Heft 2/2025 - Solidaritäten
Leah Hunt-Hendrix und Astra Taylor trennten einst Welten: hier die in der Fifth Avenue in Manhattan aufgewachsene Enkeltochter eines bekannten texanischen Öl-Tycoons (und Nichte einer ehemaligen US-Botschafterin in Österreich), dort eine in die kanadische Provinz hineingeborene Autorin, Filmemacherin und Musikerin. Trotzdem fanden die beiden, es war im Rahmen der Protestbewegung Occupy Wall Street 2011, zueinander und haben letztes Jahr ein gemeinsames Buch vorgelegt, das sich dem großen, aber theoretisch bisher unterbelichtet gebliebenen Thema der Solidarität widmet. Im nachfolgenden Gespräch legen Hunt-Hendrix und Taylor das materielle Fundament des Solidaritätsbegriffs frei, erinnern an das Aufkommen erster Solidaritätsvorstellungen im 19. Jahrhundert und beklagen das Fehlen eines Solidaritätsgedankens unter heutigen US-amerikanischen Philantrop*innen.
Das englische Original ist erschienen unter: Rithika Ramamurthy/Leah Hunt-Hendrix/Astra Taylor, Solidarity Challenges the Status Quo: A Conversation with Leah Hunt-Hendrix and Astra Taylor, NPQ (Nonprofit Quarterly), 8. Mai 2024; https://nonprofitquarterly.org/solidarity-challenges-the-status-quo-a-conversation-with-leah-hunt-hendrix-and-astra-taylor/. Übersetzt und in vollem Wortlaut wiederveröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von NPQ.
Rithika Ramamurthy: In der Einleitung Ihres Buches1 weisen Sie darauf hin, dass ein Konzept wie Solidarität „Fallstricke“ hat. Können Sie Solidarität für uns definieren und uns verraten, wie Sie dazu kamen, darüber zu schreiben?
Astra Taylor: Alle Konzepte haben ihre Fallstricke – auch Gleichheit, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit. Das ist der Grund, warum über diese Konzepte so viele dicke Bücher geschrieben werden. Auffallend ist, dass es sich bei der Solidarität um ein unglaublich interessantes, wichtiges und inspirierendes Konzept handelt, dem sich die Philosophie jedoch nicht mit dem gleichen Enthusiasmus gewidmet hat. Es ist ein äußerst umfassendes Konzept, noch dazu uralt, und hat verschiedenste Zyklen erlebt. Es kommt immer dann hoch, wenn wir, wie gerade jetzt, gesellschaftlich unruhige Zeiten durchmachen. An diese Tradition knüpfen wir an und stellen in einer Zeit großer Ängste und tiefgreifender Veränderungen die Frage nach der Solidarität.
Das führt wiederum zu der Frage, warum es dieses Buch nicht schon längst gegeben hat. Von all ihren philosophischen Verwandten ist die Solidarität der am häufigsten bemühte Begriff. Sie zu praktizieren ist etwas, mit dem die Menschen da draußen schon lange beschäftigt sind. Das damit verbundene Denken findet dagegen seltener Niederschlag in theoretischen Einlassungen. Es galt also, eine enorme Lücke zu füllen, was uns allerdings auch die Freiheit gab, eine neue Theorie der Solidarität entwickeln zu können.
Leah Hunt-Hendrix: Das Buch kann einen Beitrag zur Diskussion über Solidarität leisten, da es sich dabei um ein sehr nachhaltiges Projekt handelt. Ähnliche relationale Konzepte ziehen sich durch alle existierenden Diskurse, von der politischen Theorie über die Philosophie bis hin zur Religion. Man denke etwa nur an Aristoteles’ Augenmerk auf die Freundschaft, an die Brüderlichkeit im Rahmen der Französischen Revolution oder an den Rawls’schen Gerechtigkeitsbegriff. Bei unseren Nachforschungen sind wir auf einen Artikel gestoßen, der den Begriff der Solidarität bis ins alte Rom zurückverfolgt, und zwar als gemeinsame Schuld einer Gemeinschaft von Menschen: obligatio in solidum. Der Solidaritätsbegriff hat eine materielle Grundlage wie auch eine wirtschaftliche Bedeutung, was die Vorstellung, es handele sich bei der Solidarität darum, dass alle einfach gut miteinander auskommen, unmittelbar entkräftet. Bei der Solidarität geht es um unsere gegenseitige Verbundenheit und darum, was wir einander schulden bzw. verdanken.
Im 19. Jahrhundert wird die Idee dann in das französische Recht und die politische Theorie übernommen und findet Eingang in die Politik. Es gibt damals sogar eine politische Strömung, den sogenannten Solidarismus, der die Solidarität als Lösung für die aus der industriellen Revolution erwachsenden Probleme propagiert, sozialpolitische Maßnahmen fordert und Ideen zur Rolle des Staates unterbreitet. Etwa zur gleichen Zeit kommen noch zwei weitere Verwendungen des Begriffs hinzu: Émile Durkheims soziologische Theorie des sozialen Zusammenhalts und die marxistische Vision von der Solidarität der Arbeiterbewegung als Motor für Veränderungen. Diese Konzepte scheinen widersprüchliche Bedeutungen in sich zu tragen, harmonieren jedoch insofern miteinander, als sozialer Zusammenhalt ja sozialen Wandel voraussetzt. Man findet zudem auch die Denkart, sich die Solidarität als einen Körper vorzustellen, der aus verschiedenen Teilen besteht, dessen einzelne Organe aber alle auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.
Taylor: Solidarität bedeutet nicht nur, gut miteinander auszukommen. Sie beruht nicht auf Einheit, sondern sie beruht auf Beziehungen. Sie ist das, was Gruppen trotz aller Unterschiede zusammenhält. Aber man muss auch wissen, dass Solidarität nicht immer zuträglich ist. Deshalb unterscheiden wir zwischen reaktionärer Solidarität und dem, was wir transformative Solidarität nennen. Reaktionäre Solidarität zieht harte Grenzen und schafft ein „anderes“, dem gegenüber sie sich feindselig, aggressiv oder gewalttätig verhalten kann. Transformative Solidarität hat dagegen durchlässige Grenzen, zielt auf Inklusion ab und erweitert die Identität der einzelnen Menschen in Richtung eines größeren „Wir“. Als Projekt kann sie letztlich nicht nur die Vorstellungen der Menschen von sich selbst verändern, sondern auch ganze soziale und politische Ordnungen ummodeln. Wichtig ist allerdings, die Solidarität nicht zu sehr zu verklären; sie ist nicht etwas einfach Gegebenes – sie wird gemacht.
Ramamurthy: Ich würde gerne auf die psychologische Dimension von Solidarität zu sprechen kommen. Sie nennen sie „eine Art der Macht, die auf der Erkenntnis beruht, dass unsere Leben materiell miteinander verflochten sind“. Und Sie bezeichnen die „Analyse identitätsübergreifender Unterdrückung und die Schaffung identitätsübergreifender Verbundenheit“ als praktische Solidarität. Können Sie vielleicht ein paar Beispiele dafür nennen, welchen Angriffen die Solidarität ausgesetzt ist oder auch welche Hindernisse sich ihr in den Weg stellen? Und wie, glauben Sie, könnten sich Letztere möglicherweise überwinden lassen?
Hunt-Hendrix: Historisch gesehen kamen Vorstellungen von Solidarität, wie erwähnt, zu einer Zeit auf, als es in der Struktur der Arbeit einen echten Wandel gab. Marx spricht von Entfremdung, Durkheim von Anomie. Beide Theorien behandeln das Problem, dass wir uns in der modernen Gesellschaft von uns selbst und anderen wie abgetrennt fühlen, und suchen nach einer Begründung dafür: Entfremdung entsteht durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Darüber hinaus gibt es physische und legale Hindernisse für Solidarität, darunter die Segregation und das Gefängnissystem. Es findet sogar eine regelrechte Kriminalisierung von Solidarität statt: durch ein scharfes Vorgehen gegen Gynäkolog*innen, die versuchen, Frauen zu helfen, gegen Menschen, die Asylsuchende unterstützen wollen, oder gegen „Bail Funds“ [die Angeklagten beim Aufbringen von Kautionen aushelfen, A. d. Ü.]. Überall sehen sich Menschen, die sich gegenseitig zu unterstützen trachten, aktiven Angriffen ausgesetzt. Und auch die Kritik an der „Wokeness“, als Reaktion auf das mächtige Potenzial der Bewegungen für Racial Justice, reiht sich letztlich unter diese Art Attacken ein.
Taylor: Menschen ist die Fähigkeit zur Solidarität und der dazugehörige Instinkt gewissermaßen angeboren. Wir sind soziale Wesen, und wir sind voneinander abhängig. Alle erwähnten Gegenstrategien wirken vermutlich deshalb so aggressiv, weil der Solidaritätsinstinkt so ungemein stark ist. Schließlich wird eine enorme Menge an Energie und Ressourcen darauf verwendet, Solidarität zu unterdrücken, was nicht nötig wäre, wenn wir nicht von Natur aus dazu neigen würden, solidarisch zu sein. Aber die Natur allein reicht nicht aus – man muss auch die Gemeinschaften und Bewegungen aufbauen, die sie fördern.
Ramamurthy: Mit Ihrem Buch versuchen Sie, die Geschichte einer nur wenig aufgeklärten Idee zu erzählen. Sie bringen darin aber auch die bisher kaum erkundeten Bewegungen zur Sprache, die mit dem Thema Solidarität mobilisiert haben. Welche Auswirkungen hat dieses fehlende theoretische Wissen auf die Stärke linker Bewegungen?
Taylor: Ehrgeizige Weltveränderer*innen erfinden mit der Wiederentdeckung der Logik der Solidarität oft das Rad neu. Zu Anfang des Debt Collective,2 dessen Wurzeln ja in der Occupy-Wall-Street-Bewegung3 liegen, haben wir intuitiv damit begonnen, Schuldner*innenversammlungen abzuhalten, und Menschen die Gelegenheit gegeben, über ihre Schulden zu sprechen. Auf diese Weise haben wir eine neue Identität geschaffen und den Menschen gezeigt, dass sie, trotz ihrer sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründe, etwas verbindet. Damals wusste ich noch nicht, dass das jede Bewegung immer schon getan hat und jede Bewegung auch heute noch tut! Egal, ob man sich für die Rechte von Schwulen, von trans Personen, die Rechte von Menschen mit Behinderung oder Bürgerrechte einsetzt – all diese Strukturen und kollektiven Identitäten sind nicht von vornherein gegeben, sondern wurden geschaffen. Eine tiefergehende Diskussion über Solidarität könnte vielen Menschen helfen sich weiterzuentwickeln, indem sie Zugang zu mehr Ressourcen und zu dieser Geschichte erhalten.
Das Buch ist eine exzentrische Mischung aus Geistesgeschichte, politischer Diagnose und Organisationsleitfaden. Solidarität als Konzept versteht sich als Aufforderung zur praktischen Ausübung derselben in der Welt. Unserer Gruppe hätte so ein Buch in der Tat weitergeholfen, denn wir sind, ohne es zu wissen, auf viele dieser Strategien gestoßen, hatten aber, um sie uns zu eigen machen zu können, nicht die nötige Anleitung oder das richtige Bewusstsein. Ein Buch wie dieses kann den Kontext und ein Verständnis dafür vermitteln, wie die Dinge sich entwickelt haben, und darüber hinaus als Einladung verstanden werden, an einer Änderung des Narrativs und einer Neugestaltung der Welt mitzuwirken.
Hunt-Hendrix: Es gibt viele Organisationen, die Leute darin schulen, sich zu organisieren oder eine Kampagne aufzubauen. Aber Solidarität zu schaffen – indem man eine Vorstellung davon entwickelt, wer Teil des Kampfes ist und wie Kampagnen breiter und damit stärker werden können –, das ist eine andere Sache. Folglich organisieren wir uns in immer kleiner werdenden Gruppen – oder halten nach Leuten Ausschau, die bereits genauso denken wie wir. Es ist wichtig, das Richtige, also Gutes, tun zu wollen, doch es fehlt ein konzeptionelles Gegengewicht, das uns dazu bringt, breiter und inklusiver zu werden. Wir hoffen, dass dieses Buch dazu beiträgt, unsere Bewegungen in diese Richtung zu lenken.
Ramamurthy: Es gab immer schon eine ideologische Unterdrückung sowie eine materielle Unterdrückung der Solidarität. Ich denke hier etwa an die McCarthy-Ära, COINTELPRO oder die Zerschlagung und Eliminierung der Schwarzen Befreiungsorganisationen. Als Intellektuelle und Sprecherinnen sozialer Bewegungen haben Sie beide vermutlich wahrgenommen, dass die Auslöschung der revolutionären Geschichte die Linke in Mitleidenschaft zieht und ihren Einfluss beschneidet.
Taylor: Millionen von Menschen sind infolge des Krieges gegen die Solidarität gestorben. Wir erleben aber gerade ein anderes Stadium dieses Krieges. Das Erscheinen des Buches fällt nämlich in eine Zeit, die mit den Anfängen unseres Schreibens, dem Jahr 2020, nur noch wenig gemein hat. Damals gab es die Hoffnung, dass COVID uns allen einen gemeinsamen Feind beschert hätte und unter uns Zusammenhalt stiften würde. Außerdem waren da noch die historischen Proteste nach dem Mord an George Floyd. Doch jetzt sehen wir uns einem wohl koordinierten und kapitalisierten Versuch gegenüber, diese aufkeimende Solidarität zu zerstören und die Menschen zu beschämen, wenn ihnen aufzugehen beginnt, wie systemisch die Unterdrückung eigentlich ist. Um dem etwas entgegenzuhalten, müssen wir den Leuten die Augen dafür öffnen, dass Solidarität den Status quo in jedem Fall gefährden kann. Dass wir eine multiethnische, multigenerationale, multigeografische Bewegung aufbauen könnten – das wird nicht wirklich gewollt. Also tun wir es! Lasst uns die Barrieren niederreißen. Lasst uns aus unseren Bunkern hervorkommen. Es mag Gegenreaktionen geben, aber die Antwort darauf muss Solidarität heißen, um nicht den Strategien unserer Widersacher*innen zum Opfer zu fallen.
Ramamurthy: Wo wir gerade von sich ändernden Kontexten sprechen, würde ich gerne Gaza zum Thema machen. Das Buch endet mit einem ambitionierten Kapitel über „Solidarity Beyond Borders“, also über internationale Solidarität, deshalb frage ich mich, ob Sie vielleicht Ihre Gedanken zur Bewegung für Gerechtigkeit in Gaza und für die Befreiung des palästinensischen Volkes mit uns teilen möchten.
Hunt-Hendrix: Die israelische Solidarität mit den Palästinenser*innen bewegt mich schon sehr lange. Ich habe vor vielen Jahren in Israel und im Westjordanland einige Zeit mit diesen Solidaritätsbewegungen verbracht. Dort ist man der Ansicht, dass niemand sicher oder glücklich leben kann, solange die Palästinenser*innen Unterdrückung erfahren und ihr Land die Besetzung hinnehmen muss. Ganz allgemein gesprochen lehrt uns die Geschichte, dass sich schon immer eine Menge Menschen in Kolonialstaaten fanden, die sich mit den Opfern ihrer repressiven Landespolitik solidarisierten. Im besagten Kapitel wenden wir uns nun historischen Unabhängigkeitsbewegungen zu, um zu zeigen, dass eine ideale Gesellschaft kaum mehr im Rahmen einer einzelnen Nation Wirklichkeit werden kann, da wir mittlerweile eine globale Gemeinschaft bilden. Wir möchten die Menschen von der Idee überzeugen, dass dieser Aspekt wirklich von fundamentaler Bedeutung ist. Denn der globale Kapitalismus erlegt den Geldströmen keinerlei Beschränkungen auf, wodurch Menschen und Länder, die sich abgrenzen, in eine Falle geraten. Wir wollen uns daher von der Geschichte der Unabhängigkeits- und internationalistischen Solidaritätsbewegungen inspirieren lassen und deren wiederbelebte Ideen in unsere Vision davon, wie die Welt auch anders aussehen könnte, einspeisen.
Das, was in Israel und im Gazastreifen geschieht, geht uns wirklich alle an. Es berührt das Wesen der internationalen Ordnung und betrifft die Institutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, wie die Vereinten Nationen und den Internationalen Strafgerichtshof, sowie all jene Institutionen, die offensichtlich ins Leben gerufen wurden, um Menschen zu schützen. Die USA führen allerdings nachdrücklich die Machtlosigkeit dieser Institutionen vor, indem sie einfach deren Autorität untergraben – mit Konsequenzen für die gesamte Welt. Und auch wenn nicht jeder alle diese Folgen in seinem Leben zu spüren bekommt, bedürfen wir doch dringend eines internationalen Systems, das die Menschen unter seinen Schutz stellt.
Taylor: Wir erleben im Moment sowohl reaktionäre wie auch transformative Formen der Solidarität. Da ist zum einen die reaktionäre jüdische Identität, die sich gegen die Freiheit der Palästinenser*innen stellt und jene als Feind*innen betrachtet; und dann können wir eine transformative Bewegung beobachten, angeführt von Gruppen wie etwa Jewish Voice for Peace4 und If Not Now5, die auf der Straße für die palästinensische Befreiung eintritt. Wer nun für das Leben Partei ergreift, sieht sich einer starken militärischen Macht gegenüber. Die Motivation, jener zu trotzen, speist sich sicherlich in einem beträchtlichen Maße aus der Empörung und der Bestürzung angesichts der Brutalität des Völkermords.
Aber auch das Eigeninteresse meldet hier durchaus Ansprüche an. Wir brauchen eine internationale Ordnung, die dem Völkermord wehrt. Wir brauchen eine Welt, in der Gruppen wie AIPAC (American Israeli Public Affairs Committee) delegitimiert werden, weil sie der Demokratie Schaden zufügen. Wir erleben gerade einen kritischen Moment, der den Menschen moralische Unerschrockenheit abverlangt. Beim jüngsten strategischen Einsatz von Antisemitismusvorwürfen sieht man die bewährte Politik des Teilens und Herrschens am Werk, die häufig nicht nur darauf abzielt, die Solidarität zwischen Linken und Progressiven zu unterminieren, sondern auch über Liberale und Mainstream-Demokrat*innen herzufallen. Doch davon sollten wir uns nicht vereinnahmen lassen.
Ramamurthy: Ich möchte nun auf Ihre scharfe Kritik an der Advocacy-Arbeit eingehen. Der Aufstieg des Neoliberalismus geht einher mit einem Aufstieg des Non-Profit-Sektors. Meine Frage gabelt sich dabei in zwei Teile. Erstens: Können Sie etwas zu den Beschränkungen der Advocacy-Modelle sagen? Und welche Art von Organisationen sollten wir stattdessen aufbauen? Zweitens: Können Sie erläutern, wie die Philanthropie ihre Grenzen, die sie an einer „Solidarität ohne Substanz“ findet, überwinden kann?
Hunt-Hendrix: Das Steuerrecht, das Anfang des letzten Jahrhunderts geschaffen wurde, macht es möglich, Geld zu verschenken und dafür eine Steuererleichterung zu erhalten. Es ist natürlich eine eminent politische Entscheidung, den demokratisch kontrollierten Staatsmitteln Geld zu entziehen und es dafür den reichen Leuten anheimzustellen, wie sie mit ihren Vermögen verfahren. Wohlhabende wissen dieses System oft zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen oder spenden häufig auch gar keine so große Summen. Bei Donor-Advised Funds6 müssen sie unter Umständen nicht einmal angeben, wohin ihre Gelder fließen. Diese Politik trägt aber dazu bei, die Macht vermögender Menschen im gemeinnützigen Sektor zu mehren. Und so wurde ein Modell geschaffen, bei dem Organisationen den Launen von Philanthrop*innen unterworfen sind – mit vielen negativen Folgen: Spender*innen können beispielsweise die Aufgaben, Programme und Strategien von Organisationen beeinflussen; zudem können sie sie durch bürokratische Auflagen zur Beschaffung überlebensnotwendiger Gelder ausbluten lassen.
Man kann die Philanthropie insgesamt einer scharfen Kritik unterziehen, aber dabei wollen wir es hier nicht bewenden lassen. Denn wir leben in einer Welt, in der Non-Profit-Organisationen auf Großspenden angewiesen sind. Was also, wenn Solidarität ein Bezugspunkt für Philanthrop*innen würde? Dann wären die Begünstigten und Organisationen die eigentlichen Entscheidungsträger in einem System, von dem alle profitieren. Und wir würden die Machtdynamik zwischen Spender*innen und Begünstigten umkehren. Denn die Philanthropie stellt zwar finanzielle Mittel bereit, aber im Grunde ist es an den Organisationen, all das ins Werk zu setzen, was beispielsweise dazu beitragen kann, soziale Krisen zu lösen, von denen jedermann betroffen ist.
Eine solidarische Struktur könnte zu mehr Demut in der Philanthropie führen, womit einherginge, den Verantwortlichen in den Organisationen mehr Gehör zu schenken und ihnen als Partner*innen zur Seite zu stehen. Eine solidarische Struktur müsste auch hinterfragen, warum der Philanthropie überhaupt so viel Macht zukommt. Denn solange sie ein Herrschaftssystem im technischen Sinne vorstellt, also der willkürlichen Kontrolle einer Person durch eine andere dient, funktioniert sie nicht. Im Letzten müssen wir also an die Wurzel dieser Machtstellung, die in nichts anderem als der allgemeinen wirtschaftlichen Ungleichheit begründet ist. Und da stehen uns in der Tat viele Möglichkeiten offen: das Aufbrechen der Machtkonzentration von Unternehmen, eine Reform des Steuerrechts oder die Unterstützung von Arbeiterbewegungen, die es sich angelegen sein lassen, die wirtschaftliche Situation der Mittelschicht und der Armen zu verbessern. Darüber hinaus müssen auch die Gesetze rund um philanthropische Spenden eine Korrektur erfahren, die eine Erhöhung der Mindestbeträge für Zuwendungen wie auch der Transparenz zum Ziel haben sollte; und bei allen, die Steuervergünstigungen erhalten, muss zudem stärker darauf geachtet werden, dass ihr Geld auch wirklich wohltätigen Zwecken zugutekommt.
Taylor: Wir reden hier von einer Philanthropie, die sich einen solidarischen Anstrich gibt. Sie kann nämlich eine Kraft sein, die Menschen nur vorgeblich hilft, sie in Wirklichkeit aber desorganisiert; sie kann umgekehrt aber auch zu einem mächtigen Werkzeug werden, um Organisationen zu stärken. In vielen Büchern wird die Philanthropie einer Kritik unterworfen, und das völlig zu Recht. Wir versuchen uns jedoch an einer realistischen Darstellung: Bewegungen bedürfen nun einmal der finanziellen Unterstützung, das lässt sich nur schwer leugnen. Aber diese Kapitalspritzen müssen so gesetzt werden, dass den Bewegungen dadurch mehr Macht zuwächst und die Bedingungen, die zu dem Ungleichgewicht an Vermögen im doppelten Sinne geführt haben, beseitigt werden. Viele Organisationen sehen sich nämlich aufgrund der Art und Weise, wie das Funding arrangiert wird, dem Advocacy-Modell ausgeliefert. Sie bauen dabei aber keine Basis auf; und sie sind ihren Mitgliedern gegenüber nicht rechenschaftspflichtig.
Wir argumentieren, dass dieses Modell strategisch unklug ist. Wenn keine Solidarität unter Menschen herrscht, entsteht ein Vakuum, in das die Rechten vorstoßen, um sie zu mobilisieren und in die Irre zu führen. Die Abkürzungsmöglichkeiten eines spendenorientierten Advocacy-Modells erweisen sich langfristig als nachteilig für die Demokratie. Und es bleibt nicht ohne Konsequenzen, wenn man die Desorganisation von Menschen in großem Maße zulässt. Wir plädieren also sowohl auf moralischer wie auch auf strategischer Ebene für eine solidarischere Herangehensweise. Millionen von Menschen fühlen sich in diesem Land politisch heimatlos und zeigen sich deshalb offen gegenüber Argumenten, die schutzbedürftige Menschen zu Sündenböcken für eigentlich systemische Probleme stempeln. Selbst auch nur einfache liberale Demokratien bedürfen daher stärkerer Bewegungen.
Ramamurthy: Gegen Solidarität regt sich in unterschiedlichster Form Widerstand: Rassismus, Sexismus usw. Aber das politisch-ökonomische System, in dem diese Spaltungen gelebt werden, ist der Kapitalismus. Können Sie uns erklären, warum die transformative Solidarität sich vor allem gegen die kapitalistische Ausbeutung wendet?
Hunt-Hendrix: Astra und ich haben uns bei Occupy Wall Street kennengelernt, eine Bewegung, zu der ich mich sehr hingezogen gefühlt habe, da ich aus wohlhabenden Verhältnissen stamme. Ich habe mich schon immer für die ökonomische Ungleichheit interessiert, inklusive der schädlichen Wirkungen, die sie auf alle ausübt, sogar die Reichen. Denn auch diese sind nicht vor Phänomenen wie Depression oder Isolation gefeit, die der Kapitalismus so mit sich bringt. Er funktioniert eben für niemanden. Ich habe dort Leute getroffen, die sich verpflichtet fühlen, das Wirtschaftssystem, die übergroße Macht der Banken und das Eigentum des einen Prozents der Gesellschaft zu überdenken. Wir begannen uns deshalb zu fragen: Wie könnte man eine Finanzierung von sozialen, insbesondere antikapitalistischen Bewegungen sicherstellen, und das vor allem angesichts der Tatsache, dass die Philanthropie an so etwas im Allgemeinen kein Interesse zeigt? Aus dieser Überlegung heraus haben wir dann das Netzwerk Solidaire7 gegründet, das auf die Anliegen von Bewegungen in angemessenem Tempo eingeht, und das alles im Geiste dessen, sie über längere Zeit auf ihrem Weg begleiten und so die Basis stärken zu wollen.
Der Kapitalismus reduziert alles auf seinen Tauschwert. Im Kapitalismus ist das Geld heilig – unser Alltag und unser Handeln ist um es herum organisiert. Es treibt uns alle an. Es hat allerdings keinen Bezug zu dem, was wir zum Überleben brauchen. Und es macht auch nicht glücklich. Aber Glück ist das, wonach die meisten von uns sich sehnen. Wir verlangen nach Zugehörigkeit. Wir benötigen Zuwendung. Aber wir halten ein System am Laufen, das uns anderen Zielen zutreibt. Dieses System zerstört letztlich unsere Existenz, unsere Gemeinschaften und unseren Planeten. Mit Solidarität ließe sich jedoch ein alternatives Wirtschaftssystem begründen. Denn unsere Wirtschaftsweise ist gewählt, sie ist uns nicht vorgegeben. Und die Solidarität könnte zu einem Prinzip bei ihrer Neuausrichtung erhoben werden.
Taylor: Der Kapitalismus differenziert die Menschen. Deshalb sprechen wir auch von rassischem Kapitalismus: Der Kapitalismus ist rassifiziert, weil er die Menschen in mehr oder weniger ausbeutbare Kategorien einstuft. Eine solche Staffelung des menschlichen Wertes durch die Rassifizierung von Bevölkerungsgruppen oder durch die Einteilung von Menschen in Geschlechter erfordert auch einen ideologischen Rahmen. Den Kapitalismus zeichnet jedoch nicht nur aus, den Individualismus zu forcieren und alles zur Ware zu erklären; vielmehr ist er auch darauf angewiesen, durch Fiktionen wie jene der Ethnie, des Geschlechts und der Nationalität sowie auch noch durch andere Konstruktionen, die sich in ihm materialisieren, Spaltungen hervorzurufen. In diesem Sinne erweist sich Solidarität dann als antikapitalistisch, stellt sie doch die spaltende Ausbeutung durch die kapitalistische Maschinerie infrage.
Im Zuge meiner Organisationsarbeit habe ich gelernt, dass auch die beste Theorie nicht genug ist. Man muss die Menschen nämlich auch zusammenbringen. Wenn es einem es nicht gelingt, eine gewisse Verbundenheit zu erzeugen, hat man keine Macht. Wenn man will, dass die Leute nicht nur zu einem Treffen, sondern immer wieder kommen, wenn man mehr Verbündete will, wenn man einen Politikwechsel will, dann muss man Solidarität zwischen den Gruppen schaffen. Dieses Buch ist aus meinen Erfahrungen mit sozialen Bewegungen hervorgegangen. Und es bezeugt, dass solche Bewegungen immer ein reflexives Moment miteinschließen. In diesen Bewegungen keimt auch Solidarität auf. Es ist wirklich unvergleichlich mitanzusehen, wie Menschen ihr Zugehörigkeitsgefühl entdecken, und zu erleben, wie daraus dann Solidarität erwächst.
Übersetzt von Anja Schulte
[1] Leah Hunt-Hendrix/Astra Taylor, Solidarity. The Past, Present, and Future of a World-Changing Idea. New York: Pantheon Books 2024.
[2] https://debtcollective.org bzw. https://nonprofitquarterly.org/we-owe-you-nothing-the-movement-to-cancel-student-debt-gains-ground/.
[3] Vgl. https://nonprofitquarterly.org/occupy-wall-street-a-look-back-10-years-after-zuccotti-park/.
[4] https://www.jewishvoiceforpeace.org/; vgl. https://nonprofitquarterly.org/organizing-a-jewish-call-for-ceasefire-a-conversation-with-jewish-voice-for-peace/.
[5] https://www.ifnotnowmovement.org/
[6] Donor-Advised Funds (DAFs): Spendensparkonten, die von Vermögensverwaltungen oder von großen gemeinnützigen Organisationen in den USA angeboten werden. Spender*innen können ihre Spenden im aktuellen Steuerjahr in einen DAF einzahlen und diese steuerlich absetzen, auch wenn sie noch nicht wissen, welche Organisationen sie letztlich unterstützen möchten. Die genaue Zuweisung kann später erfolgen.
[7] https://solidairenetwork.org/