von mir, darunter ein falsches Tattoo, das ich 2008 einem Freund auf den Körper gemalt hatte. Es war eine Reaktion auf die Operation Cast Lead, den damaligen militärischen Angriff auf den Gazastreifen, der viele Israelis durch seine bis dahin unvorstellbare Anzahl von circa 1.300 toten Palästinenser*innen schockierte. Die Tätowierung war ein Micky-Maus-ähnliches Skelett, das in einer Mischung aus Sarg und Davidstern eingefasst ist. Das Bild ergänzte ich seinerzeit durch einen Schriftzug, der an Worte Jean Amérys nach seiner Folterung durch die Nazis gemahnen sollte: „Beyond Guilt“ („Jenseits von Schuld“). Die Idee, dieses Bild zu aktualisieren, brachte mich darauf, eine fragmentarische Chronik des aktuellen Krieges anzulegen, die in Bildern und Worten auf verschiedenen Körpern aufgetragen werden sollte.
Während der Realisierung kam mir der Einfall, falsche und echte Tätowierungen zu mischen. Ich zweifelte indes daran, genügend mutige Menschen dafür zu gewinnen. Die falschen Tattoos hatten jedoch den Vorteil, weder durch Vorbehalte der Bemalten noch durch die Tätowierungstechnik oder Farben beschränkt zu sein. Das neue Kapitel, an dem ich inzwischen arbeite, besteht ausschließlich aus echten Tätowierungen. Dabei überraschte und berührte mich die überwältigende Resonanz: Tatsächlich hat sich eine kleine Gruppe gefunden, die bereit ist, solch aufrüttelnde, oppositionelle Bilder und Texte dauerhaft auf dem Leib zu tragen.
Die neuen Tattoos werden im September 2025 gezeigt. Hier stelle ich eine Auswahl aus der ersten Serie und einige der Gouache-Entwürfe für die neuen Arbeiten zur Verfügung. Einige der Bilder bedürfen keines Kommentars, andere wieder beziehen sich auf spezifische Ereignisse und Aussagen und sind daher mit kurzen Anmerkungen versehen.
Übersetzt von Thomas Raab