Innsbruck. Ein Rundgang durch den Garten, in dem der gläserne Kunstpavillon steht, bereitet die Besucher*innen darauf vor, was sie im Inneren erwartet – ein architektonischer Raum, der sich wie ein lebendiges Landschaftsfragment anfühlt, subtil von künstlerischen Händen bearbeitet. Kuratiert von Bettina Siegele, tritt die Doppelausstellung von Vik Bayer und Kaja Clara Joo in einen vielschichtigen Dialog mit dieser Umgebung. Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze verhandeln beide Künstlerinnen Themen wie Klimawandel, das fragile Verhältnis von Mensch und Natur, die Verstrickung von Mensch und Maschine sowie die befremdliche, sich auflösende Struktur unserer Zeitlichkeit. In der Ausstellung werden ihre Arbeiten als eigenständige, jedoch thematisch miteinander verbundene künstlerische Positionen präsentiert – wie zwei Pole in einer geteilten Atmosphäre von Beunruhigung und Dringlichkeit. Beide kann man als visuelle Forscherinnen der drohenden Katastrophe beschreiben: kulturell, ökologisch und technologisch.
In ihrer Installation Slo-mo Visions of Refusal of Unfulfilled Promises agiert Vik Bayer sowohl als Zeugin als auch integrierte Teilnehmerin. Sie dokumentierte über einen längeren Zeitraum hinweg die Arbeit einer sizilianischen Agrargenossenschaft, die auf nachhaltige Anbaumethoden und wirtschaftliche Selbstbestimmung setzt. Diese Kooperative widersetzt sich der ausbeuterischen Logik industrieller Lebensmittelproduktion, indem sie auf Kredite großer Banken verzichtet, direkt mit Abnehmer*innen verhandelt und Preise kollektiv festlegt. Ihr Modell basiert auf Vertrauen, gegenseitigem Respekt und ökologischer Ethik – für Bayer ein wirtschaftliches und politisches Gegenmodell zum extraktiven Kapitalismus.
Bayers Bezugnahme auf Gary Zhexi Zhangs Catastrophe Time! vertieft diesen Diskurs. Zhang untersucht, was geschieht, wenn lineare, vertraute Zeitstrukturen kollabieren. Bayer spiegelt dies durch eine künstlerische Sprache, die kollektive Erinnerung, planetarische Rhythmen und dokumentarische Präsenz verbindet. Sie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie sich verschiedene Formen von Zeit – persönliche, kommunale, wirtschaftliche und ökologische – überlagern und in Krisenmomenten aufeinanderprallen. Ihre Installation führt das Konzept der Volatilität ein, ein zentrales Prinzip globaler Finanzmärkte, das offenbart, wie profitabel Katastrophen inzwischen sein können.
Ihr dokumentarischer Ansatz beruht auf realen Begegnungen und strebt zugleich danach, das Flüchtige zu materialisieren. Im Pavillon finden sich verstreute Orangenschalen, Obstkisten mit der Aufschrift „fragile“, Seile, Netze und Tarnnetze – alles Spuren agrarischer Arbeit, die hier zu poetischen Zeichen transformiert werden. Bayer verändert den Raum, indem sie die Decke teilweise für das Sonnenlicht öffnet, das durch Netze „gefiltert“ wird, wie sie Landwirte verwenden, um Pflanzen zu beschatten und Produkte während des Transports zu schützen. Ihr Augenmerk auf die Infrastruktur – Kisten, Verschlüsse, Sonnenschutz – macht unsichtbare Arbeit sicht- und greifbar.
Kaja Clara Joos Arbeit führt in die entgegengesetzte Richtung: unter die Erde. Ihr Ausstellungsbereich wird dominiert von einer kinetischen Großskulptur – eine in Latex gehüllte, spiralförmige, langsam rotierende Form, die an eine Ölbohrschnecke erinnert. Anders als Bayer, die Licht hineinlässt, gräbt sich Joo in die Erde, ins Unbewusste und untersucht die Affekte. Ihre Maschinen wirken lebendig, sinnlich, beunruhigend.
Die Thematik setzt sich in ihrem poetischen Text Des Maulwurfs Signatur fort, der zum Mitnehmen aufliegt. Darin verliebt sich die fiktive junge Frau Signar Taupe in eine Ölbohrschnecke – Protagonistin der postindustriellen Erotik: Das Objekt ihrer Begierde ist kein Mensch, sondern eine Maschine. Das Öl wird zum emotionalen und historischen Zentrum, Sinnbild von Macht und Verderben zugleich.
„Anfangs noch zaghaft lief sie nun in erpichtem Schritttempo der Apparatur entgegen. In ihrem Mund lief Wasser zusammen, es überkam sie ein zuvor noch nie bekannter Durst. In diesem Moment gab es nur sie und die Bohrschnecke, welche inzwischen mit ihrem gesamten Leib im Loch verschwunden war. Als würde sich die Maschine vor der jungen Frau mit Andacht verbeugen, war ihr Kopf zur Gänze im Grund immersiert. Welch glänzende Kavaliers-Signatur!“
Joo spielt mit verschwimmenden Ontologien. Ihre Skulpturen sind zugleich funktionierende Körper und fantastische Kreaturen. Sie stützt sich auf jahrelange Recherchen in Post-Katastrophengebieten: Orte, wo Kommunikationssysteme versagten und Maschinenfragmente zu Ruinen menschlichen Strebens wurden. Ihre Installationen – darunter analoge Fotos auf Aluminium von echten Erdbohrlöchern aus Deutschland und der Slowakei sowie eine Vier-Kanal-Videoarbeit über eine Tunnelabfahrt – schaffen ein sensorisches Feld aus Vibration und Desorientierung. Motorengeräusche, Subwoofer-Frequenzen und metallisches Brummen erinnern an Clubräume und tektonische Bewegungen.
Tipping Point Phantoms lädt ein, zwischen diesen Extremen zu navigieren: einem Abstieg in eine gespenstische Unterwelt der industriellen Erinnerung und einem Aufstieg in einen möglichen, kollektiven Widerstand, der sich in alltäglichen Handlungen der Fürsorge und Pflege zeigt. Bayer und Joo setzen unterschiedliche Mittel ein, doch gemeinsam zeichnen sie die Konturen einer brüchigen Welt in Bewegung, in der sich Zusammenbruch und Widerstandsfähigkeit Seite an Seite entfalten.