Heft 2/2025 - Lektüre
Ist der Zollstreit zwischen den USA und China nun eigentlich beigelegt? Dazu kann man sich wohl nur in Prophezeiungen ergehen. Außer Zweifel steht allerdings, dass solche auf einem Einfuhr-Ungleichgewicht beruhenden Händel mit dem Reich der Mitte nicht nur in der Gegenwart oder jüngsten Vergangenheit – man denke hier vor allem an den China Shock der 2000er-Jahre – schlagend werden, sondern historisch bis in die unmittelbaren Anfänge der Vereinigten Staaten zurückreichen. Da sich Geschäfte mit den nahegelegenen britischen Kolonien – aufgrund der begreiflichen Verstimmung des früheren Mutterlands – damals ja verboten, erklärte die neugeborene Nation nämlich kurzerhand China zum vielversprechenden Handelspartner und schickte sich an, insbesondere tonnenweise Tee von dort zu importieren (wo er, was heute ziemlich in Vergessenheit geraten ist, übrigens auch ursprünglich herstammte). China ließ sich den Abfluss seines Nationalgetränks aber, nachdem es zunächst Ginseng, Pelze, Sandelholz und schließlich auch noch die gemeine Seegurke dafür eintauschte, mit harten spanischen Silberdollars vergelten, die freilich keinem Land, das nicht Spanien hieß (und mithin südamerikanische Silberminen mit aller Gewalt ausbeutete), in unendlicher Menge zur Verfügung standen. Die amerikanischen Kaufleute hatten darum mit einer ähnlichen Devisenknappheit zu kämpfen wie alle anderen, die mit – einem verhältnismäßig autarken – China Handel zu treiben suchten, und sahen sich folglich bemüßigt, zu deren Abhilfe zu einem (Sucht-)Mittel zu greifen, auf das namentlich die britische Konkurrenz auch schon verfallen war: Opium.
Und hier setzt nun in der Tat eine Art kolonialer Krimi ein, dessen atemraubender Plot aber nicht etwa in Amitav Ghoshs Fantasie gründet, sondern vielmehr auf seine archivalisch-detektivische Wühlarbeit in den Tiefen der Geschichte – anlässlich seiner Ibis-Romantrilogie (2009–16) – zurückgeht, mit der er dieses Kolonialverbrechen vor dem kollektiven Vergessen bewahrt. Der indische Romancier gibt sich damit übrigens auch selbst als Wiederholungstäter zu erkennen, hat er doch schon in Der Fluch der Muskatnuss (2023) einer weiteren Frucht ein historisches Porträt gewidmet, in dessen Rahmen er zu einer Generalkritik an allem angehoben hat, was nach Horkheimer und Adorno durch die aufgeklärte Vernunft an Übeln in die von der europäischen Zivilisation beherrschte Welt kam (den Antisemitismus jetzt einmal ausgenommen). Und auch das aktuelle Buch durchweht wieder derselbe Geist der Dialektik der Aufklärung, der all jene miteinander verschwisterten Ismen (Kolonialismus, Kapitalismus, Rassismus) geißelt, in denen die zur Dominanz gekommene instrumentelle Vernunft zur Verdinglichung der Natur und des Mitmenschen aufruft, um damit deren unerschöpflicher Ausbeutung den Boden zu bereiten.
Eine Ausbeutung erfuhr dabei zuvorderst die leidenschaftliche Schwäche des chinesischen Volkes für das Rauchen, die seit dem 17. Jahrhundert dem Tabak galt, dann aber, nachdem die Niederländische Ostindien-Kompagnie es als Handelswährung in Südostasien eingeführt hatte, von wo es schleichend seinen Weg ins Reich der Mitte fand, allmählich auch auf Opium überging. Die British East India Company, obzwar der Schwestergesellschaft seit jeher in herzlicher Abneigung verbunden, fand wiederum großen Gefallen an diesem Geschäftsmodell – und schritt zu seiner Perfektionierung, indem sie das System in geradezu industriellem Maßstab neu skalierte und, unter der Aufsicht eines gewaltigen bürokratischen Apparats, durchrationalisierte. Dazu legte man in Ostindien, um das Opium nicht – wie die Amerikaner – von Anatolien herbeischaffen zu müssen, riesige Schlafmohn-Monokulturen an, zu deren Zwangsbewirtschaftung man die einheimische Bauernschaft anhielt; danach ließ man das Rohprodukt in mehreren Fabriken raffinieren und die dann „Chandu“ geheißene Ware schließlich in Kalkutta an private Händler versteigern, die sie mithilfe chinesischer Schmuggler nach Kanton verbrachten, wo sie von der East India Company wieder in Empfang genommen und umgeschlagen wurde. Und das alles zum Wohle des British Empire, das auf diese – allerdings doch wenig fashionable – Weise immerhin ein Zehntel seines Staatshaushalts erwirtschaftete. Während das Wohle Chinas bei all dem gänzlich hintangestellt, ja offensichtlich sogar mit Füßen getreten wurde. Denn als sich die Behörden dort 1839 angesichts der förmlichen Opiumschwemme nicht mehr anders zu helfen wussten, als das offiziell seit über einem Jahrhundert bestehende Verbot tatsächlich einmal durchzusetzen, wurde von britischer Seite – the empire strikes back – geradewegs der Erste Opiumkrieg angezettelt, an dessen Ende unter anderem Hongkong als Exklave an die Krone fiel. Die Rechtfertigung für diesen Bellizismus – die Sicherung des Freihandels – erwies sich dabei aber als ebenso fadenscheinig wie jene für den Opiumhandel an sich, der keine Bedürfnisse geweckt, sondern bloß eine immer schon bestehende Nachfrage bedient haben wollte, schließlich seien die Chinesen – und hier bricht sich Arthur de Gobineaus bereits auf den Nationalsozialismus vorausweisende Rassentheorie vollkommen Bahn – ja von einer degenerierten Art. Und gerade weil man ein solches Denkmuster historisch weit von sich weisen würde, befremdet es dann umso mehr, wenn Ghosh, indem er den Blick wieder auf die USA von heute richtet, der Nachweis gelingt, dass diejenigen, die sich dort aus der Verantwortung für die Opioidkrise stehlen möchten, also die Dealer von Purdue Pharma, sich ganz ähnlicher Argumentationsfiguren bedienen, um sich zu exkulpieren. Vielleicht ist es deshalb ja doch mehr als ein Zufall, dass Arthur M. Sackler, der Patriarch der Familie, ausgerechnet die weltweit größte Sammlung an chinesischer Kunst zusammengetragen hat.