„Judge the book by its cover!“, würde ich diese Review übertiteln, wäre sie eine Kundenrezension auf Amazon. Ich würde dem Artikel fünf Sterne geben. Sein blauer Einband erinnert optisch an die renommierte „Library of America“-Publikationsreihe, allerdings mit dem subtilen Twist, den ikonischen Querstreifen auf dem Umschlag statt im Rot-Weiß-Blau der US-Fahne in den Farben queerer Pride zu setzen. Darüber ein Porträt des Autors. In seinem freundlich durchtriebenen Ausdruck teilt sich die anspielungsreiche, metareflexive Komplexität des Folgenden auf Anhieb mit.
Dabei erscheint Kevin Killians Selected Amazon Reviews zunächst als genau das: eine Sammlung von Texten, die der US-amerikanische Avantgardeliterat von 2004 bis zu seinem Tod 2019 in einer mitunter mehrmals täglichen Schreibpraxis verfasste und als Kundenrezensionen auf Amazon platzierte. Im Zeitraum von 15 Jahren entstand ein disparates, quer über die Online-Plattform verstreutes Opus von rund 2.400 Produktbesprechungen, die nun von Hedi El Kholti und Robert Dewhirst posthum in einer minimal redigierten Auswahl bei Semiotext(e) herausgegeben wurden. Auf knapp 670 Seiten findet sich allerhand Vermischtes: Dinge, Ideen und Motive, versammelt unter dem gemeinsamen Kriterium ihrer Erhältlichkeit auf Amazon. Auffällig ist die editorische Entscheidung, die Reviews mit Datumsangaben chronologisch zu organisieren und nicht nach Kategorien, ähnlich der Drop-down-Liste auf Amazon. Das legt eine tagebuchartige Lesart nahe und durchkreuzt im selben Zug das Bild eines kohärenten Kritikersubjekts. Chronologisch liest sich das indes als Cut-up-Collage aus wechselnden Launen und Interessenlagen: Experimentelle Dichtung folgt auf Haushaltsware, klassisches Hollywood auf ein Brettspiel namens La Strada, Advil-Schmerztabletten auf Stan-Brakhage-Filme, T. Rex auf W. B. Yeats, Eileen Myles auf Michael Kors, Twilight auf Essential AIDS Fiction und so weiter.
Killians Schreiben war zeitlebens divers und eng mit einer queeren Lebenspraxis verknüpft. Ein Smalltown Boy aus Long Island, zog er in den 1970er-Jahren zunächst nach New York, wo er als Teil der schwulen Undergroundszene um Arthur Russel und Allen Ginsberg begann, seine transgressiven Konsumvorlieben literarisch zu reflektieren. 1980 ließ er sich in San Francisco nieder und wurde zu einer zentralen Figur der New-Narrative-Bewegung, der auch seine Lebensgefährtin, die Poetin Dodie Bellamy, angehörte. Er entwickelte eine Form des radikal inklusiven Schreibens, das sich im selben Maß für Sex, Klatsch und kritische Theorie interessierte. Derart verfasste er Gedichtbände, Kurzprosa, Memoiren, Theaterstücke und Essays sowie, neben Amazon-Reviews, Kritiken für Zeitschriften wie Artforum, Artweek, BOMB, Framework und Art in America. Als „cultural cruising“ bezeichnet Wayne Koestenbaum im Vorwort zu den Selected Amazon Reviews Killians Methode.
So wird Amazon zur Cruising-Area, in der Produktnamen Killian die Anreize für essayistische Kurzformen liefern, die von zeit- und kulturkritischen Betrachtungen über literarische Wiederentdeckungen, Filmkritiken, Hommagen und Nachrufe bis hin zu autofiktionalen Rollenspielen reichen. Dabei findet ein umgekehrtes Product Placement statt: Produkte dienen als Vorwand, um für kritische, auch politische Anliegen zu werben. Die Kolonisierung San Franciscos durch die Tech-Industrie etwa wird in einer Review des Artikels German Potato Salad Can (15 oz., Pack of 12) der Marke Read wie beiläufig thematisiert. Sie handelt von zweierlei Kartoffelsalat auf einer Twitter-Party in Killians Straße: Für die Twitter-VIPs gibt es Salat der kalifornischen Starköchin Alice Waters, für die Gäste aus der Nachbarschaft das Dosenprodukt von Read (das Killian durchaus gutheißt). Horrorfilme von Dario Argento werden zur Chiffre im Schreiben über den unbeschreiblichen Horror der AIDS-Ära. Ein weiteres Leitmotiv ist die Auseinandersetzung mit Maskulinität als marktförmigem Konstrukt. „Was My Face Red“, überschreibt Killian die Review von Pierre Bourdieus Sozioanalyse Masculine Domination. Sie erzählt von einer (fiktionalen?) Episode, in der der Rezensent das Bourdieu-Buch dem Rockstarkoch und Medienliebling Anthony Bourdain in einer (vermeintlich) versehentlichen Verwechslung zum Signieren aushändigte.
Killian vergibt unterschiedslos Fünf-Sterne-Bewertungen und lässt darauf differenzierte, präzise abwägende Kritiken folgen. Seine Sprache ist kolloquial, bekennend, schwärmerisch und – trotz ihrer Hyperreferenzialität und autofiktionalen Verspieltheit – voraussetzungslos. Sichtlich begreift sich der Autor als Teil der „Amazon Reviewer Community“ und dieses als sein Publikum. In „Twenty Questions for Chris Kraus“, schreibt er zu Kraus’ Roman Torpor: „If only I could ask Chris Kraus my twenty questions! One of them would be ,How would you describe the form you work in? It’s very distinctive, very Chris Kraus, but what is it?‘“ Hätte der Autor Chris Kraus befragen wollen, hätte er seine Kollegin und Freundin mühelos anrufen können.
„But what is it?“, möchte man Kevin Killian selber gerne fragen. Was genau ist das für eine unvergleichliche und unbändige, in die Amazon-Eingabemaske gegossene Form? Und warum publiziert (und bestellt) einer, der sich zeitlebens für die < i>small press einsetzte, ausgerechnet beim Monopolisten? Die unaufgelöste Ambivalenz dieser Geste ist das unmittelbar politische Moment in Killians kritischem Projekt. Als „ortsspezifisches Kunstwerk“ besetzt es die Plattform und macht sie zum Schauplatz seines Handelns, nicht im ökonomischen, sondern im politischen Sinn. Im Buch verliert sich der Aspekt des unverhofften Lesegenusses, dafür zeichnet sich in der Verdichtung des Verstreuten eine runde Kontur ab. Semiotext(e) ist für diesen „Whole Earth Catalog“ der zweckfreien Wertschätzungen zu danken.