Bei dem kurz nach seinem Tod 2024 erschienenen Buch The Years of Theory. Postwar French Thought to the Present von Fredric Jameson handelt es sich um eine Mitschrift eines Seminars, das der marxistische Literaturwissenschaftler von Januar bis April 2021 an der Duke University gehalten hat. In den Vorlesungen wurden unter anderem Theoretiker*innen wie Sartre, Beauvoir, Merleau-Ponty, Fanon, Lacan, Althusser, Lévi-Strauss, Debord, Foucault, Barthes, Deleuze, Derrida, Wittig, Irigaray und Kristeva und Clastres in jeweils ein bis drei Sitzungen unter bestimmten Keywords vorgestellt.
Das Seminar beginnt mit Jean-Paul Sartre, über den Jameson 1959 seine Dissertation Sartre: The Origins of Style verfasst hatte und dessen Existenzialismus er immer – so das erneute Bekenntnis – treu geblieben ist. Jameson, der wie wenig andere für den seit Paul de Man eingeführten Begriff „Theory“ steht, kann man mit dieser Vorlesung einmal mehr in seinem programmatischen Motto „always historicize“ folgen. Was „Theory“ für ihn bedeutet, erklärt er damit, dass der Impuls des französischen Denkens nicht mehr Philosophie mit großem „P“ ist, sondern sich mehr in der Anthropologie oder der Literaturwissenschaft finden lässt.
Jameson war nicht nur ein wichtiger „Interlocateur“ für die „kontinentale Theorie“ an amerikanischen Universitäten, sondern vollzog immer auch eine soziohistorische Einbettung der von ihm aufgegriffenen Theorien. So kommt er auch auf deren Rezeption zu sprechen und problematisiert die generalisierende Bezeichnung „Poststrukturalismus“, die in Frankreich nicht existiert; dort betonte man vielmehr die Unterschiede zwischen den genannten Denkansätzen und nahm vor allem den Gestus der Opposition der sogenannten Strukturalist*innen gegen eine Subjektphilosophie existenzialistischer Observanz wahr. Jameson ist sich der nicht immer produktiven „Misreadings“ durchaus bewusst: „the French say there is no such thing as poststructuralism; you Americans invented that“.
Es erstaunt wenig, dass Jameson Althusser („he had plenty of contact with workers“) und Lacan („the Hegel of our time“) viel Platz einräumt. Mit dem Auftreten des Ethnologen Claude Lévi-Strauss beginnt etwas Neues: „All things begin to colonize the various disciplines. So I would say structural linguistics has a profound effect on the disciplines not only in France but in other countries.“ 1966/67 markiert für ihn mit der Publikation von Lacans Écrits, Derridas Grammatologie und Die Schrift und die Differenz sowie Foucaults Die Ordnung der Dinge das Jahr des endgültigen Durchbruchs des „neuen“ Denkens.
In den einzelnen Seminaren versucht er, nicht nur die Denkbewegungen der einzelnen Theoretiker*innen nachzuzeichnen, sondern sie auch relational zu analysieren.
Dabei hätten sich die meisten Denker*innen – mit Ausnahme von Derrida – auf Sartre bezogen oder an ihm abgearbeitet. Auch wenn die einzelnen Denker*innen im soziopolitischen Kontext verortet werden, vermisst man den Einbezug der in Frankreich so wichtigen (elitären) Ausbildungsgänge und eine Verortung ihrer Position in zumeist marginalen Institutionen, aus der sich ein antiakademischer Ethos ableitet. Dafür berücksichtigt Jamesons Darstellung den Strukturwandel der intellektuellen Öffentlichkeit in Frankreich. So betont er den Stellenwert, die Zeitschriften wie die Nouvelle Revue Française, Les Temps Modernes, Tel Quel oder Cahiers du Cinéma im französischen Diskurs hatten. Er erkennt, dass die wichtigste Organisationsform der revolutionären Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr die Partei, sondern die Zeitschrift ist, und beschäftigt sich intensiv mit der komplexen Rolle Althussers innerhalb des freudomarxistischen „Gauchismus“. Besonders instruktiv wird das Buch, wenn es sich dem filmischen Denken von Jean-Louis Baudry, Jean-Louis Comolli oder Christian Metz widmet, die alle ganz unterschiedlich von Althusser (und Roland Barthes) geprägt waren.
Die Seminarmitschrift ist zudem ein interessantes selbstreflexives Dokument im Hinblick auf epistemologische Auseinandersetzungen innerhalb der Universität. So versucht Jameson, seinen Seminarteilnehmer*innen zu erklären, warum Lévi-Strauss kein Rassist ist, und schreckt auch vor Anekdotischem nicht zurück, wenn er erzählt, dass Foucault und Derrida sich nicht ausstehen konnten, Derrida einer der wenigen gewesen sei, der Althusser regelmäßig in der Psychiatrie besucht habe, oder nebenbei erwähnt, wie die Bundesrepublik Deutschland ihre „Carpetbaggers“ an ostdeutsche Universitäten zur Abwicklung des Marxismus schickte.
Neben der Linguistik, die für die Theoretiker*innen im Anschluss an Lévi-Strauss zu einer Art Leitwissenschaft wurde, ist der Blick des Anderen, von dem Sartre bereits in den späten 1940er-Jahren anlässlich von Orphée NoirDass die Leser*innen nicht so viel über die für die behandelten Theoretiker*innen wichtige Epistemologie und Wissenschaftsgeschichte oder über weniger dominante Autor*innen wie Clément Rosset oder Kostas Axelos (bzw. die unorthodoxe marxistische Zeitschrift Arguments) erfahren, wird dadurch wettgemacht, dass Jameson sich im Seminar „Theory after Demarxification“ neben Bruno Latour auch mit Catherine Malabou, Quentin Meillassoux, Bernard Stiegler, dem Comité invisible und François Laruelle auseinandersetzt. Am stärksten ist Jamesons Vorlesung dann, wenn es um den Stellenwert der Intellektuellen in der Öffentlichkeit (vor allem der „free-floating intellectuals“ als „class traitors“ und „cultural workers“) rund um die Ereignisse des Mai 68 geht.