Heft 2/2025 - Solidaritäten


Klaus Ronneberger 1950–2025

Georg Schöllhammer


Seine Plattensammlung war ebenso monumental wie sein Wissen über die gesellschaftlichen Kämpfe um die emanzipatorische Nutzung des städtischen Raumes. Über diese hat er nicht nur theoretisch als einer der wichtigsten deutschsprachigen Stadtsoziologen der letzten Dekaden reflektiert, sondern er hat sich an ihnen auch aktivistisch beteiligt: maßgeblich in den sogenannten InnenStadtAktionen, einer Reihe von künstlerisch-politischen Interventionen im öffentlichen Raum, die Ende der 1990er-Jahre in mehreren Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz stattfanden und sich gegen die zunehmende Privatisierung öffentlicher Räume, die Ausgrenzung marginalisierter Gruppen und den Sicherheitsdiskurs in urbanen Zentren richteten – das alles waren auch zentrale Themen seiner Forschung –, später auch in der Gruppe Nitribitt – Frankfurter Ökonomien oder in Kanak Attak, einer antirassistischen Initiative, die sich gegen die kulturelle Vereinnahmung und Stereotypisierung von Migrant*innen wandte. Nun ist Klaus Ronneberger tot. Nie mehr wird in seiner Bockenheimer Wohnung eine jener antibourgeoisen Abendgesellschaften mit Freund*innen und Gesprächen aus verschiedensten Wissensregimen, von ihm opulent bekocht, die Gegenwarten widerständiger Raumpraktiken diskutieren.
Seine scharfsinnigen Analysen zur neoliberalen Stadtentwicklung, seine tiefgehenden Studien zur Urbanität Frankfurts und sein beharrliches Denken im Zeichen von Henri Lefebvre machten Klaus Ronneberger zu einem unersetzlichen Chronisten jener Umbrüche, die unsere Städte seit den 1990er-Jahren grundlegend verändert haben. Ronneberger, im Würzburger Linksmilieu und in einem Plattenladen sozialisiert, studierte Soziologie, Geschichte und Philosophie in Frankfurt am Main und arbeitete dort auch lange am legendären Institut für Sozialforschung – in jener Stadt, die für ihn mehr als nur ein Untersuchungsgegenstand wurde. Frankfurt war für Ronneberger ein Brennglas, in dem sich die tektonischen Verschiebungen des globalisierten Kapitalismus besonders scharf zeigten: von der Rolle als Finanzmetropole über die Gentrifizierungsprozesse in innerstädtischen Quartieren bis hin zu den symbolischen Kämpfen um öffentliche Räume und Erinnerungspolitik. Dass Frankfurt für ihn stets ein „Labor der neoliberalen Stadt“ blieb, war kein Zufall.
Gemeinsam mit Stephan Lanz und Walter Jahn stellte er als Herausgeber des viel zitierten Bandes Stadt als Beute1 diese Prozesse früh in einem Schlüsselwerk zur neoliberalen Stadtentwicklung dar, dessen Perspektive und Titel René Pollesch 2001 theatral bearbeitete. Die darin versammelten Essays analysieren, wie sich Immobilienmärkte, Investoreninteressen und politische Deregulierungen zur „Verwertung des Urbanen“ verschränken – lange bevor diese Themen in den Feuilletons zur Gemeinplatzkritik wurden. Mit der ihm eigenen an Fakten und teilnehmender Beobachtung der Deprivierten sowie kritischer Beobachtung medialer Vermittlung des neoliberalen Verwertungsdiskurses geschulten analytischen Präzision und mit gesellschaftspolitischem Engagement zeichnete Ronneberger die Widersprüche der „unternehmerischen Stadt“2 nach, ohne sich – wie auch später nie – in kulturpessimistischem Lamento zu verlieren. „Die Stadt wird nicht mehr geplant, sie wird verwertet“3, mit solch knappen Formulierungen traf Ronneberger den Nerv einer Entwicklung, die bis heute anhält: das Abgleiten urbaner Räume in eine Logik von Profit und Event, das Zurückdrängen sozialer Belange zugunsten von Standortmarketing und Investorennarrativen. Klaus Ronneberger war kein akademischer Theoretiker – als erst spät Promoviertem (bei Diedrich Diederichsen in Wien) blieb ihm die Professur versagt, trotz seines weitreichenden Einflusses. Seine Arbeit war auch nie karrieretechnisch dorthin gerichtet, sondern im Gegenteil, stets verortet – im städtischen Alltag, in konkreten Kämpfen um das Recht auf Stadt, in der Auseinandersetzung mit politischen Bewegungen. Als „der“ Kenner und Theoretiker Frankfurts (und der deutschen Nachkriegslinken) arbeitete er in enger Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Architektur Sommer sowie Initiativen wie studio urbane landschaften und setzte auf interdisziplinären Austausch zwischen Soziologie, Architektur, Stadtplanung und Kunst, zum Beispiel als Beirat der documenta 12. Auch hier war eine Nähe zu aktivistischen Initiativen keine Pose, sondern Ausdruck einer Haltung: Analyse und Engagement gehörten für ihn zusammen.
Echoraum für Ronnebergers Denken war dabei oft das Werk des französischen Urbanisten Henri Lefebvre. Die Rezeption Lefebvres im deutschsprachigen Raum wäre ohne seine Übersetzungsarbeit – im doppelten Sinne – kaum denkbar gewesen. Früh erkannte er das revolutionäre Potenzial von dessen Begriff des „Rechts auf Stadt“4 sowie dessen dialektische Methode, Stadt nicht als fertige Struktur, sondern als Prozess gesellschaftlicher Produktion zu denken, stets mit dem Blick auf konkrete Konfliktlagen5. Originell war seine Annäherung an den französischen Regisseur Jacques Tati, dem er ein eigenes, fein komponiertes Buch widmete. Für Ronneberger war Tatis Werk – insbesondere Playtime –, nicht nur filmische Kritik an der funktionalistischen Moderne, an der Entfremdung durch Rationalisierung und Technokratie, sondern Fanal für ein geschärftes Bewusstsein für jene feinen Irritationen, die das Leben in der Stadt trotz aller Verplanung immer wieder unvorhersehbar machen. Die humorvoll-melancholische Kamera Tatis, so Ronneberger, sei ein subtiles Instrument der Stadtforschung, das das Offensichtliche unterläuft und neue Sichtweisen eröffnet.6
In seinen letzten Jahren arbeitete Ronneberger verstärkt zu Fragen der Erinnerungskultur und des städtischen Raumes – etwa zur musealen Repräsentation urbaner Geschichte oder zur Umnutzung ehemaliger Industrieareale. Ihn interessierte, wie Städte ihr eigenes Gedächtnis kuratieren, welche Narrative sichtbar gemacht und welche verdrängt werden. Auch hier blieb sein Blick wach für die politischen Implikationen: Wer hat das Recht, Stadtgeschichte zu schreiben? Welche Stimmen fehlen? Und wie lässt sich eine urbane Erinnerungspraxis denken, die plural, streitbar und offen bleibt? Ronnebergers Stimme war nicht provokativ, sondern prägnant. Er suchte in der Tiefe des Alltags die Brüche und Potenziale städtischer Entwicklungen. Seine Texte verbinden analytische Schärfe mit einer unaufgeregten Sprache, die auch für Leser*innen außerhalb der Wissenschaft zugänglich blieb.
Auch jenseits Frankfurts hat Ronneberger bleibende Spuren hinterlassen, insbesondere in Österreich, in Wien, Graz und Linz trat er oft auf: unter anderem mit Studien zur sowjetischen Moderne und transnationalen Urbanismen und immer wieder auch als Autor in der springerin7, in Projekten unter anderem mit Sabine Bitter, Helmut Weber und Jeff Derksen, auf der Ausstellung Du bist die Welt der Wiener Festwochen 2018 sowie als konzeptueller Mitgestalter von Programmen urbaner Initiativen. Als langjähriger Autor prägte er den kritischen Stadtdiskurs der Zeitschrift dérive mit – zuletzt etwa mit Reflexionen zur Frage, wie sich städtische Bildpolitiken zwischen Gouvernementalität und Widerstand vermitteln lassen.
Klaus Ronnbergers Werk hat viele in verschiedenen Genres Arbeitende inspiriert, seine Arbeit zu Frankfurt als Modellfall war stilbildend in der heute hegemonialen kritischen deutschen Stadtsoziologie. Kurioserweise hat diese und die Stadt sowie deren Museum bisher kaum auf seinen Tod gedenkend reagiert. Seine Haltung, die Transformation der neoliberalen Stadt nicht als gegeben hinzunehmen, sondern den städtischen Raum immer als Feld des Möglichen zu begreifen – als umkämpften, widersprüchlichen und stets offenen Raum bleibt Inspiration. Er hat diesen Raum beschrieben wie kaum ein anderer. Klaus, du hast für uns damit Maßstäbe gesetzt.

 

 

[1] Klaus Ronneberger/Stephan Lanz/Walther Jahn, Die Stadt als Beute, Bonn: Dietz Verlag 1999.
[2] Ebd., insbesondere Ronnebergers Beitrag: „Die Stadt als Unternehmerin“, S. 17–34.
[3] Ebd., S. 18.
[4] Henri Lefebvre: Le droit à la ville. Paris: Anthropos, 1968; dt.: Das Recht auf Stadt, übersetzt und eingeleitet von Christian Schmid. Hamburg: VSA, 2016.
[5] Klaus Ronneberger: Henri Lefebvre – Die Produktion des Raumes und das Recht auf die Stadt, in: sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, 1/2012; https://zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/article/view/6 (zusammengefasst hat er seine Lektüre Lefebvres dann in: Henri Lefebvre – Raum, Alltag, Utopie. Studien zu einer kritischen Theorie des Urbanen. Berlin: b_books 2022).
[6] Klaus Ronneberger: Jacques Tati – Stadt, Architektur und Moderne bei einem Filmemacher. Berlin: b_books 2008. Und: Peripherie und Ungleichzeitigkeit. Pier Paolo Pasolini, Henri Lefebvre und Jaques Tati als Kritiker des fordistischen Alltags. Adocs, 2019.
[7] Siehe etwa Klaus Ronneberger: Postfordistische Urbanität. Das Beispiel Frankfurt am Main, in: springerin 2/2006; Das städtische Imaginäre und die Regierung des Raums, in: springerin 3/2014.
[8] Wie im von Ronneberger co-kuratierten Symposion Auf der Suche nach dem postfordistischen Subjekt zur Ausstellung Du bist die Welt der Wiener Festwochen 2001.